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<journal-title>Le foucaldien</journal-title>
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<article-title>Latour, Foucault und das Postfaktische: Zur Rolle und Funktion von Kritik im Zeitalter der &#034;Wahrheitskrise&#034;</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>University of Vienna, AT</aff>
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>This paper scrutinizes Bruno Latour&#39;s critique of contemporary critical theory. According to Latour, poststructuralist conceptions of critical inquiry are increasingly behind the times: in our &#034;post-factual&#034; era, attempts to expose facts as results of power-laden processes of social construction play in the hands of obscurantist anti-scientific positions. Arguing at the same time against reductionist notions of objectivity, Latour proposes a new form of critical realism. While Latour plausibly advocates the necessity of widening our epistemological paradigm, we aim to show that his critique of poststructuralism is unjust and hyperbolic. Moreover, his own conception misses out on explicating the relationship between epistemology, power, and subjectivity. Therefore, we argue that a Foucauldian form of critique, as it allows to account for this relationship, is all but outdated. Rather, it remains a necessary critical device in the context of the present truth-crisis.</p>
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<kwd>critique</kwd>
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<title>1. Einleitung: Das Schicksal der Kritik angesichts des Postfaktischen</title>
<p>Zu Beginn seines 2012 erschienen Buches <italic>Existenzweisen</italic> f&#252;hrt Bruno Latour eine Anekdote an, die verdeutlichen soll, vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen wir derzeit stehen: Bei einem Treffen zwischen franz&#246;sischen Industriellen und Forscher*innen des <italic>Coll&#232;ge de France</italic>, bei dem der Klimawandel zur Debatte stand, wurde ein Professor mit der Frage konfrontiert, warum man ihm eher glauben solle als anderen. In einer f&#252;r Latour aufschlussreichen Weise beruft sich nun der Wissenschaftler in seiner Replik nicht auf Daten und Fakten, auf etablierte Verfahrensweisen und allgemeine Nachvollziehbarkeit, sondern moniert das fehlende Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen. Sowohl die Frage als auch die Antwort verbl&#252;ffen Latour, insofern der blo&#223;e Hinweis auf den Unterschied zwischen dem rationalen Verfahren der Wissenschaft und einem konspirativen Irrationalismus offensichtlich nicht mehr hinreiche, &#034;um die Dispute &#252;ber die Bestandteile der <italic>gemeinsamen</italic> Welt zu schlie&#223;en&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref></p>
<p>Latour adressiert damit den Problemkreis, der gegenw&#228;rtig unter dem Schlagwort des Postfaktischen breit diskutiert wird. Wenn vermeintlich s&#228;mtliche Ansichten gleich g&#252;ltig sind, werden demnach die Ergebnisse der Wissenschaften zusehends gleichg&#252;ltig. Im Post-Truth-Zeitalter st&#252;nden Meinungen neben Meinungen, ohne noch auf einen gemeinsam anerkannten Ma&#223;stab zu ihrem Vergleich und ihrer Bewertung rekurrieren zu k&#246;nnen. Latour besch&#228;ftigt diese Thematik bereits seit gut zwei Jahrzehnten. Schon zu Beginn der 2000er Jahre zeugen Latours Analysen von einem pr&#228;zisen Sensorium f&#252;r die aufkommende gesellschaftliche Problematisierung des Faktischen. Dabei nimmt Latour in mehreren Beitr&#228;gen &#220;berlegungen und Argumente der heutigen Postfaktizit&#228;tsdebatte vorweg und liefert eine genealogische Erl&#228;uterung sowie eine detaillierte Strukturanalyse dieser markanten Entwicklungen und Verschiebungen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der M&#246;glichkeit, dem Status und den Voraussetzungen von Gesellschaftskritik, wenn diese sich scheinbar nicht mehr damit begn&#252;gen darf, herrschende Ideologien und allgemein anerkannte Gegebenheiten als soziale Konstrukte zu entlarven. Denn damit w&#252;rde sie nach Latour gerade der prek&#228;ren Tendenz einer Unterminierung alles Faktischen unversehens in die H&#228;nde spielen und einer &#034;postfaktischen&#034; Beliebigkeit zuarbeiten, die jede profunde Kritik gerade verunm&#246;glicht.</p>
<p>In den folgenden Ausf&#252;hrungen m&#246;chten wir zun&#228;chst Latours Kritik zeitgen&#246;ssischer, insbesondere poststrukturalistischer Kritikverfahren sowie seine Konzeption einer neuen Form von Kritik, die zugleich mit einem neuen Realismus und einem komplexen Verst&#228;ndnis von Faktizit&#228;t und Dinglichkeit einhergeht, rekonstruieren und sie auf ihre Voraussetzungen und Implikationen hin befragen. Dabei soll deutlich werden, dass Latour mit seiner Emphase auf der Notwendigkeit, einen komplexen und kritischen Begriff von Faktizit&#228;t und Realit&#228;t zur&#252;ckzugewinnen, durchaus den Nerv der Zeit trifft. Sein Pl&#228;doyer f&#252;r einen neuen Realismus, der nicht mehr auf isolierte Fakten, sondern vielmehr auf Dinge von Belang (<italic>matters of concern</italic>) abstellt, bietet einen Reflexionsrahmen, um jenseits immer noch vorherrschender positivistischer Engf&#252;hrungen in einer reichhaltigen Weise &#252;ber Faktizit&#228;t nachzudenken. Dennoch wird unser Nachvollzug von Latours &#220;berlegungen zeigen, dass diese in einer hyperbolischen und letztlich nicht haltbaren Weise alle gegenw&#228;rtigen Spielarten kritischer Theoriebildung dem Generalverdacht eines naiven, gleichsam &#034;postfaktischen&#034; sozialen Konstruktivismus unterstellen. Entgegen Latours Pauschalkritik an poststrukturalistischen Kritikmodellen soll daher in einem zweiten Schritt exemplarisch mit Blick auf Michel Foucault gezeigt werden, dass dessen genealogisch-kritischer Analyserahmen nicht nur Latours Anspr&#252;chen an ein kritisches Denken auf der H&#246;he unseres (&#034;postfaktischen&#034;) Zeitalters gen&#252;gen kann, sondern auch Aspekte zu ber&#252;cksichtigen vermag, die in Latours eigenem Ansatz au&#223;en vor gelassen werden. Denn w&#228;hrend Latours neuer Realismus sich letztlich auf die Erweiterung einer epistemologischen Perspektive beschr&#228;nkt, erlaubt es eine Foucault&#39;sche Herangehensweise, epistemische Problemstellungen mit ihren politischen, sozialen, &#246;konomischen und machtdiskursiven Bedingungslagen in ein Verh&#228;ltnis zu setzen, ohne dadurch erstere auf letztere zu reduzieren.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Latours Anspruch: Unterwegs zu einem neuen Realismus</title>
<p>In seinem 2004 auf Englisch erschienenen Beitrag &#034;Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern&#034;, der 2007 auf Deutsch unter dem Titel <italic>Das Elend der Kritik</italic> publiziert wurde, zeichnet Latour ein d&#252;steres Bild der intellektuellen Szene der Gegenwart: Wissenschaftstheoretische Einsichten &#8211; dass es beispielsweise keinen unvermittelten Zugang zu Wahrheitsfragen gibt, da das eigene (gleichsam unaufl&#246;sliche) Kategoriensystem und die eigene (wiederum uneinholbare) Situiertheit unsere Weltansicht mitbestimmen &#8211; haben jede Frage nach objektiven Fakten umfassend konterkariert. Unversehens haben diese &#220;berlegungen Eingang in ganz andere Diskurse gefunden und sind nun Latours Einsch&#228;tzung nach daf&#252;r mitverantwortlich, dass im allgemeinen Bewusstsein die Wissenschaft gegenw&#228;rtig nicht mehr Gewicht besitzt als an den Haaren herbeigezogene Verschw&#246;rungstheorien:</p>
<disp-quote>
<p>Nat&#252;rlich stellen wir Akademiker etwas gehobenere Anspr&#252;che &#8211; wir sprechen von Gesellschaft, Diskurs, Wissen-Schr&#228;gstrich-Macht, von Kraftfeldern, von Imperien, vom Kapitalismus &#8211;, w&#228;hrend Verschw&#246;rungstheoretiker lieber das Bild eines lumpigen Haufens von gierigen Typen mit finsteren Absichten entwerfen, aber ich finde beunruhigende &#196;hnlichkeiten sowohl in der Struktur der Erkl&#228;rung, in der ersten Bewegung von Unglauben und weiter in der Berufung auf kausale Erkl&#228;rungen, die aus irgendwelchen finsteren Abgr&#252;nden stammen.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref></p>
</disp-quote>
<p>Verantwortlich f&#252;r diesen nivellierenden Umgang mit Wissen zeichnet f&#252;r Latour in erster Linie der Poststrukturalismus.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> Seiner Ansicht nach hat sich dieser selbst in einer alarmierenden Weise in die N&#228;he von konspiratistischen Behauptungen gebracht, indem jedes Kriterium wissenschaftlicher Evidenz einem allgemeinen Verdacht unterzogen wurde. Sein Text changiert dabei zwischen Selbstkritik &#8211; denn schlie&#223;lich haben wir Latour beeindruckende Reflexionen &#252;ber den Konstruktionscharakter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verdanken<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> &#8211; und einer expliziten Abrechnung mit Denkans&#228;tzen der Diskursanalyse, des sozialen Konstruktivismus und der Dekonstruktion. In einem polemischen Ton h&#228;lt er fest, dass nachgerade diese Theoriebildungen daran beteiligt sind, dass nunmehr der kritische Geist keinen Zugriff mehr auf gegenw&#228;rtige Verh&#228;ltnisse besitzt. Die Einsicht in die Relativit&#228;t und Konstruiertheit von Fakten ist in den Zeiten von Post-Truth und Fake-News allzu selbstverst&#228;ndlich geworden, sodass den rezenten Spielarten der Sozialkritik franz&#246;sischer Provenienz l&#228;ngst eine zu problematisierende Patina des Unzeitgem&#228;&#223;en innewohne. Mit aller Deutlichkeit bringt Latour daher seine Sorge zum Ausdruck, dass diese Analysen und Kritikmodelle, insofern sie wesentlich auf eine Infragestellung vermeintlich gegebener und unab&#228;nderlicher Fakten abstellen, nicht mehr in der Lage seien, solide wissenschaftliche Ergebnisse von x-beliebigen Annahmen zu unterscheiden. Leitmotivisch wiederholt er dabei die Frage, was denn aus der Kritik geworden sei.</p>
<p>Um dem Unterfangen nachzukommen, den kritischen Geist nicht einfach fahren zu lassen, sondern ihn erneut zu sch&#228;rfen, m&#246;chte Latour einerseits das Inventar der kritischen Analyse &#252;berpr&#252;fen und andererseits nochmals sein urspr&#252;ngliches Vorhaben pr&#228;zisieren. Denn es war von seiner Seite, wie er festh&#228;lt, nie intendiert, &#034;von den Fakten <italic>loszukommen</italic>, sondern n&#228;her an sie <italic>heranzukommen</italic>&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> In diesem Zusammenhang insistiert Latour auf der Notwendigkeit eines <italic>neuen Realismus</italic>, der sich nicht mehr lediglich auf blo&#223;e Tatsachen (<italic>matters of fact</italic>) bezieht, sondern vielmehr auf Dinge von Belang (<italic>matters of concern</italic>) fokussiert.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Von diesem <italic>Deuteros Plous</italic> &#8211; der Umstellung von den <italic>matters of fact</italic> zu den <italic>matters of concern</italic> &#8211; verspricht sich Latour nicht nur eine vielschichtige Erfahrung, sondern auch ein Ethos, das den Reichtum der Welt sch&#252;tzt und pflegt. Davon ausgehend soll Kritik in einer gewandelten Form wieder an Kraft gewinnen: eine Kritik, die nicht nur isoliert einzelne Objekte behandelt, sondern die Komplexit&#228;t der Gegenst&#228;nde ernst nimmt und sie bewahrt. Anleihen f&#252;r dieses Vorhaben sowie f&#252;r die Bestimmung seines zentralen Begriffs der <italic>matters of concern</italic> nimmt Latour bei Heideggers Inblicknahme dessen, was dieser in seinem Sp&#228;twerk &#034;Ding&#034; respektive &#034;Geviert&#034; nennt. Um Latours Neukonzeption des Realismus in einer zureichenden Weise nachvollziehen zu k&#246;nnen, seien daher zun&#228;chst die wesentlichen Aspekte von Heideggers Denken des Dinges in Erinnerung gerufen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Heidegger &#252;ber das Gegebene: Von der &#034;Bewandtnisganzheit&#034; zum &#034;Geviert&#034;</title>
<p>Heidegger fragt zun&#228;chst ganz grunds&#228;tzlich danach, wie uns Dinge in und aus einer Welt begegnen. Dabei steht das Anliegen im Hintergrund, reduktionistische Ausd&#252;nnungen von Empirie zur&#252;ckzuweisen und einen Sinn f&#252;r die Reichhaltigkeit und Vielgestaltigkeit von (gegenst&#228;ndlicher) Erfahrung zu gewinnen bzw. zur&#252;ckzugewinnen. Heidegger geht es dabei darum zu zeigen, dass Dinge letztlich niemals als das nackte Vorhandensein eines Objekts erfahren werden, das einer funktionalen Dienlichkeit oder Verwertbarkeit unterstellt werden k&#246;nnte. Eine solche verk&#252;rzte Auffassung von Empirie m&#246;chte Heidegger in ihrer gemeinhin akzeptierten Selbstverst&#228;ndlichkeit aufbrechen und dabei den Dingen ein St&#252;ck weit ihre Vielf&#228;ltigkeit und damit die F&#252;lle von Erfahrungsm&#246;glichkeiten zur&#252;ckgeben, indem er jeweils ihre konstitutive Relationalit&#228;t, d.h. ihre Stellung in einem Geflecht mannigfacher Bez&#252;ge herausarbeitet.</p>
<p>Bereits in <italic>Sein und Zeit</italic> war Heidegger kritisch der Tendenz nachgegangen, alles Seiende gem&#228;&#223; einer Ontologie der Vorhandenheit auszulegen. Damit ist die &#8211; nach Heidegger in der Neuzeit immer weiter umgreifende &#8211; Disposition gemeint, Dinge als isolierte, aus allen Bez&#252;gen und Relationen losgel&#246;ste Objekte zu begreifen, die sich einem ebenso unbez&#252;glichen und gleichsam autarken Subjekt umstandslos pr&#228;sentieren.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Weltbezug ist im Rahmen einer solchen reduzierten Konzeption des Verh&#228;ltnisses von Subjekt und Objekt f&#252;r Heidegger nicht zu denken. Gerade auf den Aufweis, dass unser Verh&#228;ltnis zum Gegebenen immer schon in weitaus komplexeren Zusammenh&#228;ngen steht, zielt Heideggers ber&#252;hmtes Werkstatt-Beispiel aus <italic>Sein und Zeit</italic> ab: In der Werkstatt einen Hammer zu ergreifen, hei&#223;t mitnichten, zun&#228;chst ein blo&#223;es faktisches Sinnesdatum zu registrieren und dann den Hammer als ein bestimmtes Objekt zu erkennen, sondern man gebraucht ihn beispielswiese, um einen Nagel in die Wand zu schlagen. Der Hammer begegnet uns als ein &#034;Zeug&#034;, mit dem etwas bewerkstelligt werden kann. Er ist als solches eingebunden in eine offene Mannigfaltigkeit von Bez&#252;gen (Heidegger spricht hier von einer &#034;Zeug-&#034; bzw. &#034;Bewandtnisganzheit&#034;<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref>), aus denen er in seinem spezifischen Gebrauch verstanden wird. So verweist der Hammer auf die anderen Werkzeuge der Werkstatt, aber &#8211; durch seine bestimmte Form &#8211; auch auf die k&#246;rperliche Verfasstheit seiner Benutzer*in, auf eine bestimmte Verwendbarkeit, auf damit verbundene T&#228;tigkeiten und M&#246;glichkeiten, die ihrerseits eine Geschichte haben, er verweist auf seine Hersteller*in, auf die Naturmaterialien, aus denen er zusammengesetzt ist usw.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref></p>
<p>In seinen sp&#228;teren Schriften reformuliert und radikalisiert Heidegger diese Konzeption einer umfassenden Relationalit&#228;t und Historizit&#228;t alles Gegenst&#228;ndlichen. Besonders deutlich wird dies daran, dass ab Mitte der 1940er Jahre &#034;Ding&#034; &#8211; nunmehr abgeleitet vom althochdeutschen &#034;thing&#034; &#8211; im Sinne einer <italic>Versammlung</italic> verstanden wird.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Damit versucht Heidegger deutlich zu machen, dass selbst vermeintlich einfachste Gegenst&#228;nde nicht als dem Subjekt umstandslos zur Verf&#252;gung stehende Objekte aufgefasst werden k&#246;nnen, sondern im Gegenteil stets ein umfassendes Geflecht von Bez&#252;gen in sich versammeln. Heidegger belegt dies exemplarisch an einem Krug:<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref> So ist der Krug nicht nur (von jemandem) get&#246;pfert worden und verweist insofern auf eine Hersteller*in und eine Herstellung; dar&#252;ber hinaus werden durch den Krug auch die Trinkenden und das Getr&#228;nk (nat&#252;rlich ist es bei Heidegger ein Wein) in ein bestimmtes Verh&#228;ltnis ger&#252;ckt. Im Weiteren ist auch auf das Gedeihen der Reben auf fruchtbaren B&#246;den und auf die Gunst der Witterung verwiesen.<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> Terminologisch bezeichnet Heidegger dieses Bezugsgeflecht als &#034;Geviert&#034;, das in jedem Ding &#034;G&#246;tter und Sterbliche, Himmel und Erde&#034; &#8211; moderner formuliert: alle Pole m&#246;glicher Bezugsweisen &#8211; in eine Versammlung choreographiert. Die damit verbundene zentrale These lautet: <italic>Vernehmen von etwas hei&#223;t immer Mit-Vernehmen von anderem</italic>. Dieses &#252;berbordende Mit der assoziierten Verh&#228;ltnisse kann nicht mehr auf ein simples Objekt oder ein einfaches (Sinnes-)Datum zur&#252;ckgef&#252;hrt, sondern muss hinsichtlich seiner divergenten Relationen, die uns angehen und betreffen, gefasst werden. Zugleich gelingt es Heidegger mit diesen &#220;berlegungen, den transzendental-horizontalen Ansatz von <italic>Sein und Zeit</italic> (sowie &#8211; seiner Einsch&#228;tzung nach &#8211; der gesamten Husserl&#39;schen Ph&#228;nomenologie) hinter sich zu lassen, indem Welt nicht mehr vom Entwurf des menschlichen Daseins her gedacht wird, sondern die &#034;Sterblichen&#034; &#8211; deren Pluralit&#228;t Heidegger hier anzeigt, der er aber nicht weiter nachgeht &#8211; als ein Pol im Geviert fungieren.<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> Heidegger verfolgt damit, ohne dass Latour darauf Bezug nehmen w&#252;rde, nicht nur das Projekt einer Ph&#228;nomenologie des Dinges, sondern schreibt zugleich eine Theorie der Subjektivit&#228;t, die sich gegen das neuzeitliche Verst&#228;ndnis des Subjekts als souver&#228;nes und transparentes entschieden verwehrt. Am Ende unserer Ausf&#252;hrungen werden wir im Kontext von Foucaults Bestimmung der genealogischen Kritik auf diesen Aspekt nochmals zu sprechen kommen.</p>
</sec>
<sec>
<title>4. Ein neuer Begriff des Faktischen &#8211; und ein neuer Begriff der Kritik</title>
<p>Latour transponiert nun gekonnt Heideggers Einsichten zur Frage des Dinges in den Problemkontext unserer Gegenwart, indem er aufzeigt, in welch vielschichtigen Prozessen vermeintlich &#034;blo&#223;e&#034; Gegenst&#228;nde zu &#034;Dingen von Belang&#034; werden und wie umgekehrt &#034;Dinge von Belang&#034; zu einsinnigen und eindeutigen Gegenst&#228;nden gerinnen. Als Beispiel f&#252;r ersteres w&#228;hlt Latour dabei nicht wie Heidegger einen vergleichsweise einfachen, sondern einen h&#246;chst komplexen &#034;Gegenstand&#034;: die Raumf&#228;hre <italic>Columbia</italic> &#8211; vermeintlich ein perfekt beherrschtes, verstandenes und verf&#252;gbares technisches Objekt &#8211;, die 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosph&#228;re auseinandergebrochen und abgest&#252;rzt war. Die auf den Absturz folgenden Ereignisse &#8211; die technischen, wissenschaftlichen und juridischen Untersuchungen zur Ursache des Absturzes, die Trauerdiskurse und nicht zuletzt das ganz konkrete Sammeln und Versammeln der tausenden Tr&#252;mmer des Raumschiffs, die vielerorts in den USA gefunden wurden &#8211; machen deutlich, inwiefern &#034;pl&#246;tzlich und auf einen Schlag aus einem Gegenstand ein Ding geworden [war]&#034;:</p>
<disp-quote>
<p>[E]ine Tatsache, eine <italic>matter of fact</italic>, wurde als <italic>matter of concern</italic> gesehen, als Ding, das uns angeht. Wenn ein Ding ein Versammeln ist, wie Heidegger sagt, wie eindrucksvoll ist es dann zu sehen, wie es pl&#246;tzlich <italic>sich aufl&#246;sen</italic> kann. Wenn das &#034;Dingen des Dings&#034; ein Versammeln ist [&#8230;], wie k&#246;nnte es ein besseres Beispiel f&#252;r dieses Machen und Vernichten geben als diese Katastrophe mit der Entfaltung all ihrer Tausenden von Falten?<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref></p>
</disp-quote>
<p>Die gegenl&#228;ufige Bewegung &#8211; die Reduktion eines <italic>matter of concern</italic> auf ein <italic>matter of fact</italic> &#8211; illustriert Latour anhand der Entscheidung der US-Regierung f&#252;r einen Milit&#228;rschlag gegen den Irak. Bei den vielf&#228;ltigen &#220;berlegungen und Debatten im Vorfeld handelte es sich in der Tat um ein &#034;ein Thing &#8211; ein Thing mit Th&#034;,<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref> wobei diese gerade darauf abzielten, &#034;die Massen von Menschen, Meinungen und Macht zu einem einheitlichen, einm&#252;tigen, festen, beherrschten Objekt zu verschmelzen&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref> Diese Reduktion l&#228;sst sich beispielhaft an Collin Powells 2003 gehaltener Rede vor dem UN-Sicherheitsrat illustrieren, in der sich die &#034;Beweise&#034; f&#252;r die Notwendigkeit eines weiteren Irak-Kriegs medienwirksam in einem einzigen &#034;Objekt&#034;, einer Ampulle mit dem vermeintlichen Anthrax-Erreger, verdichteten.</p>
<p>An beiden Beispielen l&#228;sst sich nach Latour verdeutlichen, inwiefern es notwendig ist, die f&#252;r die Erkenntnistheorie der Moderne typische, reduktionistische Sichtweise der <italic>matters of fact</italic> zur&#252;ckzuweisen und Tatsachen und Gegenst&#228;nde im Sinne eines neuen Realismus &#034;in hochkomplexen, historisch situierten, au&#223;erordentlich facettenreichen <italic>matters of concern</italic>&#034;<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref> wieder anders und neu ausbuchstabieren zu lernen.<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref> Latour zeigt in der Folge auf, dass sich die zeitgen&#246;ssische akademische Kritik in erster Linie am Konstruktionscharakter der Fakten abarbeitete und vermeintlich gegebene Tatsachen auf deren machtges&#228;ttigte soziale Konstruktionsprozesse reduzierte, bis davon nichts mehr &#252;brigblieb und jegliche Fakten scheinbar als blo&#223;e M&#228;rchen entlarvt wurden. Latour weist dabei entschieden die Auffassung zur&#252;ck, seine eigenen wissenschaftssoziologischen Untersuchungen h&#228;tten auf eine ebensolche Entlarvung abgezielt:</p>
<disp-quote>
<p>Der Fehler w&#228;re der, anzunehmen, auch wir h&#228;tten eine soziale Erkl&#228;rung f&#252;r wissenschaftliche Tatsachen geliefert. Nein, obwohl es stimmt, da&#223; wir als gutgeschulte Kritiker zun&#228;chst versuchten, das R&#252;stzeug zu benutzen, das uns unsere Lehrer an die Hand gegeben hatten, um Religion, Macht, Diskurs und Hegemonie aufzubrechen &#8211; letzteres einer ihrer Lieblingsausdr&#252;cke, der &#034;zerst&#246;ren&#034; meinte. Aber gl&#252;cklicherweise (ja, gl&#252;cklicherweise!) merkten wir, einer nach dem anderen, da&#223; die Black Box der Wissenschaft verschlossen blieb und es stattdessen unsere Werkzeuge waren, die zerbrochen im Staub unserer Werkstatt lagen. Die Kritik war, einfach gesagt, nutzlos gegen&#252;ber Objekten von gewisser Solidit&#228;t.<xref ref-type="fn" rid="n19">19</xref></p>
</disp-quote>
<p>Der Gegen&#252;berstellung von Fakten (<italic>facts</italic>) im Sinne eines naiven, reduktionistischen Positivismus und der ebenso unbedarften Dechiffrierung dieser als M&#228;rchen (<italic>fairy</italic>) im Sinne eines naiven sozialen Konstruktivismus m&#246;chte Latour einen dritten &#8211; gleichsam <italic>fairen</italic> &#8211; Zugang entgegenhalten, der der Eigenheit und Eigenst&#228;ndigkeit der Dinge im genannten relationalen Sinne Rechnung tr&#228;gt und sich einem neuen Realismus verschreibt. Gew&#228;hrsmann f&#252;r diese neue Form von Kritik ist nun nicht Heidegger, der sich f&#252;r Latour mit der Inblicknahme der Ph&#228;nomenalit&#228;t der Lebenswelt einseitig in eine wissenschaftsfeindliche Haltung vergaloppiert, sondern &#8211; nicht minder &#252;berraschend &#8211; Alfred Whitehead, dem wir laut Latour die Wiedergewinnung eines komplexen Natur- und Dingverst&#228;ndnisses zu verdanken haben. Insbesondere in seinem Werk <italic>Der Begriff der Natur</italic> begn&#252;gt sich Whitehead nicht mit einer begrenzten Auswahl bestimmter paradigmatischer Naturobjekte, sondern macht deutlich, dass in jeder Analyse des Verhaltens zu Gegebenem die Pluralit&#228;t und Vielgestaltigkeit des Zutunhabens mit den Dingen ber&#252;cksichtigt werden muss, die uns verschiedenartig belangen und betreffen: &#034;F&#252;r uns mu&#223; das rote Gl&#252;hen des Sonnenuntergangs so sehr Teil der Natur sein wie die Molek&#252;le oder die elektrischen Wellen.&#034;<xref ref-type="fn" rid="n20">20</xref> In diesem Zusammentragen und Bewahren pluraler Zugangsweisen zeigt sich f&#252;r Latour ein neues Ma&#223; von Kritik: &#034;Der Kritiker ist nicht derjenige, der entlarvt&#034; &#8211; d.h. der vermeintlich Gegebenes auf die sozialen Bedingungen seiner Konstruktion zur&#252;ckf&#252;hrt und damit au&#223;er Geltung setzt &#8211;, &#034;sondern der, der versammelt&#034;<xref ref-type="fn" rid="n21">21</xref> &#8211; d.h. der das Bezugsgeflecht an Relationen nachzeichnet und gleichsam &#034;beh&#252;tet&#034;, durch welches ein Ding allererst zum Ding wird. Dieses neue Verst&#228;ndnis umschreibt Latour auch als behutsame Pflege von Zerbrechlichem, die der Vorsicht bedarf, um die Mehrdimensionalit&#228;t des Versammelten aufzuzeigen.</p>
<p>Auf die Proklamation &#034;Was w&#252;rde die Kritik leisten, wenn sie <italic>Mehr</italic> statt mit <italic>Weniger</italic>, mit <italic>Multiplikationen</italic> statt mit <italic>Subtraktion</italic> assoziiert werden k&#246;nnte!&#034;<xref ref-type="fn" rid="n22">22</xref> stellt Latour die M&#246;glichkeit in Aussicht, dass &#034;wir die Kritiker immer n&#228;her an die von uns geliebten <italic>matters of concern</italic> heranlassen und schlie&#223;lich zu ihnen sagen: &#39;Ja, fa&#223;t sie an, erkl&#228;rt sie entfaltet sie.&#39;&#034;<xref ref-type="fn" rid="n23">23</xref> Diese Inblicknahme der <italic>matters of concern</italic> soll es damit erlauben, uns wieder in einer kritischen Weise an die Mannigfaltigkeit der Dinge heranzuf&#252;hren, die Welt folglich nicht zu entzaubern und zu &#252;berf&#252;hren, sondern sie in ihrem Reichtum anzuerkennen.</p>
</sec>
<sec>
<title>5. Kontrapunkte: Epistemologie der Versammlung als neue Form von Kritik?</title>
<p>Wie bereits bemerkt, f&#228;llt an Latours Ausf&#252;hrungen auf, dass er sich kaum damit aufh&#228;lt, seine Vorw&#252;rfe gegen poststrukturalistische Kritikmodelle auch tats&#228;chlich an einschl&#228;gigen Texten festzumachen und zu belegen.<xref ref-type="fn" rid="n24">24</xref> Vielmehr vollzieht er selbst die seinen eigenen Ausf&#252;hrungen zufolge problematische Geste der Reduktion eines komplexen und strittigen Feldes (n&#228;mlich der in sich divergenten &#034;Versammlung&#034; gegenw&#228;rtiger Kritikmodelle) auf einen vermeintlich eindeutig handhabbaren &#034;Gegenstand&#034;. Damit folgt Latour mitnichten seiner eigenen Devise, als Kritiker nunmehr zu versammeln anstatt zu entlarven. Vielmehr wird die gesamte heterogene Landschaft zeitgen&#246;ssischer kritischer Theorie vorschnell zu einem Objekt verdichtet, als gescheitertes Projekt dechiffriert und damit gerade zu einem <italic>fact</italic> degradiert, den Latour zudem mit ein paar anschaulichen <italic>fairies</italic> garniert. Der von Latour selbst geforderte <italic>faire</italic>, mithin versammelnde Zugang bleibt gerade in Bezug auf die Kritik, d.h. den Gegenstand seiner eigenen kritischen Analyse, dagegen g&#228;nzlich au&#223;en vor.</p>
<p>Latours Text weist dabei auch in rhetorischer Hinsicht verst&#246;rende Elemente auf. Es ist nicht nur die bellizistische Rhetorik seiner Ausf&#252;hrungen, die martialisch unterschiedliche Kriegsszenarien an die Wand malt und an neue Waffen, Strategien, Gener&#228;le und Arsenale gemahnt,<xref ref-type="fn" rid="n25">25</xref> sondern seine Ausf&#252;hrungen verlieren sich bisweilen bis ins Nebul&#246;se. Gerade der herk&#246;mmlichen Kritik unterstellt er einen &#034;Kampf gegen die falschen Feinde&#034;, der dazu gef&#252;hrt habe, dass sie &#034;von der falschen Sorte Verb&#252;ndeter als Freunde betrachtet wurde[]&#034;,<xref ref-type="fn" rid="n26">26</xref> wobei es Latour unterl&#228;sst, diese Andeutungen genauer zu explizieren. Damit erlangt der Text selbst eine konspiratistische Dimension.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus l&#228;sst sich auch die implizite Diagnose einer ungewollten wirkm&#228;chtigen Komplizenschaft poststrukturalistischer Kritikmodelle mit postfaktischen rhetorischen Strategien der Leugnung wissenschaftlicher Tatsachen und Theorien in Zweifel ziehen. Durchforstet man beispielsweise das abstruse Online-Sammelsurium von Klimawandelskepsis- und Intelligent-Design-Portalen, so st&#246;&#223;t man zwar vereinzelt tats&#228;chlich auf Versuche, die sogenannte &#034;Postmoderne&#034; zur Verteidigung antievolution&#228;rer religi&#246;ser Propaganda in den Dienst zu stellen<xref ref-type="fn" rid="n27">27</xref> &#8211; wie auch auf harsche Zur&#252;ckweisungen aller solcher Affinit&#228;ten vonseiten der &#034;Kreationist*innen&#034;<xref ref-type="fn" rid="n28">28</xref> &#8211;, das Gros dieser Publizistik scheint sich jedoch gerade nicht bei &#034;postmodernen&#034; Konzepten zu bedienen, sondern vielmehr bei Grundthesen des wissenschaftstheoretischen Positivismus Anleihen zu nehmen. So wird der Forschung zum Klimawandel und der Evolutionstheorie bereits seit langem von &#034;skeptischer&#034; und &#034;religi&#246;ser&#034; Seite sowohl vorgeworfen, diese Theorien seien nicht falsifizierbar (und daher unwissenschaftlich)<xref ref-type="fn" rid="n29">29</xref> als auch gebetsm&#252;hlenartig ins Treffen gef&#252;hrt, es handle sich dabei eben um &#034;blo&#223;e Theorien&#034;,<xref ref-type="fn" rid="n30">30</xref> d.h. um &#034;falsifizierbare&#034;, mithin m&#246;glicherweise falsche Glaubenss&#228;tze.<xref ref-type="fn" rid="n31">31</xref> Kurz, und auch wenn es angesichts des im Kontext der Postfaktizit&#228;tsdebatte wieder <italic>en vogue</italic> gekommenen Postmoderne-Bashings erstaunen mag: Unfreiwilliger Pate dieser diversen Obskurantismen ist eher Popper als Lyotard, eher der Positivismus als die Postmoderne.<xref ref-type="fn" rid="n32">32</xref></p>
<p>Auch Latours schw&#228;chere These einer blo&#223;en &#034;Strukturanalogie&#034; (ohne tats&#228;chlich belegbarer Wechselwirkung) zwischen poststrukturalistischer Kritik und konspirativ-obskurantistischen Positionen kann man nur so lange einigerma&#223;en plausibel finden, wie man eine verw&#228;sserte und entstellend popularisierte Form dieser Kritik zugrunde legt. Sobald man sich dem &#338;uvre von Foucault, Lyotard, Derrida oder Butler tats&#228;chlich zuwendet, wird man dagegen &#8211; wie in der Folge anhand von Foucault exemplarisch verdeutlichen werden soll &#8211; nicht nur viele Thesen finden, die Latour f&#252;r seine eigene, strategisch gegen diese Ans&#228;tze in Stellung gebrachte Position in Anspruch nimmt,<xref ref-type="fn" rid="n33">33</xref> sondern dar&#252;ber hinaus auch Ressourcen an die Hand bekommen, um nicht zuletzt gerade diese prek&#228;ren Tendenzen der Gegenwart kritisch zu analysieren.<xref ref-type="fn" rid="n34">34</xref> Um dies genauer zeigen zu k&#246;nnen, sei zuvor noch auf einen inhaltlichen Aspekt von Latours eigener Konzeption einer neuen Kritik hingewiesen, der sich gerade angesichts avancierter poststrukturalistischer Positionen als problematisch erweisen wird, n&#228;mlich die Beschr&#228;nkung auf das Register des Epistemischen.<xref ref-type="fn" rid="n35">35</xref></p>
<p>Dabei sei zun&#228;chst nochmals hervorgehoben, dass Latour zu Recht entgegen eines reduktionistischen epistemologischen Paradigmas, dem zufolge die Erkenntnisrelation in dem Bezug eines isolierten Subjekts auf ein ebenso isoliertes Objekt bestehe, ein ungleich komplexeres Verst&#228;ndnis von Gegenstandsbezug ins Treffen f&#252;hrt. Als problematisch erweist sich hier f&#252;r Latour gerade die Vorstellung nackter Fakten, die uns letztlich ein falsches Bild von Erfahrung &#252;berhaupt vermittelt. <italic>Matters of fact</italic> sind demnach &#034;ein &#228;rmlicher <italic>Ersatz</italic> f&#252;r Erfahrung und Experiment&#034; sowie &#034;ein wirres B&#252;ndel aus Polemik, Epistemologie und moderner Politik, das in keiner Weise beanspruchen kann, zu repr&#228;sentieren, was von einer realistischen Haltung erfordert wird&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n36">36</xref> Ein Realismus des Versammelns wei&#223; folglich um das, was ein reduktionistischer Empirismus best&#228;ndig vergisst: dass alles Gegebene als solches ein Netz von Verh&#228;ltnissen voraussetzt und ohne diese Relationalit&#228;t gar nicht gedacht werden kann. F&#252;r das Projekt einer neuen Kritik h&#228;tte dies zur Konsequenz, dass Kritik nunmehr darin bestehen m&#252;sste, jene relationalen Geflechte sowohl gegen reduktionistische als auch gegen konstruktivistische und obskurantistische Einspr&#252;che zu verteidigen. Der obskurantistischen Leugnung des Klimawandels beispielsweise w&#252;rde eine solche neue Kritik nicht dadurch begegnen, dass sie &#8211; wie der empiristische Reduktionismus &#8211; blo&#223; auf vermeintlich bezugslose Daten hinweist und auch nicht &#8211; wie der Konstruktivismus &#8211; die Gemachtheit und Kontingenz aller faktischen Setzungen unterstreicht, sondern vielmehr explizit macht und sorgf&#228;ltig nachzeichnet, welche komplexen wissenschaftlichen, historischen, ethischen und sozialen Versammlungsprozesse notwendig sind, damit ein Gegenstand wie der Klimawandel zur Existenz kommen und in seiner Existenz anerkannt werden kann. Die Position des Kritikers w&#228;re damit, um mit Heidegger zu sprechen, gleichsam die eines &#034;Hirten des Seins&#034;.</p>
<p>Was hier unterbelichtet bleibt, ist zun&#228;chst der institutionelle Rahmen, innerhalb dessen sich ein derartiges Zusammentragen von Relationen und Pflegen von unterschiedlichen Zug&#228;ngen vollziehen kann. Latour suggeriert eine Aufl&#246;sung s&#228;mtlicher Diskrepanzen, sobald m&#246;glichst viele (nun doch nur etablierte Disziplinen) zu Wort kommen, wenn er schreibt, dass &#034;eine vielf&#228;ltige, mit den Werkzeugen von Anthropologie, Philosophie, Metaphysik, Geschichte und Soziologie betriebene Untersuchung [notwendig w&#228;re], um herauszufinden, <italic>wie viele Teilnehmer</italic> in einem <italic>Ding</italic> versammelt sind, damit es existieren und seine Existenz aufrechterhalten kann&#034;.<xref ref-type="fn" rid="n37">37</xref> Wie sich damit konkret Problemf&#228;lle &#8211; wie etwa die Bestreitung des Klimawandels &#8211; l&#246;sen lassen, bleibt dabei unklar &#8211; und zwar nicht nur, weil doch l&#228;ngst unterschiedliche Fachrichtungen innerhalb des kanonisierten Wissenschaftsbetriebs zusammenarbeiten. Noch schwerer scheint zu wiegen, dass sich hinter einer solchen versammelnden Kritik letztlich ein (wissenschafts-)p&#228;dagogisches Programm versteckt, insofern Latours Vorstellung zu sein scheint, es w&#252;rde hinreichen, der Klimawandelleugner*in nur m&#246;glichst detailliert und reichhaltig auseinanderzusetzen, wie es dazu gekommen ist (bzw. was versammelt hat werden m&#252;ssen), dass wir den Klimawandel als etwas Reales anerkennen.</p>
<p>Daran wird nicht zuletzt deutlich, dass Latours Konzeption eines neuen Realismus und einer neuen Kritik in keiner Weise strategische, mitunter &#246;konomische und politische Interessenslagen zu analysieren versucht, die an der Zirkulation des Postfaktischen &#8211; und hier beispielsweise ganz manifest an der Leugnung des Klimawandels &#8211; mitbeteiligt sind. Denn Latour beschr&#228;nkt sich in seinen Ausf&#252;hrungen auf eine Verschiebung innerhalb des epistemologischen Feldes &#8211; von den <italic>matters of fact</italic> zu den <italic>matters of concern</italic> &#8211; bzw. auf eine Ausweitung und Ausdifferenzierung des Begriffs der Objektivit&#228;t &#8211; vom blo&#223;en Ding zum Thing als Versammlung &#8211;, ohne dabei zu explizieren, in welchem Verh&#228;ltnis dieses erweiterte Konzept des Epistemologischen zum &#214;konomischen und zum Politischen, mithin zu den Sph&#228;ren gesellschaftlicher Macht, steht. Der Begriff der Macht kommt in der Tat in Latours Text kaum vor &#8211; und wenn, dann zumeist in ablehnend-distanzierender Verwendung. In seiner Polemik gegen die naiv-konstruktivistische Maschinerie der Entlarvung von Wissen als Macht sch&#252;ttet Latour damit gleichsam das Kind mit dem Bade aus. Denn anders als Latour nahelegt, muss die Frage nach dem Verh&#228;ltnis von Epistemologie und Macht schlie&#223;lich keineswegs darauf hinauslaufen, Epistemologie auf Macht zu reduzieren bzw. epistemische Relationen mit Machtrelationen zu identifizieren. Anders gesagt: Warum sollten Machtverh&#228;ltnisse &#8211; neben diskursiven Wissensformen, Mechanismen der Evidenzerzeugung, impliziten Subjektpositionen usw. &#8211; kein Teil der Versammlung sein, die ein Ding zum Ding macht? Auf der Irreduzibilit&#228;t und den zugleich f&#252;r Gegenst&#228;ndlichkeit ko-konstitutiven Charakter von Prozeduren der Wissens- und Wahrheitsproduktion, sozialen Machtensembles und Subjektivit&#228;tsformen hat niemand akribischer hingewiesen als gerade Michel Foucault. Das Defizit, das sich bei Latour somit aus einer einseitig epistemologischen Inblicknahme ergibt, soll daher nun justament mithilfe von Foucaults machtdiskursiven &#220;berlegungen behoben werden, die Latour voreilig als &#252;berholt abstempelt und in das Museum antiquierter Theorieans&#228;tze zu verbannen trachtet.</p>
</sec>
<sec>
<title>6. Zwischen Wahrheit, Macht und Subjektivit&#228;t: Retour zu Foucault</title>
<p>In unserem abschlie&#223;enden knappen Versuch, Foucaults Reflexionen einer kritischen Theoriebildung an Latours Anspr&#252;chen zu messen, stehen nicht, wie man vielleicht vermuten k&#246;nnte, Foucaults explizite und oft zitierte Ausf&#252;hrungen zur Kritik im Fokus der Aufmerksamkeit.<xref ref-type="fn" rid="n38">38</xref> Vielmehr m&#246;chten wir zwei Str&#228;nge aus Foucaults vielschichtigem &#338;uvre herausgreifen, von denen wir &#252;berzeugt sind, dass sie sich besonders gut dazu eignen, auf Latour zu antworten. Zun&#228;chst beziehen wir uns auf Foucaults &#220;berlegungen zum Komplex von Wissen und Macht, auf den Latour mehrmals in <italic>Das Elend der Kritik</italic>, wenn auch mit wenig Wertsch&#228;tzung, rekurriert. An diversen Texten Foucaults aus den 1970er Jahren l&#228;sst sich nicht nur ablesen, dass Foucault einen erkenntnistheoretisch h&#246;chst relevanten Paradigmenwechsel von der <italic>Untersuchung</italic> &#8211; Foucault bezeichnet sie als <italic>enqu&#234;te</italic> &#8211; hin zur <italic>Pr&#252;fung</italic> (<italic>examen</italic>) im Auge beh&#228;lt; dar&#252;ber hinaus sprengt er den rein epistemologischen Rahmen, indem &#8211; mit einem historischen Index versehen, der den aufkommenden Kapitalismus mit der b&#252;rgerlichen Rechtsordnung sowie der Etablierung der Humanwissenschaft in ein komplexes Verh&#228;ltnis setzt &#8211; konstitutiv machtdiskursive Verschiebungen ber&#252;cksichtigt werden, in denen &#246;konomische, politische und juridische &#220;berlegungen vor einem institutionentheoretischen sowie institutionenpraktischen Hintergrund zum Tragen kommen, die in Latours vornehmlich erkenntnistheoretischem Ansatz ausgeklammert werden.<xref ref-type="fn" rid="n39">39</xref> In einem zweiten Schritt greifen wir auf Foucaults sp&#228;te Vorlesungen zum antiken Begriff der <italic>parrhesia</italic> als einer Praxis des Wahrsprechens zur&#252;ck, die in unserem Zusammenhang insofern von besonderer Relevanz sind, als Foucault darin nicht nur das Geflecht von Wahrheit, Macht und Subjektivit&#228;t analysiert, sondern auch eine spezifische &#034;Wahrheitskrise&#034; in der griechischen Antike nachzeichnet.<xref ref-type="fn" rid="n40">40</xref></p>
<p>Foucault beschreibt die f&#252;r ihn entscheidende Neuausrichtung der Wissensformation vom Paradigma der Untersuchung zu dem der Pr&#252;fung in markanten Z&#252;gen: Sp&#228;testens mit Beginn des 19. Jahrhunderts ereignen sich, wie Foucault anschaulich nachzeichnet, diverse Verschiebungen, die dazu f&#252;hren, dass die Untersuchung ihre Vorrangstellung als bew&#228;hrter Zugang, Wissen zu generieren, sukzessive einb&#252;&#223;t. Diese aus der juridischen Praxis stammende und seit der Antike etablierte Verfahrensweise, um mithilfe von Zeug*innen und Beweismitteln das zu rekonstruieren, was geschehen war, wird nunmehr von einem sich in s&#228;mtliche gesellschaftlichen Bereiche erstreckenden &#034;Panoptismus&#034; abgel&#246;st. Diverse Institutionen &#8211; Schulen, Fabriken, Anstalten, Gef&#228;ngnisse etc. &#8211; lassen Subjekte &#252;berwachen, kontrollieren und normalisieren, um best&#228;ndig Wissen &#252;ber sie zusammen zu tragen. Pr&#228;gnant skizziert Foucault diese Neuausrichtung der Wissensgewinnung in seiner 1973 gehaltenen Vortragsreihe <italic>Die Wahrheit und die juristischen Formen</italic>:</p>
<disp-quote>
<p>Es geht nicht mehr um die Rekonstruktion eines Ereignisses, sondern um etwas oder vielmehr um jemanden, der einer st&#228;ndigen totalen &#220;berwachung unterzogen werden soll. Eine permanente &#220;berwachung von Menschen durch jemanden, der Macht &#252;ber sie aus&#252;bt &#8211; Lehrer, Meister, Arzt, Psychiater, Gef&#228;ngnisdirektor &#8211; und der dank dieser Macht nur die M&#246;glichkeit hat, sie zu &#252;berwachen, sondern auch das Wissen &#252;ber sie anzusammeln.<xref ref-type="fn" rid="n41">41</xref></p>
</disp-quote>
<p>Aufschlussreich an diesem Zitat ist nicht nur, dass Foucault in seinen umfassenden historischen Untersuchungen die Abl&#246;sung der <italic>matters of fact</italic> als epistemologisches Paradigma der Moderne &#8211; auf die noch die klassische Wissensproduktionsform der <italic>Untersuchung</italic> abgezielt hatte &#8211; bereits zwei Jahrhunderte vor Latour verortet, wobei er dessen Genese letztlich bis in die griechische Antike, namentlich zur Untersuchung der Geschehnisse des K&#246;nigsmordes in Sophokles&#39; &#214;dipus Rex zur&#252;ckverfolgt.<xref ref-type="fn" rid="n42">42</xref> Dar&#252;ber hinaus wird auch die bei Latour g&#228;nzlich unbedarfte T&#228;tigkeit des Sammelns und Versammelns von Wissen mit Hilfe einer genealogischen Nachzeichnung einer machtdiskursiven Analyse unterzogen. Den mit den &#034;versammelnden&#034; Wissenspraktiken der Pr&#252;fung verbundenen Kontrollzwang problematisiert Foucault in weiterer Folge mittels umfassenden Untersuchungen einer ganzen Reihe von Institutionen innerhalb dessen, was er &#034;Disziplinierungsgesellschaft&#034; nennt, die f&#252;r ihn samt ihren totalisierenden Panoptisierungstendenzen bis in die Gegenwart reicht und damit die Konstitution des Subjekts nicht zuletzt als Machtgeschichte lesbar macht. Das Wissen bezieht sich dabei auch nicht mehr in erster Linie auf nat&#252;rliche oder geschaffene Gegenst&#228;nde, sondern &#8211; eine Dimension des Wissens, die in Latours dingorientierter Konzeption allenfalls nur indirekt zur Sprache kommt &#8211; auf &#034;Menschen&#034;, deren umfassende Kontrolle zugleich den Zielen des aufkommenden Kapitalismus in die H&#228;nde spielt. Foucault zeichnet in diesem Zusammenhang schl&#252;ssig nach, dass aufgrund des Aufkommens einer g&#228;nzlich neuen Art von Reichtum, die nicht mehr auf Grundbesitz oder Geld beschr&#228;nkt bleibt, sondern auf beweglichen Formen des Kapitals, wie beispielsweise Rohstoffe und Waren, Werkst&#228;tten und Maschinen, beruht und der permanenten Gefahr der Pl&#252;nderung unterliegt, nach Kontrollinstrumentarien gesucht werden musste, um diese neue Form des Reichtums effektiv zu sch&#252;tzen. Die &#220;berwachung soll dabei nicht blo&#223; auf bereits begangene Delikte reagieren, sondern m&#246;gliche Taten vorab kontrollierend einschr&#228;nken.</p>
<p>Durch beeindruckende historische Recherchen geleitet zeigt Foucault nicht nur auf, inwiefern diese Kontrolldispositive bestimmte Vorformen von staatlichen und gegenstaatlichen Sozialzw&#228;ngen vereinigen, sondern dass diese Vermengung von staatlichen und au&#223;erstaatlichen Komponenten in eine Reihe von Institutionen hineingetragen wird. Dabei bringen diese Einrichtungen &#8211; von den Schulen &#252;ber die Fabriken und die Kasernen bis hin zu psychiatrischen Anstalten und Gef&#228;ngnissen &#8211; seit dem 19. Jahrhundert eine restlose Kontrolle &#252;ber die durch das Disziplinardispositiv individualisierten Subjekte mit sich, welche fortan g&#228;nzlich auf den Arbeitsprozess hin abgestellt und umfassend &#8211; bis hin auf die Ebene des K&#246;rpers &#8211; &#252;berpr&#252;ft werden:</p>
<disp-quote>
<p>Untersucht man [&#8230;] genauer, warum diese Institutionen das gesamte Dasein des Einzelnen kontrollieren, so erkennt man, dass es im Grunde nicht darum geht, ein Maximum an Zeit aus den Menschen herauszuholen und sich anzueignen, sondern auch darum, den K&#246;rper des Einzelnen nach einem bestimmten System zu kontrollieren, ihn zu formen und seinen Wert zu erh&#246;hen.<xref ref-type="fn" rid="n43">43</xref></p>
</disp-quote>
<p>Foucault rekonstruiert mit Nachdruck, inwiefern in diversen Institutionen eine neue Form von Macht installiert wird, die nicht mehr simpel mit dem Souver&#228;n identifizierbar oder an den Staatsapparat oder eine bestimmte Klasse gekn&#252;pft ist, sondern in einer polymorphen Weise um sich greift, um das System des Kapitalismus und der b&#252;rgerlichen Rechtsordnung zu st&#252;tzen.<xref ref-type="fn" rid="n44">44</xref> Er macht dabei darauf aufmerksam, dass so ein vielgestaltiges Geflecht entsteht, das &#246;konomische Aspekte der Produktion und <italic>politische</italic> Dimensionen der In- und Exklusion mit <italic>juridischen</italic> Implikation einer richtenden Gewalt und nicht zuletzt dem <italic>epistemischen</italic> Anspruch der Wissensgewinnung miteinander verkn&#252;pft.</p>
<p>Der f&#252;r uns zentrale Punkt an diesem knappen Nachvollzug ist, dass sich eine solche Analyse letztlich &#252;berhaupt nur durchf&#252;hren l&#228;sst, wenn man Wissen <italic>nicht</italic> auf Macht reduziert. Denn damit w&#252;rde Foucault gerade die Spezifika jener Wissenspraktiken samt den Verschr&#228;nkungen ihrer diversen Register und Logiken aus den Augen verlieren, deren Rekonstruktion einen wesentlichen Bestandteil seiner historischen Arbeit bildet. <italic>Weder</italic> ist daher f&#252;r Foucault Wissen mit Macht zu identifizieren, <italic>noch</italic> lassen sich Wissensformen g&#228;nzlich getrennt von deren machtges&#228;ttigten sozialen und politischen Bedingungslagen untersuchen, gleich als w&#252;rde sich die Generierung von Wissen in einem luftleeren, mithin geschichtslosen und unpolitischen Raum vollziehen. Dar&#252;ber hinaus zeigt sich an Foucaults Analyse ebenfalls, dass gerade auch Praktiken des Versammelns (von Wissen) &#8211; entgegen Latours an Heidegger orientierter, ontologisierender und mitunter geschichtsvergessener Konzeption der Versammlung &#8211; ihrerseits auf eine komplexe und schattenreiche Geschichte zur&#252;ckverweisen, die Latours pr&#228;sentisches Sammeln g&#228;nzlich vernachl&#228;ssigt und deren genealogisch-kritisches Potential gegen&#252;ber gegenw&#228;rtigen Verh&#228;ltnissen er daher nicht in den Blick bekommt.<xref ref-type="fn" rid="n45">45</xref> Und nicht zuletzt wird &#8211; so man dies &#252;berhaupt betonen muss &#8211; u.a. an Foucaults Nachzeichnung der Zerstreuung eines souver&#228;nen Machtzentrums deutlich, dass seine historische Forschung nicht nur, wie Latour es der poststrukturalistischen Kritik im allgemeinen zugesteht, analytisch weitaus komplexer und feinsinniger ist als konspiratistische Anwandlungen, sondern vielmehr deren striktes, diametrales Gegenteil darstellt: W&#228;hrend Verschw&#246;rungstheorien sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie einen &#8211; wenn auch zuweilen ins Diffuse entr&#252;ckten &#8211; einfachen, benennbaren Ursprung, einen identifizierbaren T&#228;ter hinter der Tat veranschlagen, besteht eine der wichtigsten Grundgesten von Foucaults Arbeiten stets darin, derartige Erkl&#228;rungsmodelle resolut zur&#252;ckzuweisen.</p>
<p>In seinen sp&#228;ten in Berkeley und am <italic>Coll&#232;ge de France</italic> gehaltenen Vorlesungen radikalisiert und reformuliert Foucault den Gedanken, dass die Untersuchung von Erfahrung zugleich epistemische Praktiken, Machtformen und Subjektivierungsweisen versammeln muss, ohne diese Pole jemals aufeinander zu reduzieren. Historischer Bezugspunkt ist dabei die antike Praxis der <italic>parrhesia</italic> als einer institutionell nicht geregelten Form des Wahrsprechens, die, wie Foucault nachzeichnet, im Zuge einer Krise der demokratischen Institutionen in der antiken Polis in den Fokus breiter philosophischer, ethischer und politischer Auseinandersetzungen r&#252;ckt. Methodisch ger&#228;t damit der Begriff der <italic>Problematisierung</italic> ins Zentrum von Foucaults &#220;berlegungen. Damit ist eine Untersuchung der historischen Prozesse gemeint, im Zuge derer Gegenst&#228;nde und Praktiken &#8211; wie eben im konkreten Fall eine bestimmte Praxis der Veridiktion &#8211;, die vormals als unproblematisch akzeptiert und fraglos als gegeben hingenommen wurden, zu Brennpunkten einer konflikthaften Erfahrung sowie der epistemischen, ethischen und politischen Aufmerksamkeit werden. Ziel ist also jeweils</p>
<disp-quote>
<p>die Analyse der Art und Weise, wie ein unproblematisches Erfahrungsfeld oder eine Reihe von Praktiken, die als selbstverst&#228;ndlich akzeptiert wurden, die vertraut und &#034;unausgesprochen&#034; sind, also au&#223;er Frage stehen, zum Problem werden, Diskussionen und Debatten hervorruf[en], neue Reaktionen anreg[en] und eine Krise der bisherigen stillschweigenden Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Praktiken und Institutionen bewirk[en]. Die Geschichte des Denkens, in diesem Sinn verstanden, ist die Geschichte der Art und Weise, wie Menschen beginnen, sich um etwas zu k&#252;mmern, sich um dieses oder jenes zu sorgen &#8211; zum Beispiel um Wahnsinn, um Verbrechen, um Sexualit&#228;t, um sich selbst oder um Wahrheit.<xref ref-type="fn" rid="n46">46</xref></p>
</disp-quote>
<p>Mit dieser Perspektive auf Prozesse der Problematisierung m&#246;chte Foucault aufzeigen, dass es ihm weder um eine blo&#223;e historische Verortung und sterile Analyse vermeintlicher Fakten geht noch um den gleichsam idealistischen Aufweis einer sozialen Konstruktion von Ph&#228;nomenen wie Sexualit&#228;t, Verbrechen, Wahnsinn oder Wahrheit. Vielmehr verschreibt sich Foucault einer Nachzeichnung der Art und Weise, wie vermeintlich Gegebenes zu einem (wissenschaftlichen, ethischen, politischen) Problem wird. Damit nimmt Foucault methodisch bereits Latours Ansatz einer Analyse der Prozesse vorweg, in denen <italic>matters of fact</italic> zu <italic>matters of concern</italic> werden, zu Gegenst&#228;nden der Sorge und damit zu komplexen Realit&#228;ten, die mit heterogenen und komplexen Ensembles von Diskursen, Institutionen und Dispositiven innerhalb einer spezifischen geschichtlichen Konstellation verflochten sind. In einer deutlichen Verteidigung gegen&#252;ber g&#228;ngigen Einw&#228;nden antizipiert Foucault dabei auch bereits Latours Kritik an einer solchen Zugangsweise, sie w&#252;rde die Faktizit&#228;t ihrer Gegenst&#228;nde ableugnen:</p>
<disp-quote>
<p>[W]enn ich sage, da&#223; ich die &#034;Problematisierung&#034; von Wahnsinn, Verbrechen oder Sexualit&#228;t studiere, so ist das keine Art und Weise, die Realit&#228;t solcher Erscheinungen zu leugnen. Im Gegenteil, ich habe versucht zu zeigen, da&#223; gerade etwas wirklich in der Welt Vorhandenes in einem gegebenen Augenblick das Ziel sozialer Regulierung war. Ich stelle folgende Frage: Wie und warum wurden unterschiedliche Dinge in der Welt zum Beispiel unter dem Begriff &#034;Geisteskrankheit&#034; zusammengefa&#223;t, gekennzeichnet, analysiert und behandelt? Welches sind die f&#252;r eine gegebene &#034;Problematisierung&#034; relevanten Elemente? [&#8230;] Die Problematisierung ist eine &#034;Antwort&#034; auf eine konkrete Situation, die durchaus real ist.<xref ref-type="fn" rid="n47">47</xref></p>
</disp-quote>
<p>Die Untersuchung der Problematisierungen fragt demnach gerade nach den paradigmatischen <italic>matters of concern</italic> einer gegebenen historischen Epoche. In diesem Sinne l&#228;sst sich Foucaults Ansatz gerade so verstehen, dass er versucht, &#034;n&#228;her&#034; an das Reale heranzukommen, genau so, wie Latour es fordert, und zwar &#034;n&#228;her&#034; sowohl im Vergleich zu positivistischen Positionen, die das Reale durch den Fokus auf einen verk&#252;rzten Begriff des Faktums bzw. Datums aus den Augen verlieren, wie auch im Vergleich zu naiv-konstruktivistischen Positionen, die das Reale als einen blo&#223;en, an sich nichtigen Effekt von Machtverh&#228;ltnissen verstehen. Erst wenn das gesamte Geflecht des Epistemischen, der Macht und der Subjektivierung entfaltet wird, l&#228;sst sich ein &#034;Thing&#034; wie die antike <italic>parrhesia</italic> &#8211; und, so k&#246;nnte man hinzuf&#252;gen, die gegenw&#228;rtige &#034;Wahrheitskrise&#034; &#8211; verstehen. Die (epistemische) &#034;Analyse der Formen der Veridiktion&#034; muss also mit der (politischen und machtdiskursiven) &#034;Analyse der Verfahren der Gouvernementalit&#228;t&#034; und mit der (subjektivierungstheoretischen) &#034;Analyse der Pragmatik des Subjekts und der Techniken des Selbst&#034; verschr&#228;nkt werden.<xref ref-type="fn" rid="n48">48</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>7. Fazit und Ausblick: F&#252;r eine Relekt&#252;re der Kritik</title>
<p>Unsere Ausf&#252;hrungen sollten deutlich machen, dass wir mit Latours Gegenwartsdiagnose &#252;bereinstimmen. Zudem war es unser Anliegen, mit Latour die Notwendigkeit einer versch&#228;rften Inblicknahme gegenw&#228;rtiger postfaktischer Konstellationen zu unterstreichen. Dabei ist Latour darin zuzustimmen, dass eines der fundamentalen gegenw&#228;rtigen Probleme in diesem Zusammenhang im Mangel an einem reichhaltigen Verst&#228;ndnis von Erfahrung besteht &#8211; ein Mangel, der u.a. auf deren positivistische Verk&#252;rzung zum blo&#223;en Faktum bzw. Datum zur&#252;ckgeht. Insofern mag es als bezeichnend gelten, dass wir uns gegenw&#228;rtig den Kopf &#252;ber den vermeintlichen Verlust alles Faktischen zerbrechen, w&#228;hrend <italic>de facto</italic> eine Daten- und Faktenherrschaft von Algorithmusregimen heraufzieht, die eine umfassende Berechenbarkeit s&#228;mtlicher Verhaltensweisen mit sich bringt; ein Regime, f&#252;r das jedes <italic>matter of concern</italic> nur in Hinblick auf seine Kommodifizierbarkeit als Lieferant von Datenpaketen, gleichsam der Schwundstufe der <italic>matters of fact</italic>, in Betracht kommt.<xref ref-type="fn" rid="n49">49</xref></p>
<p>Wir sehen aber nicht, was an Foucaults methodischer Devise gerade angesichts der aufkommenden gesellschaftlichen Problematisierung der Wahrheit, des Faktums und der Objektivit&#228;t unzeitgem&#228;&#223; w&#228;re. Um tats&#228;chlich eine kritische Antwort auf diesen Problemkomplex zu liefern, in dem es gerade um das vielfach verschr&#228;nkte Verh&#228;ltnis von Wahrheit, Macht und Subjektivit&#228;t geht, scheint die Inblicknahme dieser Trias vor dem Hintergrund ihrer Genealogie vielmehr eine unabdingbare Aufgabe zu sein. Entgegen Latours Gestus, das gesamte Instrumentarium kritischer Theorie &#8211; neben dem sogenannten Poststrukturalismus w&#228;ren hier auch die Spielarten der Frankfurt Schule, insbesondere der ersten Generation, zu nennen &#8211; zum alten Eisen zu werfen, erscheint es uns daher angebrachter, Latours eigenen Anspruch, die Haltung der Entlarvung gegen die der Versammlung einzutauschen, auch in Bezug auf den Bestand der Kritik selbst in einer konsequenten Weise einzul&#246;sen und deren reichhaltige, komplexe und sicherlich widerspr&#252;chliche Falten erneut zu versammeln. Auch die Kritik selbst m&#252;sste also vom Objekt der Demaskierung zum Gegenstand der Sorge werden &#8211; und das ist nicht zuletzt eine Frage der Ethik (und Politik) der Lekt&#252;re und der Relekt&#252;re &#8211;, um davon ausgehend ihr Interventionspotential gegen&#252;ber verh&#228;rteten Verh&#228;ltnissen und problematischen Entwicklungen kraftvoll auszuspielen.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Bruno Latour, <italic>Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen</italic>, &#252;bers. v. Gustav Ro&#223;ler (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Berlin: Suhrkamp, 2014 [frz. 2012]</xref>), 37.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Bruno Latour, <italic>Das Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang</italic>, &#252;bers. v. Heinz Jatho (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Z&#252;rich/Berlin: Diaphanes, 2007 [engl. 2004]</xref>), 15. Wir m&#246;chten an dieser Stelle dem <italic>Critical Theories Network</italic> an der Universit&#228;t Wien danken, in dessen Rahmen wir diesen Text Latours intensiv diskutieren konnten, insbesondere Jakob Gaigg, Andreas Gelhard, Gerald Posselt, Gerhard Unterthurner, Stephan Vesco und Anna Wieder. Ebenso danken wir den beiden anonymen Gutachter*innen f&#252;r die treffenden Hinweise und Simon Ganahl f&#252;r die Aufforderung und M&#246;glichkeit, das Verh&#228;ltnis von Foucault und Latour auszuloten.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Namentlich erw&#228;hnt werden &#8211; neben den Ahnen der sogenannten <italic>French Theory</italic>, Nietzsche und Benjamin &#8211; Foucault, Bourdieu und Baudrillard; weitere Anspielungen auf Derridas Dekonstruktion und Butlers Denken der sozialen Konstitution von Subjektivit&#228;t finden sich ebenso im Text.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Exemplarisch kann hierf&#252;r der instruktive Text &#034;Zirkulierende Referenz&#034; angef&#252;hrt werden: Bruno Latour, &#034;Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas&#034; in <italic>Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaften</italic>, &#252;bers. v. Gustav Ro&#223;ler (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2002 [engl. 1999]</xref>), 36&#8211;95.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 21.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Mit diesen Ausf&#252;hrungen hat Latour sowohl von der Sache her als auch was die Polemik betrifft, Markus Gabriels Etikettierungen um rund ein Jahrzehnt vorweggenommen, der nicht nur ebenfalls einen &#034;neuen&#034; Realismus ausruft (und sich dabei, wie auch Latour, stark auf Heidegger beruft), sondern zugleich die sogenannte &#034;Postmoderne&#034; f&#252;r alle &#220;bel des Relativismus verantwortlich macht. Vgl. Markus Gabriel, &#034;Wider die postmoderne Flucht vor den Tatsachen&#034;, <italic>NZZ online</italic>, 19. Juni <xref ref-type="bibr" rid="B10">2016</xref>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.nzz.ch/feuilleton/fuenf-jahre-neuer-realismus-wider-die-postmoderne-flucht-vor-den-tatsachen-ld.89931">https://www.nzz.ch/feuilleton/fuenf-jahre-neuer-realismus-wider-die-postmoderne-flucht-vor-den-tatsachen-ld.89931</ext-link>. Das Postmoderne-Bashing feiert in den deutschen Feuilletons immer wieder fr&#246;hliche Urst&#228;nde, ohne in einer differenzierten Weise die Theorieans&#228;tze etwa von Foucault, Lyotard, Derrida oder Butler n&#228;her zu diskutieren oder gar zu zitieren. Auch Michael Hampe hat es sich nicht nehmen lassen, auf das vermeintliche Versagen gegenw&#228;rtiger kritischer Theorien angesichts der Postfaktizit&#228;t hinzuweisen. Vgl. Michael Hampe, &#034;Katerstimmung bei den pubert&#228;ren Theoretikern&#034;, <italic>Die Zeit</italic>, 19. Dezember <xref ref-type="bibr" rid="B13">2016</xref>, 48. Bemerkenswerterweise vereint die polemischen Einlassungen von drei so unterschiedlichen Denkern wie Hampe, Gabriel und Latour dabei nicht zuletzt der Umstand, dass sie es allesamt kaum f&#252;r Wert zu befinden scheinen, ihre Vorw&#252;rfe auch tats&#228;chlich an Texten der vielgescholtenen &#034;Postmoderne&#034; bzw. des Poststrukturalismus zu belegen. Vielmehr berufen sie sich auf Stimmungen in der Academia, auf intellektuelle Tendenzen und Neigungen sowie auf als allgemein g&#228;ngig dargestellte Geisteshaltungen. So begn&#252;gt sich Hampe mit einem Pauschalverweis auf die Stimmungslage in der &#034;Kulturwissenschaftlichen Linken&#034;, Gabriel h&#228;lt es f&#252;r ausreichend, ein paar nietzscheanische Brosamen hinzuwerfen, um die Kernthesen der sogenannten Postmoderne zusammenzufassen, und Latour beruft sich seinerseits auf ein verw&#228;ssertes und popularisiertes Einheitsmodell von Kritik, an dem die Naivit&#228;t gegenw&#228;rtiger Spielarten kritischer Theorie deutlich werden soll. Auffallend ist hieran, dass Hampe, Gabriel und Latour mit diesem Vorgehen in gewisser Weise gerade die &#034;postfaktische&#034; Geste <italic>par excellence</italic> vollziehen, insofern sie sich nicht mehr auf tats&#228;chliche wissenschaftliche Belege und Daten (etwa konkrete Zitate, ausweisbare und nachvollziehbare &#220;berlegungen, Thesen und Argumente) beziehen, sondern stattdessen diffuse Tendenzen und gef&#252;hlte Stimmungslagen ins Zentrum ihrer Er&#246;rterungen stellen.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Vgl. Martin Heidegger, <italic>Sein und Zeit</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B15">T&#252;bingen: Niemeyer, 1927</xref>), 66&#8211;72; vgl. hierzu auch Gerald Posselt und Matthias Flatscher, <italic>Sprachphilosophie. Eine Einf&#252;hrung</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B25">Wien: facultas/UTB, 2016</xref>), 180&#8211;6.</p></fn>
<fn id="n8"><p>Vgl. Heidegger, <italic>Sein und Zeit</italic>, 84, 103.</p></fn>
<fn id="n9"><p>&#034;In der Umwelt wird demnach auch Seiendes zug&#228;nglich, das an ihm selbst herstellungsunbed&#252;rftig, immer schon zuhanden ist. Hammer, Zange, Nagel verweisen an ihnen selbst auf &#8211; sie bestehen aus &#8211; Stahl, Eisen, Erz, Gestein, Holz. Im gebrauchten Zeug ist durch den Gebrauch die &#39;Natur&#39; mitentdeckt, die &#39;Natur&#39; im Lichte der Naturprodukte.&#034; (Heidegger, <italic>Sein und Zeit</italic>, 70)</p></fn>
<fn id="n10"><p>&#034;Unsere Sprache nennt, was Versammlung ist, in einem alten Wort. Dies lautet: thing.&#034; Martin Heidegger: &#034;Das Ding (1950)&#034;, in <italic>Vortr&#228;ge und Aufs&#228;tze. Gesamtausgabe Bd. 7</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Frankfurt a.M.: Klostermann, 2000</xref>), 175. Latour moniert zwar, dass es Heideggers Fehler war, eine &#034;Dichotomie zwischen <italic>Gegenstand</italic> und <italic>Ding</italic> aufgestellt zu haben&#034; (Latour, <italic>Das Elend der Kritik</italic>, 27), ohne jedoch zu sehen, dass Heidegger selbst in seinem Sp&#228;twerk diese Gegen&#252;berstellung (zusammen mit einer transzendental-horizontalen Auffassung des Daseins) zur&#252;ckgenommen hat; retrospektiv lie&#223;e sich auch zeigen, dass das &#034;Zeug&#034;, das in <italic>Sein und Zeit</italic> immer wieder thematisch in den Vordergrund ger&#252;ckt wird, analog zum Ding bereits Realit&#228;t und Relationalit&#228;t vereinigt.</p></fn>
<fn id="n11"><p>Vgl. hierzu Heidegger, &#034;Das Ding (1950)&#034;, 168&#8211;75.</p></fn>
<fn id="n12"><p>In Heideggers &#034;kraftvolle[m] Vokabular&#034; (Latour, <italic>Das Elend der Kritik</italic>, 25), wie sich Latour ausdr&#252;ckt, klingt das in seinem Gespr&#228;ch <italic>Anchibasie</italic> zwischen dem Gelehrten, dem Forscher und dem Weisen folgenderma&#223;en: &#034;Wenn Sie &#252;berhaupt nur die Leere des Kruges beachten, gen&#252;gt es schon, um beim Krug zu bleiben. [&#8230;] Diese Leere fa&#223;t den Trank, bewahrt ihn auf und steht zu seiner Aufbewahrung bereit. [&#8230;] Das Getr&#228;nk nennt das Zusammengeh&#246;ren des tr&#228;nkenden Trinkbaren und des trinkbaren Getrunkenen des Trinkens. Das Getr&#228;nk ist Trank und Trunk. Trinkbares Tr&#228;nkendes ist unter anderem der Wein. Der Trinkende ist der Mensch. Das Getr&#228;nk als das Tr&#228;nkende weilt im Wein, der weilt in der Rebe, die weilt in der Erde und in den Gaben des Himmels.&#034; (Martin Heidegger, <italic>Feldweg-Gespr&#228;che (1944/45). Gesamtausgabe Bd. 77</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Frankfurt a.M.: Klostermann, 1995</xref>), 134&#8211;5).</p></fn>
<fn id="n13"><p>Vgl. hierzu auch Martin Heidegger, &#034;Bauen Wohnen Denken (1951)&#034;, in <italic>Vortr&#228;ge und Aufs&#228;tze. Gesamtausgabe Bd. 7</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Frankfurt a.M.: Klostermann, 2000</xref>), 150&#8211;2.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 28.</p></fn>
<fn id="n15"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 29.</p></fn>
<fn id="n16"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 30.</p></fn>
<fn id="n17"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 33.</p></fn>
<fn id="n18"><p>In einer vergleichbaren, wenn auch mit einer kritischen Abgrenzung von Heidegger einhergehenden Weise differenziert Hans-J&#246;rg Rheinberger zwischen &#034;technologischen&#034; und &#034;wissenschaftlichen&#034; Objekten. Zwar sind f&#252;r ihn letztere auf erstere angewiesen, um &#252;berhaupt in Experimentalsystemen zur Erscheinung zu gelangen, zugleich besitzen sie aber eine &#034;fragile&#034; Seinsweise und befinden sich gleichsam <italic>in statu nascendi</italic>. Neben diesem prek&#228;ren Status von epistemischen Dingen verweist Rheinberger analog zu Latour auch darauf, dass sich wissenschaftliche Dinge zu technologischen Objekten verh&#228;rten k&#246;nnen, indem sich ihre Identit&#228;t etabliert. Vgl. hierzu Hans-J&#246;rg Rheinberger, <italic>Experiment, Differenz, Schrift. Zur Geschichte epistemischer Dinge</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Marburg an der Lahn: Basilisken-Presse, 1992</xref>), 67&#8211;86.</p></fn>
<fn id="n19"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 44&#8211;5.</p></fn>
<fn id="n20"><p>Alfred North Whitehead, <italic>Der Begriff der Natur. Schriften zur Naturphilosophie Bd. 5</italic>, u&#776;bers. v. Julian von Hassell (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1990 [engl. 1920]</xref>), 25.</p></fn>
<fn id="n21"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 55.</p></fn>
<fn id="n22"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 59.</p></fn>
<fn id="n23"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 60.</p></fn>
<fn id="n24"><p>Siehe oben Fu&#223;n. 7.</p></fn>
<fn id="n25"><p>&#034;Nat&#252;rlich sind Verschw&#246;rungstheorien absurde Entstellungen unserer eigenen Argumentationen, aber das &#228;ndert nichts daran, da&#223; diese Waffen die unseren sind, auch wenn sie &#252;ber unklar gezogene Grenzen geschmuggelt wurden und der falschen Partei in die H&#228;nde gerieten. Trotz aller Deformationen ist unser Warenzeichen wie in Stahl gepr&#228;gt noch immer leicht zu erkennen: <italic>Made in Criticalland</italic>. Verstehen Sie, warum ich mir Sorgen mache? Vielleicht haben sich die Bedrohungen ja so sehr ver&#228;ndert, da&#223; sich der Feind, w&#228;hrend wir unser ganzes kritisches Arsenal noch ost- oder westw&#228;rts richten, sich l&#228;ngst ganz woanders befindet. Massen von Atomraketen sind blo&#223; noch ein Haufen Plunder, wenn es darum geht, sich gegen K&#228;mpfer mit Teppichmessern oder schmutzigen Bomben zu verteidigen. Warum sollte es mit unserem kritischen Arsenal nicht genauso stehen, mit den Neutronenbomben der Dekonstruktion, mit den Raketen der Diskursanalyse?&#034; Latour, <italic>Das Elend der Kritik</italic>, 16&#8211;7.</p></fn>
<fn id="n26"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 21&#8211;2.</p></fn>
<fn id="n27"><p>Robert Pennock hat versucht, Belege zusammenzutragen: Robert Pennock, &#034;The Postmodern Sin of Intelligent Design Creationism&#034;, in <italic>Science &amp; Education</italic>, 19, Issue 6&#8211;8 (<xref ref-type="bibr" rid="B24">June 2010</xref>), 757&#8211;778. An Pennocks Ausf&#252;hrungen l&#228;sst sich ablesen, dass es vor allem ein einzelner prominenter Vertreter der kreationistischen Bewegung war, der sich in einer kruden Weise auf die Postmoderne berufen hat.</p></fn>
<fn id="n28"><p>Siehe z.B. John Mark Reynolds, &#034;On Creation and Post-Modernism&#034;, <italic>First Things</italic>, 18. M&#228;rz <xref ref-type="bibr" rid="B27">2010</xref>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.firstthings.com/blogs/firstthoughts/2010/03/on-creation-and-post-modernism">https://www.firstthings.com/blogs/firstthoughts/2010/03/on-creation-and-post-modernism</ext-link>.</p></fn>
<fn id="n29"><p>Siehe z.B. die Beitr&#228;ge in diesem Band: Henry M Morris, ed., <italic>Scientific Creationism. Prepared by the technical staff and consultants of the Institute for Creation Research</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B23">San Diego, CA: Creation-Life Publishers, 1974</xref>).</p></fn>
<fn id="n30"><p>Laurence Moran hat diese Anw&#252;rfe aufgearbeitet: Laurence Moran, &#034;Evolution is a Fact and a Theory&#034;, <italic>The TalkOrigins Archive. Exploring the Creation/Evolution Controversy</italic>, 22. J&#228;nner <xref ref-type="bibr" rid="B22">1993</xref>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.talkorigins.org/faqs/evolution-fact.html">http://www.talkorigins.org/faqs/evolution-fact.html</ext-link>.</p></fn>
<fn id="n31"><p>Freilich existiert, insbesondere im Kontext der Klimawandelskepsis, auch eine dritte, besonders anspruchslose &#034;skeptische&#034; Variante: ein borniert-naiver Realismus, &#224; la &#034;Schaut doch aus dem Fenster, wie kalt es wieder ist &#8211; und da spricht man noch von globaler Erw&#228;rmung!&#034; Einer der prominentesten Vertreter*innen dieser Variante ist der US-Pr&#228;sident Donald Trump, der vergangenen Winter twitterte: &#034;In the East, it could be the COLDEST New Year&#39;s Eve on record. Perhaps we could use a little bit of that good old Global Warming that our Country, but not other countries, was going to pay TRILLIONS OF DOLLARS to protect against. Bundle up!&#034; (Donald J. Trump (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="@realDonaldTrump">@realDonaldTrump</ext-link>), &#034;In the East, it could be the COLDEST New Year&#39;s Eve on the record&#034;, Twitter-Tweet, 28. Dezember <xref ref-type="bibr" rid="B29">2017</xref>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://twitter.com/realdonaldtrump/status/946531657229701120?lang=de">https://twitter.com/realdonaldtrump/status/946531657229701120?lang=de</ext-link>).</p></fn>
<fn id="n32"><p>Dies zeigt sich auch an dem sehr ausf&#252;hrlichen Eintrag der englischsprachigen Wikipedia-Enzyklop&#228;die zu den unterschiedlichen <italic>Objections to evolution</italic> (vgl. Wikipedia, &#034;Objections to evolution&#034;, letzte Bearbeitung am 3. Mai <xref ref-type="bibr" rid="B31">2018</xref>, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://en.wikipedia.org/wiki/Objections_to_evolution">https://en.wikipedia.org/wiki/Objections_to_evolution</ext-link>): W&#228;hrend pseudo-falsifikationistische und pseudo-positivistische Positionen dort ausf&#252;hrlich referiert und &#252;berzeugend widerlegt werden, finden &#034;postmodern&#034; inspirierte Einw&#228;nde gegen die Evolution keinerlei Erw&#228;hnung. Mit diesen Beobachtungen soll &#252;brigens in keiner Weise nahegelegt werden, es bestehe etwas wie eine uneingestandene Affinit&#228;t positivistischer Positionen zu diesen Obskurantismen. Vielmehr erscheint es nur folgerichtig, dass letztere sich in der vorherrschenden wissenschaftlichen Diktion der Zeit artikulieren. Strategisch w&#228;ren sie schlie&#223;lich auch schlecht beraten, sich auf in der gegenw&#228;rtigen akademischen Landschaft ohnehin randst&#228;ndige Positionen zu beziehen.</p></fn>
<fn id="n33"><p>So lie&#223;e sich beispielsweise auch zeigen, dass Judith Butler in ihrer ausf&#252;hrlichen Entgegnung auf die Einw&#228;nde gegen <italic>Gender Trouble</italic> (1990), die sie eines unplausiblen sozialen Konstruktivismus bezichtigten, mit <italic>Bodies that Matter</italic> (1993) eine Theorie k&#246;rperlicher Materialit&#228;t und Materialisierung erarbeitet hat, die es gerade erlauben soll, zu beschreiben, durch welche Prozesse menschliche K&#246;rper als K&#246;rper von Gewicht bzw. K&#246;rper von Belang konstituiert werden. Damit nimmt Butler Latours Fokusverschiebung von den <italic>matters of fact</italic> zu den <italic>matters of concern</italic> um mehr als zehn Jahre vorweg. Vgl. Judith Butler, <italic>K&#246;rper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts</italic>, &#252;bers. von Karin W&#246;rdemann (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997 [engl. 1993]</xref>); vgl. hierzu auch Anna Babka und Gerald Posselt, <italic>Gender und Dekonstruktion. Begriffe und kommentierte Grundlagentexte der Gender- und Queer-Theorie</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Wien: facultas/UTB, 2016</xref>).</p></fn>
<fn id="n34"><p>In diesem Zusammenhang k&#246;nnte auch Donna Haraways feministische Epistemologie ins Treffen gef&#252;hrt werden. Denn Haraway antizipiert insbesondere mit ihren &#220;berlegungen zu einem Konzept &#034;situierten Wissens&#034; bereits 1988 sowohl Latours Diagnose einer notwendigen Neuausrichtung kritischer Theoriebildung als auch seine Zielsetzung eines neunen, reichhaltigen und nichtreduktionistischen Verst&#228;ndnisses von Erfahrung. So weist Haraway darauf hin, dass es &#034;nicht aus[reicht], auf die grundlegende historische Kontingenz zu verweisen und zu zeigen, wie alles konstruiert ist&#034;. Vielmehr gilt es nach Haraway f&#252;r eine engagierte feministische Epistemologie, in kritischer Auseinandersetzung mit der normalbetrieblichen Wissenschaft zu &#034;zuverl&#228;ssige[n] Darstellungen von Dingen&#034; zu gelangen, welche &#034;weder auf Machtstrategien und agonistische, elit&#228;re Rhetorikspiele noch auf [&#8230;] positivistische Arroganz reduzierbar&#034; sind. Ihr Vorschlag eines Denkens konstitutiv <italic>situierten</italic> Wissens macht dabei deutlich, dass Wissen stets verk&#246;rpert, d.h. leiblich r&#252;ckgebunden ist und als solches immer schon mit einer konkreten <italic>Positionierung</italic> und damit einer ethisch-politischen Verantwortlichkeit einhergeht. Beide Aspekte &#8211; sowohl das Moment der K&#246;rperlichkeit als auch das Moment der Verantwortung &#8211; werden bei Latour ausgeblendet. Siehe Donna Haraway, &#034;Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive&#034;, &#252;bers. von Helga Kelle, in <italic>Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Frankfurt/New York: Campus, 1995 [engl. 1988]</xref>), 78&#8211;9.</p></fn>
<fn id="n35"><p>Unabh&#228;ngig von uns hat Dagmar Comtesse eine &#228;hnliche These vorgestellt, um einen anders gelagerten Zugriff auf die Debatte zu erhalten. Im Anschluss an ihre erhellende IPW-Lecture &#034;Fake News und Kontingenzdenken. F&#252;r Machtanalyse statt Wahrheitsglauben&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Universit&#228;t Wien, Institut f&#252;r Politikwissenschaft, 19.4.2018</xref>) konnten wir einige Fragen kl&#228;ren und unsere eigene Position sch&#228;rfen.</p></fn>
<fn id="n36"><p>Latour, <italic>Das Elend der Kritik</italic>, 52. Im Lichte dieser Passage lie&#223;e sich Latours Position auch als eine normative Umkehrung dessen, was er als gegenw&#228;rtige Kritik begreift, rekonstruieren. Denn wie hier deutlich wird, <italic>teilt</italic> Latour die &#220;berzeugung, dass das Gegebene erst im Geflecht von (u.a. sozialen) Relationen konstituiert wird. Was er <italic>zur&#252;ckweist</italic> ist die damit verbundene normative Bewertung: W&#228;hrend in seinen Augen mit dieser Einsicht gemeinhin eine Degradierung und Geringsch&#228;tzung des solcherart Gegebenen verbunden wird, gilt es f&#252;r ihn, diesen Aspekt gerade als das, wenn man so will, Reizvolle und Sch&#252;tzenswerte des Gegebenen aufzufassen.</p></fn>
<fn id="n37"><p>Latour, Das Elend der Kritik, 54.</p></fn>
<fn id="n38"><p>In erster Linie ist hier die kleine Schrift Michel Foucault, <italic>Was ist Kritik?</italic> &#220;bers. v. Walter Seitter (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Berlin: Merve, 1992 [frz. 1978/1990]</xref>) zu nennen.</p></fn>
<fn id="n39"><p>Vgl. hierzu auch Michel Foucault, <italic>Die Wahrheit und die juristischen Formen</italic>, &#252;bers. v. Michael Bischhoff (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2003 [frz. 1973]</xref>), 51.</p></fn>
<fn id="n40"><p>Vgl. zu Foucaults Arbeiten zur <italic>parrhesia</italic> auch die Beitr&#228;ge in Petra Gehring und Andreas Gelhard, Hg., <italic>Parrhesia. Foucault und der Mut zur Wahrheit</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Z&#252;rich: diaphanes, 2012</xref>); vgl. auch Gerald Posselt und Sergej Seitz, &#034;Sprachen des Widerstands. Zur Normativit&#228;t politischer Artikulation bei Foucault und Ranci&#232;re&#034;, in <italic>Foucault und das Politische. Transdisziplin&#228;re Impulse</italic> f&#252;r die <italic>politische Theorie der Gegenwart</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Wiesbaden: Springer, 2018</xref>), i. Ersch.</p></fn>
<fn id="n41"><p>Foucault, Die Wahrheit und die juristischen Formen, 86.</p></fn>
<fn id="n42"><p>Vgl. Foucault, <italic>Die Wahrheit und die juristischen Formen</italic>, 29&#8211;51 sowie Michel Foucault, <italic>Die Macht der Psychiatrie. Vorlesung am Coll&#232;ge de France</italic>, &#252;bers. v. Claudia Brede-Konersmann und J&#252;rgen Schr&#246;der (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2005 [frz. 2003]</xref>), 99&#8211;140.</p></fn>
<fn id="n43"><p>Foucault, Die Wahrheit und die juristischen Formen, 117.</p></fn>
<fn id="n44"><p>Vgl. Foucault, Die Macht der Psychiatrie, 126.</p></fn>
<fn id="n45"><p>Mit Blick auf das Bild des Kritikers, das Latour nahelegt &#8211; als eines unschuldigen und sorgsamen Hirten der Versammlung des Wissens &#8211; lie&#223;e sich in diesem Zusammenhang auch noch einmal an Foucaults Analysen des Pastorats und der Pastoralmacht erinnern. Vgl. u.a. Michel Foucault, &#034;Subjekt und Macht&#034;, in <italic>Schriften in vier B&#228;nden. Dits et Ecrits</italic>. Band IV: 1980&#8211;1988. Hg. von Daniel Defert u. Fran&#231;ois Ewald (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2005 [engl. 1983]</xref>), 269&#8211;94.</p></fn>
<fn id="n46"><p>Michel Foucault, Diskurs und Wahrheit: Die Problematisierung der Parrhesia. Berkeley-Vorlesungen 1983, &#252;bers. v. Mira K&#246;ller (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Berlin: Merve, 2008 [engl. 1983]</xref>), 78.</p></fn>
<fn id="n47"><p>Foucault, Diskurs und Wahrheit, 179.</p></fn>
<fn id="n48"><p>Michel Foucault, <italic>Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesung am Coll&#232;ge de France 1982/83</italic>, &#252;bers. v. J&#252;rgen Schr&#246;der (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2009 [frz. 2008]</xref>), 64. Fr&#233;d&#233;ric Gros bringt in seinem Nachwort zu Foucaults Vorlesung <italic>Der Mut zur Wahrheit</italic> die Notwendigkeit der Ber&#252;cksichtigung aller drei Perspektiven unter Wahrung ihrer Irreduzibilit&#228;t konzise zum Ausdruck: &#034;Man sollte niemals die Diskurse der Wahrheit untersuchen, ohne zugleich ihre Wirkung auf die Regierung des Selbst und der anderen zu beschreiben; man sollte niemals die Strukturen der Macht analysieren, ohne zu zeigen, auf welche Wissensinhalte und welche Formen der Subjektivit&#228;t sie sich st&#252;tzen; man sollte nie die Modi der Subjektivierung bestimmen, ohne ihre politischen Fortsetzungen zu verstehen und ohne zu ber&#252;cksichtigen, von welchen Beziehungen zur Wahrheit sie abh&#228;ngen. Und man sollte nicht hoffen, eine dieser Dimensionen als grundlegend auszuzeichnen: Nie wird man die politischen Gewaltsamkeiten oder moralischen Haltungen in einer allgemeinen Logik ersch&#246;pfen k&#246;nnen; ebenfalls wird man nie die Erfordernisse des Wissens oder die ethischen Konstruktionen auf Herrschaftsformen zur&#252;ckf&#252;hren k&#246;nnen; und schlie&#223;lich wird man auch nie die Formen der Veridiktion und der Regierung auf Strukturen des Subjekts zur&#252;ckf&#252;hren k&#246;nnen.&#034; (Fr&#233;d&#233;ric Gros, &#034;Situierung der Vorlesungen&#034;, in Michel Foucault, <italic>Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II. Vorlesung am Coll&#232;ge de France 1983/84</italic>, &#252;bers. v. J&#252;rgen Schr&#246;der (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Berlin: Suhrkamp, 2012 [frz. 2012]</xref>), 444&#8211;5.)</p></fn>
<fn id="n49"><p>Dabei lie&#223;e sich zeigen, dass die maschinengest&#252;tzten Prozesse der Abstraktion von Erfahrung gegenw&#228;rtig nicht einmal bei nackten Daten halt machen, insofern auch diese selbst noch einmal auf &#034;Metadaten&#034; reduziert werden.</p></fn>
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