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<journal-title>Genealogy+Critique</journal-title>
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<subject>Research</subject>
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<article-title>Zur Funktion des Demokratiebegriffs im Werk von Slavoj &#381;i&#382;ek</article-title>
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<email>erik.vogt@trincoll.edu</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Philosophy, Trinity College, IE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-03-20">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>The question of democracy is not directly at the center of Slavoj &#381;i&#382;ek&#39;s political thought. While &#381;i&#382;ek never elaborates an affirmative theory of democracy, his work contains critical analyses of different ideas of democracy that aim at keeping open the possibility of a conception of Marxist-Leninist politics that cannot be reduced to notions of political agonism organized in a formal, liberal democratic, radical democratic or popular mode. Although &#381;i&#382;ek&#39;s respective critiques of different notions of democracy can unearth some of their problematic alliances with the logic of capital and with certain forms of (multiculturalist) racism, this paper also points to some of the shortcomings of &#381;i&#382;ek&#39;s engagement with Ernesto Laclau&#39;s conception of populism as a model of antagonistic politics.</p>
</abstract>
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<body>
<p>Das Werk Slavoj &#381;i&#382;eks enth&#228;lt keine affirmative Theorie der Demokratie, welche als unmittelbarer und genuiner Beitrag zu zeitgen&#246;ssischen philosophisch-politischen Debatten &#252;ber den Demokratiebegriff betrachtet werden k&#246;nnte.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Die Frage der Demokratie steht letzten Endes niemals im Zentrum seiner philosophisch-politischen &#220;berlegungen, denn sie besitzt in seinen fr&#252;hen Texten bestenfalls einen impliziten Status, w&#228;hrend seine sp&#228;teren Texte sich ausdr&#252;cklich an bestimmten Demokratiebegriffen kritisch abarbeiten, um die M&#246;glichkeit einer (marxistisch-leninistischen) Politik offen zu halten, die sich nicht auf einen liberal- oder radikaldemokratisch organisierten agonistischen politischen Wettstreit reduzieren l&#228;sst.</p>
<p>Der vorliegende Text ist in f&#252;nf Abschnitte unterteilt. Da hier kein Raum f&#252;r eine ausf&#252;hrliche Rekonstruktion der Entwicklung von &#381;i&#382;eks philosophisch-politischer Theorie ist, pr&#228;sentieren die ersten drei Abschnitte auf gedr&#228;ngte Art einen Text von &#381;i&#382;ek aus dem Jahre 2002, in dem &#381;i&#382;ek kurz und pr&#228;gnant sowohl die Schw&#228;che seines fr&#252;hen &#8211; philosophischen, psychoanalytischen und politischen &#8211; Denkens kritisch res&#252;miert als auch einen dialektisch-materialistischen Rahmen zu skizzieren beginnt, der auch noch seine rezenten Ver&#246;ffentlichungen grundlegend bestimmt. Kennzeichnet seine ersten Publikationen die kaum eigens reflektierte Inanspruchnahme der Autorit&#228;t des Wortes &#34;Demokratie&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Badiou 2016, 22</xref>) vermittels einer Anlehnung an Claude Leforts Auffassung einer formalen Demokratie, die als kritischer Gegensatz zum Totalitarismus begriffen wird und die, so lautet &#381;i&#382;eks Supplement, zwangsl&#228;ufig (nationalistisch) kontaminiert ist, aber als solche gerade den unhintergehbaren Horizont f&#252;r seine fr&#252;hen politischen &#220;berlegungen darstellt, werden in nachfolgenden Ver&#246;ffentlichungen der Begriff der liberalen Demokratie wie auch der Begriff der radikalen Demokratie zu expliziten Untersuchungsgegenst&#228;nden des &#382;i&#382;ekianischen Diskurses. W&#228;hrend der vierte Abschnitt zeigt, dass dem liberalen Demokratiebegriff, den nach &#381;i&#382;eks traditioneller marxistischer Deutung nicht nur eine Komplizenschaft mit der Logik des Kapitals auszeichnet, die sich in der Repr&#228;sentationsstruktur der liberalen Demokratie verbirgt, sondern dem auch eine spekulative Identit&#228;t von Multikulturalismus und Rassismus innewohnt, insofern beide mit einer problematischen Konzeption des Anderen operieren, skizziert der f&#252;nfte Abschnitt die in philosophisch-politischer Hinsicht vielleicht ausf&#252;hrlichste Auseinandersetzung &#381;i&#382;eks mit einer weiteren Gestalt der Demokratie: n&#228;mlich mit Ernesto Laclaus Konzeption der radikalen (und popularen) Demokratie. Hier werden abschlie&#223;end sowohl &#381;i&#382;eks &#8211; zum Teil fragw&#252;rdige &#8211; Kritik an Laclaus politischer Theorie als auch Affinit&#228;ten zwischen &#381;i&#382;eks &#34;Dehnung&#34; bestimmter marxistisch-leninistischer Begriffe (&#34;Klassenkampf&#34;; &#34;Diktatur des Proletariats&#34;) und Laclaus Konzeption des auf Antagonismen beruhenden Populismus skizziert.</p>
<sec>
<title>1. Reales, Hegel, Demokratie <italic>revisited</italic></title>
<p>In einer wichtigen Zusammenfassung und Bestandsaufnahme seines bisherigen Denkweges aus dem Jahr 2002 stellt Slavoj &#381;i&#382;ek in Bezug auf seine ersten englischsprachigen Publikationen &#8211; wobei er vor allem <italic>Das erhabene Objekt der Ideologie</italic> im Blick hat &#8211; eine &#34;philosophische Schw&#228;che&#34; seines fr&#252;hen Denkens fest. Diese liege in seiner fr&#252;heren &#34;quasi-transzendentalen Lekt&#252;re von Lacan, deren Brennpunkt der Begriff des Realen als unm&#246;gliches Ding an sich bildet&#34;, mithin in einer &#34;Ethik des Begehrens&#34;, welche den Weg &#34;f&#252;r eine Verherrlichung des Scheiterns&#34; er&#246;ffnet habe, d.h. f&#252;r die &#34;Idee, dass jeder Akt letztlich fehlschl&#228;gt und dass die richtige ethische Haltung darin besteht, dieses Scheitern heroisch zu akzeptieren&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 10</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Zudem gehe diese &#34;philosophische Schw&#228;che&#34; mit einer &#34;politischen Schw&#228;che&#34; einher, die f&#252;r &#381;i&#382;ek &#34;in enger Verbindung mit den &#220;berresten der liberaldemokratischen politischen Haltung&#34; steht (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 19</xref>). In den Worten &#381;i&#382;eks: &#34;Ich bedurfte Jahre harter Arbeit, um diese gef&#228;hrlichen Residuen b&#252;rgerlicher Ideologie klar auf drei miteinander verbundenen Ebenen zu identifizieren und zu liquidieren. Diese drei Ebenen sind: die Kl&#228;rung meiner lacanianischen Hegel-Lekt&#252;re; die Ausarbeitung des Begriffs des Akts; und eine sp&#252;rbare Distanz zum Demokratie-Begriff&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 19</xref>). Kurz, was &#381;i&#382;ek hier beschreibt, ist nichts anderes als sein &#34;harte[r] Weg zum dialektischen Materialismus&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 10</xref>).</p>
<p>Die erste Revision, die &#381;i&#382;ek vornimmt, betrifft den Begriff des Realen. Wurde in seinen fr&#252;hen Schriften das Reale &#8211; in deutlicher Analogie zum kantischen Ding an sich &#8211; als ein Au&#223;erhalb des Symbolischen aufgefasst, so begreift &#381;i&#382;ek das Reale nun nicht mehr als einen externen harten Kern, der sich der Symbolisierung widersetzt, und auch nicht als eine externe Ursache der Risse und Inkonsistenzen in der symbolischen Ordnung, sondern vielmehr als internen Effekt dieser Risse und Inkonsistenzen im Symbolischen (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 10&#8211;11</xref>). Das Reale stellt folglich nicht mehr einen &#252;bergeschichtlichen, harten und niemals zu symbolisierenden Kern dar &#8211; eine Art Substanz, die vor und unabh&#228;ngig von Symbolisierungen bestehen und diese angeblich verzerren w&#252;rde (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 14</xref>). Hier zeigt sich auch, so &#381;i&#382;ek, die N&#228;he zwischen (dem sp&#228;ten) Lacan und Hegel, d.h. Lacans Hegelianismus. &#381;i&#382;ek vollzieht demnach hinsichtlich seiner fr&#252;heren quasi-transzendentalen Lacanlekt&#252;re jene Bewegung, die Hegel gegen&#252;ber Kants Transzendentalphilosophie vollzogen hatte. Obgleich die transzendentale Kritik weiterhin ein entscheidender Ausgangspunkt bleibt, zeige gerade das Festhalten am Unterschied von Ph&#228;nomenalem und Noumenalem, dass Kant nicht die letzten Konsequenzen aus seinem Bruch mit der philosophischen Tradition gezogen habe. Hegel vollziehe demgegen&#252;ber eine immanente Bewegung: Er verlagere die (kantische) Spannung zwischen dem Noumenalen und dem Ph&#228;nomenalen &#8211; die Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz &#8211; in eine minimale Differenz oder Spannung in der Immanenz selbst (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 35</xref>). Hegel kehre folglich das &#252;bliche Verh&#228;ltnis zwischen der Erscheinung und dem, was angeblich hinter der Erscheinung liegt (das Ding an sich), um. Denn es gebe nach Hegel nichts au&#223;erhalb der Erscheinungen, gerade weil die Erscheinung selbst &#34;Nicht-Alles&#34; ist. Die Erscheinung sei stets durch das gespalten, was sicherstellt, dass alles &#34;Erscheinung&#34; ist. Hegel bringt also nach &#381;i&#382;ek die kantische Revolution zu ihrem Abschluss, indem er eine transzendentale Erl&#228;uterung der Wirklichkeit liefert, ohne aber, wie Kant, eine &#228;u&#223;ere Ursache (das Ding an sich) zu setzen. Die Wirklichkeit wird damit nicht l&#228;nger vermittels einer Ausnahme konstituiert. Aus diesem Grund darf die hegelsche Synthese der kantischen Philosophie nicht mehr im herk&#246;mmlichen Sinne als R&#252;ckkehr zur Identit&#228;t verstanden werden, sondern ist vielmehr als Negation der Negation/Ausnahme zu denken, die eine minimale Kluft oder Differenz innerhalb des Dings er&#246;ffnet. Das Ding/Reale bildet nicht l&#228;nger das unzug&#228;ngliche Jenseits der Erscheinungen/Wirklichkeit, sondern fungiert als eine Art Grimasse, die in den Zwischenr&#228;umen einer vom Schnitt der Selbstverdoppelung heimgesuchten Wirklichkeit zum Vorschein kommt.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Der Umweg &#252;ber die Religion</title>
<p>In diesem Zusammenhang stellt &#381;i&#382;ek fest, dass sich das Paar Kant/Hegel in struktureller Hinsicht bereits als eine Wiederholung des Paares Judentum/Christentum erweist (<xref ref-type="bibr" rid="B25">&#381;i&#382;ek 2003, 89</xref>). Denn zeigt sich die Differenz zwischen der kantischen Kluft (zwischen den Erscheinungen und dem unm&#246;glichen, transzendenten Ding an sich jenseits der Erscheinungen) und der hegelianischen Kluft (innerhalb des Dings, des Dings als Ontologisierung der Inkonsistenzen zwischen den Erscheinungen) nicht schon in der Differenz zwischen dem j&#252;dischen Gott als dem Realen, transzendenten Ding, und Christus als Ding, das nichts anderes sei als die Kluft, die Christus zur nicht g&#228;nzlich menschlichen Grimasse mache?</p>
<p>Die j&#252;disch-christliche Tradition wird f&#252;r &#381;i&#382;ek zunehmend bedeutsam, weil sie den Keim f&#252;r eine dialektisch-materialistische Erfahrung der Leere enth&#228;lt. Allerdings markiert der Bindestrich hier nicht nur eine Verbindung, sondern auch einen Unterschied. Das f&#252;hrt &#381;i&#382;ek immer wieder nicht nur anhand der zwei unterschiedlichen Gottesbegriffe vor, sondern auch anhand der zwei unterschiedlichen Verh&#228;ltnisse zum Gesetz im Judentum beziehungsweise im Christentum. Im Judentum werde das Gesetz von der Ausnahme her gedacht, welche das Gesetz gr&#252;nde, wohingegen im Christentum das Gesetz gerade &#34;Nicht-Alles&#34; sei. Kurz, w&#228;hrend das Judentum durch eine Dualit&#228;t von Gesetz und &#220;berschreitung gekennzeichnet bleibe, bestehe im Christentum nicht die M&#246;glichkeit, das Gesetz zu &#252;berschreiten, weil das Gesetz selbst &#34;Nicht-Alles&#34; sei. Diese Einsicht liege Paulus&#39; Liebesbegriff zugrunde, der den Teufelskreis von Gesetz und inh&#228;renter &#220;berschreitung hinter sich lasse (<xref ref-type="bibr" rid="B25">&#381;i&#382;ek 2003, 99</xref>). Das will sagen: Paulus&#39; Liebesbegriff steht hier f&#252;r den Augenblick, der die symbolische Ordnung und ihre gesellschaftlichen Vermittlungen m&#246;glich macht. Und diesen Augenblick, diese Form der christlichen Religion, gelte es zu bewahren, ohne ihn wiederum (wie das Christentum selbst) mit einem religi&#246;sen Gehalt aufzuf&#252;llen; denn gerade die Form der christlichen Religion kann atheistisch in eine &#34;Religion ohne Religion&#34; gewendet werden (<xref ref-type="bibr" rid="B25">&#381;i&#382;ek 2003, 129</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
<p>Noch einmal: Der Weg zum dialektischen Materialismus f&#252;hrt &#381;i&#382;ek zufolge &#252;ber die christliche Religion, weil sie &#8211; wie der dialektisch-materialistische Atheismus selbst &#8211; eine Leere offenbart: eine Wirklichkeit, die nicht in sich geschlossen und vollst&#228;ndig ist. Insofern die christliche Religion gerade offenbart, dass es nichts (mehr) zu offenbaren gibt, hat sie ideologiekritisches Potenzial. In einer brillanten Engf&#252;hrung der Figuren von Hiob und Christus macht &#381;i&#382;ek darauf aufmerksam, dass gerade ihre Ablehnung eines Diskurses, der ihr sinnloses Leiden in eine Bedeutungs- oder Opferlogik &#252;bersetzt, nicht nur auf der Kontingenz des Leidens beharrt, sondern zugleich auch auf der Ohnmacht des gro&#223;en Anderen (Gott) (<xref ref-type="bibr" rid="B25">&#381;i&#382;ek 2003, 126&#8211;27</xref>).</p>
<p>Im Lichte dieser Fassung des Christentums als ideologiekritisches Paradigma ver&#228;ndern sich auch einige wesentliche Koordinaten in &#381;i&#382;eks fr&#252;her Ideologielehre. W&#228;hrend seine fr&#252;hen Schriften haupts&#228;chlich damit befasst waren, die traditionelle Auffassung von Ideologie umzukehren, indem sie Ideologie nicht l&#228;nger als &#34;falsches Bewusstsein&#34; begreifen, welches die zugrundeliegende Wirklichkeit verzerrt darstellt oder wiedergibt, sondern als dasjenige, was gerade die symbolische Konstruktion von Wirklichkeit als Flucht vor den traumatischen Effekten des Realen bewerkstelligt,<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> f&#252;hrt seine Kritik am fr&#252;heren Festhalten an einer quasi-transzendentalen Lekt&#252;re des unm&#246;glichen Realen zu einer Untersuchung von Ideologie nicht nur im Sinne der Konstruktion von Bildern einer Vers&#246;hnung mit dem Ding, sondern auch im Sinne des &#8211; vor allem von der liberal-demokratischen Ideologie vorgeschriebenen &#8211; Imperativs, Distanz zu diesem (unm&#246;glichen) Ding zu wahren, will man nicht in die &#34;totalitaristische&#34; Falle gehen. Das will sagen, dass sich die quasi-transzendentalistische Logik seiner fr&#252;hen Ideologiekritik vielleicht zu ausschlie&#223;lich auf Ideologie als &#220;bersetzung einer Unm&#246;glichkeit in eine bestimmte historische Blockade konzentriert hatte, die, einmal entfernt, den Traum einer erf&#252;llten Vers&#246;hnung mit dem Ding realisieren w&#252;rde. Nun aber r&#252;ckt ein nahezu gegens&#228;tzliches Verfahren in den Vordergrund seiner ideologiekritischen Analysen: die ideologische Erhebung des Realen zu einer Unm&#246;glichkeit, um die Begegnung mit ihm unendlich aufzuschieben oder zu verleugnen.</p>
<p>Kurz, das Christentum ist deshalb von Bedeutung, weil sich in ihm die M&#246;glichkeit ank&#252;ndigt, die Beziehung zwischen dem Realen und der Unm&#246;glichkeit neu zu denken. Das Christentum beharrt auf (der M&#246;glichkeit) einer Begegnung mit dem Realen, die nicht mehr einfach als transzendentaler Schein abgetan wird. In ihm ist das unm&#246;gliche Reale nicht l&#228;nger unm&#246;glich in dem Sinne, dass es sich niemals ereignen k&#246;nnte, sondern in dem Sinne, dass das unm&#246;gliche Reale sich ereignet (hat), aber gerade als traumatische &#8211; &#34;unm&#246;gliche&#34; &#8211; Begegnung. Das christliche Reale ist also &#34;unm&#246;glich&#34;, aber gerade nicht &#34;unm&#246;glich&#34; im Sinne einer gescheiterten Begegnung. Das Reale ist vielmehr insofern &#34;unm&#246;glich&#34;, als sich eine traumatische Begegnung ereignet (hat), und zwar ohne Garantie daf&#252;r, dass man sich mit ihr innerhalb eines bereits existierenden Rahmens oder Horizontes auseinandersetzen k&#246;nnte, da gerade sie den Status quo dieses Rahmens oder Horizontes grundlegend ver&#228;ndert. Vor diesem Hintergrund erscheint dann die transzendentale, j&#252;dische Fassung der Begegnung mit dem Realen/Gott als eine Strategie, dieser Begegnung dadurch auszuweichen, dass man sie als unbestimmtes, auf ewig aufgeschobenes Ideal setzt.</p>
<p>Das Reale als &#34;Unm&#246;glichkeit&#34; er&#246;ffnet einen Raum f&#252;r unterschiedliche gesellschaftlich-politische Konstellationen, um mit ihm umzugehen. Das Paulinische Christentum firmiert f&#252;r &#381;i&#382;ek als praktisches Modell einer Politik des Universalen, d.h. als ein Modell, das die Konstellation des Realen umzuwandeln vermag. Es ist nicht deshalb universal, weil es eine alles umfassende Totalit&#228;t darstellen und alle Teile einschlie&#223;en w&#252;rde, und es ist auch nicht deshalb universal, weil es auf ein Merkmal verweisen w&#252;rde, das allen Teilen gemeinsam w&#228;re; es ist vielmehr deshalb universal, weil es denjenigen Antagonismus als bestimmten Unterschied mobilisiert, der alle Teile des differentiellen Gesellschaftsk&#246;rpers diagonal durchkreuzt. Dieser bestimmte Unterschied zerteilt jeden partikularen Teil von innen her. Dies hei&#223;t aber auch, dass das Reale als &#34;Unm&#246;glichkeit&#34; nicht l&#228;nger, wie dies noch &#381;i&#382;eks fr&#252;he Schriften nahelegen, zwangsl&#228;ufig mit einer einzigen, demokratischen Konzeption von Politik einhergehen muss. Gerade vermittels einer durch die materialistische Aneignung des Christentums konturierten Problematik der dialektisch-materialistischen Politik des Akts, die f&#252;r eine k&#228;mpferische Allgemeinheit steht, wird eine sp&#252;rbare Distanz zum Lob der &#34;formalen&#34; Demokratie im Sinne von Claude Lefort, zur liberalen Demokratie und vor allem zu dem von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe entwickelten Begriff der &#34;radikalen Demokratie&#34; sichtbar. Obgleich es hier nicht m&#246;glich ist, &#381;i&#382;eks kritische Distanzierung von diesen verschiedenen &#8211; und doch auch miteinander verwandten &#8211; Konzeptionen von Demokratie im Detail wiederzugeben, sollen zumindest einige wesentliche Argumente, die &#381;i&#382;ek im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte gegen diese Konzeptionen vorgebracht hat, im &#220;berblick dargestellt werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>3. &#34;Formale&#34; Demokratie und ihr &#34;pathologischer&#34; Rest</title>
<p>Nach &#381;i&#382;ek zeigt sich die politische Schw&#228;che seiner fr&#252;hen Texte darin, dass sie zwischen &#34;einem echten Marxismus und dem Lob der &#39;reinen&#39; Demokratie, einschlie&#223;lich einer Kritik des &#39;Totalitarismus&#39; im Gefolge von Claude Lefort&#34;, oszillieren (<xref ref-type="bibr" rid="B29">&#381;i&#382;ek 2008, 19</xref>). In der Tat bef&#252;rwortet <italic>Das erhabene Objekt der Ideologie</italic> beil&#228;ufig noch eine Konzeption der Demokratie, der zufolge die Demokratie &#34;eine sozio-politische Ordnung [ist], in der das Volk [&#8230;] nicht existiert. Daher ist es eine der Grundeigenschaften der demokratischen Ordnung, dass der Ort ihrer Macht strukturell und notwendig leer ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B36">&#381;i&#382;ek 2021, 207</xref>). Dieser Konzeption der Demokratie, die sich um eine Leerstelle herum strukturiert (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Lefort 1990</xref>), liegt eine Auffassung des Totalitarismus zugrunde, der zufolge sich der Totalitarismus nicht nur dadurch auszeichnet, dass in ihm das Volk durch die Partei definiert wird, sondern auch dadurch, dass er gegen das mit der &#34;demokratischen Erfindung&#34; eingef&#252;hrte Verbot, den Ort der Macht permanent zu besetzen, verst&#246;&#223;t (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Sharpe und Boucher 2010, 102</xref>). Die Demokratie stellt folglich eine &#34;Erfindung&#34; in &#34;der Geschichte der Institutionen&#34; dar, die nach &#381;i&#382;ek, der hier Lefort aufs Wort folgt, durch eine &#34;Entleerung des Ortes der Macht&#34; gekennzeichnet ist, d.h. durch eine Auffassung von demokratischen Wahlen als Aufl&#246;sung des &#34;sozio-symbolischen Bandes&#34; und als Einbruch des Realen (<xref ref-type="bibr" rid="B36">&#381;i&#382;ek 2021, 207</xref>). Zwar tritt hier nach &#381;i&#382;ek ein &#34;irrationaler&#34; Zug hervor, aber dieser irrationale Zug sei f&#252;r die &#34;formale&#34; Demokratie konstitutiv. Anders gesagt, wird dieses irrationale Moment der Demokratie abgezogen, verliere man mit ihm zugleich die Demokratie &#252;berhaupt (<xref ref-type="bibr" rid="B36">&#381;i&#382;ek 2021, 208</xref>).</p>
<p>Die demokratische Wahl als Abstraktionsprozess, durch den &#34;das gesamte hierarchische Netzwerk sozialer Beziehungen gleichsam ausgesetzt, in Klammern gesetzt [wird]&#34; und die Gesellschaft &#34;zu einer kontingenten Ansammlung atomisierter Individuen, abstrakter Einheiten&#34; wird (<xref ref-type="bibr" rid="B36">&#381;i&#382;ek 2021, 208</xref>), erkl&#228;rt auch &#381;i&#382;eks Behauptung, dass &#34;das Subjekt der Demokratie &#8211; wie das Subjekt der Psychoanalyse &#8211; kein anderes als das kartesische Subjekt in allen seinen Abstraktionen [ist], der leere Punkt, den man erreicht, nachdem man alle seine partikularen Inhalte abgezogen hat&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">&#381;i&#382;ek 1991, 163</xref>). In dieser Hinsicht kann man sogar von einem auf Abstraktion beruhenden &#34;Antihumanismus&#34; sprechen, der der formalen Demokratie innewohne (<xref ref-type="bibr" rid="B23">&#381;i&#382;ek 1991, 163</xref>). Allerdings merkt er in diesem Zusammenhang auch an, dass die Abstraktion, die der Demokratie in formaler Hinsicht wesentlich zugeh&#246;rt, niemals alle konkreten substanziellen Verbindungen aufzul&#246;sen vermag (<xref ref-type="bibr" rid="B23">&#381;i&#382;ek 1991, 164</xref>). Genauer gesagt kommt die Demokratie niemals ohne einen &#8211; ethnischen und/oder nationalen &#8211; &#220;berrest aus, der jedoch nicht empiristisch als Beschr&#228;nkung der Demokratie missverstanden werden darf, da dieser &#220;berrest vielmehr einen apriorischen Status besitzt. Das hei&#223;t, er stellt eine positive Bedingung der M&#246;glichkeit von Demokratie dar, und &#34;ohne diesen materiellen Tr&#228;ger w&#252;rde sich die Form [der Demokratie] selbst aufl&#246;sen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">&#381;i&#382;ek 1991, 165</xref>). Dieser Nexus von formaler &#34;reiner&#34; Demokratie und &#34;pathologischem&#34; Rest zeigt auf das konstitutive Paradox der Demokratie, das in den fr&#252;hen Texten &#381;i&#382;eks als ausdr&#252;cklicher Gegensatz zu Spielarten des Totalitarismus affirmiert wird.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>4. Liberale Demokratie und die spekulative Identit&#228;t von Multikulturalismus und Rassismus</title>
<p>Wird in den fr&#252;hen Texten &#381;i&#382;eks die formale Demokratie haupts&#228;chlich von ethnischen Inhalten beziehungsweise der Nation beschmutzt, so wird die Demokratie, die in seinen sp&#228;teren Texten vor allem unter dem Namen &#34;liberale Demokratie&#34; auftritt, nicht nur kulturkritisch hinsichtlich ihrer Komplizenschaft mit ethnischer und rassistischer Gewalt untersucht, sondern zugleich &#8211; traditionell marxistisch &#8211; als politische Form des Kapitalismus dechiffriert. Denn f&#252;r &#381;i&#382;ek besteht eine enge Verbindung zwischen der liberaldemokratischen Ideologie des Multikulturalismus und der globalen Logik des Kapitals.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Gerade die monet&#228;re Abstraktion und falsche Universalit&#228;t des Kapitals vertragen sich ausgezeichnet mit der multikulturalistischen Identit&#228;tspolitik. Nach &#381;i&#382;ek besteht folglich kein Zweifel daran, dass der Multikulturalismus sich nicht nur der bestehenden kapitalistischen Ordnung angeschmiegt hat, sondern geradezu zu einer der entscheidenden Bedingungen f&#252;r den Siegeszug des globalen Kapitalismus geworden ist. Die multikulturalistische liberale Demokratie stellt also kein Hindernis und auch keine Entschleunigung f&#252;r die vom Kapital bewirkten gegenw&#228;rtigen Verw&#252;stungen dar, sondern sie arbeitet dem Kapital und seiner Herrschaft der abstrakten Homogenisierung vielmehr in die H&#228;nde, insofern ihre Fragmentierung von gesellschaftlichen Beziehungen in geschlossene individuelle und gemeinschaftliche Identit&#228;ten diese in blo&#223;es Material f&#252;r den globalen Kapitalismus verwandelt. Das hei&#223;t, diese beiden Prozesse &#8211; die st&#228;ndige Expansion der Automatismen des Kapitals zu einem Weltmarkt und der liberaldemokratische Multikulturalismus als kulturalistische und relativistische Ideologie &#8211; sind eng miteinander verzahnt, insofern multikulturalistisch erzeugte Identit&#228;ten Figuren hervorbringen, welche vorwiegend als M&#246;glichkeiten f&#252;r merkantile Investitionen fungieren. Das Kapital und seine konstanten Gesten der Deterritorialisierung und Entbindung haben folglich einen &#8211; von der liberalen multikulturalistischen Demokratie besetzten &#8211; postpolitischen Raum er&#246;ffnet,<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> in welchem sich vielfache und fl&#252;ssige Subjektentw&#252;rfe auf der Grundlage einer Entpolitisierung der &#214;konomie verbreiten k&#246;nnen. Das hei&#223;t: &#34;Die Politik der &#39;Kette von &#196;quivalenzen&#39; unter der Vielzahl von K&#228;mpfen entspricht in strenger Weise der unausgesprochenen Verabschiedung einer Analyse des Kapitalismus als eines globalen wirtschaftlichen Systems und der Akzeptanz der kapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen als unhinterfragten Rahmen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 174</xref>).</p>
<p>Bei n&#228;herer Betrachtung erweist sich der Begriff der Toleranz, der im Zentrum des Selbstverst&#228;ndnisses der multikulturalistischen liberalen Demokratie steht, als eine &#34;verleugnete, invertierte und selbstreferentielle Form des Rassismus&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">&#381;i&#382;ek 2001, 299</xref>). Letztlich impliziert die multikulturalistische liberale Demokratie eine Position des Aussagens, welche es ihr erm&#246;glicht, andere Kulturen entweder f&#252;r g&#252;ltig zu erkl&#228;ren oder zu disqualifizieren. Ihre k&#246;rperlose und abstrakte Perspektive auf den Anderen ahmt die Automatismen des Kapitals nach, welche selbst den Anderen nur als eine entsubstantialisierte imagin&#228;re Gestalt oder als einen zensurierten, keimfreien Anderen &#34;einer vormodernen &#246;kologischen Weisheit, faszinierender Riten usw.&#34; zulassen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">&#381;i&#382;ek 2001, 303</xref>). &#220;berdies verbergen sich hinter der Fassade der multikulturalistischen liberalen Demokratie auch Reste des Kolonialismus, insofern der Andere in ihrem Rahmen als &#34;Indigener&#34; behandelt wird. Aus diesem Grund kann &#381;i&#382;ek behaupten, dass der Kulturimperialismus, welcher die liberale multikulturalistische Demokratie kennzeichnet, ein genaues Spiegelbild zur inh&#228;renten Selbstkolonisierung des Kapitalismus darstellt (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 170&#8211;71</xref>).</p>
<p>Der Pluralismus der multikulturalistischen liberalen Demokratie zeigt sein wahres Gesicht, sobald er sich realen Anderen gegen&#252;bersieht, d.h. der spezifischen Art und Weise, in der sie ihr Genie&#223;en jenseits der f&#252;r den Multikulturalismus akzeptablen Grenzen organisieren. Hier braucht man sich nur die gegenw&#228;rtige Einwanderungspolitik in den westlichen liberaldemokratischen Gemeinschaften in Erinnerung zu rufen, die h&#228;ufig von (kulturalistischen) Rassisten<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> und Multikulturalisten unterst&#252;tzt wird. Diese uneingestandene N&#228;he zwischen Rassisten und Multikulturalisten macht &#252;berdies deutlich, dass der angebliche Gegensatz zwischen der &#34;offenen&#34; Position der multikulturalistischen liberalen Demokratie und geschlossenen rassistischen Positionen dieselbe Ausschlie&#223;ung zur Grundlage hat: n&#228;mlich jene der nicht-westlichen Anderen (Migranten). Der liberaldemokratische Multikulturalismus funktioniert also gem&#228;&#223; derselben Logik wie der kulturalistische Rassismus, insofern beide die Verschiedenheit des nicht-westlichen Anderen zum &#196;u&#223;ersten treiben und ihm &#34;fundamentalistische&#34;, &#34;patriarchalische&#34; oder &#34;gewaltt&#228;tige&#34; Tendenzen unterstellen. Der nicht-westliche Andere liefert folglich die negative (verleugnete) Grundlage f&#252;r Rassismus wie auch f&#252;r Multikulturalismus. Schlie&#223;lich verdunkeln beide Positionen den Sachverhalt, dass ihre jeweiligen Fassungen des Anderen in ihrem eigenen Antagonismus gefangen sind und dass &#34;die einzige authentische Kommunikation&#34; die der &#34;&#39;Solidarit&#228;t in einem gemeinsamen Kampf&#39; [ist], meine Entdeckung, dass die Sackgasse, die mich aufh&#228;lt, auch die Sackgasse ist, die den Anderen aufh&#228;lt&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">&#381;i&#382;ek 2001, 305</xref>).</p>
<p>Der Multikulturalismus als relativistische Ideologie der liberalen Demokratie verst&#228;rkt letztlich die immanente Spannung, die &#381;i&#382;ek im Allgemeinen in der repr&#228;sentativen Struktur der liberalen Demokratie identifiziert. Hier geht es vor allem um die &#8211; selbstverst&#228;ndlich schon von Marx vorgebrachte &#8211; Erkenntnis, dass der angeblich neutrale Mechanismus der liberaldemokratischen Repr&#228;sentation in Wirklichkeit eine konsensuelle Repr&#228;sentation des Kapitalismus darstellt. Dieser Sachverhalt erschlie&#223;t sich allerdings nur unter der Bedingung, dass man eine empirische Betrachtungsweise der liberaldemokratischen Repr&#228;sentation hinter sich l&#228;sst und sich stattdessen auf deren Form konzentriert, deren Nicht-Neutralit&#228;t gerade in Krisenmomenten sichtbar wird, in denen &#34;das demokratische System nicht in der Lage ist, das Denken oder die W&#252;nsche der Menschen zu registrieren&#34;, ohne sie gleichsam im repr&#228;sentativen System der liberalen Demokratie verschwinden zu lassen (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 88</xref>). &#381;i&#382;ek erw&#228;hnt in diesem Zusammenhang die <italic>gilets jaunes</italic> in Frankreich und <italic>Podemos</italic> in Spanien und bemerkt &#252;ber beide Bewegungen:</p>
<disp-quote>
<p>Die Proteste artikulierten eindeutig eine Erfahrung, die unm&#246;glich in die Begriffe der Politik institutioneller Repr&#228;sentation &#252;bersetzt oder &#252;bertragen werden konnten, und deshalb verfl&#252;chtigte sich ihre Erfahrung in dem Augenblick, in dem Macron ihre Vertreter zu einem Dialog einlud und sie aufforderte, ihre Beschwerden in einem klaren politischen Programm zu formulieren. Geschah nicht genau das Gleiche mit <italic>Podemos</italic> in Spanien? In dem Augenblick, in dem sie dem Spiel der Parteipolitik zustimmten und in die Regierung eintraten, konnte man sie beinahe nicht mehr von der Sozialistischen Partei unterscheiden &#8211; ein weiteres Zeichen daf&#252;r, dass die repr&#228;sentative Demokratie nicht v&#246;llig funktioniert (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 88</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Dies bedeutet jedoch keinesfalls, einfach einer direkten Demokratie, welche den repr&#228;sentativen Rahmen der liberalen Demokratie hinter sich l&#228;sst und gleichsam den Staat aufl&#246;st, das Wort zu reden, da direkte Herrschaft durch das Volk &#34;eine Illusion ist, die in der Regel von einem starken Staatsapparat aufrechterhalten werden muss&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 89</xref>). Wie die Beispiele der Favelas oder der postindustriellen digitalen Kultur zeigen, st&#252;tzen sich deren Spielarten einer &#34;direkten Demokratie&#34; auf den Staatsapparat, insofern &#34;ihr &#220;berleben von einem dichten Gewebe aus &#39;entfremdeten&#39; institutionellen Mechanismen abh&#228;ngig ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 217</xref>). Dies hat zur Folge, dass es nicht mehr darum gehen kann, &#34;Entfremdung zu &#252;berwinden, sondern eher darum, die richtige Art von Entfremdung zu verwirklichen&#34;, d.h. das Funktionieren von gesellschaftlichen Mechanismen zu f&#246;rdern, &#34;welche den Raum f&#252;r direkte Gemeinschaften tragen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 217</xref>). Zugleich darf diese Einsicht in die Irreduzibilit&#228;t von gesellschaftlicher Entfremdung jedoch nicht dazu verleiten, diejenigen grundlegenden Ausschlie&#223;ungsstrukturen zu ignorieren, die auch die gegenw&#228;rtigen liberaldemokratischen Gesellschaften kennzeichnen:</p>
<disp-quote>
<p>Die Erkenntnis, dass die Politik ein komplexes Spiel darstellt, in dem eine gewisse Ebene institutioneller Entfremdung irreduzibel ist, sollte uns nicht dazu f&#252;hren, die Tatsache zu ignorieren, dass es immer noch eine Trennlinie gibt, welche diejenigen, die &#39;drinnen&#39; sind, von denjenigen, die &#39;drau&#223;en&#39; sind, vom Raum der <italic>Polis</italic> ausgeschlossen sind, entzweit; es gibt B&#252;rger, und es gibt das Gespenst des <italic>Homo sacer</italic>, welches sie alle heimsucht. Anders gesagt, sogar &#39;komplexe&#39; zeitgen&#246;ssische Gesellschaften beruhen auf der grunds&#228;tzlichen Kluft zwischen den Integrierten und den Ausgeschlossenen (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 52&#8211;53</xref>).</p>
</disp-quote>
</sec>
<sec>
<title>5. Radikale Demokratie oder Klassenkampf? Ja, bitte!</title>
<p>Die Aufgabe heutiger marxistisch-leninistischer Theorie und Politik ersch&#246;pft sich &#381;i&#382;ek zufolge nicht in einem blo&#223; ideologie- und kulturkritischen Diskurs, der auf denjenigen Rassismus aufmerksam zu machen sucht, der ein konstitutives und zugleich verleugnetes Moment der multikulturalistischen liberalen Demokratie darstellt. Im Zentrum muss nach &#381;i&#382;ek vielmehr erneut der Versuch stehen, eine marxistisch-leninistische Kritik der kapitalistischen politischen &#214;konomie mit einer Infragestellung der Demokratie als Herrensignifikanten zu verbinden. Denn der haupts&#228;chliche Gegenspieler einer marxistisch-leninistischen Politik universaler Emanzipation ist nicht nur das Kapital, sondern auch die Demokratie als &#34;Wahrzeichen der gegenw&#228;rtigen politischen Gesellschaft&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Badiou 2016, 13</xref>), da fundamentalkritische Auseinandersetzungen mit dem Kapitalismus gerade durch die vorherrschende &#220;berzeugung, dass diese Auseinandersetzungen demokratischen Spielregeln folgen m&#252;ssen, entscheidend eingeschr&#228;nkt oder gar verhindert werden.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die in &#381;i&#382;eks sp&#228;teren Texten immer st&#228;rker und bedingungsloser affirmierte Inanspruchnahme des marxistisch-leninistischen Erbes zum radikaldemokratischen Diskurs Laclaus verh&#228;lt.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Die Relevanz von Laclaus (und Chantal Mouffes) Hegemonietheorie sieht der fr&#252;he &#381;i&#382;ek in der Elaboration des grunds&#228;tzlichen Unterschiedes zwischen einer Logik des Antagonismus und einer Logik der symbolischen Differenzen. Gerade die Elaboration dieses Unterschiedes r&#228;umt Laclau und Mouffe die M&#246;glichkeit ein, einen neuartigen, komplexen Hegemoniebegriff zu entwickeln, welcher die kontingente Verbindung zwischen den Differenzen, die einem gegebenen soziosymbolischen Feld innewohnen, dem Antagonismus, der das gegebene soziosymbolische Feld von dessen Exteriorit&#228;t abgrenzt und der selbst niemals direkt, sondern nur auf verzerrte Art und Weise durch diejenigen partikularen Differenzen, die dem soziosymbolischen Feld immanent sind, repr&#228;sentiert werden kann (&#381;i&#382;ek 2013, 115), und der leeren Universalit&#228;t artikuliert. Laclau und Mouffe begreifen Politik im Sinne einer Artikulation von hegemonialen Praktiken, durch die auf tempor&#228;re Art und Weise gesellschaftliche Ordnungen errichtet werden, die sich nicht einer Logik verdanken, die dem Kampf um Hegemonie &#228;u&#223;erlich w&#228;re, sondern kontingenter Natur sind.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Politik wird als hegemoniale Formation von strategischen Koalitionen unter einem Herrensignifikanten entfaltet, durch die der Ort der leeren Allgemeinheit vor&#252;bergehend besetzt wird, ohne dass der Antagonismus unmittelbar mit der kapitalistischen &#214;konomie identifizierbar ist und ohne dass man weiterhin einen privilegierten Akteur der politischen Transformation &#8211; wie die Arbeiterklasse im Marxismus &#8211; voraussetzen muss. Der Antagonismus kann sich folglich in unterschiedlichen K&#228;mpfen manifestieren, ohne dass diese K&#228;mpfe jemals in einen finalen und inklusiven Konsens m&#252;nden, der die konstitutive Opazit&#228;t der heterogenen Gesellschaft in eine transparente Gesellschaft &#252;berf&#252;hrt. Aus diesem Grund beschreibt Laclaus und Mouffes Hegemonietheorie nicht nur den politischen Prozess im Allgemeinen, sondern sie beinhaltet zugleich die radikale Demokratie als Norm.<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref></p>
<p>Obgleich sich die radikaldemokratische Politik auf konstitutive Antagonismen bezieht, die die Herstellung jedweder gesellschaftlichen Totalit&#228;t verhindern beziehungsweise als Phantasma ausweisen, behauptet &#381;i&#382;ek dennoch, dass die Gleichsetzung von Hegemonietheorie und radikaler Demokratie insgeheim darauf hinauslaufe, den gesellschaftlichen Antagonismus in blo&#223;en Agonismus, d.h. in das Regelspiel des politischen Wettbewerbs zu &#252;bersetzen, was einen konstitutiven Ausschluss derjenigen, die &#34;die demokratischen Spielregeln ablehnen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">&#381;i&#382;ek 2003a, 92</xref>), zur Folge habe und &#252;berdies die M&#246;glichkeit blockiere, den Wechsel &#34;von einem Antagonismus, der den Differenzen untergeordnet ist, hin zur vorherrschenden Rolle des Antagonismus&#34; zu vollziehen (<xref ref-type="bibr" rid="B26">&#381;i&#382;ek 2003a, 91&#8211;92</xref>). &#381;i&#382;ek konzentriert sich in diesem Zusammenhang vor allem auf den bestehenden symbolischen Rahmen oder Horizont, in dem diese kontingenten hegemonialen Operationen der radikalen Demokratie stattfinden und der sie gew&#228;hrleistet. Kurzum, es geht ihm um den Unterschied zwischen &#34;der Kontingenz [&#8230;] <italic>innerhalb</italic> eines gegebenen historischen Horizontes und der grundlegenderen Ausschlie&#223;ung/Verwerfung, die <italic>gerade diesen Horizont begr&#252;ndet</italic>&#34; (&#381;i&#382;ek 2013, 141). Dieser Rahmen der radikalen Demokratie, der sich der Einsicht von Laclau und Mouffe in den grundlegenden Antagonismus der Gesellschaft verdankt (&#34;die Gesellschaft existiert nicht&#34;), wird also angeblich zugleich ausgeschlossen, und gerade dieser Ausschluss, den &#381;i&#382;ek mit dem von Laclau vollzogenen Ausschluss des Kapitalismus identifiziert, stellt die M&#246;glichkeitsbedingung f&#252;r die hegemoniale Logik der radikalen Demokratie dar: d.h. f&#252;r eine Logik, die folglich nicht in der Lage sei, das liberaldemokratische Imagin&#228;re zu unterminieren, sondern die es bestenfalls radikalisiere. Laclau verkenne also, dass der Kapitalismus <italic>die</italic> Grundlage f&#252;r den Kampf um Hegemonie in der Gegenwart darstellt. In diesem Zusammenhang postuliert &#381;i&#382;ek, dass der Kapitalismus als ein symbolisches Reales fungiert, d.h. als derjenige konsistente Hintergrund, vor dem sich das gesellschaftliche Leben abspielt. Dieser Hintergrund strukturiert im Voraus dasjenige Terrain, auf dem eine Vielheit von partikularen Elementen um Hegemonie k&#228;mpfen. Kurzum, die radikale Demokratie erweist sich nicht als Bruch mit der liberalen Demokratie, sondern als ein radikalisierter Liberalismus, der die Klassenstruktur und die &#246;konomische Ausbeutung in der kapitalistischen Gesellschaft unber&#252;hrt l&#228;sst oder sie sogar naturalisiert (&#381;i&#382;ek 2013, 406).</p>
<p>&#381;i&#382;ek beharrt hingegen auf dem Klassenbegriff wie auch auf dem Begriff des Klassenkampfes, um auf diese Weise an einem grundlegenden Antagonismus festhalten zu k&#246;nnen, wohingegen der Klassenkampf von Laclau durch eine Reihe von Antagonismen ersetzt werde, die &#34;eine Kette von &#196;quivalenzen errichten k&#246;nnen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">&#381;i&#382;ek 2008a, 286</xref>). Diese Substitution verfehlt nach &#381;i&#382;ek jedoch die grundlegende Einsicht von Marx, der zufolge man es nicht einfach mit Verzerrungen der Allgemeinheit zu tun hat, die f&#252;r Politik konstitutiv sind, sondern gerade damit, dass die &#34;<italic>Verzerrung als solche als der Ort der Allgemeinheit behauptet wird</italic>&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">&#381;i&#382;ek 2008a, 294</xref>). Auf diese Weise versucht &#381;i&#382;ek, die &#214;konomie weiterhin als das grundlegende Strukturprinzip begreiflich zu machen, insofern die kapitalistische &#214;konomie, d.h. ihr kollektiver Produktionsprozess, nicht einfach &#34;eine weitere Ebene unter den vielen Ebenen der gesellschaftlichen Organisation [ist], sondern der Ort des &#39;Widerspruchs&#39;, der strukturellen Instabilit&#228;t, des zentralen gesellschaftlichen Antagonismus (&#39;es gibt kein Klassenverh&#228;ltnis&#39;), der als solcher in alle anderen Ebenen hineinreicht&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">&#381;i&#382;ek 2008a, 295</xref>).</p>
<p>&#381;i&#382;ek lehnt es nicht nur ab, den (radikal-)demokratischen Kampf zu <italic>dem</italic> &#34;Wahrzeichen&#34; gegenw&#228;rtiger Politik zu erheben, sondern er geht auch &#8211; gegen Laclau &#8211; die marxistisch-leninistische Wette ein, &#34;dass es einen Antagonismus (&#39;Klassenkampf&#39;) gibt, der alle anderen &#252;berdeterminiert und der als solcher das &#39;konkrete Allgemeine&#39; des ganzen Feldes ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">&#381;i&#382;ek 2003a, 101</xref>). Nur der marxistische Begriff des Klassenkampfes, der, anders als der Begriff der radikalen Demokratie, Kontingenz nicht mit Differenz, sondern mit Antagonismus verkn&#252;pft, k&#246;nne letztlich dem Unterschied zwischen einer bestehenden symbolischen Ordnung und demjenigen, was von dieser Ordnung ausgeschlossen ist (und sie zugleich konstituiert), Rechnung tragen. Der Klassenkampf verk&#246;rpert also gerade dasjenige Strukturprinzip, das Hegel als &#34;konkretes Allgemeines&#34; ausgearbeitet hat: &#34;Indem er sich auf sein Anderes (andere Antagonismen) bezieht, bezieht er sich auf sich selbst, d.h. er (&#252;ber-)determiniert die Art und Weise, in der er sich auf die anderen K&#228;mpfe bezieht&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">&#381;i&#382;ek 2003a, 102</xref>). Er stellt somit nicht eine weitere Variante der K&#228;mpfe um Hegemonie im gesellschaftlichen Feld dar; denn w&#228;hrend K&#228;mpfe um Hegemonie als blo&#223;e Versionen von Identit&#228;tspolitik darum bem&#252;ht sind, den Antagonismus in eine Differenz zu &#252;bersetzen, bestimmt der Klassenkampf den Horizont der gegenw&#228;rtigen Identit&#228;tspolitik, indem er im Vorhinein denjenigen Bereich strukturiert, in dem vielf&#228;ltige besondere Inhalte um Hegemonie k&#228;mpfen. Der Klassenkampf bezeichnet folglich eine Teilung, die alle bestehenden positiven Teilungen durchquert oder spaltet.</p>
<p>Die Tatsache, dass der Klassenkampf den (verleugneten) Horizont der gegenw&#228;rtigen demokratischen Identit&#228;tspolitik bildet, bedeutet jedoch keineswegs, dass man unter allen Umst&#228;nden direkt und ausschlie&#223;lich auf den Hauptwiderspruch beharren muss; denn diese Insistenz beruht auf einem essentialistischen Begriff des Klassenkampfes, der nicht erkennt, dass der Klassenkampf ein &#252;berdeterminierendes Prinzip darstellt, welches die &#34;dynamische Interaktion der Vielzahl an gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen reguliert&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 158</xref>). &#381;i&#382;ek stellt fest, dass man beispielsweise heutzutage in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht &#252;ber den Klassenkampf sprechen k&#246;nne, &#34;ohne die Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung der schwarzen Bev&#246;lkerung zu thematisieren&#34;. Wenn man den Klassenkampf unabh&#228;ngig von der Frage des Rassismus behandelt, verkennt man den vollen Umfang der Klassenunterdr&#252;ckung, der die Existenzweise der schwarzen Bev&#246;lkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika kennzeichnet (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 158</xref>). Aber zugleich besteht er wiederum darauf, den Klassenkampf und antirassistische oder feministische K&#228;mpfe nicht einfach als eine Reihe von Antagonismen aufzufassen (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 161</xref>). Denn die Reduktion des Klassenkampfes auf einen Antagonismus unter vielen bedeutet, den Klassenkampf in Gestalt des &#34;Klassismus&#34; einer Identit&#228;tspolitik zu unterwerfen. Aus diesem Grund ist von entscheidender Bedeutung, dass man den formalen Unterschied zwischen dem Klassenantagonismus und anderen Antagonismen beibeh&#228;lt:</p>
<disp-quote>
<p>Im Falle der Antagonismen in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den sexuellen Identit&#228;ten zielt der Kampf um Emanzipation nicht auf die Vernichtung einiger Identit&#228;ten ab, sondern darauf ab, die Bedingungen f&#252;r ihre nicht-antagonistische Koexistenz zu schaffen, und dasselbe gilt auch f&#252;r die Spannungen zwischen ethnischen, kulturellen oder religi&#246;sen Identit&#228;ten &#8211; das Ziel besteht darin, ihre friedliche Koexistenz zu realisieren, wechselseitigen Respekt und Anerkennung. Der Klassenkampf funktioniert nicht auf diese Weise. [&#8230;] Der Klassenkampf ist ein &#39;reiner&#39; Antagonismus: Das Ziel der Unterdr&#252;ckten und Ausgebeuteten besteht darin, die Klassen als solche abzuschaffen und nicht ihre Vers&#246;hnung zu bewerkstelligen. Aus diesem Grund &#39;resoniert&#39; der Klassenkampf in anderen K&#228;mpfen auf andere Weise als diejenigen, die in ihm resonieren &#8211; er f&#252;hrt in die anderen ein Element des unvers&#246;hnlichen Antagonismus ein (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#381;i&#382;ek 2021a, 164</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>&#381;i&#382;eks Bezugnahme auf den &#34;reinen Antagonismus&#34;, der unter dem alten Namen &#34;Klassenkampf&#34; auftritt, ist Teil seines Projekts, die von Laclau (und Mouffe) unternommene Ersetzung des Begriffs des Klassenkampfes durch den Begriff des Kampfes um Hegemonie gewisserma&#223;en r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Aber hier stellt sich die Frage, inwiefern sich &#381;i&#382;eks Auffassung des Klassenkampfes tats&#228;chlich von Laclaus radikaldemokratischer Politik unterscheidet, zumal auch letztere den Versuch darstellt, den Antagonismus zu denken, auf den die hegemoniale Formation von strategischen Koalitionen unter einem Herrensignifikanten antwortet. Anders gefragt: &#34;Folgt &#381;i&#382;ek bei seiner Verteidigung des &#39;Klassenkampfes&#39; nicht einfach dem Prinzip, das die &#39;radikale Demokratie&#39; vorschl&#228;gt&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Butler 2006, 67</xref>)? Stellt also &#34;Klassenkampf&#34; letzten Endes nichts anderes als eine radikalisierte Anwendung der vermittels der &#34;radikalen Demokratie&#34; artikulierten Einsicht, dass es keinen endg&#252;ltigen Herrensignifikanten geben kann, dar? Und wenn dies zutrifft, muss man dann nicht folgern, dass es &#381;i&#382;ek &#34;am Ende doch nicht um die Klasse&#34; geht: &#34;Auch sie ist nur ein Platzhalter f&#252;r das, was aufgrund seiner Anwesenheit gerade verfehlt wird&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Butler 2006, 68</xref>).</p>
<p>Laclaus Konzeption der radikalen Demokratie verwirft die marxistische These eines privilegierten Akteurs (&#34;Arbeiterklasse&#34;), dem auf apriorische Art und Weise ein revolution&#228;rer Status zukommt, insofern er eine bestimmte Klassenposition im kapitalistischen Produktionsprozess innehat. Obgleich die Arbeiterklasse nicht l&#228;nger als privilegierte Subjektposition firmiert, hei&#223;t dies nicht, dass die Forderungen der Arbeiterklasse von Laclau einfach eskamotiert w&#252;rden &#8211; sie werden vielmehr mit Forderungen, die aus anderen sozialen K&#228;mpfen hervorgehen, artikuliert. Da der globalisierte Kapitalismus eine Vielzahl von Antagonismen generiert, kann nur eine &#220;berdeterminierung &#34;dieser Vielfalt von Antagonismen globale antikapitalistische Subjekte erzeugen, die in der Lage sind, einen Kampf zu f&#252;hren, der diesen Namen verdient&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 186</xref>). Der Klassenkampf der Arbeiterklasse besitzt folglich keine Garantie, die von einer objektiven Geschichtslogik suggeriert wird, und die Arbeiterklasse kann bestenfalls als &#34;das metaphorische Zentrum einer Vielzahl von unterschiedlichen K&#228;mpfen, die sich nicht auf die Sache der Arbeiter im engen Sinne beschr&#228;nken&#34;, fungieren (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 221</xref>). In dieser Hinsicht steht Laclau wiederum &#381;i&#382;ek nahe, der ebenfalls die These zur&#252;ckweist, dass die Arbeiterklasse (weiterhin) als der privilegierte Akteur der Geschichte betrachtet werden muss. In diesem Zusammenhang beschw&#246;rt &#381;i&#382;ek die Unterscheidung zwischen dem soziologischen Begriff der Arbeiterklasse und dem politischen Begriff des Proletariats: Zwischen beiden herrscht &#34;keine determinierende Kausalverbindung, und die zwei m&#252;ssen streng voneinander getrennt werden&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 199</xref>). Vor diesem Hintergrund geht &#381;i&#382;ek sogar so weit und schl&#228;gt vor, das Proletariat mit einer &#34;subjektiven Haltung&#34; zu verbinden, die &#34;im Prinzip jedem Individuum widerfahren kann&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 199</xref>). In quasi-religi&#246;se Begriffe &#252;bersetzt: &#34;Jedes Individuum kann durch die Gnade ber&#252;hrt und als ein proletarisches Subjekt angerufen werden&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">&#381;i&#382;ek 2006, 199</xref>). Diese &#220;bertragung vermag auch den Umstand erkl&#228;ren, dass potenzielle Kandidaten f&#252;r das Proletariat, die &#381;i&#382;ek anf&#252;hrt, wenig mit der orthodoxen marxistischen Auffassung vom Proletariat gemein haben. So sind es, wie &#381;i&#382;ek wiederholt behauptet, die Bewohner der Favelas, der Ghettos und Slums, die als gro&#223;es, gewaltsam zusammengef&#252;gtes proletarisches Kollektiv &#34;neue Formen sozialen Bewusstseins&#34; und des Zusammenlebens verk&#246;rpern und &#34;die Keime der Zukunft&#34; in sich tragen (<xref ref-type="bibr" rid="B27">&#381;i&#382;ek 2005, 204</xref>).</p>
<p>Zwar ist der marxistische Primat der Kritik des Kapitalismus auf der Grundlage eines substanziellen Klassenbegriffs fragw&#252;rdig geworden, aber dieser Umstand bedeutet nicht, wie oben gezeigt, dass die Kritik des Kapitalismus in Laclaus radikaldemokratischem Denken abwesend ist. Wie Laclau betont, h&#228;ngt die konstitutive Heterogenit&#228;t der gegenw&#228;rtigen Gesellschaft vielmehr gerade eng mit dem globalen Kapitalismus zusammen, der nicht &#34;als eine rein &#246;konomische Gegebenheit&#34; missverstanden werden darf, sondern als &#34;ein Komplex&#34; begriffen werden muss, &#34;in dem &#246;konomische, politische, milit&#228;rische, technologische usw. Bestimmungen, die alle mit einer jeweils eigenen Logik und einer gewissen Autonomie ausgestattet sind, in die Bestimmung der Bewegungen des Ganzen eingehen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 275</xref>). Anders gesagt: Laclaus Konzeption der radikalen Demokratie akzeptiert keineswegs, wie &#381;i&#382;ek zu unterstellen scheint, den Kapitalismus stillschweigend als ultimativen Horizont, der nicht &#252;berschritten werden kann; seine kritische Analyse der gegenw&#228;rtigen neoliberalen Transformationen des Kapitalismus (Stichwort: Finanzkapitalismus) betrachtet jedoch den Kapitalismus nicht l&#228;nger als eine koh&#228;rente Form, aus der sich auf immanente und objektive Art und Weise ein Widerstand (Stichwort: Klassenkampf) gegen des Kapitalismus ableiten l&#228;sst, sondern dessen Herrschaft als Ergebnis &#34;einer hegemonialen Konstruktion&#34; begriffen werden muss, als &#34;Ort einer &#220;berdeterminierung sozialer Logiken&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 282&#8211;83</xref>).</p>
<p>&#381;i&#382;ek bestreitet nicht, dass der den Kapitalismus strukturierende Antagonismus weder einfach beseitigt noch in einen Differenzbegriff &#252;bersetzt werden kann, aber man kann nichtsdestotrotz auf ihn einwirken. Das hei&#223;t, man kann seine spezifischen Materialisierungsarten ver&#228;ndern, d.h. diejenigen symbolischen Strukturen, die sich um ihn herum herausgebildet haben. Man kann folglich in das symbolische Feld eingreifen &#8211; allerdings nicht von einem &#34;Au&#223;en&#34;, sondern gerade vom Standpunkt desjenigen verborgenen Strukturprinzips der symbolischen Ordnung her, welches als innere Ausnahme, als Symptom der symbolischen (demokratischen) Ordnung fungiert. Diese innere Ausnahme markiert den Einsatzpunkt einer Politik, die innerhalb des Symbolischen operiert <italic>und</italic> so auf die Konstellationen des symbolischen Realen Einfluss zu nehmen vermag. Darin gleicht sie der radikaldemokratischen Politik, denn auch ihr liegt die &#220;berzeugung zugrunde, dass der gesellschaftliche Antagonismus nicht zum Verschwinden gebracht werden kann. Obgleich sie den gesellschaftlichen Antagonismus nicht abschaffen kann, vermag sie ihn allerdings zu affizieren, d.h. sie vermag vermittels ihrer hegemonialen Konstruktion einer politischen Front in den gesellschaftlichen Antagonismus einzugreifen. Die radikaldemokratische Politik unterminiert die fragw&#252;rdige Unterscheidung zwischen K&#228;mpfen, die im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung ausgetragen werden, und K&#228;mpfen, die darauf abzielen, die bestehende Gesellschaftsordnung als solche zu ver&#228;ndern: Wie Laclau zurecht bemerkt, setzt diese Unterscheidung eine problematische Auffassung des bestehenden Gesellschaftssystems als in sich geschlossenes System, das keine L&#252;cken aufweist, voraus (Laclau 2013, 363) &#8211; eine Auffassung, die auch &#381;i&#382;ek zur&#252;ckweist, da er selbst immer wieder darauf besteht, dass bestimmte K&#228;mpfe innerhalb des vorherrschenden kapitalistischen Gesellschaftssystems deshalb zu K&#228;mpfen werden k&#246;nnen, die dessen Rahmenbedingungen in grunds&#228;tzlich in Frage stellen, weil die kapitalistische Gesellschaft aufgrund ihrer antagonistischen Verfasstheit niemals eine Totalit&#228;t auszubilden vermag. Folglich erweist sich auch &#381;i&#382;eks Kritik, der zufolge die radikaldemokratische Konzeption von Politik eine Politik der Unterbrechung beziehungsweise des Bruchs grunds&#228;tzlich verunm&#246;glicht, da diese nicht von vornherein durch einen demokratischen Konsens gedeckt werden kann, als eine Kritik, die den Kern von Laclaus politischem Denken schlicht verfehlt. Im Gegenteil manifestiert sich an diesem Punkt eine weitere Konvergenz zwischen &#381;i&#382;ek und Laclau: Bekanntlich entfaltet &#381;i&#382;ek seine Politik des Akts als eine Politik, welche einen Schritt ins Offene wagt, ohne dass ihr Resultat im Vorhinein garantiert werden kann: d.h. als ein Wagnis, das jenen als unertr&#228;glich erscheint, deren Konzeption von Politik im falschen Gegensatz von Demokratie und Totalitarismus gefangenbleiben. Ebenso verwirft Laclau Leforts Gegen&#252;berstellung von Demokratie und Totalitarismus, da sie letzten Endes Demokratie implizit mit liberaler Demokratie kurzschlie&#223;t und folglich andere Konzepte von Demokratie ignoriert (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 202&#8211;3</xref>). Und er bewahrt kritische Distanz nicht nur zur &#34;Vorstellung eines absolut revolution&#228;ren Ereignisses, das, indem es eine vollst&#228;ndig mit sich vers&#246;hnte Gesellschaft herbeif&#252;hrt, das Moment des Politischen &#252;berfl&#252;ssig macht&#34;, sondern ebenso zu einer &#34;Politik der kleine Schritte, die Politik auf Verwaltung reduziert&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 269</xref>). Laclau betont, dass seine radikaldemokratische Erl&#228;uterung des &#220;bergangs &#34;von einer hegemonialen Formation zu einer anderen&#34; einen &#34;radikalen Bruch&#34; mit der bestehenden Ordnung erfordert, der eine Affinit&#228;t zum lacanianischen Akt aufweist (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 272&#8211;73</xref>). Genauso wenig wie der lacanianische Akt kann auch die radikaldemokratische Konzeption des Bruchs zwischen hegemonialen Formationen auf eine bestehende symbolische Ordnung zur&#252;ckgef&#252;hrt werden, da dieser Bruch &#8211; Laclau beschreibt ihn sogar als &#34;eine <italic>creatio ex nihilo</italic>&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 273</xref>) &#8211; gerade deren Koordinatensystem grundlegend ersch&#252;ttert und ver&#228;ndert. Er untergr&#228;bt die bestehende symbolische Ordnung, den gro&#223;en Anderen, indem er dessen Inkonsistenzen und Schw&#228;chen offenlegt, und er steht zugleich in einem engen Zusammenhang mit dem Denken neuer kollektiver Formen von Politisierung.</p>
<p>Sowohl &#381;i&#382;eks Politik des Akts als auch Laclaus radikaldemokratische Politik der Hegemonie verfolgen ihre jeweiligen Projekte, neue kollektive Formen von Politisierung zu erarbeiten, dadurch, dass sie &#8211; wie hier zum Abschluss nur &#228;u&#223;erst knapp skizziert werden kann &#8211; einen &#34;radikalen Antagonismus wieder in das demokratische Feld&#34; einzuf&#252;hren versuchen (<xref ref-type="bibr" rid="B32">&#381;i&#382;ek 2010, 393</xref>), d.h. der Demokratie eine egalit&#228;re Dimension, die als Forderung &#34;<italic>von</italic> so etwa wie einem Underdog&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 159</xref>) gegen das bestehende System gerichtet wird, zu verleihen. In &#381;i&#382;eks Projekt erfolgt dies unter dem marxistisch-leninistischen Namen &#34;Diktatur des Proletariats&#34;. &#381;i&#382;ek rehabilitiert dieses Syntagma, um zun&#228;chst deutlich zu machen, dass &#34;Demokratie&#34; und &#34;Diktatur&#34; nicht als Gegens&#228;tze zu begreifen sind, sondern dass beide vielmehr als &#34;<italic>formale</italic> Bestimmungen&#34; begriffen werden k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 240</xref>). Dieser Fokus auf den Formalaspekt von Demokratie und Diktatur erzeugt die Erkenntnis, dass die Demokratie selbst eine &#34;diktatorische&#34; Form darstellt, insofern sie als ein &#34;&#220;berschuss der Repr&#228;sentation &#252;ber das hinaus, was sie repr&#228;sentiert&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 241</xref>), erfasst werde muss. Diese &#34;diktatorische&#34; Dimension der Demokratie &#34;wird sp&#252;rbar, sobald der Streit zu einem Streit um das Streitfeld selbst wird&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 242</xref>). Dieser rein formalen Bestimmung der Diktatur (der Demokratie) stellt &#381;i&#382;ek sodann die ebenfalls formale (nicht mehr soziologisch-inhaltliche) Bestimmung des Proletariats als &#34;Anteil der Anteillosen&#34; zur Seite. &#34;Diktatur&#34; des Proletariats bezeichnet folglich jenes &#34;schwankende Moment&#34;, in dem &#34;das komplexe Gewebe der Repr&#228;sentationen aufgrund des direkten Eindringens der Allgemeinheit in das Feld des Politischen au&#223;er Kraft gesetzt wird&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 244</xref>). Kurzum, &#34;Diktatur des Proletariats&#34; ist &#34;<italic>ein anderer Name f&#252;r die Gewalt der demokratischen Explosion selbst</italic>&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 246</xref>), d.h. f&#252;r die &#34;Selbstorganisation des Volkes&#34;, wobei &#381;i&#382;ek unmittelbar klarstellt, dass &#34;Volk&#34; hier die <italic>plebs</italic> meint und nicht &#34;das Volk eines populistischen Projekts&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B34">&#381;i&#382;ek 2016, 128</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> Zugleich steht die &#34;Diktatur des Proletariats&#34; jedoch auch in einem spezifischen Verh&#228;ltnis zur Macht: Ihr &#34;totalitaristischer Exzess&#34; befindet sich auf Seiten &#34;des &#39;Anteils der Anteillosen&#39;, nicht auf Seiten der hierarchischen Gesellschaftsordnung&#34;, und diese Transposition der Macht hat zur Folge, dass das Proletariat &#34;den Ort der staatlichen Repr&#228;sentanz selbst in eine Richtung &#39;dreht&#39;&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 179</xref>).</p>
<p>Laclaus Projekt einer erneuten Emphase auf dem radikalen Antagonismus im demokratischen Feld tr&#228;gt den Namen &#34;Populismus&#34;. Obgleich &#381;i&#382;ek die laclausche Konzeption des Populismus beschuldigt, dem radikalen Antagonismus in der gegenw&#228;rtigen Gesellschaft dadurch nicht gerecht zu werden, dass einerseits ihre Konstruktion eines Feindes den radikalen (inneren) gesellschaftlichen Antagonismus angeblich nach au&#223;en verschiebt, somit sowohl die Dichotomie von &#34;Feind&#34; und &#34;Volk&#34; auf substantielle Art und Weise auffasse und letzten Endes eine &#34;Suspendierung&#34; und &#34;Naturalisierung&#34; von Politik zur Folge habe (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">&#381;i&#382;ek 2008a, 278</xref>),<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> und andererseits (wie angeblich bereits in Laclaus Hegemoniebegriff) die eigentliche Universalit&#228;t verfehlt, da sie Universalit&#228;t als Kampf &#34;zwischen zwei partikularen Gruppen&#34; und nicht als eine &#34;selbst von innen her&#34; zerschnittene Universalit&#228;t entwickelt (<xref ref-type="bibr" rid="B35">&#381;i&#382;ek 2020, 373</xref>), zeigt schon ein fl&#252;chtiger Blick auf Laclaus Theorie des Populismus, dass diese Anschuldigungen grundlos sind. Denn Laclau betont gerade immer wieder, dass die Konstruktion eines &#34;Volkes&#34; mit der &#34;Konstruktion einer Grenze&#34; einhergeht, welche &#34;die Voraussetzung f&#252;r die Entstehung des &#39;Volkes&#39; ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 190</xref>). Das hei&#223;t: Laclaus Theorie des Populismus basiert auf einem Politikbegriff, der durch die &#34;Konstitution einer antagonistischen Grenze innerhalb des Sozialen&#34; definiert wird (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 190</xref>). Laclaus Auffassung des &#34;Volkes&#34; als Name (und nicht als Begriff) leistet folglich keinem Essentialismus oder Substantialismus Vorschub; im Gegensatz zum &#34;Ethnopopulismus&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 231</xref>) behauptet Laclau auch nicht, dass das &#34;Volk&#34; eine bereits bestehende positive Entit&#228;t, eine &#34;im Vornhinein bestehende Einheit einer Gruppe&#34; bezeichnet und/oder sich einer geschichtlichen Notwendigkeit verdankt (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 152</xref>). Vielmehr begreift er das &#34;Volk&#34; im Gegenteil ausdr&#252;cklich als eine aus der Herstellung &#228;quivalentieller Verbindungen resultierende Konstruktion, die den konstitutiven Antagonismus des sozialen Feldes in sich tr&#228;gt (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 115</xref>). Anders gesagt, ist das &#34;Volk&#34; weniger eine &#34;Assemblage&#34; aus heterogenen Elementen, sondern vielmehr &#34;Teil des antagonistischen Kampfes&#34;, wobei der &#34;Antagonismus [&#8230;] jedes dieser Elemente von innen [durchzieht]&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">&#381;i&#382;ek 2020, 413</xref>). Laclaus &#34;Volk&#34; (beziehungsweise <italic>plebs</italic>)<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> als &#34;Exzess des Heterogenen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 170</xref>) ist, &#228;hnlich wie &#381;i&#382;eks Identifikation des Proletariats mit dem &#34;Anteil der Anteillosen&#34;, weniger ein partikulares Element, &#34;das die Universalit&#228;t hegemonisiert&#34;, sondern eher das Element, &#34;das innerhalb der Universalit&#228;t f&#252;r das steht, was aus ihr ausgeschlossen ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">&#381;i&#382;ek 2020, 373</xref>). &#220;berdies besitzen weder das &#34;Volk&#34; noch das &#34;Proletariat&#34; als &#34;Exzesse des Heterogenen&#34; ein begriffliches Korrelat; sie sind &#34;Namen&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 222</xref>), d.h. performative Effekte. Diese &#34;&#39;destrukturierten&#39;, armen und von allem beraubten Massen&#34;, die von &#34;einer m&#246;glichst unkalkulierbaren Mischung verschiedener Akteure getragen werden&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 262, 273</xref>), als deren metaphorisches Zentrum (f&#252;r &#381;i&#382;ek) das &#34;Proletariat&#34; firmiert, tragen eindeutig Z&#252;ge des laclauschen Populismus, insofern auch sie nur dadurch zu einem gesellschaftlichen Kollektiv werden, welches das globale kapitalistische System unterbrechen kann, dass sie sich in Form von hegemonialen, nach (Neu-)Organisation trachtenden K&#228;mpfen (&#34;Diktatur&#34;) um die Ausarbeitung eines neuen Herrensignifikanten bem&#252;hen, d.h. um eine &#34;neue Welt&#34;, um eine neue &#34;kognitive Kartierung&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">&#381;i&#382;ek 2009, 206</xref>). Auf &#381;i&#382;eks &#34;Diktatur des Proletariats&#34;, die er auf fragmentarische Art und Weise gerade in den rezenten populistischen Bewegungen von Hugo Ch&#225;vez, dem Arabischen Fr&#252;hling, von Podemos in Spanien und Syriza in Griechenland am Werk sieht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">z.B. &#381;i&#382;ek 2009</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B33">263&#8211;64; 2013a, 188&#8211;200</xref>), trifft dasjenige &#34;Janusgesicht&#34; zu, das nach Laclau den Populismus (und das populare &#34;Volk&#34;) auszeichnet: Subversion der bestehenden Ordnung und &#34;Artikulation fragmentierter und dislozierter Forderungen rund um einen neuen Kern&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 215</xref>). Im Zusammenhang mit dieser komparativen Skizze von einigen wesentlichen theoretischen Affinit&#228;ten zwischen Laclaus Theorie des Populismus und &#381;i&#382;eks &#34;Dehnung&#34; bestimmter marxistisch-leninistischer Begriffe k&#246;nnte eine daran anschlie&#223;ende Lekt&#252;re von Laclaus und &#381;i&#382;eks zahlreichen und gehaltvollen Analysen populistischer Bewegungen in den letzten zwei Jahrhunderten zur Vertiefung und Ausweitung des gegenw&#228;rtigen politischen Horizontes beitragen.<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref></p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Dieser Umstand erkl&#228;rt, warum &#381;i&#382;eks politisches Denken in Publikationen zur Frage der Demokratie kaum pr&#228;sent ist. Siehe z.B. Lembcke, Ritzi und Schaal (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2012</xref>); Fl&#252;gel-Martinsen (<xref ref-type="bibr" rid="B8">2020</xref>); Herrmann und Flatscher (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2020</xref>); Buchstein, Pohl und Trimcev (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2021</xref>). Wenn &#381;i&#382;eks Name in B&#228;nden &#252;ber zeitgen&#246;ssische Demokratietheorien erw&#228;hnt wird, dann nur als Kritiker und eben nicht als Theoretiker der Demokratie, siehe Heil (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2004</xref>) und Comtesse, Fl&#252;gel-Martinsen, Martinsen und Nonhoff (<xref ref-type="bibr" rid="B5">2020</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Der vorliegende Aufsatz bezieht sein Material aus einigen fr&#252;heren Texten (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Vogt 2008</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B20">Vogt 2011</xref>) und f&#252;hrt es weiter aus.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Obgleich es hier vornehmlich um eine knappe Rekonstruktion von &#381;i&#382;eks Erl&#228;uterung der Differenz zwischen Judentum und Christentum geht, soll doch kurz angemerkt werden, dass diese Erl&#228;uterung keineswegs unproblematisch ist, da sie letzten Endes auf eine fragw&#252;rdige Aufhebung des Judentums in und durch das Christentum hinausl&#228;uft. Ich habe meine Bedenken &#252;ber dieses Vorgehen an anderer Stelle ausf&#252;hrlich zum Ausdruck gebracht (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Vogt 2006, 206&#8211;16</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Hier w&#228;ren vor allem &#381;i&#382;eks Untersuchungen zum Antisemitismus hervorzuheben, denn diese zeigen auf exemplarische Weise, dass die Ideologie in phantasmatischer Manier die Begegnung mit dem Realen so inszeniert, dass die von der Ideologie registrierte Unm&#246;glichkeit von Gesellschaft in den Diebstahl der Gesellschaft auf den &#34;Juden&#34; &#252;bertragen und so der Traum einer in sich geschlossenen, harmonischen und mit sich vers&#246;hnten Gesellschaft aufrechterhalten wird (<xref ref-type="bibr" rid="B36">&#381;i&#382;ek 2021, 179&#8211;85</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Siehe jedoch Jodi Deans gegenteilige Behauptung, dass &#381;i&#382;ek von Anfang an eine skeptische Haltung gegen&#252;ber der Demokratie einnehme (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Dean 2006, 102</xref>). Obgleich der vorliegende Text Deans Darstellung von &#381;i&#382;eks Politik einige grundlegende Erkenntnisse verdankt, kann er Deans These, dass sich bei &#381;i&#382;ek von Anfang an ein fundamentales Unbehagen gegen&#252;ber der Demokratie zeige, nicht folgen. Barret Weber hingegen stellt fest, dass sich bei &#381;i&#382;ek sogar eine Art Rettung der Demokratie finde (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Weber 2011, 7</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Siehe Reinhard Heil (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2004, 249&#8211;52</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Zum postpolitischen Wesen der liberalen Demokratie siehe Heil (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2004, 244</xref>); zur gegenw&#228;rtigen Verkn&#252;pfung von liberaler Demokratie, Kapitalismus und dem &#34;Diskurs der Universit&#228;t&#34; siehe Dean (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2006, 96&#8211;101</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Man denke in diesen Zusammenhang an den obsz&#246;nen und rassistischen Begriff des &#34;Ethnopluralismus&#34;, der von rechtsextremen politischen Organisationen wie der FP&#214;, der Identit&#228;ren Bewegung &#214;sterreich, der Lega Nord und dem Rassemblement National verwendet wird.</p></fn>
<fn id="n9"><p>&#381;i&#382;eks fr&#252;he Texte operieren implizite mit einem Demokratiebegriff, der starke Affinit&#228;ten nicht nur zu Leforts Konzeption der Demokratie aufweist, sondern auch zu Laclaus (und Mouffes) Konzeption der radikalen Demokratie. Dieses Naheverh&#228;ltnis kommt auch darin zum Ausdruck, dass Laclau ein Vorwort f&#252;r <italic>The Sublime Object of Ideology</italic> verfasste, in welchem er zahlreiche &#220;bereinstimmungen zwischen seinem eigenen Projekt und jenem von &#381;i&#382;ek erw&#228;hnt (<xref ref-type="bibr" rid="B11">siehe Laclau 1989, ix&#8211;xv</xref>). Siehe dazu auch Heil (<xref ref-type="bibr" rid="B9">2004, 231</xref>).</p></fn>
<fn id="n10"><p>Siehe Laclau/Mouffe (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2020</xref>). F&#252;r eine pr&#228;gnante Zusammenfassung von Laclaus und Mouffes Hegemonietheorie aus einer Perspektive, die jener von &#381;i&#382;ek nahesteht, siehe Butler (<xref ref-type="bibr" rid="B4">2006, 59&#8211;70</xref>).</p></fn>
<fn id="n11"><p>W&#228;hrend &#381;i&#382;ek Laclau eine problematische, da angeblich nicht argumentativ begr&#252;ndete Vermischung von deskriptiver und normativer Ebene vorzuwerfen scheint, stellt Laclau v&#246;llig richtig fest, dass sein methodologischer Ausgangspunkt nicht (deskriptive) Neutralit&#228;t vort&#228;uscht, sondern von der &#220;berzeugung getragen wird, dass eine normative Haltung nicht relativistisch auf eine bestimmte Situation beschr&#228;nkt bleiben muss (Laclau 2013, 364).</p></fn>
<fn id="n12"><p>&#381;i&#382;ek bedient sich hier eindeutig der &#8211; von ihm an anderer Stelle kritisierten &#8211; Unterscheidung Laclaus zwischen <italic>plebs</italic> und <italic>populus</italic>; siehe dazu Fu&#223;note 13.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Bei Chris McMillan findet sich eine brauchbare Zusammenfassung der wesentlichen Kritikpunkte, die &#381;i&#382;ek gegen Laclaus Konzeption des Populismus anf&#252;hrt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">McMillan 2013, 40&#8211;41</xref>). Matthew Flisfeder wiederholt in seiner Darlegung des Unterschiedes zwischen &#381;i&#382;eks &#34;Klassenkampf&#34; und Laclaus &#34;Populismus&#34; &#381;i&#382;eks Argument, dass das Verh&#228;ltnis zwischen beiden als Gegensatz begriffen werde muss (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Flisfeder 2008, 4&#8211;7</xref>) &#8211; ein Argument, das meines Erachtens problematisch ist.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Die innere Struktur des &#34;Volkes&#34; beschreibt Laclau im Sinne einer Spannung zwischen <italic>plebs</italic> und <italic>populus</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 124&#8211;126</xref>), wobei die <italic>plebs</italic> als eine Partialit&#228;t begriffen wird, welche den <italic>populus</italic> &#8211; &#34;das Ensemble der sozialen Verh&#228;ltnisse, <italic>wie</italic> sie faktisch sind (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 125</xref>) &#8211; anficht, &#34;um einen wahrhaft universalen <italic>populus</italic> zu konstituieren&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Laclau 2022, 226</xref>).</p></fn>
<fn id="n15"><p>Ich hoffe, diese Lekt&#252;re an anderer Stelle aufnehmen zu k&#246;nnen.</p></fn>
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<title>Literatur</title>
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