<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<!DOCTYPE article PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Publishing DTD v1.0 20120330//EN" "http://jats.nlm.nih.gov/publishing/1.0/JATS-journalpublishing1.dtd">
<!--<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="article.xsl"?>-->
<article article-type="review-article" dtd-version="1.0" xml:lang="de" xmlns:mml="http://www.w3.org/1998/Math/MathML" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance">
<front>
<journal-meta>
<journal-id journal-id-type="issn">2515-2076</journal-id>
<journal-title-group>
<journal-title>Le foucaldien</journal-title>
</journal-title-group>
<issn pub-type="epub">2515-2076</issn>
<publisher>
<publisher-name>Open Library of Humanities</publisher-name>
</publisher>
</journal-meta>
<article-meta>
<article-id pub-id-type="doi">10.16995/lefou.49</article-id>
<article-categories>
<subj-group>
<subject>Review</subject>
</subj-group>
</article-categories>
<title-group>
<article-title>Vierzig Jahre <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> und kein Ende</article-title>
</title-group>
<contrib-group>
<contrib contrib-type="author">
<name>
<surname>Erdur</surname>
<given-names>Onur</given-names>
</name>
<email>onur.erdur@hu-berlin.de</email>
<xref ref-type="aff" rid="aff-1">1</xref>
</contrib>
</contrib-group>
<aff id="aff-1"><label>1</label>Humboldt University of Berlin, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2018-07-31">
<day>31</day>
<month>07</month>
<year>2018</year>
</pub-date>
<pub-date pub-type="collection">
<year>2018</year>
</pub-date>
<volume>4</volume>
<issue>1</issue>
<elocation-id>6</elocation-id>
<history>
<date date-type="received" iso-8601-date="2018-07-10">
<day>10</day>
<month>07</month>
<year>2018</year>
</date>
<date date-type="accepted" iso-8601-date="2018-07-24">
<day>24</day>
<month>07</month>
<year>2018</year>
</date>
</history>
<permissions>
<copyright-statement>Copyright: &#x00A9; 2018 The Author(s)</copyright-statement>
<copyright-year>2018</copyright-year>
<license license-type="open-access" xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
</license>
</permissions>
<self-uri xlink:href="http://foucaldien.net/articles/10.16995/lefou.49/"/>
<abstract>
<p>On the occasion of the 40th anniversary of <italic>Surveiller et punir</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">1975</xref>), Marc R&#246;lli and Roberto Nigro have edited a German volume that deals with the power analysis developed in Foucault&#39;s historical study on the birth of the prison: <italic>Vierzig Jahre &#034;&#220;berwachen und Strafen&#034;. Zur Aktualit&#228;t der Foucault&#39;schen Machtanalyse</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bielefeld: Transcript, 2017</xref>). However, this edited volume is more than the appreciation of an already sufficiently canonized piece of thinking and writing. Rather, it discusses the question of Foucault&#39;s topicality, that is, the significance of <italic>Surveiller et punir</italic> in order to better understand the power relations that shape our immediate present.</p>
</abstract>
<kwd-group>
<kwd>discipline</kwd>
<kwd>foucault</kwd>
<kwd>panopticon</kwd>
<kwd>power</kwd>
<kwd>prison</kwd>
<kwd>surveillance</kwd>
</kwd-group>
</article-meta>
</front>
<body>
<p>Didier Eribon nannte <italic>Surveiller et punir</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">1975; dt. <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic>, 1976</xref>) &#034;eines der sch&#246;nsten, vielleicht sogar das sch&#246;nste Buch Foucaults&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Die drastischen Passagen &#252;ber die Hinrichtung des K&#246;nigsm&#246;rders Damiens und die Grausamkeit der Strafen im 18. Jahrhundert, mit denen das Buch einsetzt, waren mit diesem &#228;sthetischen Statement von Foucaults Biografen wohl eher nicht gemeint. Die Folter und die Bestrafung sind zusammen mit der Disziplin und der Macht zwar die gro&#223;en Themen dieses fesselnden Buchs &#252;ber die Geburt des Gef&#228;ngnisses, aber zur Faszinationsgeschichte des Werks trugen sie nur zu einem Teil bei. Es scheint &#8211; zumindest auf einer &#228;sthetischen Ebene &#8211; dann doch eher die Vielseitigkeit und gleichzeitige Geschlossenheit von Foucaults Buch zu sein, die Eribon zu seiner Aussage verleitete. Denn kaum ein anderes Buch aus der Feder des Philosophen h&#228;lt auf eine derart souver&#228;ne Art die Balance zwischen historischer Studie (Geschichte der modernen Disziplinargesellschaften), theoretischer Reflexion (Theorie der Macht) und Gegenwartsbezogenheit (politische Agitation gegen das franz&#246;sische Gef&#228;ngnissystem). Und kaum eine andere Schrift von Foucault hat f&#252;r diese drei Bereiche so viel &#034;Foucault kompakt&#034; zu bieten wie <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic>. Wer das Buch liest, trifft auf schillernde S&#228;tze und Thesen, die im weiten Feld der Foucault-Rezeption zu gefl&#252;gelten Ausdr&#252;cken geworden sind: &#034;der Panoptismus&#034;, &#034;die produktive Seite der Macht&#034;, &#034;die Mikrophysik der Macht&#034;, &#034;die Technologie der Macht&#034;, &#034;die politische &#214;konomie des K&#246;rpers&#034;, &#034;die Seele: Gef&#228;ngnis des K&#246;rpers&#034; und nicht zuletzt auch Foucaults vielzitierte Absicht, mit seinem Buch &#034;die Geschichte der Gegenwart&#034; zu schreiben.</p>
<p>Zum vierzigj&#228;hrigen Jubil&#228;um der Ver&#246;ffentlichung von <italic>Surveiller et punir</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">1975</xref>) liegt nun ein von den Philosophen Marc R&#246;lli und Roberto Nigro herausgegebener Sammelband vor, der sich nochmals eingehend mit der im besagten Buch entwickelten Machtanalyse von Foucault auseinandersetzt.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Die meisten der im Band versammelten Aufs&#228;tze gehen auf eine im Juni 2015 in Wien stattgefundene Jubil&#228;umstagung zur&#252;ck, sodass man augenzwinkernd konstatieren kann, dass hier die Rhythmen der akademischen Erinnerungskultur ordnungsgem&#228;&#223; eingehalten wurden. Aber der Band von R&#246;lli und Nigro ist mehr als die blo&#223;e W&#252;rdigung eines bereits ausreichend kanonisierten Denkers, der mit <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> die g&#228;ngigen Begriffe des Machtdenkens und damit auch der politischen Theorie durcheinandergewirbelt hat. Es ist vielmehr die Frage nach Foucaults Aktualit&#228;t, also die Frage nach der Bedeutsamkeit seiner Machtanalyse f&#252;r unsere unmittelbare Gegenwart, die im Mittelpunkt des Interesses steht. Mit Foucault werfen die Herausgeber &#034;ein weiteres Mal die Frage auf, wie die aktuellen Machtverh&#228;ltnisse beschaffen sind, die &#39;uns&#39; [&#8230;] in ihrem Bann halten. Welche Aktualit&#228;t besitzen die Analysen der Disziplinierung noch heute, mit denen Foucault vor 40 Jahren Aufsehen erregte und eine breite Wirksamkeit entfalten konnte? Wie l&#228;sst sich das Verh&#228;ltnis von Bio- und Disziplinarmacht in der Gegenwart bestimmen? Welche neuen Machtformen sind entstanden &#8211; und mit welchen begrifflichen Mitteln k&#246;nnen sie erschlossen werden?&#034; (S. 12)</p>
<p>Nach der Aktualit&#228;t von bestimmten in der Vergangenheit erfolgten und im Falle von Foucaults Machtdenken doch relativ fr&#252;h und breit rezipierten Thesen, Konzepten und Analysen zu fragen, ist leichter gesagt als getan. Was hei&#223;t eigentlich &#034;Aktualit&#228;t&#034;? Was &#034;aktualisiert&#034; man eigentlich genau? Und welchen Effekt hat ebenjene &#034;Aktualisierung&#034;? Dadurch, dass Foucault ja bereits einen gewissen Klassikerstatus in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften besitzt, kommen weitere bohrende Fragen hinzu: Sind nicht alle Klassiker per definitionem immer schon aktuell? Oder sind sie im Gegenteil nicht sogar in genau dem Moment &#252;berholt, in dem sie zum Klassiker ernannt werden, weil sie sp&#228;testens dann nicht mehr wirklich gelesen werden, sondern nur noch in Zitierkartellen unterwegs sind?</p>
<p>Bevor die insgesamt zehn Beitr&#228;ge des Sammelbands die Frage nach der Aktualit&#228;t von Foucaults Machtanalyse jeweils f&#252;r sich in Angriff nehmen, finden sich in der Einleitung der zwei Herausgeber die f&#252;r einen solchen Anspruch notwendigen, vorbereitenden Schritte. Zuallererst pr&#228;sentieren sie in kurzen, aber kraftvollen Z&#252;gen <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> als wichtigen &#034;Dreh- und Angelpunkt der intellektuellen Biographie Foucaults&#034; (S. 8). Mit der Kritik des Souver&#228;nit&#228;tsbegriffs und dem Thema der Disziplinen, mit den Fragen nach der politischen Anatomie des K&#246;rpers und den Subjektivierungsweisen er&#246;ffne Foucaults Buch n&#228;mlich Perspektiven, die auch f&#252;r seine anderen und sp&#228;teren Arbeiten enorme Bedeutung bes&#228;&#223;en. Besondere Erw&#228;hnung finden in dieser historischen Kontextualisierung Foucaults Vorlesungen am Coll&#232;ge de France zwischen 1971 und 1976, wie beispielsweise <italic>Die Strafgesellschaft</italic> aus dem Jahre 1973, die um &#228;hnliche Themengebiete wie <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> kreisen.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> Die Vorlesungen sind damit eine geeignete Quelle, um Foucaults Ausarbeitung der Machtanalyse schrittweise nachzuvollziehen.</p>
<p>Gleichzeitig werden durch die Publikation der Vorlesungen ganz neue Wege f&#252;r die zeitgen&#246;ssische Forschung er&#246;ffnet. R&#246;lli und Nigro rei&#223;en einen dieser Wege nur kurz an, und zwar entlang der von Foucault in <italic>Die Strafgesellschaft</italic> entwickelten Analyse der politischen Technologien, durch die die Menschen an den Produktionsapparat gebunden werden konnten. Indem Foucault hier zeige, dass die menschliche Beweglichkeit seit den Anf&#228;ngen des Kapitalismus unter die Kontrolle der Regierungspraktiken gekommen sei, dass Lebensformen und Existenzmodi gez&#252;gelt und das Asylrecht bzw. die Rechtstellung auf der Flucht untergraben w&#252;rden, seien diese Analysen heute im Kontext der Migrationsforschung und Migrationsbewegungen wichtig, weil sie migrationspolitische Entscheidungsprozesse zu erkl&#228;ren helfen. Welche migrationspolitischen Entscheidungsprozesse und welche Lebensformen das genau sind, erf&#228;hrt man in dem kurzen Abschnitt leider nicht. Das ist etwas schade, da ein ausf&#252;hrlicherer Bezug auf das hochaktuelle Migrationsthema ein willkommenes und auch &#252;berzeugendes Anschauungsbeispiel f&#252;r Foucaults Aktualit&#228;t h&#228;tte darstellen k&#246;nnen.</p>
<p>Ein wesentlicher Teil der Einleitung ist stattdessen der weitl&#228;ufigen und nicht minder wichtigen Rezeptionsgeschichte von <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> gewidmet, denn zwischen 1975 und 2015 ist einges an Foucault-Forschung passiert, die man nicht unber&#252;cksichtigt lassen sollte, wenn man zwischen Foucaults Buch &#252;ber das Gef&#228;ngnis und der unmittelbaren Gegenwart Anschl&#252;sse sucht. &#034;Um die verstrichenen 40 Jahre nicht unbemerkt vorbeiziehen zu lassen&#034;, rekapitulieren R&#246;lli und Nigro drei bedeutende Einw&#228;nde gegen Foucaults machtanalytische Theorie, die sie als &#034;praxistheoretisch&#034; bezeichnen (S. 9): Es handelt sich einmal um Michel de Certeaus Versuch, allt&#228;gliche Praktiken als subversives Gegengewicht zu den Mechanismen der Disziplinierung einzubeziehen, zum anderen um Gilles Deleuze&#39; Vorschlag, das Spektrum der Machtypenlehre von &#034;Disziplin&#034; in Richtung &#034;Kontrolle&#034; zu erweitern und schlie&#223;lich um Bruno Latours Kritik an Foucaults Verwendung des Machtbegriffs.</p>
<p>Auf die erhellende Rekapitulation der drei selbst schon klassisch wirkenden Einw&#228;nde folgt sodann eine knappe Skizze des gegenw&#228;rtigen Rezeptionsfeldes, wo sich in den letzten Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien im Umgang mit Foucaults Machtdenken etablieren konnten. Diese reichen von einer Neugewichtung der Souver&#228;nit&#228;ts- und der Biomacht &#252;ber die Ankn&#252;pfung an den Begriff der &#034;Gouvernementalit&#228;t&#034; bis zu spezifischen Neuausrichtungen der kritischen Gesellschafts- und Kapitalismustheorien. Gerade im Bereich der soziologischen Gegenwartsdiagnose tun sich neue Perspektiven und Diskussionen auf, die dennoch die Machtfrage im Blick behalten. So treten beispielsweise der &#034;Disziplinargesellschaft&#034; bzw. der &#034;Normalisierungsgesellschaft&#034; mit neuartigen Machtformen operierende Gesellschaftstypen zur Seite, die je nach Perspektive als &#034;Risikogesellschaft&#034; oder &#034;Netzwerkgesellschaft&#034; bezeichnet oder auch mit den Dispositiven der &#034;Beschleunigung&#034;, der &#034;Sicherheit&#034; und der &#034;Kreativit&#228;t&#034; erfasst werden. Vor allem die drei letztgenannten Stichw&#246;rter signalisieren hier beim Lesen, dass man nun in der Gegenwart angekommen ist, zumindest in der akademischen: Denn mit diesen Etiketten sind, wie man wei&#223;, zentrale Topoi der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen gemeint, die in den letzten Jahren die akademischen Diskussionen und Forschungsperspektiven mitbestimmt haben.</p>
<p>Die einzelnen Beitr&#228;ge des Sammelbands schlie&#223;en gr&#246;&#223;tenteils an diese gegenw&#228;rtigen Forschungen und Diskussionen an. Ein Blick auf Autoren- und Inhaltsverzeichnis verr&#228;t, dass hier durchaus Kennerinnen und Kenner des Foucault&#39;schen Werks vertreten sind, die die Frage der Aktualit&#228;t von Foucaults Machtanalyse meistens entlang eines Themas behandeln, &#252;ber das sie bereits in der vergangenen Zeit gearbeitet haben. So erl&#228;utert Joseph Vogl im kritischen Anschluss an Foucaults Studien zur Gouvernementalit&#228;t das Finanzwesen als zwar vernachl&#228;ssigten, aber bedeutenden Aspekt der neuzeitlichen &#214;konomisierung des Regierens.<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> Andreas Gelhard widmet sich dem Thema der Pr&#252;fungstechniken in Foucaults Werk und dar&#252;ber hinaus.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> Maria Muhle analysiert in ihrem Beitrag &#252;ber das Infame zwischen Disziplin und Biopolitik Figuren des &#034;Minderen&#034; in Foucaults Denken.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Martin Saar rekonstruiert Foucaults in <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> vorgelegtes Machtdenken, indem er die neuartig produktive Machtform der Disziplin in ihrer besonderen Eigenart der Immanenz ausfindig macht.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Roberto Nigro widmet sich den Wahrheitsregimen, w&#228;hrend sich Marc R&#246;lli mit der Relevanz des anthropologischen Diskurses f&#252;r die Strategien der Disziplinierung und f&#252;r das Dispositiv der Sexualit&#228;t besch&#228;ftigt. Die AutorInnen bringen also Ihre Expertisen ins Spiel, wenn es um die Aktualit&#228;t von Foucaults Machtanalyse geht.</p>
<p>An dieser Stelle ist es nicht m&#246;glich, jeden einzelnen Beitrag im Detail zu w&#252;rdigen und zu besprechen. Daher m&#246;chte ich mich auf zwei Aufs&#228;tze konzentrieren, die sich auf anschauliche und nachdr&#252;ckliche Weise dem eingangs aufgestellten Aktualit&#228;tsanspruch stellen. Bei dem ersten Beispiel handelt es sich um den Text des Soziologen Andreas Reckwitz mit dem Titel &#034;Die Transformation der Sichtbarkeitsordnungen: Vom disziplin&#228;ren Blick zu den kompetitiven Singularit&#228;ten&#034; F&#252;r Reckwitz liefert Foucaults Studie <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> im Kern die Analyse einer Sichtbarkeitsordnung, wodurch sie sowohl aktuell als auch &#252;berholt sei. Aktuell sei das Buch dadurch, dass sich Foucaults Analytik einer spezifischen Ordnung des Sichtbaren, wie er sie f&#252;r die Disziplinargesellschaft durchgef&#252;hrt habe, als Inspirationsquelle f&#252;r die Rekonstruktion von Sichtbarkeitsordnungen der sp&#228;tmodernen Gegenwartgesellschaft nutzbar machen lasse. Gleichzeitig sei Foucaults Buch &#252;berholt und bed&#252;rfe einer Aktualisierung, denn die Gegenwartgesellschaft folge nicht mehr, zumindest nicht im Kern den Mechanismen des disziplin&#228;ren Blicks. F&#252;r Reckwitz stellt sich damit die Frage des Strukturwandels vom disziplin&#228;ren Regime zu einem wom&#246;glich post-disziplin&#228;ren Blick im 21. Jahrhundert: &#034;Wie haben sich die gesellschaftlichen Sichtbarkeitsordnungen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ver&#228;ndert? Welche Transformation des Sozialen ist damit einhergegangen?&#034; (S. 197) Reckwitz&#39; These lautet, dass im 20. Jahrhundert eine tiefgreifende Transformation der Strukturprinzipien, der kulturellen Legitimationsformen und der affektiven Erregungsstrukturen stattgefunden hat. In der Gegenwartsgesellschaft ergibt sich eine komplexe Gemengelage von Sichtbarkeitsordnungen, die weit &#252;ber das disziplin&#228;re Blickregime hinausgeht, das Foucault f&#252;r das 18. Jahrhundert im Auge hatte. Die historisch folgenreiche &#220;berlagerung des klassischen Komplexes der Rationalisierung und Disziplinierung durch jenen der Kulturalisierung und Singularisierung hat Reckwitz zufolge zur Entstehung einer Sichtbarkeitsordnung kompetitiver Singularit&#228;ten gef&#252;hrt, die immer wieder durch eine Politisierung der Sichtbarkeit herausgefordert wird. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgehen, dass Reckwitz in seinem Beitrag zu Foucaults Aktualit&#228;t vieles von dem ein- und verarbeitet, was er in seinem Buch <italic>Die Gesellschaft der Singularit&#228;ten</italic> ausf&#252;hrlich entfaltet hat.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref></p>
<p>Einen etwas anderen Blickwinkel auf das Thema der Sichtbarkeitsordnungen bei Foucault und in der Gegenwart w&#228;hlt hingegen die Darmst&#228;dter Philosophin Petra Gehring in ihrem lesenswerten Beitrag mit dem Titel &#034;Das invertierte Auge: Panopticon und Panoptismus&#034;. Gehring wendet sich zun&#228;chst gegen einige g&#228;ngige Rezeptionsklischees des sogenannten &#39;Panoptismus&#39;, die sich vor allem innerhalb der <italic>Surveillance Studies</italic> gegenw&#228;rtig verselbstst&#228;ndigen. Das von Foucault analysierte Panopticon, der auf &#220;bersicht angelegte &#220;berwachungsbau, werde in der &#220;berwachungsforschung allzu oft als Sinnbild des Digitalzeitalters gelesen. In allen verhaltenskritischen und konsumrelevanten Alltagssph&#228;ren Daten zu sammeln, erscheint als so etwas wie eine panoptische Praxis, die den &#246;ffentlichen Raum im Ganzen durchdringt. Techniken und Ph&#228;nomene wie Video&#252;berwachung, automatisierte Gesichtserkennung, Bewegungserkennung, Nutzerspuren im Netz und digitaler Zahlungsverkehr lassen alle an eine Bentham&#39;sche Transparenzmaschinerie denken. Letztere scheint f&#252;r die <italic>Surveillance Studies</italic> einer Fr&#252;hform individualisierender Totalerfassung zu gleichen oder liefert mindestens einen Vergleichsfall, der die Besonderheiten heutiger durch Digitaltechnologie versch&#228;rften &#220;berwachung beispielhaft aufzeigt. Das hat laut Gehring unter anderem auch zur Folge, dass sich am Leitmotiv der kreisrunden Anstalt mit ihren von &#252;berall einsehbaren Zellen &#034;ein Furor der Bild- und Sichtbarkeitsforschung&#034; (S. 36f.) entz&#252;ndet habe.</p>
<p>Diesen wirkm&#228;chtigen Deutungen durch die <italic>Surveillance Studies</italic> wirft Gehring nun vor, dass sie Foucaults Analyse fr&#252;hmoderner Anstalts-Reformbauten an einer zentralen Stelle verfehlt gelesen und so letztlich das Panopticon kurzschl&#252;ssig verstanden h&#228;tten. Das Panoptismuskapitel werde &#034;visualistisch oder sichtbarmachungslastig&#034; gewendet, so dass sich die Vorstellung einer durch die panoptische N&#246;tigung bewirkten Internalisierung eines Bewacherblicks etabliere, der dann gleichsam von innen her, machtvoll und subjektkonstitutiv, wirksam w&#252;rde. Laut Gehring wird dadurch eine historisch, aber auch systematisch entscheidende Pointe von Foucaults Analyse verfehlt: &#034;Beim Panopticon handelt es sich zwar um eine perfide Technik der Blicklenkung. Es handelt sich eigentlich aber eben auch um ein Arrangement, das der Entwertung des Blicks Vorschub leistet, weil es vielmehr eine Art Verkehrung, ein Leerwerden, eine Invertierung des Auges bewirkt&#034; (S. 23) Dies geschieht nicht in fokussierender Manier (etwa individualisierend, sozialisierend) und auch nicht allsichtig, als omnipotenter Streublick nach &#252;berall, sondern im Wirkmodus der Nicht-Sichtigkeit, der Suspendierung und im Erl&#246;schen des Blicks. Gehring spricht von einer &#034;Invertierung&#034; des Auges &#8211; sowie der Blickfunktion &#252;berhaupt &#8211; als der eigentlichen Pointe des panoptischen Szenarios: das Auge des &#220;berwachers wird eher in ein funktionales Minimum hinein verkehrt als in den &#220;berwachten einzuwandern. &#034;Augenfixierte&#034; Panoptismus-Thesen w&#228;ren laut Gehring umzukrempeln. Und auch die &#252;ber das 19. Jahrhundert hinweg sich entfaltende Moderne k&#246;nne mit Foucault &#034;zwar gewiss alles andere, aber keineswegs eine Epoche des Auges sein&#034; (ebd.).</p>
<p>Gehring bleibt bei ihrer Kritik an den visualistischen Deutungen des Panopticons und ihrer These von der Invertierung aber nicht bei der Foucault-Exegese stehen, sondern wendet diese wieder auf die Gegenwart zur&#252;ck. Wenn die auf neue, digitale Techniken fokussierte &#220;berwachungskritik in der vermeintlich Foucault-konformen Annahme, dass &#220;berwachung &#034;sichtbar machen&#034; wolle, zu dem besagten Furor der Bild- und Sichtbarkeitsforschung f&#252;hrt, dann pl&#228;diert Gehring daf&#252;r, anstelle einer visualistischen Deutung vielmehr den Invertierungsvorgang besser zu verstehen:</p>
<disp-quote>
<p>Mit dem Panopticon werden nicht visuelle Zugriffe optimiert, sondern jene so enorm aufwendige lokale Augenarbeit, welche die Macht des leibhaftigen Blicks begr&#252;ndet, wird rationalisiert &#8211; und zwar dergestalt, dass nun effektiver und effizienter eine blo&#223;e Funktionsstelle die M&#246;glichkeit des Gesehenwerdens garantiert. Auf brisante Weise &#39;modern&#39; w&#228;re das Panopticon von daher genau dort, wo es K&#246;rper mit Mitteln zu domestizieren lehrt, die nicht einer &#214;konomie des verinnerlichten Sehens, sondern einer &#214;konomie der <italic>Verzichtbarkeit</italic> des Auges gehorchen. Der virtualisierte Blick leistet letztlich einer Augenlosigkeit des Politischen Vorschub. Moderne Macht zeichnet aus, dass man dort, wo man die Macht vermuten muss, tats&#228;chlich <italic>niemals etwas sieht</italic>. (S. 39)</p>
</disp-quote>
<p>Wenn es also laut Gehring &#252;berhaupt sinnvoll ist, Benthams Panopticon zur Analyse moderner Machtverh&#228;ltnisse heranzuziehen, dann keineswegs dort, wo Subjektivierungsformen zum Thema gemacht werden (deren moderne Dom&#228;ne liegt bei den Pr&#252;fungstechniken oder in der im <italic>Willen zum Wissen</italic> geschilderten Sexualisierung des Begehrens). Aktualit&#228;t kommt stattdessen dem Entwurf einer &#214;konomie der Macht zu, die sich durch unsichtbare, diskursiv konstruierte, technisierte und in Datenfl&#252;ssen dezentralisierte Latenzph&#228;nomene auszeichnet.</p>
<p>In den Texten von Gehring und Reckwitz ist eine transparente und nachvollziehbare Auseinandersetzung mit der im Mittelpunkt des Sammelbands stehenden Frage nach der Aktualit&#228;t von Foucaults Machtanalyse erkennbar. F&#252;r manch andere Beitr&#228;ge gilt diese Beobachtung nicht im gleichen Ma&#223;e, so dass hier kritisch anzumerken ist, dass der eigens erhobene Aktualit&#228;tsanspruch nicht durchgehend erf&#252;llt wird. Zu viele Beitr&#228;ge &#252;ben sich eher in klassischer Foucault-Exegese, bei der der Hauptfokus auf der Rekonstruktion von Foucault&#39;schen Gedanken und deren anschlie&#223;ender Deutung liegt. Perspektiven auf gegenw&#228;rtige Ph&#228;nomene oder Fragen kommen so zu kurz oder werden sogar ganz unterlassen. Das w&#228;re unter anderen Umst&#228;nden nicht weiter problematisch, etwa wenn man von Beginn an die Aktualit&#228;tsanspr&#252;che etwas heruntergeschraubt h&#228;tte. Das f&#228;llt aber umso mehr ins Gewicht, je mehr man beim Lesen auf diese Gegenwartsbez&#252;ge wartet. Der Effekt einer solchen Schieflage ist nicht ungef&#228;hrlich, denn dadurch wird man mit der ketzerischen Frage konfrontiert, ob Foucault denn wirklich so aktuell sei oder nicht eher eine Ikone geworden ist, die gut und gerne als Stichwortgeber funktionieren mag, aber f&#252;r die Durchdringung heutiger Ph&#228;nomene nicht mehr anschlussf&#228;hig zu sein scheint. Man h&#228;tte sich also von den Beitr&#228;gen an der einen oder anderen Stelle durchaus mehr Mut zur Gegenwartsbeobachtung gew&#252;nscht (um diese ketzerische Frage &#252;berhaupt erst gar nicht aufkommen zu lassen). Immerhin: Dass es heutzutage prinzipiell durchaus noch m&#246;glich und auch produktiv ist, zeitgen&#246;ssische Machtverh&#228;ltnisse mithilfe des Foucault&#39;schen Werkzeugkastens zu entziffern, zeigt der Band allemal auf.</p>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Michel Foucault, <italic>Surveiller et punir. La naissance de la prison</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Paris: Gallimard, 1975 [dt. 1976]</xref>); Didier Eribon, <italic>Michel Foucault. Eine Biographie</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1999 [frz. 1989]</xref>), 335.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Marc R&#246;lli, Roberto Nigro (Hg.), <italic>Vierzig Jahre &#034;&#220;berwachen und Strafen&#034;. Zur Aktualit&#228;t der Foucault&#39;schen Machtanalyse</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bielefeld: Transcript, 2017</xref>). Im Folgenden durch Angabe der Seitenzahl in Klammern im Flie&#223;text zitiert.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Michel Foucault, <italic>Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Coll&#232;ge de France 1972&#8211;1973</italic>, &#252;bers. v. Andrea Hemminger (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Berlin: Suhrkamp, 2015 [frz. 2013]</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Joseph Vogl, <italic>Der Souver&#228;nit&#228;tseffekt</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Z&#252;rich, Berlin: Diaphanes, 2015</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Andreas Gelhard, <italic>Kritik der Kompetenz</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Z&#252;rich, Berlin: Diaphanes, 2011</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Maria Muhle, <italic>Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhem</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B5">M&#252;nchen: Wilhelm Fink, 2013</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Martin Saar, <italic>Die Immanenz der Macht. Politische Theorie nach Spinoza</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Berlin: Suhrkamp, 2013</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Andreas Reckwitz, <italic>Die Gesellschaft der Singularit&#228;ten. Zum Strukturwandel der Moderne</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Berlin: Suhrkamp, 2017</xref>).</p></fn>
</fn-group>
<ref-list>
<title>Bibliographie</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Eribon</surname>, <given-names>Didier</given-names></string-name>. <source>Michel Foucault. Eine Biographie</source>. <publisher-loc>Frankfurt/Main</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>1999</year> [frz. 1989].</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Foucault</surname>, <given-names>Michel</given-names></string-name>. <source>Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Coll&#232;ge de France 1972&#8211;1973</source>, &#252;bers. v. <string-name><given-names>Andrea</given-names> <surname>Hemminger</surname></string-name>. <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>2015</year> [frz. 2013].</mixed-citation></ref>
<ref id="B3"><label>3</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Foucault</surname>, <given-names>Michel</given-names></string-name>. <source>Surveiller et punir. La naissance de la prison</source>. <publisher-loc>Paris</publisher-loc>: <publisher-name>Gallimard</publisher-name>, <year>1975</year> [dt. &#220;berwachen und Strafen. Die Geburt des Gef&#228;ngnisses. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1976].</mixed-citation></ref>
<ref id="B4"><label>4</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Gelhard</surname>, <given-names>Andreas</given-names></string-name>. <source>Kritik der Kompetenz</source>. <publisher-loc>Z&#252;rich, Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Diaphanes</publisher-name>, <year>2011</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B5"><label>5</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Muhle</surname>, <given-names>Maria</given-names></string-name>. <source>Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhem</source>. <publisher-loc>M&#252;nchen</publisher-loc>: <publisher-name>Wilhelm Fink</publisher-name>, <year>2013</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B6"><label>6</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Reckwitz</surname>, <given-names>Andreas</given-names></string-name>. <source>Die Gesellschaft der Singularit&#228;ten. Zum Strukturwandel der Moderne</source>. <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>2017</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B7"><label>7</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>R&#246;lli</surname>, <given-names>Marc</given-names></string-name> und <string-name><surname>Nigro</surname>, <given-names>Roberto</given-names></string-name>, Hg. <source>Vierzig Jahre &#034;&#220;berwachen und Strafen&#034;. Zur Aktualit&#228;t der Foucault&#39;schen Machtanalyse</source>. <publisher-loc>Bielefeld</publisher-loc>: <publisher-name>Transcript</publisher-name>, <year>2017</year>. DOI: <pub-id pub-id-type="doi">10.14361/9783839438473</pub-id></mixed-citation></ref>
<ref id="B8"><label>8</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Saar</surname>, <given-names>Martin</given-names></string-name>. <source>Die Immanenz der Macht. Politische Theorie nach Spinoza</source>. <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>2013</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B9"><label>9</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Vogl</surname>, <given-names>Joseph</given-names></string-name>. <source>Der Souver&#228;nit&#228;tseffekt</source>. <publisher-loc>Z&#252;rich, Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Diaphanes</publisher-name>, <year>2015</year>.</mixed-citation></ref>
</ref-list>
</back>
</article>