I.
Im Alltag begegnet uns die Zeit als selbstverständliche Dimension des Lebens, so selbstverständlich, dass sie nur selten direkt in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Uhren, Kalender und Deadlines strukturieren unsere Lebensführung und die Form der Arbeitsstunde prägt unsere Tagesstruktur. Aber selbst die Zeitverschiebung beim Übergang zwischen Zeitzonen führt nicht zu einer wirklichen Infragestellung der Zeitwahrnehmung, sondern bestätigt vielmehr die habitualisierte Erfahrung der Zeit als unhintergehbare Normalität. Unser Zeitempfinden verweist auf eine 'innere Uhr' und es scheint naheliegend, dieser inneren Stimme eine Art natürliche Autorität zuzuweisen und sie jenseits von menschlichem Einfluss zu verorten. Genau diese Vorstellung der Zeit bezeichnet Norbert Elias als "Fetischcharakter des Zeitbegriffs",1 worunter er die Entkoppelung der Zeitverhältnisse von ihrer praktischen Entstehung und ihrer sozialen Funktion versteht. Die Zeit scheint dem sozialen Leben zu Grunde zu liegen, obwohl bei genauerer Betrachtung gerade umgekehrt erst soziale Prozesse bestimmte Formen der Zeiterfahrung hervorbringen. Erst eine Kritik einer gleichsam vor-sozial gegebenen Kategorie der Zeit kann die Analyse bestimmter gesellschaftlicher Zeitverhältnisse ermöglichen. In anderen Worten, die Zeit als gesellschaftlich bestimmte Kategorie zu verstehen, eröffnet einen neuen Blick auf soziale Machtverhältnisse, die sonst hinter einem Schleier der Naturalisierung verborgen bleiben.
Die Frage nach gesellschaftlichen Zeitverhältnissen stellen sich in den 1970er Jahren sowohl Michel Foucault als auch Moishe Postone. Vor dem Hintergrund des sich wandelnden Kapitalismus, der neuen sozialen Bewegungen sowie der Einsicht in die totalitäre Struktur der realsozialistischen Staaten nehmen beide Autoren auf unterschiedliche Weise Bezug auf Karl Marx. Während Foucault eher implizit an einer Fortführung marxistischer Themen arbeitet und die Auseinandersetzung mit Marx in den Fußnoten führt, unternimmt Postone den expliziten Versuch einer Neubetrachtung der Marx'schen Grundkategorien. Beide Autoren arbeiten im Kontext der sich verändernden historischen Erscheinungsformen des Kapitalismus, vom liberalen über den staatsinterventionistischen hin zum neoliberalen Kapitalismus. Postone betont dabei immer wieder, dass er auf der abstrakt-logischen und begrifflichen Ebene der Untersuchung bleibt und konzentriert sich bei seiner Reinterpretation auf die Grundrisse und den ersten Band des Kapitals. Foucault dagegen verfolgt mit seiner genealogischen Methode eine Form historisch-intervenierender Kritik in Anschluss an Marx. Im Folgenden werden beide Autoren, die häufig in Gegensatz zueinander gelesen werden, konstruktiv aufeinander bezogen und ihre Überlegungen als sich ergänzende Spielarten (post-)marxistischer Theoriebildung verstanden.
Die Besonderheit von Postones Marx-Interpretation, auch in Abgrenzung zum traditionellen Marxismus, besteht in dem Fokus auf wertbildende Arbeit als einer historisch spezifischen Form im Kapitalismus. Diese bildet sich in einer dialektischen Entwicklung mit dem modernen Zeitregime – nämlich der Arbeitszeit – heraus und bringt als gesellschaftliche Vermittlung die abstrakte Herrschaft in ihrer historischen Dynamik hervor. Für Foucault hingegen stehen die konkreten Praktiken der sich herausbildenden kapitalistischen Subjektivierung im Vordergrund, von der Arbeitsdisziplin bis zu den Details der Lebensführung. Die modernen Subjektivierungsweisen sind Foucault zufolge als Zeitregime zu begreifen, die dem Imperativ der Produktivität folgen. Sowohl Foucault als auch Postone nehmen in ihren Analysen Abstand von klassentheoretischen Perspektiven als Ursprung der Untersuchung der kapitalistischen Dynamik. Auf der einen Seite geht Foucault von einer Pluralität relationaler Machtverhältnisse aus, die auf kein gesellschaftliches Zentrum verweisen, auf der anderen Seite formuliert Postone eine Theorie abstrakter Herrschaft, die nicht von bestimmten sozialen Gruppen ausgeübt wird. Foucaults Machtbegriff und Postones Herrschaftsbegriff können als zwei Varianten der Kritik am theoretischen Primat von sowohl Klassenkämpfen als auch einer Elitentheorie gesellschaftlicher Herrschaft gelesen werden.
Das Ergebnis ist eine historisch neue Form gesellschaftlicher Herrschaft, die Menschen zunehmend unpersönlichen, rationalisierenden Imperativen und Zwängen unterwirft. Diese Zwänge können mit dem Vokabular der Klassenherrschaft oder allgemeiner der konkreten Herrschaft bestimmter sozialer Gruppen oder institutioneller Staats- oder Wirtschaftsorgane nicht adäquat erfasst werden. Diese Herrschaft hat keinen festen Ort, und obwohl sie durch bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis konstituiert wird, erscheint sie als ungesellschaftlich.2
Durch die zunehmende Verzeitlichung werden Macht und Herrschaft in der Moderne somit durch eine stetige Naturalisierung und eine neue Ortlosigkeit bestimmt. Die Überlegungen von Foucault und Postone erweisen sich in diesem Kontext als besonders anschlussfähig. Die korrelative Lektüre beider Autoren ermöglicht ein tieferes Verständnis einer konkreten historischen Dynamik und schärft ein vielschichtiges begriffliches Instrumentarium für die Analyse und Kritik heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse.
II.
Moishe Postone übt in seinem Buch Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft3 Kritik an einem transhistorischen Verständnis von Arbeit. Seine Auseinandersetzung bleibt dabei, wie er selbst immer wieder betont, bei der logisch-abstrakten Analyse der Marx'schen Kategorien. Diese sollen eine begriffliche Grundlage für alle weiteren daran anschließenden Untersuchungen der modernen kapitalistischen Gesellschaft liefern. Kapitalismuskritik ist für Postone eine Kritik der modernen Gesellschaft und somit der Modernität selbst: "Wobei unter Modernität die gesellschaftliche Form zu verstehen ist, die durch quasi-objektive Formen von Herrschaft (Ware, Kapital) charakterisiert ist und die eine ihr inhärente historische Dynamik in Gang setzt, welche auch die Möglichkeit für eine neue, emanzipierte Form gesellschaftlichen Lebens hervorbringt."4
Postone versteht den Begriff der Arbeit nicht als eine anthropologische Konstante menschlicher Tätigkeit oder als transhistorisch gedachten Stoffwechsel mit der Natur, sondern im historisch-gesellschaftlich bestimmten Kontext kapitalistischer Lohnarbeit. Zentral für ihn ist dabei die historisch-dialektische Entwicklung der modernen Arbeit und der modernen Zeit und damit der Übergang von der formellen zu einer reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Die Arbeits- und Produktionsweise selbst wird im Industriekapitalismus kapitalistisch und die sich herausbildende abstrakte Arbeitszeit wird zum Wertmaß. Die Herausbildung der sich immer wieder im dialektischen Prozess mit der Arbeit modifizierenden durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit bringt Postone zufolge eine spezifische Dynamik hervor, die er als "Tretmühleneffekt" bezeichnet: Der dialektische Prozess der Transformation und Rekonstitution des "allgemeinen gesellschaftlichen Produktivitätsniveaus" und der "quantitativen Bestimmung gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit" erzeugen eine richtungsgebundene Dynamik, "in der sich die beiden Dimensionen, konkrete Arbeit und abstrakte Arbeit, Produktivität und das abstrakte zeitliche Wertmaß fortwährend gegenseitig neu bestimmen."5
Postone hebt bei seiner Relektüre von Marx die Kategorie der Zeit hervor, und zwar die Kategorie der Zeit in der historisch-dialektischen Entwicklung mit der sich herausbildenden kapitalistischen Produktionsweise. Dabei bezieht er sich neben der kategorialen Analyse auch auf historische Untersuchungen und ethnologische Studien, die die Entwicklung der modernen Zeit und Arbeit in ihrem Übergang von personaler zu abstrakter Herrschaft beschreiben, was sich folgendermaßen zusammenfassen lässt:6 Der Wandel von konkreter, durch Handlungen, Tätigkeiten und Ereignisse strukturierter Zeit zu abstrakter, gleichförmiger, strukturierender Zeit erfolgt zunächst durch gewaltsames Durchsetzen von industrieller Arbeitsdisziplin und somit durch die gewaltsame Eingliederung in den kapitalistischen Produktionsprozess. Die konkrete Zeit, die in zyklisch strukturierten vorkapitalistischen Gesellschaften dominiert, wird weitgehend in ein lineares auf eine offene Zukunft und Fortschritt gerichtetes Zeitverständnis überführt, das durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in Form einer gesellschaftlichen Arbeitsstunde strukturiert wird. Diese von konkreten Ereignissen losgelöste, sinnentleerte Zeiteinheit lässt sich beliebig mit Inhalt füllen und wird zum abstrakten Maß für die Wertproduktion und darüber hinaus zum strukturierenden Element der gesamten kapitalistischen Gesellschaftsorganisation. Abstrakte Zeit und Wert sind dabei mit Postone als zwei Kategorien zu verstehen, die in der Kategorie der warenproduzierenden Arbeit aufeinandertreffen und durch den Prozess von Transformation und Rekonstitution eine permanente gesellschaftliche Veränderung, Steigerung des Produktivitätsniveaus und die kapitalistische Wachstumsdynamik antreiben.
Die dialektische Wechselwirkung zwischen der Gebrauchswertdimension gesellschaftlicher Arbeit im Kapitalismus und ihrer Wertdimension erzeugt nach Postone eine historische Dynamik: Die gesellschaftlich-allgemeine Produktivitätssteigerung bewegt die abstrakte Zeiteinheit "zeitlich vorwärts".7 Es ändert sich damit die inhaltliche Konstitution einer gesellschaftlichen Arbeitsstunde, diese wird gewissermaßen verdichtet. Formal ausgedrückt: Die Produktion von mehr stofflichem Reichtum erfolgt bei gleichbleibendem produzierten Gesamtwert, bei proportionaler Wertabnahme der produzierten Einzelware. "Diese aus der substanziellen Neubestimmung abstrakter Zeit resultierende Bewegung kann in abstrakt-zeitlichen Begriffen nicht ausgedrückt werden; sie verlangt einen anderen Bezugsrahmen."8 Um diesen Zeitmodus als einen Wesenszug des Kapitalismus zu erfassen, führt Postone eine dritte Dimension gesellschaftlicher Zeitverhältnisse ein. Zu der konkreten und abstrakten Zeit kommt die historische Zeit hinzu: "Historische Zeit ist gemäß dieser Interpretation kein abstraktes Kontinuum, in dem Ereignisse stattfinden und dessen Fluß unabhängig von menschlicher Tätigkeit wäre, sondern ist die Bewegung der Zeit, im Gegensatz zur Bewegung in der Zeit."9 Dieser für Postones Marx-Interpretation wesentliche Gedanke der "historischen Zeit" drückt eine "Dynamik der gesellschaftlichen Totalität" aus, die die gesellschaftliche Entwicklung und Transformation als einen richtungsgebundenen Prozess beschreibt:10
Historische Zeit im Kapitalismus kann also als eine Form konkreter Zeit angesehen werden, die gesellschaftlich konstituiert wird und eine fortwährende qualitative Transformation von Arbeit und Produktion, des gesellschaftlichen Lebens im allgemeineren sowie von Bewußtseins-, Wert- und Bedürfnisformen zum Ausdruck bringt. Anders als der 'Fluß' der abstrakten Zeit ist diese Bewegung nicht gleichförmig, sondern verändert sich und kann sich sogar beschleunigen.11
Während die historische Zeit als konkrete Zeit die Bewegung der Zeit ausdrückt, bleibt die abstrakte Zeit als "wertbestimmte Zeitform"12 in sich statisch und erscheint lediglich als "homogener konstanter Fluß".13 In ihrer Form als "Gegenwartszeit" lässt "die abstrakte Zeiteinheit […] ihre historische Neubestimmung nicht manifest zutage treten."14 Die konkrete und nicht gleichförmig fließende historische Zeit bildet den eigentlichen Bezugsrahmen für die Bewegung der gesellschaftlichen Arbeitsstunde: "Somit existiert der historische Fluß hinter dem Rahmen abstrakter Zeit, erscheint aber nicht in ihm. Der historische 'Inhalt' der abstrakten Zeiteinheit bleibt genauso verborgen wie der gesellschaftliche 'Inhalt' der Ware."15
Durch die Kategorie der historischen Zeit lässt sich demnach begrifflich ausdrücken, dass die Menschen zwar handelnd ihre Welt verändern, dies jedoch in einer entfremdeten Form. Sie bringen permanente Veränderung in einem richtungsgebundenen Prozess hervor, können jedoch nicht frei darüber verfügen.16 Postones zeittheoretische Analyse ist insofern eine Weiterführung der Marx'schen These, dass die Menschen "ihre eigene Geschichte" machen, jedoch "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen."17 Die historische Dynamik des Kapitalismus generiert permanent "das Neue und stellt zugleich dasselbe wieder her".18 Nach Postone stellt diese zeitliche Dynamik eine wesentliche Bestimmung des Kapitalismus dar. In diesem Zusammenhang spricht er auch von zwei scheinbar entgegengesetzten Formen abstrakter gesellschaftlicher Herrschaft, die vom "Marx'schen 'Wertgesetz'" erfasst werden:19 zum einen von der "Herrschaft abstrakter Zeit als der Gegenwart", zum anderen vom "notwendigen Prozeß fortwährender Transformation".20 Dieses dynamische 'Gesetz'
enthüllt Kapitalismus als eine Gesellschaft, die durch eine zeitliche Dualität gekennzeichnet ist – einem fortwährenden, sich beschleunigenden Fließen der Geschichte einerseits und einer fortdauernden Umwandlung dieser Bewegung der Zeit in eine konstante Gegenwart auf der anderen. Obwohl gesellschaftlich konstituiert, entziehen sich beide zeitlichen Dimensionen der Kontrolle der sie konstituierenden Akteure und beherrschen diese.21
Zusammenfassend formuliert, entsteht eine Art ausgedehnte Gegenwart, die eine wesentliche Veränderung des Kapitalismus unmöglich erscheinen lässt – bei gleichzeitiger permanenter Transformation der modernen Gesellschaft. Während also die "Akkumulation der historischen Zeit" die Möglichkeit einer Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsform eröffnet, lässt die "Verausgabung abstrakter Arbeitszeit" diese Möglichkeit in die widersprüchliche Figur der fortwährenden Gegenwart zurückfallen und als ewige Notwendigkeit erscheinen.22 Die historische Dynamik der abstrakten gesellschaftlichen Herrschaft im Kapitalismus, die sich über den Doppelcharakter der Arbeit, die Dialektik von Zeit und Arbeit sowie die Dialektik von Transformation und Rekonstitution konstituiert, ist somit dynamisch und statisch zugleich: "Die aus der Dialektik dieser Temporalitäten hervorgehende Dynamik wird von der Kategorie des Kapitals erfasst".23
Nach Marx verändern sich mit der kapitalistischen Dynamik die gesellschaftlichen Formen der Herrschaft in grundsätzlicher Weise. Frühere persönliche und gewissermaßen unmittelbare Herrschafts- und Gewaltverhältnisse transformieren sich zu unpersönlichen und abstrakt vermittelten Formen der Herrschaft. Marx bezeichnet diese abstrakte Herrschaft in den Grundrissen als "sachliche Abhängigkeit",24 die gleichsam als Naturbedingung das soziale Leben prägt. Diese Naturalisierung sozialer Herrschaftsverhältnisse betrifft Postone zufolge neben den Zeitverhältnissen insbesondere die Form der Arbeit. Im Kapitalismus wird Arbeit immer anachronistischer, d.h. sie ermöglicht die Bedingung ihrer Abschaffung und bleibt doch notwendig. Vor dem Hintergrund wachsender Produktivität, technologischer Innovationen und zunehmenden stofflichen Reichtums wächst der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit und Nicht-Notwendigkeit wertproduzierender Arbeit. Das Resultat ist ein Selbstzweck der Verwertung und eine Produktion um der Produktion willen. Dies mündet in einen strukturellen Antagonismus zwischen entfremdeten Produktivkräften und lebendiger Arbeit. "Wenn Wert allein durch Arbeit konstituiert wird und unmittelbare Arbeitszeit der einzige Maßstab für Wert ist", so folgt daraus mit Postone, dass "die Produktion von Wert, anders als die von stofflichem Reichtum, notwendig an die Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit gebunden ist."25 Die Menschen werden am Ende durch die von ihnen selbst hervorgebrachte Vermittlungsform – die wertbildende Arbeit –beherrscht.26 Diese Herrschaft ist wiederum abstrakt und unpersönlich und genauso wie der Wert als spezifische Form des Reichtums im Kapitalismus zeitlich strukturiert.27 Durch seine abstrakt-logische Herleitung der kapitalistischen Dynamik aus den Marx'schen Kategorien versucht Postone aufzuzeigen, dass der Kapitalismus kein System ist, das auf seinen Zusammenbruch zusteuert, sondern das sich über den Prozess der Transformation und Rekonstitution immer weiter selbst erhält. Begreift man das Kapital mit Postone als eine Art automatisches und totalisierendes historisches Subjekt und die expansive Kapitalbewegung als eine zeitliche Bewegung, dann rückt nicht nur die Wachstumsdynamik der kapitalistischen Moderne, sondern auch die damit einhergehende beschleunigte Umweltzerstörung in den Blick:
Nach Marx leitet sich die wachsende Zerstörung der Natur im Kapitalismus nicht einfach daraus ab, daß die Natur für die Menschheit zum Objekt geworden sei; vielmehr ist sie zuerst ein Ergebnis der Art von Objekt, zu dem die Natur geworden ist. Marx zufolge sind Rohmaterialien und Produkte im Kapitalismus nicht nur konstitutiv für den stofflichen Reichtum, sondern auch Träger von Wert. Das Kapital produziert stofflichen Reichtum als ein Mittel, um Wert zu erzeugen. Folglich verbraucht es gegenständliche Natur nicht nur als Grundstoff von stofflichem Reichtum, sondern auch als Mittel, seine eigene Selbstexpansion mit Energie zu versorgen.28
Diese Form einer historisch spezifischen Wachstumsdynamik beruht nicht allein auf der Logik unternehmerischer Konkurrenz, sondern im Kern auf der zeitlichen Bestimmung des Werts: "Das besondere Verhältnis zwischen Produktivitätssteigerung und Vermehrung des Mehrwerts prägt den zugrundeliegenden Entwicklungsverlauf des Wachstums im Kapitalismus."29 Postone begreift in seiner Interpretation der kritischen Theorie von Marx den Kapitalismus als eine Gesellschaftsform, die ökonomische, soziale, historische, kulturelle und erkenntnistheoretische Dimensionen umfasst.30 Der Zwang zum Wachstum ist insofern nicht allein ökonomisch zu verstehen, sondern verweist auf die kulturellen Grundlagen und Subjektivierungsformen moderner Gesellschaften.
Eine Aufhebung des Kapitalismus ist nach Postone jedoch nicht ausgeschlossen, und zwar aufgrund des Widerspruchs und der wachsenden Spannung zwischen dem Bestehenden und dem Möglichen – "zwischen dem Potenzial des akkumulierten allgemeinen Gattungsvermögens und ihrer existierenden, entfremdeten Form".31 Eine sozialistische Gesellschaft würde sich von einer kapitalistischen somit "nicht nur durch die Art und Weise unterscheiden, in der gesellschaftlicher Reichtum angeeignet und verteilt wird, sondern auch durch das Wesen dieses Reichtums und seine Produktionsweise selbst."32 Der Fokus der Kapitalismuskritik von Postone liegt dementsprechend auf der Form der Arbeit: "Die Aufhebung des Kapitalismus ist Marx zufolge gleichzusetzen mit einer grundlegenden Transformation der materiellen Form der Produktion, also der Weise, wie Menschen arbeiten."33 Das transformative Potenzial der Marx'schen Kapitalismuskritik – die "nicht als eine universell anwendbare, sondern als eine für die kapitalistische Gesellschaft spezifische kritische Theorie zu verstehen"34 ist –, zielt nach Postone nicht auf Unmittelbarkeit oder die Abschaffung der gesellschaftlichen Interdependenzen, sondern auf eine neue Form von gesellschaftlicher und politischer Vermittlung, die sich nicht wertförmig über die Lohnarbeit und Arbeitszeit konstituiert. Somit übt Postone eine immanente Kritik "als Kritik der Ursachen von Unfreiheit und Entfremdung vom Standpunkt allgemeiner menschlicher Emanzipation".35
III.
Der Fokus auf gesellschaftliche Zeitverhältnisse im Sinne Postones ermöglicht einen neuen Blick auf Foucaults Werk. Foucaults Analytik der Macht kann damit insgesamt als eine Theorie von Zeitregimen rekonstruiert werden, wobei die Macht der Zeit als Form der Vermittlung gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen ist. Im Unterschied zu der häufig vertretenen Lesart, dass es sich bei Foucaults Machtbegriff um ein räumlich bestimmtes Konzept handelt, kann eine genaue Lektüre seiner Texte zeigen, dass sich seine Analytik der Macht an vielen Stellen als eine Analytik von Zeitregimen darstellt.36
Ein wesentlicher Einsatzpunkt von Foucaults Kritik moderner Machtverhältnisse ist die Unterscheidung von Souveränitätsmacht und Disziplinarmacht. Diese Differenz ist für Foucault in zwei Hinsichten relevant. Einerseits ist mit diesen zwei Begriffen eine historisch-genealogische These des Übergang zur modernen Gesellschaft verbunden, andererseits entwickelt Foucault einen systematisch neuen Machtbegriff. Genealogisch betrachtet wurde die vormoderne Souveränität nach Foucault von modernen Formen der Disziplin abgelöst. Schematisch ausgedrückt kann die Souveränitätsmacht als Pyramide dargestellt werden, mit dem König an der Spitze, von dem ausgehend sich alle Machtverhältnisse hierarchisch ableiten lassen. Die Frage nach dem Ort der Macht konnte dementsprechend mit Verweis auf den Souverän beziehungsweise Monarchen als symbolische Zentralfigur beantwortet werden. Auf das Ende feudaler Herrschaft im Zeitalter der Aufklärung folgte nach Foucault eine Verschiebung der Machtverhältnisse, die zu einer neuen Ortlosigkeit führte: Der symbolische Ort der Macht leerte sich, die Machtverhältnisse verstreuten und abstrahierten sich insbesondere durch die Entwicklung kapitalistischer Vergesellschaftungsprozesse. Um diesem Wandel der Machtverhältnisse gerecht werden zu können, fordert Foucault auch auf der Ebene der Theorie, "dem König den Kopf ab[zu]schlagen".37 Foucaults Machttheorie wird demnach an dem Punkt anschlussfähig, an dem sie mit der symbolischen Figur des Königs jede Vorstellung einer Zentralperspektive gesellschaftlicher Machtverhältnisse überwindet und sich für die abstrakten und zeitlichen Dimensionen sozialer Vermittlungsformen öffnet. In der Vorlesung Die Wahrheit und die juristischen Formen beschreibt Foucault die zentrale Verschiebung der Machtverhältnisse von der feudalen zur modernen Gesellschaft sehr deutlich:
Für die moderne Gesellschaft […], die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts herausbildet, ist die räumliche Zugehörigkeit des Einzelnen im Grunde gleichgültig oder zumindest relativ gleichgültig. Sie interessiert sich nicht für die räumliche Kontrolle des Einzelnen in Gestalt seiner Zugehörigkeit zu einem Territorium oder Ort; sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass er ihr seine Zeit zur Verfügung stellt.38
Territorial festgelegte Institutionen werden zunehmend durch verzeitlichte Machtverhältnisse bestimmt: Die Schule wird als Schulzeit prägend, im Gefängnis wird das Strafmaß zeitlich definiert in Jahren der Inhaftierung und auch die Fabrik erschließt sich als Organisation der Inwertsetzung von Arbeitszeit. Im Marx'schen Sinne hebt Foucault hier die Rolle der Produktionsverhältnisse hervor: "Die Zeit der Menschen muss dem Produktionsapparat zur Verfügung stehen; der Produktionsapparat muss die Lebenszeit der Menschen nutzen können. Mit diesem Ziel und in dieser Form wird Kontrolle ausgeübt."39 In Schulen, Gefängnissen und Fabriken übersetzt die Disziplinarmacht den modernen Imperativ der Produktivität in Formen der zeitlichen Subjektivierung. In Überwachen und Strafen heißt es an zentraler Stelle:
Die Disziplin […] organisiert eine positive Ökonomie. Sie setzt auf das Prinzip einer theoretisch endlos wachsenden Zeitnutzung. […] Es geht darum, aus der Zeit immer noch mehr verfügbare Augenblicke und aus jedem Augenblick immer noch mehr nutzbare Kräfte herauszuholen. Man muß darum versuchen, die Ausnutzung des geringsten Augenblicks zu intensivieren.40
Hier formuliert Foucault eine Perspektive auf die moderne Wachstumsdynamik, die nicht auf die Wirtschaftsstrukturen im engen Sinne beschränkt ist. Foucault denkt die moderne Gesellschaft zwar ausgehend von der "Akkumulation des Kapitals",41 er begreift die Machtverhältnisse jedoch als komplexe Kräfteverhältnisse, da die "Machtbeziehungen zutiefst in die und mit den ökonomischen Beziehungen verflochten sind" und "mit ihnen eine Art Knäuel bilden".42 Die Logik der Akkumulation des Kapitals ist nach Foucault als mehrdimensionale Logik zu denken, als "Knäuel" von ökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Prozessen und Konflikten. Wachstum ist in die Form der Disziplinarmacht eingeschrieben und bezieht das Wachstum der Kräfte und Fähigkeiten der Subjekte in allen Sphären mit ein. Alle Aspekte des Wachstums richten sich zunehmend auf die Zeit als Medium. Im Zuge der Rationalisierung der Produktionsprozesse wird der Umgang mit Zeit zu einer immer wichtigeren Dimension sozialer Machtverhältnisse und unterliegt immer stärkerer Kontrolle. Die Disziplinarmacht subjektiviert die Menschen durch die Herausbildung eines neuen Zeitregimes, das Foucault in den Vorlesungen Die Strafgesellschaft folgendermaßen beschreibt:
Die Lebenszeit muss den Mechanismen, den Zeitprozessen der Produktion unterworfen werden. Die Individuen müssen gemäß einer bestimmten Zeiteinteilung mit dem Produktionsapparat verknüpft werden, die von Stunde zu Stunde geht und das Individuum an den chronologischen Zeitablauf des Produktionsmechanismus bindet, so dass alle Unregelmäßigkeiten in Form von Fernbleiben, Ausschweifung, Feiern etc. ausgeschlossen werden. […] Die Zeit der Individuen muss der Zeit des Profits untergeordnet werden, das heißt, die Arbeitskraft soll mindestens so lange angewendet werden, wie man braucht, um eine Investition rentabel zu machen.43
Die rationalisierten Prozesse der Produktion und Arbeitsteilung verlangen nach einer immer detaillierteren zeitlichen Disziplinierung des Lebens. Das Zeitregime der Disziplinarmacht bestimmt deshalb die Lebenszeit der subjektivierten Menschen insgesamt und individualisiert gleichzeitig den kontrollierenden Blick auf die Uhr. Die Lebenszeit wird der 'Zeit des Profits' unterworfen, wobei dieses ökonomisierte Zeitregime alle Grenzen zwischen Lohnarbeit, Reproduktionstätigkeiten und Freizeit überschreitet.44 Die von Foucault beschriebene Entstehung des produktiven Subjekts verfestigt die Unterdrückung von ökonomisch nicht produktiven Existenzweisen. Wie Silvia Federici im Hinblick auf die Verfolgung von Frauen als Hexen und Vagabund:innen in Europa gezeigt hat, ist die moderne Form der Zeit verbunden mit der Abwertung und Disziplinierung des Körpers. Vor dem Hintergrund historischer Gewalt, Enteignung, Versklavung bis hin zu Vernichtung von Körpern und Lebensformen erfolgte die für die kapitalistische Vergesellschaftung wirksame Spaltung in produktive, nicht-produktive und reproduktive Subjekte. Eine bis heute fortwirkende und immer wieder vollzogene Spaltung zwischen Menschengruppen, Geschlechtern bis hin zu Spaltungsprozessen innerhalb der Gruppen und der Körper selbst.45 Das Zeitregime der abstrakten, messbaren und entleerten Zeit entsteht mit der Disziplinargesellschaft und bildet eines ihrer wesentlichen Charakteristika. Mit dieser Kritik des modernen Zeitregimes verbindet Foucault seine Kritik an einer Anthropologie der Arbeit:
Es ist falsch, mit einigen berühmten Nachhegelianern zu sagen, dass das konkrete Wesen des Menschen die Arbeit ist. Die Zeit und das Leben der Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Vergnügen, Diskontinuität, Feiern, Ausruhen, Bedürfnis, Momente, Zufall, Gewalt etc. Diese ganze explosive Energie muss man nun in eine dauernd und dauerhaft zu Markte getragene Arbeitskraft transformieren.46
Subjekte werden zu Arbeiter:innen im Zuge von Subjektivierungsprozessen, die eine Pluralität des Lebens auf die eindimensionale Form der Produktivität reduzieren. Nach Foucault kann diese Reduktion der menschlichen Kräfte auf die Form der Arbeitskraft allerdings niemals restlos gelingen – die genealogische Kritik zeigt die Widerstandsmomente in Subjektivierungsprozessen auf.47
IV.
Foucaults Diagnose einer Ortlosigkeit der modernen Machtverhältnisse findet sich auch bei Postone, der im Kapitalismus eine neue Form unpersönlicher Herrschaft erkennt, die "keinen festen Ort"48 hat. Allerdings sieht Postone in Marx' Analyse abstrakter Herrschaft "eine rigorosere und klarere Analyse dessen, was Foucault mit seinem Begriff der Macht in der modernen Welt zu erfassen versuchte."49 Postone kritisiert bei Foucault eine "Einseitigkeit" des Machtbegriffs, da Foucault allein "zellular und räumlich" denke und nicht "prozessual".50 Auch wenn sich Postone an dieser Stelle klar von Foucault abgrenzt, lässt seine intensive Auseinandersetzung mit dessen Werk, die auch in postum veröffentlichten Exzerpten und Kommentaren sichtbar wird,51 darauf schließen, dass sein Denken nicht unabhängig von Foucault betrachtet werden kann. Liest man Foucaults Analytik der Macht als eine Analytik von Zeitregimen, ergeben sich eine Reihe von Konvergenzen.
Während Foucault die historischen Praktiken und Subjektivierungsformen analysiert, arbeitet Postone die dazugehörigen historischen Kategorien heraus. Beide betreiben ergänzend zueinander Gesellschaftsanalyse nach Marx und rücken die Kategorie der Zeit ins Zentrum der Analyse. Postone fasst die Dynamik des Doppelcharakters der Zeit und die Hervorbringung der historischen Zeit kategorial, während Foucault die Verinnerlichung und Übersetzung des modernen Zeitregimes in Subjektivierungsformen untersucht. Foucault fragt nach Kontingenz und Brechungen in den Strukturen und argumentiert insofern eher poststrukturalistisch, während Postone Strukturen in ihrer historischen Dauer und Notwendigkeit betrachtet. So gesehen ergänzen sich die beiden Perspektiven, statt sich auszuschließen – kategoriale Analyse und genealogische Kritik sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt.
Bezüglich des Herrschaftsbegriffs bestehen zwischen Foucault und Postone weitere Konvergenzen. Auf der einen Seite betont Foucault mit seinem Konzept der Macht die beweglichen Aspekte moderner Machtverhältnisse und macht damit Widerstandsmomente sichtbar, die für Postone weniger im Zentrum der Analyse stehen. Auf der anderen Seite verfügt Foucault aber auch über einen Begriff von Herrschaft, der auf die strukturelle Ebene deutet. Mit Herrschaft fasst Foucault begrifflich die Bedingungen der sozialen Erstarrung von Machtverhältnissen. Wenn die Relationalität der Machtverhältnisse verschwindet, dann "verfestigt" sich das gesellschaftliche Leben zu Verhältnissen der "Herrschaft".52 Dies kommt Postones Konzept gesellschaftlicher Herrschaft zumindest nahe, da Foucault die Unverfügbarkeit sozialer Verhältnisse als Verfestigung von Machtverhältnissen beschreibbar macht. Macht als zunächst praktisches Verhältnis kann sich zu versachlichter Herrschaft entwickeln und insofern den Anschein der Natürlichkeit erhalten. Aus dem Blickwinkel der politischen Theorie betrachtet, weisen beide Autoren Ansätze einer personalisierenden und insofern unvermittelten Kritik zurück. Postone bringt dies folgendermaßen auf den Punkt: "Nach Marx besteht die gesellschaftliche Herrschaft im Kern nicht in der Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern in der Beherrschung von Menschen durch abstrakte gesellschaftliche Strukturen, die von den Menschen selbst konstituiert werden."53
Nach Foucault beruht die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit, die sich in der Markierung von konkret verantwortlichen Gruppen ausdrückt, auf einer Verhaftung am Bild der Souveränitätsmacht, das die tatsächlichen strukturellen Verhältnisse verdrängt. Aus der Sicht von Postone kann sich die personalisierende Kapitalismuskritik darüber hinaus mit strukturell antisemitischen Formen von Kritik verbinden, die hinter den abstrakten sozialen Herrschaftsverhältnissen das Werk von ungreifbaren Eliten vermuten. Wenn die Vermittlungsformen sozialer Herrschaft verdrängt werden, droht die Kritik in die Nähe von Verschwörungserzählungen und zu einer Suche nach Sündenböcken zu geraten. Postone beschreibt in seinem Aufsatz Nationalsozialismus und Antisemitismus die Gefahr, dass speziell Jud:innen zu "Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals" werden.54 Jud:innen wurden im Zuge der historischen Modernisierungsprozesse "für ökonomische Krisen verantwortlich gemacht und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen und Umbrüchen identifiziert".55 Auch aus heutiger Sicht bleibt das Argument relevant, dass die abstrakten Kräfte der Gesellschaft nicht in verkürzter Weise personalisiert werden können:
Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, daß er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklärt und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Er läßt den Kapitalismus dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Formen angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermöglicht es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus zu verstehen.56
Aus diesem Argument für eine Kapitalismuskritik, die auf Formen der Vermittlung zielt, folgt jedoch nicht, dass politischer Widerstand unmöglich wäre. Auch wenn kapitalistische Strukturen schwer zu verorten sind und die Wirkung abstrakter Herrschaft in der Moderne sich mit Marx vielleicht am besten als "stummer Zwang"57 beschreiben lässt, wird der Imperativ der Verwertung doch immer übersetzt in spezifische soziale Kontexte und Konflikte. An dieser Stelle kann Foucaults Perspektive auf Machtverhältnisse kombiniert werden mit Postones Theorie der abstrakten Herrschaft. Foucault beschreibt die Funktionsweise gesellschaftlicher Machtverhältnisse stets von den individuellen, körperlichen und psychischen Wirkungsweisen der Macht aus. Postones Ausgangspunkt liegt demgegenüber eher auf der Ebene struktureller und überindividueller Prozesse und gesellschaftlicher Entwicklungen. Kämpfe um das kapitalistische Zeitregime finden jedoch auf allen Ebenen statt, in kleinen Alltagssituationen genauso wie in größeren gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. An vielen Stellen bricht der Widerspruch zwischen Möglichkeiten des Lebens und den systematischen Beschränkungen der Wirklichkeit auf. Die letzten Jahrzehnte neoliberaler Ökonomisierung haben die Beschleunigung und Verdichtung der kapitalistischen Zeitstrukturen noch einmal verstärkt, die zunehmende Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen intensiviert das Zeitregime der Produktivität. Die Lebenszeit als Ganze soll Arbeitszeit werden, bis zu einem Punkt an dem Mensch und Natur ausbrennen.
Notes
- Norbert Elias, Über die Zeit (Suhrkamp, 1984), 44. [^]
- Moishe Postone, "Marx neu denken", in Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, hg. von Rahel Jaeggi und Daniel Loick (Suhrkamp, 2013), 377f. [^]
- Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx (ça ira, 2018). Eine erste Fassung des Buches hat Postone während seines Aufenthalts in Frankfurt am Main in den 1970er und frühen 1980er Jahren erarbeitet und 1983 als Dissertation an der Goethe-Universität eingereicht. 1993 erschien eine überarbeitet Fassung. [^]
- Ebd., 11. [^]
- Ebd., 436–437. [^]
- Postone bezieht sich dabei insbesondere auf folgende Autoren: Jacques Le Goff, "Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter", in Schrift und Materie der Geschichte: Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, hg. von Claudia Honegger (Suhrkamp, 1977); Edward P. Thompson, "Zeit, Arbeit und Industriekapitalismus", in Blauer Montag. Über Zeit und Arbeitsdisziplin, hg. von John Holloway und Edward P. Thompson (Nautilus, 2007); Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft (UVK, 2000). [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 441. [^]
- Ebd. [^]
- Ebd., 442, kursiv i.O. [^]
- Ebd. [^]
- Ebd., 443. [^]
- Ebd., 444. [^]
- Ebd., 442. [^]
- Ebd., 444, kursiv i.O. [^]
- Ebd. [^]
- Vgl. ebd. [^]
- Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW Band 8 (Dietz, 1973), 115. [^]
- Postone, Marx neu denken, 383, kursiv i.O. [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 452. [^]
- Ebd. [^]
- Ebd. [^]
- Ebd., 448. [^]
- Postone, Marx neu denken, 380. [^]
- Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 42 (Dietz, 1983), 98. [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 300, kursiv i.O. [^]
- Vgl. ebd., 455. [^]
- Vgl. Postone, Marx neu denken, 378. [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 470, kursiv i.O. An Postones Überlegungen zur Naturzerstörung im Kapitalismus schließt Jason W. Moores wertkritische Theorie des Kapitalismus als Weltökologie an. Das moderne Zeitregime wird dort hinsichtlich des Widerspruchs zwischen der "Zeit der Natur" und der "Zeit des Kapitals" thematisiert. Jason W. Moore, Kapitalismus im Lebensnetz. Ökologie und die Akkumulation des Kapitals (Matthes und Seitz, 2020), 358. [^]
- Ebd., 472. [^]
- Vgl. ebd., 45. [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 541, kursiv i.O. [^]
- Ebd., 598. [^]
- Ebd., 58. [^]
- Ebd., 24. [^]
- Ebd., 34. [^]
- In der soziologischen Forschung werden Foucaults Beiträge zwar für konkrete Zeitanalysen verwendet, in der Sozialphilosophie wurden seine Überlegungen zu Zeitregimen jedoch noch nicht ausreichend beachtet. Die These einer primär räumlichen Konzeptualisierung von Macht bei Foucault wird zum Beispiel von Philipp Sarasin vertreten, der schreibt, dass "Foucaults Machtkonzeption […] stark auf eine räumliche Struktur fokussiert" sei. Philipp Sarasin, Michel Foucault zur Einführung (Junius, 2005), 154. Weiterführungen von Foucaults Thesen zur Macht der Zeit aus sozialphilosophischer Perspektive finden sich bei Johann Szews, Die Ökonomie der Zeit. Studien zu Nietzsche und Foucault (Velbrück, 2022). Sozialwissenschaftliche Anknüpfungspunkte und Literaturverweise bieten zudem die Arbeiten von Jürgen Portschy, "Times of power, knowledge and critique in the work of Foucault", Time & Society 29 no. 2 (2020): 392–419; Jürgen Portschy, "Biopolitik der Zeit", in Biopolitiken – Regierungen des Lebens heute, hg. von Helene Gerhards und Kathrin Braun (Springer VS, 2019). Die grundlegende Bedeutung der Zeit für kritische Gesellschaftstheorien arbeitet Barbara Adam – auch mit Bezug auf Foucault – heraus. Vgl. Barbara Adam, Das Diktat der Uhr. Zeitformen, Zeitkonflikte, Zeitperspektiven (Suhrkamp, 2005). [^]
- Michel Foucault, "Gespräch mit Michel Foucault", in Schriften in vier Bänden Band 3 (Suhrkamp, 2003), 200. [^]
- Michel Foucault, "Die Wahrheit und die juristischen Formen", in Schriften in vier Bänden Band 2 (Suhrkamp, 2002), 759. [^]
- Ebd., 759. [^]
- Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp, 1976), 198. [^]
- Ebd., 283. [^]
- Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft (Suhrkamp, 2016), 30f. [^]
- Michel Foucault, Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1972–1973 (Suhrkamp, 2015), 315. [^]
- Die grenzüberschreitende Dynamik des modernen Zeitregimes wird von Jonathan Crary anschließend an Foucault kritisch analysiert. Ihm zufolge hat die Verwertung der Lebenszeit mittlerweile die Grenzen von Tag und Nacht und von Wachen und Schlafen überschritten, sogar der Schlaf als gewissermaßen natürliche Schranke der Arbeitszeit wird optimiert. Vgl. dazu Jonathan Crary, 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus (Wagenbach, 2014). [^]
- Silvia Federici, Caliban und die Hexe (Mandelbaum, 2017). [^]
- Foucault, Strafgesellschaft, 316. [^]
- Vgl. zur Methode genealogischer Kritik: Martin Saar, Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault (Campus 2007). [^]
- Postone, Marx neu denken, 378. [^]
- Postone, Marx neu denken, 378. [^]
- Postone, Marx neu denken, 378. [^]
- Postones Exzerpte und Kommentare zu Überwachen und Strafen sind beim Moishe Postone Legacy Project (MPLP) online dokumentiert: https://www.moishepostone.org/postone-notebooks. [^]
- Michel Foucault, "Subjekt und Macht", in Schriften in vier Bänden Band 4, 293. [^]
- Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 61f. An anderer Stelle verdeutlicht Postone seine Differenz zu klassentheoretischen Analysen: "Diese unpersönlichen und abstrakten gesellschaftlichen Formen verschleiern nicht die im traditionellen Sinne 'realen' gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus, also die Klassenbeziehungen, sondern sie sind vielmehr die realen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft und strukturieren sowohl die Dynamik ihres Entwicklungsverlaufs als auch ihre Form der Produktion." Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 26, kursiv i.O. [^]
- Moishe Postone, "Nationalsozialismus und Antisemitismus", in Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, hg. von initiative kritische geschichtlichkeit (ça ira, 1986), 190. [^]
- Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus, 180. [^]
- Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus, 192. [^]
- Vgl. Søren Mau, Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus (Dietz, 2023). [^]
Competing Interests
The authors have no competing interests to declare.
References
Adam, Barbara. Das Diktat der Uhr. Zeitformen, Zeitkonflikte, Zeitperspektiven. Suhrkamp, 2005.
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Crary, Jonathan. 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus. Wagenbach, 2014.
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Federici, Silvia. Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Mandelbaum, 2017.
Foucault, Michel. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, 1976.
Foucault, Michel. Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1972–1973. Suhrkamp, 2015.
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Mau, Søren. Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Dietz, 2023.
Marx, Karl. Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. MEW Band 42. Dietz, 1983.
Marx, Karl. Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. MEW Band 8. Dietz, 1973.
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