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<journal-title>Genealogy+Critique</journal-title>
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<article-title>Das Paradox der Solidarit&#228;t: Rezension zu Lea Susemichels und Jens Kastners <italic>Unbedingte Solidarit&#228;t</italic></article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Department of Political Science, University of Vienna, AT</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>Department of Philosophy, University of Innsbruck, AT</aff>
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<p>This essay reviews Lea Susemichel and Jens Kastner&#39;s co-edited book <italic>Unbedingte Solidarit&#228;t (Unconditional Solidarity)</italic>, which was published in 2021. Countering identitarian notions of &#034;community solidarity,&#034; the contributions to the volume rethink solidarity based on the concepts of alterity, difference, and inequality. The editors&#39; own conceptual proposal of unconditional solidarity does not, however, determine the relation of the unconditional to the conditions of solidarity. Picking out four articles, we show that, as a result, two readings of the concept of the unconditional are possible, which differ in their respective potential for democratization: the (a) moderate reading attempts to conclusively establish unconditional solidarity; the (b) radical reading understands unconditional solidarity as that which urges us to rework the field of the conditional again and again, without there ever being an end to this process.</p>
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<title>1. Was ist unbedingte Solidarit&#228;t?</title>
<p>Solidarit&#228;t ist dieser Tage zu einem politischen Schlagwort geworden, das sowohl von sozialen Bewegungen als auch von Mandatar:innen des gesamten politischen Spektrums in Anschlag gebracht wird. Der allgegenw&#228;rtige Einsatz des Solidarit&#228;tsbegriffs in der politischen Praxis hat dabei auch den akademischen Diskurs angesto&#223;en, wie eine Reihe von neuen Publikationen im deutschsprachigen Raum erkennen lassen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Adamczak 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B15">Rajal et al. 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B12">Kubaczek und Mokre 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B5">Celikates 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B17">Strobl 2023</xref>). Dem von Lea <xref ref-type="bibr" rid="B18">Susemichel und Jens Kastner 2021</xref> im Unrast-Verlag erschienenen Sammelband <italic>Unbedingte Solidarit&#228;t</italic> kommt unseres Erachtens eine besondere Bedeutung zu, insofern er zu einer grundlegenden Neuverst&#228;ndigung des Solidarit&#228;tsbegriffs anregt, der identit&#228;re Schulterschl&#252;sse unterwandert. Dem Sammelband, der sechzehn Beitr&#228;ge aus wissenschaftlichen und aktivistischen Kontexten enth&#228;lt, ist eine instruktive Einleitung der Herausgeber:innen vorangestellt, die eine historische und systematische Rekonstruktion des Solidarit&#228;tsbegriffs liefert. Unbedingte Solidarit&#228;t zeichnet sich dabei f&#252;r Susemichel und Kastner wesentlich durch folgende drei Aspekte aus: <italic>Erstens</italic> setzt unbedingte Solidarit&#228;t &#034;keine[n] gemeinsamen Erfahrungshorizont&#034; (15)<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> und keine &#034;gemeinsame Zugeh&#246;rigkeit zu einer Gruppe&#034; (7) voraus. Kontrastfolie f&#252;r ihr Konzept bilden dabei Formen von &#034;Gemeinschaftssolidarit&#228;t&#034;, wie sie etwa &#201;mile Durkheim, L&#233;on Bourgeois und Peter Kropotkin vorgelegt haben. Bei den genannten Autoren ist es die geteilte Erfahrung bzw. soziale N&#228;he, die als Bindekraft f&#252;r Solidarit&#228;t dient, wie etwa am Beispiel von Kropotkins Berg- und Seeleuten deutlich wird, &#034;deren gemeinsame[] Besch&#228;ftigungen und [&#8230;] t&#228;gliches Zusammenleben ein Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Kropotkin 1910, 253</xref>) entstehen lassen. Gegen dieses Solidarit&#228;tsmodell wenden Susemichel und Kastner ein, dass es der Logik einer &#034;identit&#228;tspolitische[n] Form der positiven Bezugnahme&#034; (23) folge, die auf &#196;hnlichkeit angewiesen ist. Wenn sie dabei mit Diane Elam f&#252;r eine &#034;groundless solidarity&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Elam 1994, 69</xref>) einstehen, die Differenz affirmiert, dann gerade deshalb, um den Fallstricken eines liberalen Inklusionsmodells auszuweichen, das von der Idee geleitet ist, dass die Anderen in ihrer &#196;hnlichkeit erkannt werden m&#252;ssen, um in der Solidargemeinschaft Anerkennung zu finden. Die Problematik der Gemeinschaftssolidarit&#228;t besteht also darin, dass man sich f&#252;r eine Solidargemeinschaft qualifizieren muss, was sich nur durch eine Angleichung an die Wir-Gruppe bewerkstelligen l&#228;sst. Demgegen&#252;ber beruht unbedingte Solidarit&#228;t, so Susemichel und Kastner, auf &#034;Konflikte[n] (und nicht der Konformit&#228;t)&#034; (14). <italic>Zweitens</italic> l&#228;sst sich unbedingte Solidarit&#228;t nicht auf eine Politik des Kalk&#252;ls ein, d.h. sie ist nicht als ein &#034;Tauschgesch&#228;ft von Rechten und Pflichten oder Kosten und Nutzen&#034; (15) zu verstehen, denn damit w&#252;rden Solidarbeziehungen auf Handelsbeziehungen reduziert. <italic>Drittens</italic> und letztens formulieren Susemichel und Kastner, ohne dies weiter zu begr&#252;nden, ein emphatisches Pl&#228;doyer f&#252;r die Dringlichkeit von Solidarisierung: Mehr Solidarit&#228;t ist, so der Tenor, &#034;unbedingt notwendig&#034; (15).</p>
<p>Vor diesem Hintergrund verfolgen die Herausgeber:innen mit ihrem Sammelband das Ziel, kritisch in solche theoretischen Debatten zu intervenieren, die Solidarit&#228;t auf Identit&#228;t gr&#252;nden. Demgegen&#252;ber stehen sie f&#252;r eine sogenannte unbedingte Solidarit&#228;t ein, wobei sie den Begriff des Unbedingten nicht n&#228;her bestimmen. Zumal die Herausgeber:innen gleichzeitig auch &#034;Bedingungen der M&#246;glichkeit von Solidarit&#228;t&#034; (48) ausmachen <italic>m&#246;chten</italic>,<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> stellt sich die Frage, wie sich das Verh&#228;ltnis von Bedingtem und Unbedingtem denken l&#228;sst. Im Rahmen dieser Rezension m&#246;chten wir zeigen, dass sich ausgehend von dieser Unbestimmtheit zwei Lesarten des Unbedingten unterscheiden lassen. Einer <italic>moderaten</italic> Lesart stellen wir dabei eine <italic>radikale</italic> gegen&#252;ber: Unter einer moderaten Lesart verstehen wir den Versuch, Solidarit&#228;t juridisch-sozialstaatlich herzustellen, kurzum: den Sozialstaat als Bedingung f&#252;r Solidarisierung anzusehen. Im Gegensatz dazu steht eine radikale Lesart der unbedingten Solidarit&#228;t im Zeichen eines Dispositivs der Befragung: Die unbedingte Solidarit&#228;t dient hier als kritischer Stachel, mit dem gelebte Praktiken hinterfragt werden k&#246;nnen. Auch wenn die beiden Lesarten, wie wir nachstehend zeigen, aufeinander Bezug nehmen, bergen sie unterschiedliche Demokratisierungspotentiale und fallen nicht notwendigerweise zusammen. Um den beiden im Sammelband auffindbaren Lesarten des Konzepts der unbedingten Solidarit&#228;t auf die Spur zu kommen, diskutieren wir diese exemplarisch anhand von vier Beitr&#228;gen: S<sc>ilke van</sc> D<sc>yk</sc> gilt uns dabei als Verfechterin einer moderaten Lesart des Konzepts, M<sc>onika</sc> M<sc>okre</sc> sowie B<sc>rigitte</sc> B<sc>argetz</sc>, A<sc>lexandra</sc> S<sc>cheele</sc> und S<sc>ilke</sc> S<sc>chneider</sc> ordnen wir hingegen einer radikalen Lesart zu. T<sc>orsten</sc> B<sc>ewernitz</sc>, der das Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t zur&#252;ckweist und ein eigenes vorschl&#228;gt, legt unseres Erachtens letztlich auch eine radikale Lesart vor.</p>
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<title>2. Zwei Lesarten der unbedingten Solidarit&#228;t</title>
<p>V<sc>an</sc> D<sc>yk</sc> pl&#228;diert in ihrem Beitrag &#034;Solidarit&#228;t revisited: Die soziale Frage, die Wiederentdeckung der Gemeinschaft und der Rechtspopulismus&#034; f&#252;r eine sozialstaatliche Verrechtlichung von Solidarit&#228;t, um einer exklusiven Vereinnahmung des Solidarit&#228;tskonzepts von (rechts-)populistischen Kr&#228;ften entgegenzuwirken. Dies mutet erfrischend unzeitgem&#228;&#223; an, nimmt doch die Abw&#228;lzung staatlicher Verantwortung auf Individuen seit Jahren zu (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">van Dyk und Haubner 2021</xref>). Van Dyk erl&#228;utert am Beispiel Deutschland, dass massive Einsparungen bei &#246;ffentlichen Infrastrukturen sowie der demografische Wandel und die Arbeitst&#228;tigkeit von Frauen zu &#034;Sorge- und Infrastrukturl&#252;cken&#034; (108) f&#252;hrten, die die Zivilgesellschaft durch geringf&#252;gig bezahlte oder unbezahlte Arbeit zu f&#252;llen versucht &#8211; etwa durch &#034;Ehren&#228;mter, Freiwilligenarbeit, zivilgesellschaftliches Engagement, Nachbarschaftsprojekte, Pflegekollektive&#034; (109). Der Staat f&#246;rdert diese Art der Solidarit&#228;t nicht nur durch W&#252;rdigungen, beispielsweise durch Preise f&#252;r Freiwilligenarbeit, sondern auch durch finanzielle Unterst&#252;tzung, etwa von Mehrfamilienh&#228;usern (109). Teil des staatlichen Kalk&#252;ls ist es &#8211; und hier folgt van Dyk der g&#228;ngigen Kritik am Sozialabbau &#8211;, sich zunehmend aus der sozialen Frage zur&#252;ckzuziehen und die Verantwortung an die Zivilgesellschaft abzugeben. Solidarit&#228;t ist so gesehen der Platzhalter, mit dem die (staatlich mitverursachte) Krise zu bew&#228;ltigen sei. Van Dyk kritisiert diese Art der staatlichen N&#246;tigung zur Solidarit&#228;t, denn soziale Absicherung werde so zur pers&#246;nlichen Abh&#228;ngigkeit: &#034;Hier geht es um die Preisgabe einer wesentlichen Errungenschaft im modernen Wohlfahrtsstaat&#034;, genauer noch um &#034;die Entkoppelung von sozialer Sicherung und sozialer Beziehung durch die Gew&#228;hrung sozialer Rechte&#034; (114). Autonomie und eine zuverl&#228;ssige soziale Absicherung k&#246;nnen van Dyk zufolge nur durch einen &#034;anonyme[n] Ausgleichsmechanismus&#034; (115) erm&#246;glicht werden. Dieser entlaste die Einzelnen von &#252;berbordenden moralischen Abw&#228;gungen, beispielsweise durch die Abgabe von Steuern, und sichere soziale Hilfe auch f&#252;r diejenigen, &#034;die sich nicht durch Liebensw&#252;rdigkeit, Passf&#228;higkeit oder Dankbarkeit qualifiziert haben&#034; (116). Van Dyk bef&#252;rchtet, dass populistische und rechte Kr&#228;fte die Solidarit&#228;t f&#252;r sich vereinnahmen k&#246;nnten, wenn sie nicht an die Gesetzgebung gebunden wird. In Gesellschaften, die im Gegensatz zu Gemeinschaften auch Andere als gleichberechtigt anerkennen, muss nach van Dyk eine emanzipatorische Politik &#8211; und damit auch Solidarit&#228;t &#8211; rechtlich abgesichert werden.</p>
<p>Van Dyk beschreibt in ihrem Beitrag also zwei verschiedene Formen von Solidarisierung, welche wir (a) <italic>Solidarit&#228;t durch N&#246;tigung</italic> und (b) <italic>Solidarit&#228;t durch Verrechtlichung</italic> nennen m&#246;chten: Aufgrund des Unterlassens von Sozialleistungen und des Abw&#228;lzens staatlicher Verantwortung auf die Individuen f&#252;hlen sich in Deutschland zivilgesellschaftliche Gruppen zur humanit&#228;ren Hilfe gen&#246;tigt (a).<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> So wichtig und notwendig diese Art der Solidarit&#228;t im Einzelnen auch sein mag, argumentiert van Dyk daf&#252;r, Solidarit&#228;t in posttraditionellen Gesellschaften zu verrechtlichen (b).<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> Denn nur eine sozialstaatliche Verstetigung von Solidarit&#228;t k&#246;nne eine breite Sozialabsicherung garantieren und gesellschaftlichen Ausschl&#252;ssen vorbeugen. Erst wenn soziale Gleichheit institutionell abgesichert ist, liegen &#8211; wie van Dyk mit Verweis auf eine Studie von Richard Wilkinson und Kate Pickett (2012) geltend macht &#8211; g&#252;nstige Bedingungen f&#252;r eine <italic>freiwillige</italic> gesellschaftliche Solidarisierung vor, die auf Kooperationsbereitschaft und Mitgef&#252;hl basiert (116).</p>
<p>Van Dyk kann somit als Verfechterin einer <italic>moderaten</italic> Lesart &#034;unbedingter&#034; Solidarit&#228;t ins Feld gef&#252;hrt werden. Der Sozialstaat gilt ihr als konkrete, beg&#252;nstigende Bedingung zur Herstellung von Solidarit&#228;t f&#252;r das &#034;strukturell voraussetzungsvoll[e]&#034; Zusammenleben &#034;f&#252;rsorglicher Gemeinschaften&#034; (116). Dem Konzept von Susemichel und Kastner wird dabei Rechnung getragen, insofern weder ein identit&#228;r Gemeinsames noch ein Tauschgesch&#228;ft vorausgesetzt wird. Auch die Dringlichkeit von sozialstaatlicher Solidarisierung wird angesichts der Gefahr einseitiger rechtspopulistischer Vereinnahmung betont. Mit Verweis auf eine <italic>radikale</italic> Lesart des Konzepts k&#246;nnte man demgegen&#252;ber einwenden, dass auch der Sozialstaat auf einem einheitsstiftenden Gemeinsamen basiert, und dieser als Tauschgesch&#228;ft zwischen Rechten und Pflichten, in dessen Genuss nur Staatsb&#252;rger:innen kommen, verstanden werden kann.</p>
<p>In R&#252;ckgriff auf Hannah Arendts Diskussion um Menschenrechte macht auch Monika Mokre in ihrem Beitrag &#8220;Solidarit&#228;t als &#220;bersetzung&#8221; auf die Ausschlussmechanismen des Nationalstaats aufmerksam. Mokres Beitrag l&#228;sst sich auf die These zuspitzen, dass Solidarit&#228;t das Produkt von Translationsprozessen ist. Was damit gemeint ist, erl&#228;utert sie am Beispiel von zwei zentralen Solidarit&#228;tskonzepten der europ&#228;ischen Moderne: (a) der nationalstaatlichen Solidarit&#228;t im Wortlaut des B&#246;ckenf&#246;rde-Diktums und (b) der sozialistischen Solidarit&#228;t im Sinne des Klassenkampfes. Dabei wird, wie Mokre ausf&#252;hrt, Solidarit&#228;t unterschiedlich auf den Weg gebracht: Im ersten Fall wird die Verpflichtung zu Solidarit&#228;t auf ein nationalistisches Einheitsverst&#228;ndnis, das vom Leitbild &#034;gemeinsamer Wurzeln und einer gemeinsamen Kultur&#034; (194) getragen wird und sich von anderen Nationen abgrenzt, zur&#252;ckgef&#252;hrt (a). Im zweiten Fall ist die bindende Basis die gemeinsame Klasse bzw. der Klassenkampf, der transnational und gegen die Bourgeoisie gef&#252;hrt wird (b). Von diesen konkurrierenden Solidarit&#228;tsverst&#228;ndnissen grenzt Mokre ihr an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe angelehntes Verst&#228;ndnis von Solidarit&#228;t ab: Demnach bedarf Demokratie als politisches Projekt &#034;einer (tempor&#228;r) abgeschlossenen Gemeinschaft [&#8230;], deren Mitglieder einander Gleichfreiheit zugestehen&#034; (196).<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> Zwar lassen sich auch hier Ausschl&#252;sse nicht vermeiden, doch sind diese im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Solidarit&#228;tskonzeptionen nicht an eine &#034;v&#246;lkische oder nationale Identit&#228;t&#034; (197) gebunden, sondern k&#246;nnen mit Bezug zu demokratischen Werten kontinuierlich infrage gestellt werden. Zum einen wird so erkennbar, dass Solidarisierung der Demokratie nicht vorgelagert ist, sondern aus demokratischem Handeln erw&#228;chst. Zum anderen zeigt sich damit auch, dass Solidarisierung ein unabschlie&#223;barer Prozess ist, den es immer wieder neu zu entwerfen, zu korrigieren und vom &#034;Anteil der Anteillosen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Ranci&#232;re 2002, 28</xref>), wie Mokre in Anlehnung an Jacques Ranci&#232;re zu verstehen gibt, infrage zu stellen gilt. An diese &#220;berlegungen schlie&#223;t Mokre nun eine zweite These an, die darin besteht, dass die auf nationalen oder Klasseninteressen beruhenden Solidarit&#228;tsdiskurse f&#252;r die Bek&#228;mpfung globaler Ungleichheit unbrauchbar seien, was nicht zuletzt am Umgang mit in Europa ankommenden <italic>refugees</italic> erkennbar werde (200). Hier dominiere ein an die christliche N&#228;chstenliebe angelehntes Solidarit&#228;tsverst&#228;ndnis, das die Erfahrungen von Leid und Gewalt lediglich &#034;paternalistisch kompensiert&#034; (201), anstatt sie systemisch und epistemisch zu dekonstruieren.</p>
<p>Eine Alternative zu den problematisierten Verst&#228;ndnisrahmen von Solidarit&#228;t gewinnt Mokre nun an Laclaus und Mouffes &#034;leeren Signifikanten&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Laclau und Mouffe 2001</xref>), mit dem eine auf Momenten der Revolte setzende Solidarit&#228;t mobilisiert werden kann (201).<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Wie eine solche &#034;Solidarit&#228;t des gemeinsamen Widerstands&#034; (202) nun zu verwirklichen w&#228;re, diskutiert Mokre abschlie&#223;end am Beispiel des leerstehenden Hotels City Plaza in Athen, das im April 2016 besetzt und als &#034;solidarisches Projekt&#034; (203) bis zum Sommer 2019 bestehen blieb. Dabei handelte es sich um ein h&#246;chst &#034;voraussetzungsreiches Projekt&#034; (204), insofern die Politik des allt&#228;glichen Lebens, die die Aktivist:innen gemeinsam mit &#252;ber 2500 Gefl&#252;chteten aus 13 L&#228;ndern &#252;ber rund drei Jahre hinweg realisierten, auf internationale Vernetzungsarbeit einerseits und auf eine kontinuierliche Reflexionsarbeit &#252;ber die gelebte Praxis und den politischen Kontext angewiesen waren, um bestehen zu k&#246;nnen. Um eine solidarische Praxis in diesem Ma&#223;stab lebbar zu machen, geh&#246;rt, wie Mokre gegen Ende ihres Beitrags selbst einr&#228;umen muss, auch die F&#228;higkeit, zu erkennen, &#034;an welchem Punkt das Projekt nicht mehr l&#228;nger lebensf&#228;hig&#034; ist, um ferner eine &#034;sorgf&#228;ltige Abwicklung unter Wahrung der W&#252;rde und Lebensbedingungen der Gefl&#252;chteten&#034; (206) zu bewerkstelligen. Neben der erforderlichen Vernetzungs- und Reflexionsarbeit setzt Solidarit&#228;t auf der Ebene der Durchf&#252;hrung also eine Praxis der kontinuierlichen Selbstinfragestellung voraus, die einer radikaldemokratisch verfassten Solidarit&#228;tsarbeit strukturell eingeschrieben bleiben muss. Ein solches auf Selbstorganisation fu&#223;endes Solidarit&#228;tsverst&#228;ndnis ist demnach <italic>unbedingt</italic>, insofern es sich immer wieder von neuen Bedingungen schaffen muss, unter denen die politische Arbeit fortgesetzt werden kann.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref></p>
<p>Unter dem Vorzeichen der veranschlagten zwei Lesarten zeichnet sich ab, dass Mokre eine <italic>radikale</italic> Lesart des von Susemichel und Kastner in Aussicht gestellten Konzepts vorlegt: Zwar stellt sie am Beginn ihres Beitrags den Begriff des Unbedingten im Titel des Sammelbandes infrage &#8211; &#034;Solidarit&#228;t hat Bedingungen &#8211; und schafft zugleich Handlungsbedingungen&#034; (195) &#8211;, sie macht im weiteren Verlauf aber mit Laclau und Mouffe kenntlich, dass es diese Bedingungen immer wieder neu einzurichten gilt. Mokre f&#252;hrt uns mit ihrem konkreten Beispiel also die Kernschwierigkeit der radikalen Lesart der unbedingten Solidarit&#228;t vor Augen: Der Anspruch auf unbedingte Solidarit&#228;t wird immer wieder von den Rahmensetzungen der konkreten politischen und juridischen Wirklichkeit eingeholt und kann somit nie letztg&#252;ltig erreicht werden. Dennoch bildet dieser Anspruch den Ma&#223;stab, an dem sich die konkrete politische Praxis zu orientieren hat, um dem Ideal unbedingter Solidarit&#228;t ann&#228;herungsweise gerecht zu werden.</p>
<p>Auch B<sc>argetz</sc>, S<sc>cheele und</sc> S<sc>chneider</sc> vertreten in ihrem Beitrag &#034;Solidarit&#228;t in Differenz oder: mit Feminismen lernen&#034; unseres Erachtens eine radikale Lesart des Konzepts der unbedingten Solidarit&#228;t. Dabei kommen sie vor dem Hintergrund des derzeit zu beobachtenden politischen Rechtsrucks und einer von Privatisierung und Deregulierung gekennzeichneten gesellschaftlichen Wirklichkeit auf die Notwendigkeit solidarischer und transnationaler feministischer K&#228;mpfe zu sprechen, die sich gegen Formen &#034;exkludierender Solidarit&#228;t&#034; (128) rechter Bewegungen in Stellung bringen m&#252;ssten. Um vergeschlechtlichte Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse zu &#252;berwinden, bedarf es innerhalb der Bewegung &#8211; so die These der Autorinnen &#8211; neben einem gemeinsamen solidarischen Engagement auch die Anerkennung und Aushandlung von (zugeschriebener) Differenz. Dass &#034;[f]eministische Solidarit&#228;t [&#8230;] umk&#228;mpft&#034; (131) ist, zeigen sie an rezenten Protestpraxen wie <italic>Black Lives Matter, Say Her Name</italic> oder auch <italic>Ni Una Menos</italic> und <italic>MeToo</italic> auf, die auf bestimmte Formen der Unsichtbarmachung von intersektionalen Ungleichheiten oder, wie im Fall der MeToo-Debatte, der Ausblendung von historischen Vorl&#228;ufern zur&#252;ckzuf&#252;hren ist.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Gerungen wird im Kontext dieser K&#228;mpfe also um nicht weniger als um das &#034;Wir&#034; selbst, genauer noch um ein &#034;handlungsf&#228;higes kollektives Subjekt&#034; (136), das sich in der gemeinsamen Kritik an Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnissen formt.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Dabei sprechen die Autorinnen von Solidarit&#228;t als &#034;sisterhood&#034; und verstehen dies nicht als weiblich gewendete Alternative zum Vorl&#228;uferbegriff der Br&#252;derlichkeit, sondern mit bell hooks als &#034;kontextbezogene Intervention&#034; (137). Eine Intervention, welche die ungerechten Ausschl&#252;sse des maskulinen Gegenbegriffs nicht wiederholt, sondern sich entschieden gegen patriarchale und sexistische Strukturen stellt und die Pluralit&#228;t und Differenz innerhalb der K&#228;mpfe anerkennt.</p>
<p>Anhand der Reflexion feministischer <italic>K&#228;mpfe</italic> entwickeln die Autorinnen ihr Solidarit&#228;tsverst&#228;ndnis &#034;als Verbundenheit <italic>in</italic> Differenz&#034; (138)<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref>, das dem Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t nahesteht und sich durch folgende drei Aspekte auszeichnet: Zun&#228;chst speist sich Solidarit&#228;t aus einem (a) &#034;Ringen um das Gemeinsame&#034; (138), d.h. aus dem gemeinsamen Kampf gegen vergeschlechtlichte Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse, der gerade nicht auf einer gleichen Identit&#228;t, Zugeh&#246;rigkeit oder einer geteilten Unterdr&#252;ckungserfahrung, sondern auf Differenz und Pluralit&#228;t beruht. Infolgedessen k&#246;nnen &#034;M&#246;glichkeitsr&#228;ume f&#252;r Koalitionen [&#8230;] &#252;ber Grenzen hinweg&#034; (138) entstehen, an denen sich wiederum breitere und wirkm&#228;chtigere Solidarisierungen gewinnen lassen. Weiters ist Solidarit&#228;t als (b) &#034;Sorge und Verantwortung f&#252;r geteilte Beziehungen durch das Einlassen auf eine gegenseitige Verletzbarkeit&#034; (139) zu verstehen. Die Autorinnen machen in Rekurs auf Judith Butlers Unterscheidung zwischen <italic>precariousness</italic> und <italic>precarity</italic> auf die Notwendigkeit der Anerkennung wechselseitiger Abh&#228;ngigkeit aufmerksam, kraft derer ein individualistisches Verantwortungsverst&#228;ndnis allererst durch ein, wie Butler selbst schreibt, &#034;Ethos der Solidarit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Butler 2016, 33</xref>) abgel&#246;st wird. Entscheidend hierbei ist es, die Gef&#228;hrdungslagen als konstituiert und konstitutiv anzuerkennen, will hei&#223;en: sie sowohl als konstruierte, durch Machtverh&#228;ltnisse gepr&#228;gte, als auch als sinn-, und wirklichkeitsstiftende Faktoren begreifen und zur&#252;ckweisen zu lernen. Schlie&#223;lich ist Solidarit&#228;t nicht nur interessensgeleitet, sondern besitzt auch eine (c) affektive Dimension, die den Autorinnen zufolge weder der Vernunft untergeordnet noch ihr gegen&#252;bergestellt werden d&#252;rfe (140). Vielmehr geht es darum, spezifische &#034;Beziehungsweisen&#034;<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Adamczak 2017</xref>) zu entwickeln, die es situativ zu erarbeiten gilt. Dabei m&#252;sse solidarisches Handeln den Autorinnen zufolge von verschiedensten Gef&#252;hlen angetrieben werden, die von einem Missbehagen mit dem Status quo bis hin zu einem Sich-Sorgen um Andere reichen (140). Auch in Bezug auf diesen letzten Aspekt l&#228;sst sich eine deutliche Parallele zu Susemichels und Kastners Konzept ausmachen, insofern auch hier betont wird, dass &#034;unbedingte Solidarit&#228;t [&#8230;] den Gegensatz zwischen Vernunft und Gef&#252;hl [suspendiert]&#034; (32). Was Bargetz, Scheele und Schneider hier allerdings unber&#252;hrt lassen, ist der Umstand, dass Gef&#252;hle auch f&#252;r destruktive und undemokratische Zwecke aktiviert werden k&#246;nnen, wie Susemichel und Kastner in ihrer Einleitung nicht zuletzt anhand des Einsatzes von politischer Manipulation oder destruktiven Hasses vor Augen f&#252;hren (37). Alles in allem gelingt es Bargetz, Scheele und Schneider, entlang konkreter historischer K&#228;mpfe aufzuweisen, dass von <italic>der</italic> feministischen Solidarit&#228;t im Singular nicht die Rede sein kann. Der Kampf um die &#220;berwindung von vergeschlechtlichten Machtverh&#228;ltnissen l&#228;sst sich letztlich nur im Plural f&#252;hren. Dabei ist es der unbedingte Anspruch der Gleichheit, den die Autorinnen als utopischen Horizont vor Augen haben, wenn sie &#252;ber die Bedingungen und Organisationsprinzipien der feministischen K&#228;mpfe nachdenken. Dies entspricht einer radikalen Lesart des Konzepts der unbedingten Solidarit&#228;t.</p>
<p>Zuletzt wenden wir uns dem Beitrag &#034;Solidarit&#228;t und Gewerkschaftlichkeit: Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung&#034; von B<sc>ewernitz</sc> zu, der im Sammelband eine Sonderstellung einnimmt. Das hat seinen Grund darin, dass Bewernitz Susemichels und Kastners Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t explizit zur&#252;ckweist. Dieses beruhe, so seine Diagnose, auf &#034;gemeinsamen politischen und kulturellen Affinit&#228;ten&#034; (230), womit der Gefahr von Ausschl&#252;ssen T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet werde. Das Material seiner &#220;berlegungen bildet dabei die Geschichte der Arbeiterbewegung, anhand derer ihm zufolge plausibilisiert werden kann, dass Solidarit&#228;tspraktiken aus dem gemeinsamen Erfahrungshorizont der Arbeiter:innen entwachsen sind. Angesichts der globalisierten Welt sucht er nach einem zeitgen&#246;ssischen Pendant zu dieser auf gemeinsamen Erfahrungen beruhenden Form der Solidarit&#228;t, die er in der Form einer &#034;internationale[n] Solidarit&#228;t&#034; (232) zu erkennen glaubt. Konkret spricht sich Bewernitz dabei f&#252;r ein &#034;gewerkschaftliches (d.h. auf gemeinsamen Erfahrungen und Interessen beruhendes) Modell von Solidarit&#228;t&#034; (230) aus,<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> das sich nicht auf eine bestimmte Gruppe beziehen l&#228;sst und global angelegt ist. Auch wenn Bewernitz sich selbst von Susemichels und Kastners Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t distanziert, m&#246;chten wir zeigen, dass er mit seinem Beitrag letztlich eine radikale Lesart dessen vorlegt.</p>
<p>Zu Beginn des Beitrags zeigt Bewernitz schl&#252;ssig auf, dass in der Arbeiterbewegung Solidarit&#228;t nicht zuf&#228;llig, sondern aus einem &#034;organisierten Erfahrungsaustausch &#252;ber die kollektiven Interessen&#034; (230) entstand. Proletarische Solidarit&#228;t erwuchs als kollektivistische Gegenbewegung zu vorliegenden Machtverh&#228;ltnissen, basierend auf der Erfahrung, dass Ver&#228;nderung nur kollektiv herbeigef&#252;hrt werden kann. Ausgeschlossen vom B&#252;rger:innentum organisierte sich die Arbeiterklasse in eigenen Wohnvierteln, mit eigenen Bildungseinrichtungen und Presse- sowie Vereinswesen (226). Auch Gewerkschaften waren &#034;urspr&#252;nglich nichts weiter als gegenseitige Unterst&#252;tzungskassen f&#252;r Streik- und Krankheitsf&#228;lle&#034; (224&#8211;225). Beginnend im 20. Jahrhundert, aber sp&#228;testens mit Ende des Keynesianismus und dem Beginn des Neoliberalismus in den 1970er Jahren ist die proletarische Solidarit&#228;t nach Bewernitz einer &#034;entsolidarisierende[n] Erfahrungswelt&#034; (228) gewichen. Bewernitz fragt nun, wie in unserer globalisierten Welt Solidarit&#228;t entstehen kann, bestehe doch eine wesentliche Herausforderung darin, dass die Erfahrungen der Arbeiterklasse des Globalen Nordens und S&#252;dens heute keine Gemeinsamkeiten mehr aufweisen. Bewernitz kommt dabei zum folgenden Schluss: In einer globalisierten Welt ist Solidarit&#228;t nur als internationale denkbar, was wiederum &#034;die Erkenntnis (oder gar das Bewusstsein) gegenseitiger Abh&#228;ngigkeit, der gemeinsamen Verwundbarkeit und Prekarit&#228;t einerseits und der globalen Zusammenh&#228;nge andererseits&#034; (232) erfordere.<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> Als Beispiele <italic>f&#252;r</italic> globale Erfahrungen ruft er hier neben der Covid-19-Pandemie auch die Ausw&#252;chse des neoliberalen Kapitalismus wie Lohnabh&#228;ngigkeit oder hohe Mietwohnpreise ins Bewusstsein (234), um Solidarit&#228;t &#034;jenseits von Altruismus und Egoismus und damit in der Tradition der Werte der Arbeiter*innenbewegung &#8211; [als] eine kollektive &#39;Sorge um uns&#39;&#034; (235) zu konzipieren.</p>
<p>Bewernitz&#39; Nachweis, dass sich Solidarit&#228;t in der Arbeiterbewegung aus der gemeinsamen Unterdr&#252;ckungserfahrung speiste, ist &#252;berzeugend; die Suche nach einer analogen g<italic>lobalen</italic> Erfahrung in der Gegenwart, welche zu einer internationalen Solidarit&#228;t f&#252;hren k&#246;nnte, hingegen weniger. Dass sich die Covid-19-Pandemie &#8211; um ein Beispiel von Bewernitz aufzugreifen &#8211; als N&#228;hrboden f&#252;r eine solche internationale Solidarit&#228;t erweisen k&#246;nne, ist nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlich verteilten Betroffenheit durch das Virus fraglich. M&#252;sste Bewernitz&#39; &#034;gewerkschaftliche Solidarit&#228;t&#034; nicht viel eher eine exklusive Solidarisierung jener nahelegen, die &#228;hnliche Gef&#228;hrdungslagen teilen? Gleichzeitig muss dann aber infrage gestellt werden, ob &#034;die Gefahr der Exklusion gr&#246;&#223;er wird, wenn man Solidarit&#228;t von Affinit&#228;t abh&#228;ngig macht, anstatt sie auf kollektive Erfahrungen zu gr&#252;nden&#034; (223). Wird ein einheitliches Bild von einer gemeinsamen Erfahrung gezeichnet, so wie es Bewernitz&#39; Beitrag nahelegt, droht die Gefahr, dass unterschiedliche Gef&#228;hrdungslagen &#252;bersehen werden und ein machtvergessenes und realit&#228;tsfernes Konzept hervorgebracht wird.</p>
<p>Bezieht man Solidarit&#228;t, wie Bewernitz beabsichtigt, auf einen internationalen Ma&#223;stab, sind wir gleichzeitig vor die Frage gestellt, worin der behauptete Unterschied zu Susemichels und Kastners Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t besteht. Deckt sich Bewernitz&#39; internationale Solidarit&#228;t nicht mit dem ersten Aspekt des Konzepts der Herausgeber:innen, wonach der Ausgangspunkt der Solidarit&#228;t keine partikulare Zugeh&#246;rigkeit w&#228;re? Eine internationale Solidarit&#228;t kann sich schlie&#223;lich schwerlich auf eine Gemeinschaft beziehen, sondern muss &#252;ber Differenzen hinweg gedacht werden. Misst man also Bewernitz&#39; globale Reichweite an der negativen Formulierung Susemichels und Kastners, scheinen beide letztlich zusammenzufallen. Auch dem zweiten Aspekt der unbedingten Solidarit&#228;t, der Ablehnung von Tauschgesch&#228;ften, entspricht Bewernitz&#39; Modell. Er verweist auf die geteilte Verletzbarkeit aller Menschen und auf die daraus entstehenden globalen Abh&#228;ngigkeitsketten (232). Ausgehend vom globalen Ma&#223;stab formuliert Bewernitz ein gemeinsames Interesse an der Anerkennung der Verletzbarkeit aller, und damit einen Handlungsappell f&#252;r mehr Solidarit&#228;t, womit auch dem dritten Aspekt der unbedingten Solidarit&#228;t Gen&#252;ge getan w&#252;rde. Insofern aber eine Gesellschaftsordnung, die <italic>alle</italic> Erfahrungen ernst nimmt, unausweichlich zu Konflikten f&#252;hrt und eine Ordnung stets gesetzt werden muss, kann Bewernitz&#39; internationale Solidarit&#228;t &#8211; ganz im Sinne einer radikalen Lesart des Unbedingten &#8211; als kritischer Stachel ins Feld gef&#252;hrt werden, mit dem die gesetzte Ordnung immer wieder hinterfragt werden kann.</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Das Paradox der unbedingten Solidarit&#228;t</title>
<p>Gewiss gelingt es Susemichel und Kastner im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit Solidarbeziehungen und Solidarhandeln, die Bedeutung von Alterit&#228;t, Differenz und Ungleichheit herauszustellen und gegen identit&#228;re Konzepte von Solidarit&#228;t in Stellung zu bringen. Ein wichtiger Punkt, den sie in ihrer Diskussion um unbedingte Solidarit&#228;t allerdings unbeleuchtet lassen, betrifft die Frage nach dem Verh&#228;ltnis von Bedingtem und Unbedingtem. Damit beg&#252;nstigen sie zwei verschiedene Lesarten ihres vorgelegten Konzepts. Wie wir gezeigt haben, l&#228;sst sich van Dyks Beitrag in eine <italic>moderate</italic> Lesart des Unbedingten einordnen, da sie den Sozialstaat als &#228;u&#223;ere Bedingung f&#252;r Solidarisierungsprozesse heranzieht. Die <italic>radikale</italic> Lesart sieht demgegen&#252;ber den unbedingten Anspruch in der Schaffung neuer, demokratisierender Bedingungen, welche sich je nach Zusammenhang und historischem Kontext unterscheiden, wie Bargetz, Scheele und Schneider anhand ihrer Analyse feministischer K&#228;mpfe verdeutlichen. Somit liegt gerade in der radikal gelesenen unbedingten Solidarit&#228;t &#8211; also im Paradox, dass stets Bedingungen geschaffen werden m&#252;ssen, um sich dem Anspruch einer unbedingter Solidarit&#228;t anzun&#228;hern &#8211; demokratisierendes Potential.</p>
<p>Erkennbar wird so, dass diese beide Lesarten nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern sich sowohl gegenseitig ein- als auch ausschlie&#223;en. Dabei war es Jacques Derrida, der mit seinen &#220;berlegungen zur Gastlichkeit prominent auf diese Paradoxie hingewiesen hat. In <italic>Von der Gastfreundschaft</italic> (2001) unterscheidet er dabei zwischen zwei Gesetzen: Das absolute, unbedingte Gesetz der Gastfreundschaft, das Derrida auch einmal treffend als &#034;gesetzloses Gesetz&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Derrida 2001, 61</xref>) bezeichnet hat, wird den Gesetzen der Gastfreundschaft gegen&#252;bergestellt. Die Paradoxie besteht nun darin, dass die Gesetze der Gastfreundschaft einerseits nur deshalb als solche gelten k&#246;nnen, weil sie von der unbedingten Gastfreundschaft &#034;geleitet, inspiriert, verlangt, ja eingefordert&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Derrida 2001, 62</xref>) werden. Andererseits erfordert eine absolute Gastfreundschaft, &#034;<italic>das</italic> unbedingte Gesetz der Gastfreundschaft <italic>die</italic> Gesetze&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Derrida 2001, 62</xref>). Sie ist an die Endlichkeit und damit an die Notwendigkeit der Selektion und Grenzziehung gebunden. So folgert Derrida, dass <italic>das</italic> Gesetz der Gastfreundschaft mit <italic>den</italic> Gesetzen der Gastfreundschaft kollidiert &#8211; ein Widerspruch, der sich nicht aufl&#246;sen l&#228;sst und dem Topos der Gastlichkeit damit notwendig eingeschrieben bleibt.</p>
<p>Betrachtet man Susemichels und Kastners Sammelband unter diesem Vorzeichen, muss man zugestehen, dass auch das Konzept der unbedingten Solidarit&#228;t von dieser Paradoxie durchdrungen ist. Somit k&#246;nnte letztlich auch van Dyks Vorschlag radikalisiert werden, insofern man nicht <italic>den</italic> Sozialstaat als Bedingung der unbedingten Solidarit&#228;t setzt, sondern einr&#228;umt, dass es eines st&#228;ndigen Ringens um die Demokratisierung des Sozialstaats bedarf und dieser damit selbst zugunsten anderer Institutionen und Allianzen infrage gestellt werden kann. Letztlich kann die Pr&#228;zisierung des Begriffs des Unbedingten so zu einem besseren Verst&#228;ndnis des ansonsten relativ blassen dritten Aspekts des Konzepts von Susemichel und Kastner f&#252;hren: Die Dringlichkeit l&#228;sst sich so als unbedingter Anspruch verstehen, die konkreten politischen Setzungen immer wieder vor dem Hintergrund des Unbedingten kritisch zu befragen und entsprechend zu ver&#228;ndern. Denn: &#034;Wir brauchen unbedingt mehr solidarische Beziehungen im Kampf f&#252;r eine gerechte Gesellschaft.&#034; (7)<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref></p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Alle Seitenangaben ohne Nennung von Autor:innen beziehen sich auf den genannten Sammelband von Lea Susemichel und Jens Kastner.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Genauer schlie&#223;en sie ihre Einleitung mit der folgenden Passage: &#034;Statt der m&#252;&#223;igen moralphilosophischen Gretchenfrage, ob Menschen nun von Natur aus kooperativ sind, ist es [&#8230;] viel lohnender, dar&#252;ber nachzudenken, welche gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse f&#252;r gutes Handeln und Leben n&#246;tig sind, was also die Bedingungen der M&#246;glichkeit von Solidarit&#228;t sind. Genau das m&#246;chten wir mit diesem Buch tun.&#034; (48)</p></fn>
<fn id="n3"><p>Inwiefern die im Zeichen der Solidarit&#228;t stehende Arbeit der zivilen Seenotrettung trotz ihrer Notwendigkeit kriminalisiert und insbesondere von der politischen Rechten diskreditiert wird, zeigt das ebenfalls im Sammelband publizierte Interview mit dem Titel &#034;Defend Solidarity&#034;, das die Herausgeber:innen mit J<sc>elka</sc> K<sc>retzschmar</sc> von Sea-Watch und R<sc>amona</sc> L<sc>enz</sc> von <italic>medico international</italic> gef&#252;hrt haben (291&#8211;300).</p></fn>
<fn id="n4"><p>C<sc>ara</sc> R<sc>&#246;hner</sc> spricht sich in ihrem Beitrag &#034;Jenseits des Marktindividualismus&#034; auch f&#252;r die Verrechtlichung von Solidarit&#228;t aus, jedoch mit Fokus auf gemeinwirtschaftliche Eigentums- und Wirtschaftsformen (237&#8211;252). Gerade in der gegenw&#228;rtigen Wohnungskrise erkennt sie das &#034;besondere Solidarit&#228;tspotenzial der Vergesellschaftung&#034; (251).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Das Konzept der &#034;Gleichfreiheit&#034; (<italic>&#233;galibert&#233;</italic>) &#252;bernimmt Mokre vom franz&#246;sischen Philosophen &#201;tienne Balibar, ohne dies n&#228;her auszuf&#252;hren (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Balibar 2009</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Wenn sie in diesem Zusammenhang auf Albert Camus zu sprechen kommt, dann gerade deshalb, um aufzuzeigen, dass die M&#246;glichkeit der Revolte gegen die bestehende Ordnung nicht lediglich Ranci&#232;res Anteillosen vorbehalten ist, sondern letztlich allen offen steht &#8211; auch den Privilegierten der Ordnung, die sich an der Anteillosigkeit Anderer <italic>st&#246;ren</italic> (202). Mokre bringt also mit Camus zur Geltung, &#034;dass Revolte nicht allein und notwendigerweise im Unterdr&#252;ckten ausbricht, sondern dass sie beim blo&#223;en Anblick der Unterdr&#252;ckung eines andern ausbrechen kann&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Camus 1997, 24</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>So h&#228;lt Mokre fest: &#034;Wenn Solidarit&#228;t eine Beziehung auf Augenh&#246;he bedeutet, dann ist ihr erster Schritt, diese Augenh&#246;he zu schaffen. In diesem Sinne hat Solidarit&#228;t keine &#228;u&#223;eren Bedingungen, sondern schafft sich ihre Bedingungen selbst.&#034; (206)</p></fn>
<fn id="n8"><p>So machen die Autorinnen darauf aufmerksam, dass der Hashtag #MeToo erst 2017 durch die wei&#223;e Schauspielerin Alyssa Milano an Popularit&#228;t gewinnen konnte, obwohl Tarana Burke bereits 2006 von dem Slogan Gebrauch machte, um sexualisierte Gewalt gegen&#252;ber <italic>People of Color</italic> zu thematisieren (130&#8211;131).</p></fn>
<fn id="n9"><p>Damit scheinen Bargetz, Scheele und Schneider der Einsicht Michel Foucaults zu folgen, dass dieses &#034;Wir&#034; das Ergebnis einer problem- und prozessbezogenen Arbeitsleistung ist. Mit anderen Worten muss dieses &#034;Wir&#034; eine (immer vorl&#228;ufige) Antwort auf eine bestimmte Frage sein, es darf der Frage nicht bereits vorausliegen (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Foucault 1994, 114&#8211;118</xref>). Eine auf diese Weise gebildete Handlungsgemeinschaft w&#252;rde der Logik der unbedingten Solidarit&#228;t entsprechen, nicht aber der Gemeinschaftssolidarit&#228;t, innerhalb derer das &#034;Wir&#034; determiniert ist.</p></fn>
<fn id="n10"><p>Eine N&#228;he zu Veronica Gagos <italic>Feminist International: How to Change Everything</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2020</xref>), auf die die Autorinnen allerdings nicht verweisen, l&#228;sst sich nicht abstreiten.</p></fn>
<fn id="n11"><p>Auch B<sc>ini</sc> A<sc>damczak</sc> (81&#8211;87) steuert einige schlaglichtartige &#220;berlegungen zur Solidarit&#228;t als &#034;machbare Erfahrung&#034; zum Sammelband bei, die ihr zufolge &#034;ein Verlangen danach [ist], alle Verh&#228;ltnisse umzust&#252;rzen, die ein solidarisches Leben f&#252;r alle verunm&#246;glichen&#034; (87).</p></fn>
<fn id="n12"><p>Bewernitz unterscheidet zwischen einem &#034;parteilichen oder parteiischen (d.h. auf gemeinsamen politischen oder kulturellen Affinit&#228;ten beruhendes)&#034; (230) und ein &#034;gewerkschaftliches (d.h. auf gemeinsamen Erfahrungen und Interessen beruhendes) Modell von Solidarit&#228;t&#034; (230). Die Unterscheidung kann irritieren, ist doch auch zweiteres zweifelsohne parteiisch und die Trennlinie zwischen gemeinsamen Affinit&#228;ten und Interessen keineswegs eindeutig. Bewernitz scheint mit der Unterscheidung vordergr&#252;ndig auf die verschiedenen Entstehungskontexte der Solidarit&#228;tsmodelle verweisen zu wollen.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Das Aufkommen neuer Munizipalismen, wie beispielsweise <italic>Sanctuary Cities</italic> oder Recht-auf-Stadt-Initiativen, wird dabei ignoriert (vgl. etwa <xref ref-type="bibr" rid="B16">S&#246;rensen 2019</xref>).</p></fn>
<fn id="n14"><p>F&#252;r hilfreiche Hinweise und kritische R&#252;ckfragen danken wir Maurice Erb, Matthias Flatscher und Sergej Seitz.</p></fn>
</fn-group>
<ref-list>
<title>Literatur</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Adamczak</surname>, <given-names>Bini</given-names></string-name>. <year>2017</year>. <source>Beziehungsweise Revolution: 1917, 1968 und kommende</source>. <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Balibar</surname>, <given-names>&#201;tienne</given-names></string-name>. <year>2009</year>. <article-title>&#34;Die Proposition &#201;galibert&#233; (&#39;Gleichfreiheit&#39;)&#34;</article-title>. <source>Trivium. Deutsch-Franz&#246;sische Zeitschrift f&#252;r Geistes- und Sozialwissenschaften</source> <volume>3</volume>: <fpage>102</fpage>&#8211;<lpage>130</lpage>. DOI: <pub-id pub-id-type="doi">10.4000/trivium.3337</pub-id></mixed-citation></ref>
<ref id="B3"><label>3</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Butler</surname>, <given-names>Judith</given-names></string-name>. <year>2016</year>. <source>Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung</source>. <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>: <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
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