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<journal-title>Genealogy+Critique</journal-title>
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<subject>Editorial</subject>
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<article-title>Identit&#228;tsboom in der Gegenwartsliteratur: Editorial</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Interdisziplin&#228;res Zentrum f&#252;r Geschlechterforschung &amp; Fakult&#228;t f&#252;r Linguistik und Literaturwissenschaft, Bielefeld University</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>Department of German Studies, University of Vienna</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2025-12-03">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>The special collection &#034;Identity Boom in Contemporary Literature: Experience, Representation, Identification&#034; scrutinizes the &#034;identity boom&#034; in contemporary literature, i.e., the proliferation of texts that prompt us to (once again) question the relevance of categories such as gender, race, class, etc. While in recent debates opposing camps appear to have grown entrenched&#8212;either absolutizing identity categories or rejecting their relevance for literary production and reception&#8212;the special collection aims to provide a nuanced account of the internal tensions within identity and experience-based literature. The contributions examine eminent and lesser-known examples of this genre, reconstructing internal discursive concepts and problems along the axes of experience, representation, and identification. They thus develop perspectives for critical research on current literary discourses of identity and experience.</p>
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<title>1. Die Obsession mit der Identit&#228;t</title>
<p>Mithu Sanyals <xref ref-type="bibr" rid="B33">2021</xref> ver&#246;ffentlichter Roman <italic>Identitti</italic> ist in mehrerlei Hinsicht ein Zeitdokument und Zeugnis f&#252;r den Identit&#228;tsboom in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mit der Studentin Nivedita stellt der Text eine junge Person of Color ins Zentrum, die sich mit Identit&#228;tsfragen, mit gesellschaftlichen Strukturen der Ungleichheit sowie mit offenen und latenten Diskriminierungsformen auseinandersetzen muss. Damit tr&#228;gt der Roman zur Diversifizierung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bei und macht zugleich Identit&#228;tskategorien wie <italic>race, class</italic> und <italic>gender</italic> zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung. Denn der Erz&#228;hlanlass ist gerade nicht die (eindeutige) identit&#228;re Zugeh&#246;rigkeit einer der Figuren, sondern deren Vort&#228;uschung: Der Roman setzt ein mit dem Skandal um die Professorin Saraswati, die sich als Person of Color indischer Herkunft ausgegeben und als solche enorme Erfolge in der postkolonialen Theoriebildung gefeiert hat. Eigentlich entstammt sie jedoch einer <italic>wei&#223;en</italic>, deutschen Familie und hei&#223;t Sarah Vera Thielmann. W&#228;hrend Sanyals Roman also einerseits die Mechanismen in den Blick nimmt, die Identit&#228;t im sozialen, &#228;sthetischen und politischen Bereich hervorbringen, und die Ungleichheiten und Asymmetrien seziert, die dadurch entstehen, problematisiert er andererseits die Essentialisierungen, die mit der Betonung eben dieser Differenz einhergehen k&#246;nnen.</p>
<p>Die intensive thematische und &#228;sthetische Auseinandersetzung mit Identit&#228;t als sozialer Kategorie ist ein erstes Charakteristikum des literarischen Identit&#228;tsboom der Gegenwart. Sie mag kein Novum der Gegenwartsliteratur sein, doch geh&#246;rt sie zweifellos zu ihren zentralen Kennzeichen; sie geht einher mit der Popularisierung von Genres wie der Autosoziobiographie, Autofiktion oder dem Identit&#228;tsroman (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Zeh 2022</xref>). Beobachtet und reflektiert worden ist dieser innerliterarische Identit&#228;tsboom in einer Reihe aktueller literaturwissenschaftlicher Sammelb&#228;nde und Zeitschriftenausgaben (vgl. bspw. ZiG <xref ref-type="bibr" rid="B4">2024</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B40">Wolting 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B6">Blome, Lammers, Seidel 2022</xref>), nachgerade perpetuiert wird er aber auch in der deutschsprachigen Literaturkritik. Hier ist die Frage nach der politischen und &#228;sthetischen Bedeutung von Identit&#228;tskategorien seit ein paar Jahren zum Lieblingsstreitpunkt avanciert, wobei die Rezensionen oftmals hinter die Differenziertheit der besprochenen Texte zur&#252;ckfallen. So gilt die Darstellung von Alterit&#228;t h&#228;ufig bereits als Indiz daf&#252;r, dass die entsprechende Literatur eben <italic>nur</italic> mit Identit&#228;tsfragen befasst sei. Zudem gehen die Lekt&#252;ren oftmals mit einer Identifizierung der dargestellten Figuren und Lebenswelten mit den Autor*innen einher. In ihrem Beitrag zu dieser Special Collection bringt Ivana Perica diese Problematik auf den Begriff der &#034;reduction fallacy&#034; und bezeichnet damit den Umstand, dass &#034;[t]he complexity of a work of fiction is emphatically reduced to a single dimension by attributing all aesthetic characteristics to the ethnicity, race, or gender&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Perica 2024</xref>) ihrer Autor*innen.</p>
<p>Solche rezeptionsseitigen Verk&#252;rzungen sind ein zweites Kennzeichen des gegenw&#228;rtigen Identit&#228;tsbooms. Von ihnen wei&#223; auch Sanyal zu berichten: Obwohl <italic>Identitti</italic> der spielerische Umgang mit Identit&#228;t bereits im Titel eingeschrieben ist und trotz aller Fiktionssignale des Textes, ist auch sie immer wieder mit der Hauptfigur ihres Romans gleichgesetzt worden (<xref ref-type="bibr" rid="B34">Sanyal 2025</xref>). Die beschriebenen analytischen Fehlschl&#252;sse und komplexit&#228;tsreduzierenden Gleichsetzungen, die sich in der feuilletonistischen Rezeption von Gegenwartsliteratur beobachten lassen, sind nicht neu. Sie f&#252;hren ein Muster weiter, das sich bereits mit der Entstehung des modernen Literaturbetriebs in der Mitte des 18. Jahrhunderts herausgebildet hat. Dieses besteht kurzgefasst darin, die literarische Produktion derjenigen, deren Autorschaft<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> &#252;ber die Kategorien sozialer Differenz markiert ist, als &#034;formarme Selbstmitteilung&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Geitner 2022, 211</xref>) zu charakterisieren, das hei&#223;t, sie als &#39;nat&#252;rlichen&#39; Ausdruck ihrer Identit&#228;t und Erfahrung zu lesen und damit von einer universell vorgestellten idealistischen &#196;sthetik und den zugeh&#246;rigen Autorschaftsnormen abzugrenzen. Die diskursiven Effekte dieser Abgrenzung beschreibt Silvia Bovenschen in <italic>Die imaginierte Weiblichkeit</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B8">1979</xref>). Die Themen, Anliegen und &#196;sthetiken von Autor*innen im Differenzparadigma wurden ihrer Analyse zufolge in spezialisierte, vom allgemeinen Literaturbetrieb abgetrennte Bereiche verwiesen, um &#034;&#220;bergriffe&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Bovenschen 1979, 20</xref>) auf die hegemoniale m&#228;nnlich-wei&#223;-b&#252;rgerlich strukturierte literarische &#214;ffentlichkeit zu verhindern. Diese historische Entwicklung steht in Zusammenhang mit den Dichotomisierungsprozessen, die die Entstehung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft und ihres Literaturbetriebs insgesamt pr&#228;gen. Geschlechternormen &#8211; in Verschr&#228;nkung mit <italic>race</italic> und Klasse &#8211; strukturieren nicht nur Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Handlungsspielr&#228;ume, sondern auch die Ausdifferenzierung literarischer Gattungen, Vorstellungen von Autorschaft und Kanonisierungsprozesse; diese wirken ihrerseits auf die Mechanismen sozialer Differenzierung zur&#252;ck. In ihren Grundz&#252;gen wirken die Partikularisierung, Essentialisierung und &#39;Naturalisierung&#39; der literarischen Produktion von weiblichen, schwulen, migrantisierten, rassifizierten (usw.) Autor*innen bis heute fort (vgl. dazu auch <xref ref-type="bibr" rid="B14">Ellmann 1968</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B32">Russ 1983</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Pohl, Schuchter 2021</xref>).</p>
<p>Der &#39;Identit&#228;tsboom in der Gegenwartsliteratur&#39; zeigt sich noch in einer dritten Weise, die ebenfalls in <italic>Identitti</italic> greifbar wird. Wenn im Roman haarklein der mediale Shitstorm nachgezeichnet wird, der auf die Aufdeckung der &#39;gef&#228;lschten Identit&#228;t&#39; von Niveditas Professorin folgt, wird der Blick auf die aufmerksamkeits&#246;konomischen Bedingungen gerichtet, die die Debatten um Identit&#228;t strukturieren. Im Feuilleton unserer Gegenwart fungieren rei&#223;erische &#220;berschriften wie bspw. &#034;Der Boom der Scham&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Lieder 2023</xref>) zum einen als wirkungsvolle Clickbaits (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Daub 2022</xref>). Zum anderen sind auch solche literarischen Texte, die eine auf Repr&#228;sentation, Anerkennung, Inklusion und kulturelle Teilhabe ausgerichtete &#39;literarische Identit&#228;tspolitik&#39; betreiben, Teil eines grundlegend auf Profit ausgerichteten Literaturbetriebs, der sie entlang marktg&#228;ngiger Identit&#228;tslogiken positioniert und verwertet. Die gegenw&#228;rtige Konjunktur von Romanen &#252;ber Bildungsaufsteiger*innen oder Menschen mit Migrationsbiographien verdankt sich eben auch dem Umstand, dass sie sich &#8211; gelabelt als &#39;authentische&#39; oder &#39;echte&#39; Geschichten &#8211; schlicht gut verkaufen. Manche Texte durchlaufen diese Vermarktungslogiken nicht nur, sie st&#252;tzen sie auch &#228;sthetisch, was auf ein abstraktes Muster kultureller Produktion und Distribution verweist, das sich mit Anna Kornbluh verstehen l&#228;sst. In ihrer Studie <italic>Immediacy. Or the Style of Too Late Capitalism</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B23">2024</xref>) argumentiert sie, dass autofiktionale Erz&#228;hlungen durch &#228;sthetische Verfahren, die Unmittelbarkeit, N&#228;he und Intimit&#228;t erzeugen, Lesebed&#252;rfnisse befriedigen, die aus einer ubiquit&#228;ren Entfremdungsdynamik im Sp&#228;tkapitalismus entstehen. Da sie auf diese Weise die gegebene Gesellschaftsformation nur reproduzieren, entbehren sie Kornbluh zufolge jedes kritischen Potenzials.</p>
<p>Insgesamt sind die hier umrissenen Spannungen und Ambivalenzen untrennbar verbunden mit den literarischen Entwicklungen und Debatten im Kontext des &#39;Identit&#228;tsbooms in der Gegenwartsliteratur&#39;. Diesen verstehen wir nicht als blo&#223;e literarische Mode, sondern als Symptom f&#252;r eine tiefgreifende Ver&#228;nderung des literarischen Feldes sowie gro&#223;er Bereiche der Kulturproduktion und Rezeption, die ihrerseits komplexe Aushandlungsprozesse in Gang setzt. In deren Verlauf greifen &#228;sthetische Praktiken, kulturindustrielle Marktlogiken, historisch gewachsene Rezeptions- und Wertungsroutinen sowie politische K&#228;mpfe teils konflikthaft ineinander, zum Teil verst&#228;rken sie sich gegenseitig. Um das Wechselspiel dieser unterschiedlichen Faktoren in angemessener Weise ber&#252;cksichtigen zu k&#246;nnen, d&#252;rfen die genannten Spannungen und Ambivalenzen nicht gegl&#228;ttet werden. Ihre differenzierte Betrachtung verlangt nach einem dialektischen Zugang, der auch in dieser Special Collection gew&#228;hlt wurde. Zudem ist die Auseinandersetzung entlang der Achsen Erfahrung, Repr&#228;sentation und Identifizierung ausgelegt. Diese Trias dient zuvorderst der Vermeidung von Reduktionismen. Sie soll verhindern, dass Identit&#228;t als vermeintliche Autorschafts- und Textessenz gelesen wird, und macht stattdessen die Vermittlungsleistungen von &#228;sthetischen Verfahren, Paratexten, institutionellen Kontexten und rahmenden Diskursen sichtbar. Davon ausgehend kann der &#39;Identit&#228;tsboom in der Gegenwartsliteratur&#39; jenseits von einseitig emphatischen oder denunziatorischen Volten erkundet werden.</p>
<p>Auf diese Weise gehen auch die Beitr&#228;ge der Special Collection vor: In detaillierten Beispielanalysen, durch Historisierungen und Systematisierungen sowie diskurskritische Rekonstruktionen arbeiten sie die zentralen Schaupl&#228;tze, Argumente und genealogischen Linien heraus, die f&#252;r die Entwicklungen des gegenwartsliterarischen Feldes charakteristisch sind. Im Folgenden werden die neun Beitr&#228;ge der Special Collection unter derjenigen Achse vorgestellt, die f&#252;r sie besonders pr&#228;gend ist, wohl wissend, dass die jeweiligen Argumentationen vielfach &#252;bergreifend auf Erfahrung, Repr&#228;sentation und Identifizierung Bezug nehmen.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Erfahrung</title>
<p>Die Kategorie der Erfahrung ist im 20. Jahrhundert vielfach f&#252;r die Etablierung literarischer Gegen&#246;ffentlichkeit mobilisiert worden und wurde so zu einem wichtigen Movens literarischer Produktion: W&#228;hrend in der Arbeiter*innenliteratur der Zwischenkriegszeit die Darstellung proletarischer Lebensrealit&#228;ten vor allem anhand der materiell-&#228;u&#223;eren Umst&#228;nde greifbar gemacht wurde, erweiterte sich im Umfeld der Neuen Linken seit den sp&#228;ten 1960er-Jahren ein Erfahrungskonzept, dass auch deren innerliche, emotionale und psychologische Dimension betonte. In der Neuen bzw. Autonomen Frauenbewegung, der Schwulen- und Lesbenbewegung, der Kr&#252;ppel- und Antipsychiatriebewegung avancierte die subjektive bzw. pers&#246;nliche Erfahrung zur zentralen politischen und &#228;sthetischen Kategorie. Dabei ging es einerseits darum, pers&#246;nliche Erfahrungen in Selbsterfahrungsgruppen zu teilen und dadurch &#252;berindividuelle Muster patriarchaler, kapitalistischer oder rassistischer Zurichtung zu erkennen. Andererseits sollte eine spezifisch weibliche, lesbische, schwule, behinderte, psychisch kranke, jugendliche (etc.) Erfahrung vorerst literarisch artikuliert werden. So entstanden zahlreiche autobiographisch erz&#228;hlende Ich-Texte, deren &#034;programmatischer Kern&#034; die &#034;authentische[] Kommunikation von Erfahrung&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Busch 2024</xref>) war. In diesem bald als &#39;Neue Subjektivit&#228;t&#39; bzw. &#39;Neue Sensibilit&#228;t&#39; etikettierten Trend (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Reich-Ranicki 1975</xref>) wurden literarische Stile und Kommunikationsformen privilegiert, die Authentizit&#228;t und Echtheit inszenieren, um die subjektive Erfahrung des schreibenden Ichs darzustellen und um Innenwelten, Gef&#252;hle und Tr&#228;ume, aber auch die eigene K&#246;rperlichkeit zu erkunden (vgl. dazu <xref ref-type="bibr" rid="B11">Cixous 1975</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B31">Reinig 1976</xref>; kritisch <xref ref-type="bibr" rid="B13">Die Schwarze Botin 1976</xref>).</p>
<p>Ein wichtiges &#228;sthetisches wie politisches Medium ist in diesem Zusammenhang die Anthologie. In seinem Aufsatz zu solchen &#034;Erfahrungsformaten&#034; zeigt Christopher Busch, wie Anthologien als Verst&#228;ndigungstexte sozial markierter Gruppen fungieren und dabei zugleich kollektivierende, organisierende wie auch normierende Effekte zeitigen. Er zeichnet nach, wie &#39;authentische Erfahrung&#39; und mithin soziale bzw. politische Identit&#228;ten als Effekte editorischer und literarischer Prozesse verstanden werden m&#252;ssen, nicht etwa als deren vordiskursiver Ursprung. Dass Erfahrung stets vermittelt ist, zeigt sich auch in Anna Hofmans (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2024</xref>) Beitrag zur j&#252;dischen Gegenwartslyrik der dritten Generation. Am Beispiel von Hanna Rajs&#39; Gedichtband <italic>Under m&#229;nen</italic> zeigt sie, wie die Autorin subjektive Erfahrung nicht als authentischen Ursprung j&#252;discher Identit&#228;t, sondern als Scharnier zwischen kollektiver Erinnerung und kultureller Situiertheit positioniert. Dabei pocht die lyrische Stimme auf &#228;sthetische Eigengesetzlichkeit und widersetzt sich so dem potenziellen Leser*innen-Bed&#252;rfnis, &#39;die&#39; j&#252;dische Erfahrungswelt authentisch zu erkl&#228;ren oder verst&#228;ndlich zu machen.</p>
<p>Wie die Beitr&#228;ge von Busch und Hofman zeigen, ist der &#39;Identit&#228;tsboom in der Gegenwartsliteratur&#39; auch ein Erfahrungsboom (vgl. dazu auch Klanke 2025). Aktuell findet dieser allerdings nicht mehr haupts&#228;chlich in literarischen Gegen&#246;ffentlichkeiten statt, sondern wird von den machtvollen Akteuren des literarischen Feldes &#8211; Institutionen des Mainstream-Literaturbetriebs und ihren Gatekeepern &#8211; durchaus gew&#252;nscht und bef&#246;rdert. Diese Entwicklung er&#246;ffnet zwar Zug&#228;nge, &#246;konomische M&#246;glichkeiten und Kanonchancen f&#252;r Autor*innen mit Differenzerfahrung, sie legt diese jedoch tendenziell auf die Literarisierung dieser Erfahrungen fest und beg&#252;nstigt deren Konventionalisierung, Kommerzialisierung und Serialisierung. Wie Michaela Holdenried (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2022</xref>) mit Blick auf die Literaturproduktion migrantisierter bzw. rassifizierter Autor*innen zeigt, gilt f&#252;r diese bereits der implizite Ma&#223;stab einer m&#246;glichst unmittelbaren literarischen Erfahrungsdarstellung. Dies zeigt sich nach Holdenried z.B. daran, dass bei Literaturpreisen wie dem Chamisso-Preis nach &#034;Parametern der Betroffenheit, Zerrissenheit und [&#8230;] autobiographischer Selbstbez&#252;glichkeit&#034; (ebd., 213) entschieden werde.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Zugespitzt formuliert wird eine Bewertung anhand &#228;sthetischer Kriterien hier durch die Beglaubigung (vermeintlicher) Authentizit&#228;t ersetzt. Zumeist werden die literarischen Texte dann auch nicht als Artikulation einer individuellen und zugleich allgemein-menschlichen Erfahrung gelesen, sondern sie gelten tendenziell als exemplarisch f&#252;r die soziale Gruppenidentit&#228;t, die den Autor*innen jeweils zugeschrieben wird.</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Repr&#228;sentation</title>
<p>Die Frage nach dem exemplarischen Gehalt verschiedener &#39;Identit&#228;tsliteraturen&#39; ist aufs Engste verbunden mit der Frage nach dem Stellenwert und der politischen Bedeutung literarischer Repr&#228;sentation. Die gr&#246;&#223;ere Sichtbarkeit der sozialen Gruppen, die die l&#228;ngste Zeit aus dem Feld kultureller Produktion ausgeschlossen waren, geht gegenw&#228;rtig mit einem progressiven Versprechen einher: Nicht nur, dass Literatur ihr Erleben und ihre Erfahrung durch Repr&#228;sentation deuten und auf diese Weise emotional und intellektuell zug&#228;nglich machen kann; ihr wird auch zugeschrieben, dass sie zu mehr Anerkennung, narrativer Selbstbestimmung, Deutungsmacht, W&#252;rde und kultureller Teilhabe von marginalisierten Gruppen f&#252;hrt und damit eine Verschiebung eben jener Ordnung m&#246;glich macht, die strukturiert, was gesellschaftlich sag-, denk- und f&#252;hlbar ist.</p>
<p>Interventionen, die in erster Linie dem Imperativ nach (ausgewogener, breiter, w&#252;rdevoller etc.) Repr&#228;sentation folgen, sind sp&#228;testens seit den 1980er Jahren stichhaltig daf&#252;r kritisiert worden, dass sie auf der Konstruktion homogener Identit&#228;ten beruhen und dadurch ihrerseits Ausschl&#252;sse produzieren (k&#246;nnen). Die Maskulinit&#228;t der proletarischen Kultur der 1920er Jahre (vgl. dazu z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Hake 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B1">Adamczak 2017</xref>) oder die Klassen- und <italic>race</italic>-Blindheit von Teilen der feministischen Bewegungen (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Sch&#246;&#223;ler, Wille 2022, 109&#8211;111</xref>) &#8211; all diese Verengungen politischer Programme, die eigentlich auf die Ausweitung gesellschaftlicher Teilhabe abstellen, zeugen von den Fallstricken naiver Subjektkonstruktionen entlang von Differenzkategorien. Judith Butler und mithin eine der sch&#228;rfsten Kritiker*innen von Repr&#228;sentationspolitiken stellt trotzdem fest, dass &#034;die politische Aufgabe nicht darin bestehen&#034; kann, diese &#034;abzulehnen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Butler 1991, 20</xref>), und zwar schon deshalb, weil es keine Position au&#223;erhalb &#034;der Rechtsstrukturen von Sprache und Politik&#034; gibt, die &#034;das zeitgen&#246;ssische Feld der Macht [bilden]&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Butler 1991, 20</xref>). Stattdessen m&#252;ssen sich progressive Politiken um die &#034;kritische Genealogie seiner Legitimationspraktiken&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Butler 1991, 20</xref>) bem&#252;hen &#8211; was immer auch hei&#223;t, die entsprechenden Sprachpraktiken kritisch zu reflektieren.</p>
<p>Die Literatur scheint diesbez&#252;glich ein privilegiertes Medium zu sein. Aufgrund ihrer Selbstreflexivit&#228;t ist sie pr&#228;destiniert daf&#252;r, Benennungs-Prozesse zu hinterfragen, die einer Homogenisierung Vorschub leisten, und die Bedingungen der Versprachlichung eines marginalisierten Erlebens zu reflektieren. In dieser Hinsicht ist die neueste Literaturproduktion sp&#228;testens seit den Debatten um einen &#39;Popul&#228;ren Realismus&#39; jedoch in Verruf geraten. In seinem gleichnamigen Buch kritisiert Moritz Ba&#223;ler, dass die formal-sprachliche Ebene in vielen Gegenwartstexten in den Hintergrund r&#252;ckt, wodurch ihre Gemachtheit unsichtbar werde. Was Ba&#223;ler somit zur Disposition stellt, das sind die &#228;sthetischen Verfahren, denen die Literatur ihr kritisches Potenzial verdankt. Dieses gesteht er in erster Linie avantgardistischen Techniken zu, wobei er &#228;sthetische Norm und Rezeption aneinander koppelt. Denn der &#034;Effekt realistischer Erz&#228;hlweise&#034; ist Ba&#223;ler zufolge, dass eben nicht kritisch reflektiert wird, sondern dass immer schon &#034;alles eindeutig [ist]&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Ba&#223;ler 2022, 36</xref>). Der gem&#228;&#223;igte Stil und die Zur&#252;cknahme von Artifizialit&#228;t &#8211; die eine Vielzahl von &#39;Identit&#228;tsliteraturen&#39; der Gegenwart zweifellos auszeichnen &#8211; bedingen Ba&#223;ler zufolge die Einschr&#228;nkung literarischer Interventionsm&#246;glichkeiten. Zudem f&#252;hrt es ihm zufolge dazu, dass &#228;sthetische Fragestellungen bei der literarischen Rezeption ganz grunds&#228;tzlich zur&#252;ckgestellt werden. In eine &#228;hnliche Richtung denkt auch Carolin Amlinger, die in der <italic>S&#252;ddeutschen Zeitung</italic> bemerkt, dass Literatur &#034;vermehrt soziologisch gelesen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Amlinger 2023, 9</xref>) wird. Amlinger teilt mit Ba&#223;ler den Befund, dass die Literatur dadurch an Kriterien gemessen wird, &#034;die sich au&#223;erhalb der &#228;sthetischen Welt befinden, in dem politischen und ethischen Miteinander&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Amlinger 2023, 9</xref>).</p>
<p>Was gewisse Tendenzen der Rezeption anbelangt, muss Amlinger sicherlich Recht gegeben werden: In inhaltsversessenen Lekt&#252;ren geraten gerade autofiktionale und autosoziobiographische Texte derzeit oft zum blo&#223;en Exempel f&#252;r soziologische oder andere Gesellschaftstheorien. Eine Kritik dessen sollte indes genau hier &#8211; auf der Ebene der Rezeption &#8211; ansetzen, denn nat&#252;rlich kann auch noch der realistischste Roman auf seine &#228;sthetischen Besonderheiten hin untersucht werden.</p>
<p>Dass (popul&#228;r-)realistische Texte nicht notwendig sprach- oder formvergessen sind, dass sich aber auch die &#196;sthetik nicht ohne Verluste von den Bereichen Politik und Moral l&#246;sen l&#228;sst, das arbeiten die Beitr&#228;ge der Special Collection deutlich heraus. So zeigen Sophie Schweiger (<xref ref-type="bibr" rid="B37">2023</xref>) und Sebastian Schuller (<xref ref-type="bibr" rid="B36">2024</xref>) in differenzierten Analysen, dass und wie Texte im gegenwartsliterarischen Feld ihre eigene formale und rhetorisch-symbolische Gemachtheit ausstellen. Anhand von Fiston Mwanza Mujilas Roman <italic>Tram 83</italic> macht Schuller deutlich, dass die Literatur &#034;Identit&#228;t im Kapitalismus&#034; denken und &#034;das Identit&#228;re als Gr&#246;&#223;e im Kapital&#034; darstellen kann. Schweiger arbeitet heraus, wie Sanyals <italic>Identitti</italic> einen doppeldeutigen Begriff der Aneignung entwirft, der sowohl die problematische Vereinnahmung als auch die ver&#228;ndernde Zitation umfasst. Beide Beitr&#228;ge erhellen, auf welch unterschiedliche Weise Gegenwartsromane die &#228;sthetischen, medialen und ideologischen Paradigmen anschaulich werden lassen, in denen sie entstanden sind.</p>
<p>In ihrem Beitrag &#034;Wahre Klischees und plumpe Plausibilisierungen&#034; zeichnet Lea Liese (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2024</xref>) ausgehend von standpunkttheoretischen &#220;berlegungen nach, dass schematisierende Darstellungen in den Texten von Anke Stelling und Olivia Wenzel weniger im Dienst identit&#228;tspolitischer Vereindeutigung stehen, als dass sie diese problematisieren. Roman Widder wendet sich in seiner &#034;Skizze einer Poetik der Teilhabe&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">2024</xref>) ebenfalls Wenzels Roman zu. Er liest <italic>1000 serpentinen angst</italic> gemeinsam mit Kim de L&#39;Horizons <italic>Blutbuch</italic> und bindet die Texte an die antiken Konzepte <italic>mimesis</italic> und <italic>methexis</italic> zur&#252;ck. Im Zuge dessen arbeitet er Anschl&#252;sse der aktuellen Literaturproduktion an &#228;sthetische Traditionen heraus und er&#246;ffnet dadurch nicht nur eine konzeptuell neue Perspektive auf die Gegenwartsliteratur, er verleiht der Auseinandersetzung auch historische Tiefensch&#228;rfe. Der Beitrag von Sandra Folie (<xref ref-type="bibr" rid="B17">2024</xref>) macht schlie&#223;lich deutlich, dass die ver&#228;nderten Sujets und Themen in der neuesten Literatur auch eine Erweiterung literaturwissenschaftlicher Instrumentarien verlangen. Im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit Tete Loepers <italic>Barfu&#223; in Deutschland</italic> macht sie deutlich, dass sich Loepers Roman in eine afrikanisch-diasporische Literaturtradition einschreibt &#8211; deren Motive und Erz&#228;hlweisen jedoch gekannt werden m&#252;ssen, um Referenzen &#252;berhaupt deuten und einordnen zu k&#246;nnen (vgl. dazu auch <xref ref-type="bibr" rid="B27">Oholi 2024</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Identifizierung</title>
<p>Die neuen Formen literarischen Erz&#228;hlens markieren eine Erweiterung kultureller und literarischer Repr&#228;sentation in Bezug auf Figurenarsenal und -konstellation und fordern die literaturwissenschaftliche Analyse heraus, ihre begrifflichen und methodischen Werkzeuge zu sch&#228;rfen. Vor diesem Hintergrund r&#252;ckt auch der Begriff der Identifizierung neu ins Zentrum. Dieser l&#228;sst sich nicht auf eine Projektion oder Einf&#252;hlung reduzieren, sondern vollzieht sich als komplexes Wechselspiel zwischen Text, Leser*in und gesellschaftlicher Struktur. Dabei leisten die neuesten Erfahrungs- und Identit&#228;tsliteraturen eine Art der Hilfestellung, die auch Pierre Bourdieu im Sinn gehabt haben mag, als er seine Zuh&#246;rer*innen am Ende seines <italic>Soziologischen Selbstversuchs</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B7">2002</xref>) wissen lie&#223;: &#034;[N]ichts w&#252;rde mich gl&#252;cklicher machen, als wenn es mir hier gelungen w&#228;re, da&#223; einige meiner Leser oder Leserinnen ihre eigenen Erfahrungen, ihre Schwierigkeiten, ihre Fragen, ihre Leiden in meinen wiedererkennen k&#246;nnen&#034; und wenn die &#034;wirklichkeitsnahe Identifikation [&#8230;] eine Hilfe sein k&#246;nnte, um das, was sie tun und leben, ein wenig besser zu tun und zu leben&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Bourdieu 2002, 127</xref>). Das Bereitstellen seiner Geschichte, die zweifellos eine Erfolgsgeschichte ist, allerdings von klassischen Bildungsbiographien abweicht, soll nicht mehr und nicht weniger als helfen. In &#228;hnlicher Weise &#39;helfen&#39; auch die literarischen Texte unserer Gegenwart, wenn sie Lebens&#228;sthetiken zur Disposition stellen und damit alternative Beziehungsweisen zum Selbst und zu anderen entwerfen sowie M&#246;glichkeiten eines &#39;lebbaren&#39; Lebens erkunden (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Felski 2021</xref>). Ausgehend von ihrer Funktionalisierung &#252;berschreiten sie jedoch die der Literatur traditionell zugeschriebene Zweckfreiheit und Eigengesetzlichkeit. Damit stellen sie das Autonomiepostulat und mithin eines der am st&#228;rksten umk&#228;mpften Axiome &#228;sthetischer Theorien in Frage (vgl. dazu z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Blome 2023</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B18">Geitner 2016</xref>). In aktuellen literaturwissenschaftlichen Debatten mag diese Heteronomisierung nicht allen Ortes begr&#252;&#223;t werden (Bohrer 2019), doch wird sie zunehmend als &#034;kritische Arbeit der Gegenwartsliteratur am Literaturbegriff&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Spoerhase, Vogel 2023, 859</xref>) gewertet und gew&#252;rdigt.</p>
<p>Prozeduren der Identifizierung m&#246;gen einer im weitesten Sinne engagierten Neuausrichtung der Literatur Vorschub leisten, historisch waren sie jedoch auch zentraler Bezugspunkt &#39;veranderter&#39; Lesepraktiken. Wie Franziska Sch&#246;&#223;ler und Lisa Wille nachzeichnen, war das identifizierende Lesen im 19. Jahrhundert mit Weiblichkeit assoziiert, ihm stand ein &#034;geistiges, k&#246;rperloses Lesen des Mannes gegen&#252;ber[]&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Sch&#246;&#223;ler, Wille 2022, 160</xref>). In ihrer feminisierten Gestalt wurde eine auf Identifizierung beruhende Lekt&#252;re demnach als naiv-affirmativ, gar als gef&#228;hrlich-erotisierend diskreditiert. Diese Gedanken haben auch Denker*innen im Kontext der Postcritique aufgegriffen. So wertet etwa Rita Felski die Gleichsetzung zwischen der Identifizierung mit einem Text und dessen unkritischer Affirmation als einen nicht selten misogyn und klassistisch grundierten Fehlschluss, der sich weder mit der Leseempirie noch mit Ergebnissen aus der empirischen Leseforschung decke. Identifikation vollzieht sich Felski zufolge vielmehr in Ambivalenz: Einen Text gut finden und sich in seinen Figuren wiederfinden hei&#223;t ihr zufolge nicht, dass alle sozialen, moralischen Einstellungen unkritisch &#252;bernommen w&#252;rden (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Felski 2008, 34</xref>).</p>
<p>Die Beitr&#228;ge der vorliegenden Special Collection setzen sich sowohl mit Identifizierung als unkritischem Einverst&#228;ndnis auseinander als auch mit ihrem produktiven Potenzial. Wie Judith Niehaus (<xref ref-type="bibr" rid="B26">2024</xref>) in ihrer Lekt&#252;re von Shida Bazyars <italic>Drei Kameradinnen</italic> herausarbeitet, k&#246;nnen Texte eine identifizierende Leseerwartung auch entt&#228;uschen und dadurch Irritationen hervorrufen. Der Ausgangspunkt von Niehaus&#39; Argumentation ist die linguistische Konzeptualisierung von Identifizierung, die sodann nicht &#252;ber Begriffe der Einf&#252;hlung, sondern als Texteffekt beschreibbar wird. Davon ausgehend zeigt sie, wie die Erz&#228;hlinstanz in Bazyars Roman eine Identifizierung der &#39;Deutschlehrerkinder&#39;, als die sie ihre Leser*innen anspricht, verhindert. &#220;ber deiktische Prozeduren schafft sie somit kein Einverst&#228;ndnis, sondern Distanz. Eine andere Dimension er&#246;ffnet Pericas ideologiekritisch ausgerichteter Beitrag. In ihrem stark systematisierenden Artikel argumentiert sie, dass literarische Identit&#228;tspolitik zwar auf gesellschaftliche Anerkennung und Inklusion zielt, dabei jedoch unweigerlich in die Logiken des neoliberalen Markts und die ihn legitimierenden progressiven Versprechen verstrickt ist. Zwischen dem emanzipatorischen Anspruch und der Einpassung in einen von Sichtbarkeit, Konkurrenz und Verkaufszahlen bestimmten Literaturbetrieb tut sich eine Spannung auf, die durch affirmative Lesarten der gegenw&#228;rtigen Identit&#228;tsliteratur &#252;berdeckt wird. Perica pl&#228;diert daher f&#252;r eine kritische Auseinandersetzung mit den &#246;konomischen und ideologischen Bedingungen literarischer Produktion, die (einigen wenigen) marginalisierten Stimmen Feldpositionen zugesteht, jedoch zum Preis ihrer stummen Zustimmung zu ebenjenen Bedingungen (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Perica 2024</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>4. Schluss: Gegenwartsliteraturforschung und der Identit&#228;tsboom</title>
<p>Zum in dieser Special Collection ausgeloteten &#39;Identit&#228;tsboom in der Gegenwartsliteratur&#39; l&#228;sst sich kein abschlie&#223;ender Befund formulieren, denn mit der Phrase ist ein von Widerspr&#252;chen durchzogener Prozess beschrieben, dessen Ausgang offen ist. Er forciert eine sukzessive Erweiterung von Figurenrepertoires, Adressierungen und &#228;sthetischen Verfahren, wodurch sich Wahrnehmungs- und Deutungsordnungen verschieben k&#246;nnen. Gleichzeitig kann er die (Re-)Produktion von Othering sowie eine Rezeptionspraxis verst&#228;rken, die Texte von Autor*innen mit Differenz- bzw. Marginalisierungserfahrungen weiterhin innerhalb historisch gewachsener Sonder&#228;sthetiken und -epistemologien verhandelt, und so essentialisierende Logiken der Identit&#228;t auch bef&#246;rdern. Den Potenzialen und Herausforderungen, die mit dem Identit&#228;tsboom im literarischen Feld einhergehen, kann daher nicht mit generalisierenden Urteilen begegnet werden. Stattdessen muss die Einzeltextanalyse pr&#252;fen, in welche Richtung &#39;das Pendel jeweils ausschl&#228;gt&#39;. Um dabei nicht verk&#252;rzende Rezeptionsmuster zu reproduzieren &#8211; dies zeigen die Beitr&#228;ge der Special Collection in aller Deutlichkeit &#8211;, sind die (selbst)kritische Reflexion etablierter literaturwissenschaftlicher Kategorien sowie die sorgf&#228;ltige Rekonstruktion historischer und &#228;sthetischer Diskurse unabdingbar. Der produktive Ausgangspunkt f&#252;r die Interpretation ist dabei eine parteiliche Lekt&#252;rehaltung, die in keinem Widerspruch zur differenzierten und durchaus kritischen formal-sprachlichen Analyse steht.</p>
<p>Der Blick auf die nun vorliegenden Beitr&#228;ge der Special Collection er&#246;ffnet die M&#246;glichkeit und Notwendigkeit der Selbstkritik. Auch wir haben den &#39;Identit&#228;tsboom der Gegenwartsliteratur&#39; tendenziell auf marginalisierte, erfahrungsbasierte Stile und Formen verengt. Tats&#228;chlich scheint es nicht zuf&#228;llig, dass uns keine Beitragsvorschl&#228;ge erreichten, die etwa Romane mit jungen, wei&#223;en m&#228;nnlichen Protagonisten als Identit&#228;tsliteratur diskutieren. K&#252;nftig gilt es, Mehrheitsidentit&#228;ten und hegemoniale Subjektpositionen ausdr&#252;cklich miteinzubeziehen, um der Veranderung der Thematik vorzubeugen. Gleichzeitig muss auch der Identit&#228;tsboom &#39;von rechts&#39; explizit mitgedacht werden. Wenn Autoren (sic!) derzeit laut dar&#252;ber nachdenken, M&#228;nnerverlage zu gr&#252;nden, weil diese zunehmend am Buchmarkt marginalisiert w&#252;rden (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Wurmitzer 2025</xref>), dann vereinnahmen sie nicht nur progressive Praktiken, sie verschleiern auch die gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse. Nicht auf die Erweiterung kultureller Teilhabe, sondern auf den Erhalt von Privilegien und Exklusion zielen derlei Projekte. F&#252;r die literaturwissenschaftliche Erforschung dieser Entwicklungen bedeutet dies, dass der &#8218;Identit&#228;tsboom&#8216; nicht einfach als progressive Diversifizierung des Feldes verstanden werden kann. Vielmehr ist zu fragen, wo autorit&#228;re bzw. regressive und progressive literarische Identit&#228;tspolitiken (unfreiwillig) Ber&#252;hrungspunkte zeigen und welche Spezifika sie jeweils aufweisen. Beide operieren mit &#228;hnlichen Kategorien (Identit&#228;t, Zugeh&#246;rigkeit, Ausschluss), aber mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Im Kern steht damit die Frage, wie sich &#228;sthetische Subjektkonzeptionen, Autor*innenschaft und die Vermittlung sozialer Erfahrung im Zeichen identit&#228;tspolitischer Auseinandersetzungen neu konfigurieren. Die folgenden Beitr&#228;ge &#246;ffnen das Terrain f&#252;r weitere Auseinandersetzungen mit einer Verschiebung des literarischen Felds, deren Richtung noch nicht entschieden ist.</p>
</sec>
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<fn id="n1"><p>Hier und im Folgenden wird bei historisch m&#228;nnlich codierten Konzepten wie Autorschaft auf eine geschlechterinklusive Schreibweise verzichtet, um die Asymmetrien, die den Konzepten eingeschrieben sind, nicht zu verdecken.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Der Chamisso-Preis wurde ab 1985 f&#252;r Autor*innen vergeben, &#034;die ihre je pers&#246;nliche migrantische Erfahrung eines Sprach- oder Kulturwechsels in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur einbringen.&#034; (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.chamissopreis-dresden.de/home/ueber-den-preis/">https://www.chamissopreis-dresden.de/home/ueber-den-preis/</ext-link>).</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literaturverzeichnis</title>
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