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<journal-title>Le foucaldien</journal-title>
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<article-title>Adam und Eva: Michel Foucaults omin&#246;ser &#034;vierter Band&#034; schlie&#223;t endlich die <italic>Histoire de la sexualit&#233;</italic> ab</article-title>
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<email>psarasin@hist.uzh.ch</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>University of Zurich, Department of History, CH</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2018-05-22">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<p>The forth volume of Foucault&#8217;s <italic>Histoire de la sexualit&#233;</italic>, only recently edited by Fr&#233;d&#233;ric Gros, sets the keystone not only to his &#034;history of sexuality,&#034; but to his entire work. Though the reading of the book with all its scholarly details of early Christian theology might appear quite challenging, it reveals clearly how Foucault&#8217;s own thinking has changed from 1977 onwards. His reading of the church fathers showed him, on the one hand, the genealogical roots of Lacan&#8217;s concept of the &#034;subject of desire&#034; as a &#034;subject of the law,&#034; and, on the other hand, its &#034;counterpoint&#034; (as Fr&#233;d&#233;ric Gros puts it): the Greek and Roman techniques of the self. Hence, while Foucault has operated, in the first volume of his <italic>History of Sexuality</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">1976</xref>), with the dichotomy law vs. norm, the new (and final) distinction was law vs. techniques of the self.</p>
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<kwd>church fathers</kwd>
<kwd>christianity</kwd>
<kwd>virginity</kwd>
<kwd>sexuality</kwd>
<kwd>technologies of the self</kwd>
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<p>Als Michel Foucault 1976 den ersten Band zu seiner geplanten mehrb&#228;ndigen Geschichte der Sexualit&#228;t publizierte,<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> war klar, dass nach dem programmatischen Er&#246;ffnungsband das christliche Pastorat und die christliche Sexualmoral (ab dem 16. Jahrhundert) in der Reihe der Untersuchungen den Anfang machen sollten, und dass Foucault damals noch plante, thematisch bis zur Moderne fortzuschreiten. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen, stattdessen publizierte er kurz vor seinem Tod die beiden B&#228;nde zu den Selbsttechniken der griechischen und r&#246;mischen Antike.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref></p>
<p>Das k&#252;rzlich von Fr&#233;d&#233;ric Gros umsichtig edierte Manuskript des vierten Bandes zur Geschichte der Sexualit&#228;t, <italic>Les aveux de la chair</italic>,<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> der die Anf&#228;nge der christlichen Sexualmoral behandelt, ist daher nicht mehr der Anfang, sondern, wie von Foucault seit Ende der 1970er Jahre neu geplant, der Abschluss seiner Untersuchungen zur Geschichte der Sexualit&#228;t. Denn dieser vierte Band passt genau ins Feld der neuen Fragestellungen, die mit den beiden B&#252;chern zur Antike behandelt werden. Tats&#228;chlich hatte Foucault, wie Gros berichtet, das Manuskript von <italic>Les aveux de la chair</italic> sogar vor den beiden anderen B&#228;nden bei Pierre Nora von Gallimard eingereicht, diesen aber gebeten, mit der Publikation noch zu warten, bis der Band zur Antike &#8211; es wurden dann zwei &#8211; geschrieben sei. Foucault hatte kurz vor seinem Tod im Sommer 1984 das Manuskript der <italic>Aveux</italic> nochmals zur Hand genommen, um letzte Korrekturen anzubringen. Die jetzt erfolgte Publikation schlie&#223;t, mit anderen Worten, ein Vorhaben ab, an dem Foucault bis zum Ende festgehalten hat.</p>
<p>Wie Fr&#233;d&#233;ric Gros in seiner Einleitung schreibt, hatte Foucault sich seit dem Sommer 1977 &#8211; seinem Freisemester &#8211; daran gemacht, die Texte der Kirchenv&#228;ter, von Johannes Chrysostomos bis Augustinus von Hippo, zu lesen. Es gibt verschiedene Hinweise, dass er in dieser Zeit unzufrieden war mit der Machtkonzeption, die er in den Jahren zuvor in <italic>&#220;berwachen und Strafen</italic> (1975) sowie dem ersten Band der Geschichte der Sexualit&#228;t, <italic>Der Wille zum Wissen</italic>, ausgearbeitet hatte, und dass ihm ein Neuansatz n&#246;tig schien. Dieser f&#252;hrte ihn schlie&#223;lich zur Frage der Selbstverh&#228;ltnisse und pr&#228;gt daher auch <italic>Les aveux de la chair</italic>. Das Buch wirkt so, als sei es erst <italic>nach</italic> den beiden B&#228;nden zur Antike geschrieben worden, weil Foucault darin best&#228;ndig die Frage diskutiert, was sich im &#220;bergang von der Antike zum Christentum ge&#228;ndert habe. Doch es war umgekehrt, so Fr&#233;d&#233;ric Gros: Erst diese &#8211; selbstverst&#228;ndlich vollkommen klassische &#8211; Frage f&#252;hrte ihn, sehr ermuntert von Paul Veyne, zur intensiveren Besch&#228;ftigung mit der Antike. Die Kirchenv&#228;ter waren also gleichsam die Drehscheibe, auf der Foucaults ber&#252;hmte dritte &#034;Verschiebung&#034; hin zu den Selbsttechniken bzw. zum Subjekt stattfand, und auf der der Plan f&#252;r eine Geschichte moderner Sexualit&#228;ten aufgegeben wurde. Die <italic>Aveux</italic> sind daher, wie gesagt, kein Anfang mehr, sondern ein Abschluss.</p>
<p>Was das genau hei&#223;t, zeigt die Lekt&#252;re. Die Leser/innen seien allerdings gewarnt: Dieser vierte Band ist nicht etwa nur ein kursorischer, thesenstarker &#220;berblick &#252;ber die Schriften der Kirchenv&#228;ter, die uns noch viel ferner sind als die Antike, sondern eine sehr detaillierte, in die Tiefe gehende Analyse der fr&#252;hchristlichen Tauf-, Keuschheits- bzw. Virginit&#228;tstheorien sowie der Ehe- und Sexualit&#228;tslehre namentlich des Heiligen Augustinus. Was soll man sagen? Wenn Foucault sich schon, buchst&#228;blich, mit Adam und Eva besch&#228;ftigt, dann eben richtig. Das braucht einiges an Geduld bei der Lekt&#252;re, die aber nicht zuletzt deshalb lohnend ist, weil hier recht eigentlich der Schlussstein von Foucaults lebenslanger Besch&#228;ftigung mit der Frage nach dem Subjekt erkennbar wird. Das werde ich im Folgenden kurz diskutieren; auf die theologischen Details seiner Darstellung der christlichen Ethik der ersten vier Jahrhunderte unserer Zeit hingegen kann hier nicht eingegangen werden &#8211; geschweige denn auf die Frage, ob seine Darstellung dem Gegenstand ad&#228;quat ist. Der sehr ausf&#252;hrliche Fu&#223;notenapparat zeigt allerdings, dass Foucault die Texte eingehend und offenkundig im Original studiert hat.</p>
<p>Es geht also um Sexualit&#228;t, d. h. um die Regulierung der fleischlichen Lust in der Welt des fr&#252;hen Christentums. Im ersten Teil, &#252;berschrieben mit &#034;Formation d&#8217;une exp&#233;rience nouvelle&#034;, untersucht Foucault, wie seit dem 2. Jahrhundert namentlich in den Schriften des Clemens von Alexandria die m&#246;nchische Ethik der Selbstf&#252;hrung als grundlegendes Modell christlicher Selbstf&#252;hrung entstanden ist, und wie in den folgenden zwei Jahrhunderten sich die Differenz zu antiken Formen des Selbstverh&#228;ltnisses laufend verst&#228;rkt hat. Vollkommen neu waren, Foucault zufolge, zum einen, dass das in der Antike allein diesseitig geregelte Selbstverh&#228;ltnis nun einer Theologie unterworfen wurde, einer Gotteslehre, die bis zu Augustinus immer pessimistischer wurde, d. h. den Menschen und seine Sexualit&#228;t immer mehr im Lichte des S&#252;ndenfalls gesehen habe. Zum andern: W&#228;hrend die Stoiker den freien r&#246;mischen Mann lehrten, seine k&#246;rperlichen L&#252;ste und Begierden ganz seinem Willen untertan zu machen und dadurch Freiheit und Souver&#228;nit&#228;t zu gewinnen, lehrten die Kirchenv&#228;ter des fr&#252;hen Christentums und insbesondere des sich ausbildenden M&#246;nchstums, den eigenen Willen aufzugeben und sich ganz in die f&#252;hrende Hand eines &#228;lteren, erfahrenen M&#246;nchs oder &#034;Hirten&#034; zu begeben.</p>
<p>Auch das sei zwar, so Foucault, zuerst und fundamental ein Selbstverh&#228;ltnis, ein st&#228;ndig pr&#252;fendes Wissen seiner selbst, eine unaufh&#246;rliche Arbeit an sich selbst mit dem Ziel, die S&#252;nde in sich zu bek&#228;mpfen und sich zu reinigen. Das konnte nur in der Beichte, der regelm&#228;&#223;igen Offenbarung seiner selbst einem anderen gegen&#252;ber geschehen &#8211; und damit aber auch in der permanenten Erforschung seiner selbst als einer unendlichen Aufgabe: &#034;[P]&#233;n&#233;trer toujours plus avant dans les secret de l&#8217;&#226;me; saisir toujours, le plus t&#244;t possible, les pens&#233;es m&#234;me les plus t&#233;nues; s&#8217;emparer des secrets, et des secrets qui se cachent derri&#232;re les secrets, aller aussi profond que possible vers la racine&#034; (S. 144). Der christliche Logos sollte auf diese Weise nicht etwa den Geist vom K&#246;rper trennen, sondern K&#246;rper und Geist gleicherma&#223;en vollst&#228;ndig durchdringen. Im Zentrum dieser Selbstf&#252;hrung sei das paradoxe Ziel gestanden, &#034;&#224; ne pas vouloir&#034; (S. 127). Insofern war dieses Selbstverh&#228;ltnis auch als solches paradox, weil der pr&#252;fende Blick auf sich selbst nicht zum Ziel hatte, sich selbst, seine eigene Subjektivit&#228;t zu entdecken oder wiederherzustellen, sondern im Gegenteil, sie g&#228;nzlich aufzul&#246;sen, sein Ich endlos zu kasteien.</p>
<p>Die Haltung sich selbst gegen&#252;ber wird nun mit dem Versprechen der lebenslangen Keuschheit oder Jungfr&#228;ulichkeit &#8211; der &#034;virginit&#233;&#034; &#8211; noch gesteigert. Foucault bespricht diese Radikalisierung des christlichen Selbstverh&#228;ltnisses im zweiten Teil (&#034;&#202;tre vi&#232;rge&#034;) und zeigt ausf&#252;hrlich, dass sie nicht einfach nur als Verzicht auf den Sex verstanden werden k&#246;nne, d. h. als etwas Negatives, sondern vielmehr als eine lebenslange &#034;positive&#034; Bewegung der Seele auf sich selbst, um jedes Begehren aus sich selbst &#034;auszurei&#223;en&#034;. In dieser Bewegung erreiche die Seele einen Zustand, der so rein und so nahe an der ehemals paradiesischen und der k&#252;nftigen himmlischen Existenz sei wie auf Erden &#252;berhaupt nur m&#246;glich und daher auf die Unsterblichkeit vorbereite. Die &#034;jungfr&#228;uliche&#034; Beziehung auf den eigenen Sex &#8211; oder vielmehr Nicht-Sex &#8211; sei mehr als die blo&#223;e, schon in der Antike verbreitete (wenn auch elit&#228;re) Enthaltsamkeit: Sie sei, in der Zeit des sich formierenden M&#246;nchstums und des sich langsam etablierenden Christentums, eine gleichsam strategische Haltung, ein Modell f&#252;r christliche Spiritualit&#228;t und Selbstf&#252;hrung. Und wiederum paradoxer Weise, so Foucault, kommt in dieser Praxis der Virginit&#228;t dem Sex eine Bedeutung und ein Gewicht zu, wie er es in der Antike nie gehabt habe: &#034;La place centrale du sexe dans la subjectivit&#233; occidentale se marque d&#233;j&#224; clairement dans la formation de cette mystique de la virginit&#233;&#034; (S. 202).</p>
<p>Nun war allerdings klar, dass Keuschheit nicht das Modell f&#252;r alle Christenmenschen sein konnte. Im abschlie&#223;enden, dritten Teil des Buches &#8211; &#034;&#202;tre mari&#233;&#034; &#8211; geht es vor allem um die Ehelehre des wichtigsten aller Kirchenv&#228;ter, des Heiligen Augustinus von Hippo (im heutigen Algerien). Und es geht um Adam und Eva. Foucault rekonstruiert die schon &#228;lteren Debatten der Kirchenv&#228;ter um die Frage, wieso denn eigentlich Gott dem Menschen in Gestalt der Frau eine &#034;Gef&#228;hrtin&#034; zur Seite gestellt habe, ihm &#034;zur Hilfe&#034; (Gen. 2). Um was zu tun? Die erste Antwort Augustins lautet, so Foucault, dass der Mensch damit als ein soziales Wesen geschaffen wurde, das eine <italic>familia</italic> und eine <italic>societas</italic> bilde &#8211; dass Menschen in Gesellschaften leben, sei Gottes Wille. Doch wie sollten sich diese Menschen vermehren, wie der Sch&#246;pfer ihnen aufgetragen habe? Augustinus stellte sich zwar vor, dass es im Paradies andere Wege der Vermehrung des Menschengeschlechts gegeben haben mag als die fleischliche Vereinigung, aber er schloss diese, im Gegensatz zu einigen seiner Vorg&#228;nger, nicht aus. Der Sex geh&#246;rte, laut Augustin, von Anfang an zur g&#246;ttlichen Sch&#246;pfung (und daher anf&#228;nglich auch der Inzest, wie Foucault malizi&#246;s vermerkt). Es sei dies allerdings ein Sex ohne Begierde gewesen, so unschuldig wie das Bewegen der Finger einer Hand. Der S&#252;ndenfall habe daher nicht nur den Menschen dem Tod &#252;berantwortet, sondern auch den Sex ver&#228;ndert. Das aufr&#252;hrerische Begehren, vom Baum der Erkenntnis zu essen, und damit der Widerspruch des Menschen gegen seinen Sch&#246;pfer, reproduziere sich seither in der &#034;libido&#034; (Augustinus), d. h. in einem Begehren, das dem bewussten Willen des Menschen immer wieder entgegensteht, sich gegen diesen erhebt. Dieser Sex ist s&#252;ndig.</p>
<p>Sollte man also doch keusch leben? Die Antwort der Kirchenv&#228;ter seit Chrysostomos lautete anders: Nein, nicht unbedingt, denn die Ehe sei ebenfalls ein Sakrament, sie verweise einerseits auf die Vereinigung von Mann und Frau im Paradies &#8211; und andrerseits auf die Vereinigung der Kirche mit Christus. Sie st&#252;nde, so Foucault, theologisch auf einem doppelten Fundament: &#034;[S]ur la Cr&#233;ation d&#8217;une part et sur la R&#233;demption de l&#8217;autre, sur l&#8217;unit&#233; substantielle de la chair d&#8217;un c&#244;t&#233; et sur l&#8217;Incarnation de l&#8217;autre, sur l&#8217;origine des temps et sur l&#8217;approche de leur fin&#034; (S. 259). Diese ausschlie&#223;lich theologische Begr&#252;ndung der Ehe bedeutete dann aber f&#252;r Augustin, dass er &#8211; im Gegensatz zur Tradition bis zur&#252;ck in die Antike &#8211; die Ehe zwar nicht durch die Erzeugung von Nachkommen rechtfertigte, dennoch aber, wie Foucault zeigt, f&#252;r ihn der Sex in der Ehe eine Selbstverst&#228;ndlichkeit war. Doch die Eheleute sollten sich nicht nur gegenseitig ihre K&#246;rper zur Verf&#252;gung stellen, um ihr Begehren zu stillen. Sie sollten vor allem gemeinsam lernen, dieses Begehren zu m&#228;&#223;igen, es letztlich am Modell eines Sexes ausrichten, der &#8211; wie im Paradies &#8211; ohne die s&#252;ndig brennende &#034;libido&#034; funktioniere, sondern so leichterhand vonstattengehe wie das Bewegen der Finger&#8230;.</p>
<p>Foucault rekonstruiert diese Debatten und theologischen Spekulationen nat&#252;rlich nicht ohne ein systematisches Interesse. Er erinnert daran, dass, wie oben skizziert, das m&#246;nchische Leben und das Leben jener, die sich der Virginit&#228;t verschrieben h&#228;tten, eine st&#228;ndige, umfassende Selbstsorge und durch die Beichte abgest&#252;tzte Selbstbeobachtung erfordern. Wohl sei es dabei, und anders als in der Antike, nicht um die Festigung des eigenen Willens gegangen, sondern um die &#220;berwindung des Willens im Gehorsam einem Hirten gegen&#252;ber. Dennoch aber standen im Zentrum dieser Praktiken Techniken des Selbst, was f&#252;r die Eheleute in diesem Ausma&#223; bei weitem nicht gelte. Denn anders, oder noch viel deutlicher, als dies in den Selbsttechniken der M&#246;nche der Fall war, wurden die Gl&#228;ubigen in der Ehe, so Foucault, Verhaltensregeln und &#034;Gesetzen&#034; unterworfen. Deren Einhaltung wurde in der Beichte zwar &#252;berpr&#252;ft, hing aber nicht oder weit weniger von der Technik der Selbstpr&#252;fung ab, sondern in ganz neuartiger Weise vom Gehorsam einem Gesetz gegen&#252;ber: Es handle sich, wie Foucault betont, in der Ehe- und Sexualit&#228;tslehre des Augustin in neuartiger Weise darum, &#034;de penser dans des formes de type juridiques, des r&#232;gles, des prescriptions et des recommandations, qui avaient surtout &#233;t&#233; r&#233;fl&#233;chies jusque-l&#224; dans les formes de l&#8217;asc&#232;se spirituelle et des techniques de purification de l&#8217;&#226;me&#034; (S. 351).</p>
<p>Allein, was hei&#223;t das, wenn es darum gehe, &#034;de penser le p&#233;cheur comme sujet de droit&#034;? Foucault hilft dem Leser, der Leserin, die die Theorielandschaft der sp&#228;ten 1970er Jahre in Frankreich nicht mehr ganz pr&#228;sent haben, sogleich auf die Spr&#252;nge: &#034;ou, comme nous dirions dans un autre vocabulaire: penser simultan&#233;ment et en une seule forme le sujet de d&#233;sir et le sujet de droit&#034; (S. 352). Man erinnert sich: Im ersten Band seiner <italic>Histoire de la sexualit&#233;</italic> von 1976 f&#252;hrte Foucault eine schneidende Auseinandersetzung mit dem Konzept des Begehrens, wie es in der (vor allem Lacan&#8217;schen) Psychoanalyse entwickelt wurde: Das Subjekt ist bei Lacan ein Subjekt des Begehrens insofern, als es dem Gesetz unterworfen ist. Foucault assoziierte dieses Gesetz bekanntlich mit dem K&#246;nig, dem Tod, dem Blut und dem Symbolischen (und dem alten &#034;Allianzdispositiv&#034;) &#8211; und er versuchte, ihm ein anderes Konzept, ein anderes Dispositiv entgegenzuhalten, das dem Sex &#034;zeitgen&#246;ssisch&#034; sei. Sein Prinzip sei nicht das Gesetz, sondern die Norm. Er wusste wohl, dass er sich mit dem Verzicht auf jeden Rekurs auf ein Symbolisches (dank dem die Psychoanalyse seinerzeit dem letztlich faschistischen Biologismus widerstanden habe, wie Foucault anerkennend schreibt) in gef&#228;hrliche Gew&#228;sser begab.</p>
<p>Man versteht erst jetzt, mit diesem vierten Band der <italic>Histoire de la sexualit&#233;</italic>, im vollen Umfang, wie sich Foucaults Denken seither entwickelt hat. Zum einen schlie&#223;t <italic>Les aveux de la chair</italic> an den alten Gedanken des Einleitungsbandes von 1976 an und f&#252;hrt ihn zu Ende: Das abendl&#228;ndische Subjekt des Begehrens als ein dem Gesetz unterworfenes, wie es bei Lacan ein letztes Mal theoretisch begr&#252;ndet wurde, entstammt der Ehelehre des Heiligen Augustinus und hat zusammen mit der Pflicht zur Beichte das christliche wie auch das ihm nachfolgende psychoanalytische Denken gepr&#228;gt. Das allein ist allerdings noch keine wirkliche Neuigkeit. Neu oder zumindest sehr viel klarer ist allerdings, dass Foucault mit den Selbstverh&#228;ltnissen vor allem der antiken Art einen &#034;contrepoint&#034; (Fr&#233;d&#233;ric Gros, S. V) gefunden hat, der den zuvor propagierten <italic>contrepoint</italic> &#034;Norm&#034; als &#034;zeitgen&#246;ssischer&#034; Regulierungsform in seinem Denken vollst&#228;ndig verdr&#228;ngte (weshalb es ihm bald auch nicht mehr m&#246;glich war, &#252;ber Biopolitik zu sprechen). Die Alternative lautete f&#252;r ihn seit dem Ende der 1970er Jahre nicht mehr Gesetz vs. Norm, sondern Gesetz vs. Selbsttechniken. Wenn Foucault je etwas zuwider war, dann war es die Vorstellung der Unterwerfung unter ein Gesetz. Im vierten Band seiner <italic>Histoire de la sexualit&#233;</italic> rekonstruiert er die Genese jenes Gesetzes des Begehrens, dem gem&#228;&#223; Lacan auch das moderne Subjekt unterworfen sei, in der augustinischen Ehe- und Sexualit&#228;tslehre. Mit ihr aber habe sich die Spur jener antiken Selbsttechniken verloren, die, gem&#228;&#223; Foucault, ohne Gesetz und ohne Transzendenz auskamen, ohne g&#246;ttliche Begr&#252;ndung und ohne den Zwang, st&#228;ndig die Wahrheit &#252;ber sich selbst aussagen zu m&#252;ssen. Auch wenn klar ist, dass Foucault sich nicht mit &#034;den Griechen&#034; identifiziert hat, so darf doch als gewiss gelten, dass ihre Selbsttechniken ihm als ein wirklicher <italic>contrepoint</italic> erschienen sind, als ein Gegenentwurf zur fast zweitausendj&#228;hrigen Tradition des Christentums &#8211; und als Fluchtpunkt seiner eigenen philosophischen Unruhe.</p>
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<fn id="n1"><p>Michel Foucault, <italic>La volont&#233; de la savoir. Histoire de la sexualit&#233; 1</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Paris: Gallimard, 1976</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Michel Foucault, <italic>L&#8217;usage des plaisirs. Histoire de la sexualit&#233; 2</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Paris: Gallimard, 1984</xref>); <italic>Le souci de soi. Histoire de la sexualit&#233; 3</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Paris: Gallimard, 1984</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Michel Foucault, <italic>Les aveux de la chair. Histoire de la sexualit&#233; 4</italic>, hg. Fr&#233;d&#233;ric Gros (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Paris: Gallimard, 2018</xref>). Im Folgenden durch Angabe der Seitenzahl in Klammern im Flie&#223;text zitiert.</p></fn>
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<title>Bibliografie</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Foucault</surname>, <given-names>Michel</given-names></string-name>. <source>La volont&#233; de la savoir. Histoire de la sexualit&#233;</source> <volume>1</volume>. <publisher-loc>Paris</publisher-loc>: <publisher-name>Gallimard</publisher-name>, <year>1976</year>.</mixed-citation></ref>
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