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<journal-title>Genealogy+Critique</journal-title>
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<subject>Research</subject>
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<article-title>Identifiziert euch (nicht). Deixis, Adressierung und Distanzmanagement in Shida Bazyars <italic>Drei Kameradinnen</italic></article-title>
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<surname>Niehaus</surname>
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<email>jniehaus@uni-bonn.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Bonn, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-02-01">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>This article examines deixis and reader address in narrative texts in order to develop a differentiated and appropriate understanding of identification for the analysis of literary texts, especially with regard to questions of identity and representation. Taking a close reading of Shida Bazyar&#39;s 2021 novel <italic>Drei Kameradinnen</italic> as a starting point, I show how deictic procedures and the inclusion or exclusion of readers in addressing them function on the one hand as strategies managing and navigating distance and proximity, and on the other hand as devices constituting a co-presence of narrator and reader. <italic>Drei Kameradinnen</italic> in particular, directly addressing the reader and involving them in deictic procedures and literary text in general, by employing deictics and implying addressees, demand an identification, conceived as a process not of empathizing with a character, but of adopting a deictic center of orientation (origo).</p>
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<p>&#34;Ich h&#246;re jetzt auf, weiterzuschreiben. Das hat keinen Zweck, denn ich versuche mir permanent vorzustellen, wer ihr seid, w&#228;hrend ihr euch vorzustellen versucht, wer wir sind.&#34; (26) <italic>Ich</italic> h&#246;re nat&#252;rlich nicht auf, weiterzuschreiben, ich habe ja gerade erst begonnen. Aber mit dem zitierten &#39;Ich&#39; bin ja auch nicht <italic>ich</italic> &#8211; die Verfasserin dieses Textes &#8211; gemeint, sondern Kasih, die Erz&#228;hlerin und Protagonistin in Shida Bazyars <italic>Drei Kameradinnen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2021</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Mit &#39;ihr&#39; und &#39;euch&#39; adressiert Kasih ihre Leser:innen, die sie an anderer Stelle auch als &#34;Deutschlehrer und Deutschlehrerkinder&#34; (63) bezeichnet (oder beschimpft). Dass dem adressierten Ihr nicht nur ein adressierendes und erz&#228;hlendes Ich, sondern auch ein anderes, deutlich vom Ihr unterschiedenes Wir gegen&#252;bersteht, ist die zentrale Konfliktkonstellation des Romans.</p>
<p>In dem eingangs zitierten Satz meint &#39;wir&#39; die titelgebenden <italic>Drei Kameradinnen</italic>: Saya, Hani und Kasih. Die drei Freundinnen teilen &#34;die Erfahrung von Rassismus und Sexismus&#34; nicht nur miteinander, sondern auch mit einer &#34;ganze[n] Phalanx deutscher Autorinnen&#34;,<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> in die Bazyar von der Rezensentin Meike Fe&#223;mann eingeordnet wird und von denen &#34;die beiden Debatten rund um <italic>gender</italic> und <italic>race</italic> zusammen[gebracht]&#34; werden (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Fe&#223;mann 2021</xref>). In Bazyars Roman steht die (strukturelle) rechte Gewalt in Deutschland, wie sie auch in <italic>1000 serpentinen angst</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Wenzel 2020</xref>) oder <italic>Identitti</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Sanyal 2021</xref>) zum Gegenstand wird, im Vordergrund &#8211; das Wir schlie&#223;t h&#228;ufig all jene ein, die eine &#34;Einwanderungsgeschichte&#34; (84) haben und von rassistischer Gewalt bedroht sind. So auch Life, eine von Rassismus betroffene Schwarze Figur, die angesichts des f&#252;r den Roman zentralen Prozess&#39; gegen Neonazis &#252;ber die Aussage einer Anw&#228;ltin sinniert, der zufolge &#34;&#39;wir&#39; in diesem Prozess versuchen w&#252;rden, Deutschland wieder zu vertrauen&#34; (298). Die Anf&#252;hrungszeichen heben hier das Wir hervor und werfen die Frage auf, wer dieses Wir konstituiert und wie sich Life dazu verh&#228;lt. Manchmal handelt es sich bei dem erz&#228;hlenden Wir aber auch um ein souver&#228;nes, die Adressat:innen jovial einschlie&#223;endes Wir, in diesem Sinne: &#34;Fangen wir also [&#8230;] an.&#34; (9)</p>
<p>In einem ersten Schritt zeige ich nachfolgend, dass in <italic>Drei Kameradinnen</italic> Deiktika &#8211; wie die Personalpronomen ich, wir oder ihr &#8211; und Adressierungen &#8211; wie &#34;ihr Deutschlehrerkinder&#34; &#8211; in bemerkenswerter H&#228;ufung auftreten, wobei sich diese in verschiedene Typen und nach unterschiedlichen Funktionen differenzieren lassen (I). Anschlie&#223;end gehe ich auf das spezifische Potential von Deixis in narrativen Texten ein, eine von Erz&#228;hlinstanz und Adressat:innen geteilte Gegenwart zu evozieren; darauf aufbauend reflektiere ich Deixis, Adressierung und Kopr&#228;senz in Bezug auf Identit&#228;t und Identifikation (II). Zu Bazyars Roman zur&#252;ckkehrend frage ich nach den Funktionen der in <italic>Drei Kameradinnen</italic> eingesetzten adressierenden und deiktischen Verfahren in Bezug auf Identifikation (III), um abschlie&#223;end den Blick noch einmal zu weiten und die wichtigsten Beobachtungen zusammenzufassen (IV). Im Zentrum meines Interesses stehen also mit Fragen nach geteilter Gegenwart und Identifikation sehr allgemeine Themen, denen ich mich &#252;ber sehr konkrete sprachliche Verfahren, n&#228;mlich Deiktika und Adressierungen, ann&#228;here, weil in literarischen Texten Kopr&#228;senz und Distanz, Identit&#228;t und Identifikation sprachlich und formal vermittelt und hergestellt werden.</p>
<sec>
<title>I. <italic>Drei Kameradinnen</italic> &#8211; Hier und Jetzt</title>
<p>Noch bevor die Erz&#228;hlerin Kasih daran scheitert, &#34;vorne anzufangen&#34;, erkl&#228;rt sie in einem selbstreflexiven Kommentar die Genese und die Funktion des Textes:</p>
<disp-quote>
<p>Dieser Text ist der Versuch, mich eine Nacht lang zusammenzurei&#223;en. Eine Nacht lang niemanden aus dem Fenster zu schmei&#223;en, kein Internet-Troll zu werden, zu warten. Der Versuch, auf meine Freundin Saya zu warten, die aus dem Knast kommen soll. (8)</p>
</disp-quote>
<p>Damit er&#246;ffnet sie zwei Ebenen: Erstens eine metanarrative Ebene, die zahlreiche, stark deiktisch gestaltete Schreibszenen enth&#228;lt; und zweitens die Handlungsebene, an deren Ende jenes Ereignis steht, das den Anfang des Erz&#228;hlens (und den Ansto&#223; zu ihm) darstellt: die Verhaftung von Saya. Der &#34;Jahrhundertbrand in der Bornemannstra&#223;e&#34; (4), f&#252;r den Saya von der Polizei und der Presse verantwortlich gemacht wird, ist Gegenstand und Titel eines Zeitungsartikels, der typographisch vom eigentlichen Romantext abgegrenzt ist und, noch bevor Kasih mit ihrer Erz&#228;hlung einsetzt, abgedruckt wird. Kasih erz&#228;hlt von den Tagen vor dem Brand und beginnt dabei mit der Ankunft von Saya in der Stadt, in der Kasih und die gemeinsame Freundin Hani leben.</p>
<p>Das Wiedersehen der Freundinnen anl&#228;sslich der Hochzeit einer gemeinsamen Bekannten f&#228;llt zusammen mit dem &#34;gr&#246;&#223;te[n] Prozess seit Gr&#252;ndung der Bundesrepublik&#34; (345). Die vor Gericht stehende &#34;rechtsterroristische Gruppe, die jahrelang im Untergrund gelebt und vorzugsweise muslimische Menschen, vorzugsweise weibliche muslimische Menschen, get&#246;tet hat&#34; (ebd.), ist einerseits klar am <italic>Nationalsozialistischen Untergrund</italic> (NSU) orientiert, andererseits aber deutlich von diesem unterschieden. Die Opfer des NSU waren bis auf eine Ausnahme nicht weiblich, womit eine Differenz markiert wird. Dieser stehen aber mit dem Verweis auf publizierte &#34;Chat-Protokolle&#34; (83) und die &#34;Selbstenttarnung&#34; (84) der Gruppe offensichtliche Gemeinsamkeiten gegen&#252;ber. Die Referenz auf den NSU als (vermeintlich) kollektiv erinnerten Fixpunkt in der j&#252;ngeren Geschichte der Bundesrepublik, reflektiert Kasih in folgender Passage ausf&#252;hrlicher:</p>
<disp-quote>
<p>Aber was mache ich hier eigentlich, warum erz&#228;hle ich euch jetzt die Hintergr&#252;nde zu den M&#246;rder-Nazis, ihr wisst das alles doch schon, ihr habt das doch selbst mitbekommen, vor ein paar Jahren waren die Zeitungen voll davon. Und falls ihr es nicht mitbekommen habt, dann wei&#223; ich mehr &#252;ber euch, als ihr euch vorstellen k&#246;nnt, dann wei&#223; ich alles &#252;ber euch, dann wei&#223; ich, wie wei&#223;, wie gesch&#252;tzt euer Leben ist, wie frei von Gewalt, wie frei von Angst. Dass ihr definitiv wei&#223;e Menschen ohne Einwanderungsgeschichte oder erw&#228;hnenswerte Religionszugeh&#246;rigkeit seid, denn sonst h&#228;tte diese Geschichte nicht an euch vorbeigehen k&#246;nnen. Es ist die grauenhafteste Geschichte seit der Gr&#252;ndung eurer Bundesrepublik, und sie erz&#228;hlt uns so viel &#252;ber dieses Land. Wenn ihr damals die &#34;Selbstenttarnung&#34; der Gruppe verpasst habt, wenn ihr die Bilder der Get&#246;teten nicht kennt, [&#8230;] dann tut mir zur H&#246;lle einen Gefallen, benutzt euer Internet und recherchiert nochmal ganz kurz, in welchem verdammten Land ihr lebt. (84)</p>
</disp-quote>
<p>Mindestens drei Aspekte von Deixis und Adressierung sind in dieser Textstelle bemerkenswert. Erstens sind dies die Lokal- und Temporaldeiktika &#39;hier&#39; und &#39;jetzt&#39;, mit denen der Wechsel auf die metanarrative Ebene eingeleitet wird. W&#228;hrend die Schreibszenen und selbstreferentiellen Reflexionen Kasihs h&#228;ufig durch Abs&#228;tze von den erz&#228;hlenden Passagen abgegrenzt werden, setzen sie hier unmittelbar ein und unterbrechen eine Szene, in der Kasih und Saya sich &#252;ber besagte Chat-Protokolle unterhalten. &#39;Hier&#39; und &#39;jetzt&#39; bef&#246;rdern Kasih, die nat&#252;rlich mit Saya ebenfalls ein Hier (ein Caf&#233;) und Jetzt (ein Mittwochvormittag nach einem Termin beim Jobcenter) teilt, an ihren n&#228;chtlichen Schreibtisch. Denn nur von dort, als st&#252;nde dieser Schreibtisch auf der n&#228;chsth&#246;heren Erz&#228;hlebene, wendet sich Kasih qua direkter Adressierung an die Leser:innen.</p>
<p>Die direkte Adressierung ist der zweite bemerkenswerte Aspekt, und zwar weil sie &#252;ber das Personalpronomen &#39;ihr&#39; hinausgeht. Genau entgegengesetzt zur eingangs zitierten Beschimpfung als &#34;Deutschlehrer und Deutschlehrerkinder&#34; wird dabei der Adressat:innenkreis bewusst offengelassen. Kasih differenziert zwischen den Leser:innen, die &#34;das doch selbst mitbekommen&#34; haben, und jenen, die gegen&#252;ber den rassistischen Anschl&#228;gen ignorant sind, wozu, wie Kasih schlie&#223;t, nur &#34;wei&#223;e Menschen ohne Einwanderungsgeschichte oder erw&#228;hnenswerte Religionszugeh&#246;rigkeit&#34; geh&#246;ren k&#246;nnen. Indem die Erz&#228;hlerin zwei komplement&#228;re Subgruppen ihrer Leser:innen adressiert, stellt sie sicher, dass jede:r Leser:in in eine dieser Gruppen inkludiert ist. Die Differenzierung und Definition der zwei Gruppen von Adressat:innen entlang des Wissens &#252;ber &#34;die grauenhafteste Geschichte seit der Gr&#252;ndung eurer Bundesrepublik&#34; ist allerdings nicht so deutlich, wie es scheint.</p>
<p>Dies offenbart sich &#8211; drittens &#8211;, wenn der &#252;ber eine Adressierung hinausgehenden Aufforderung Kasihs Folge geleistet wird, n&#228;mlich der expliziten Aufforderung dazu, sich im Internet &#252;ber die &#34;M&#246;rder-Nazis&#34; zu informieren. Wird dies seitens der realen Leser:innen tats&#228;chlich umgesetzt, also &#8211; nahezu metaleptischerweise &#8211; dem Auftrag einer fiktiven Figur nachgekommen, stellen sich die gegebenen Referenzen als falsch heraus. Statt &#252;ber die fiktionale rechte Terror-Gruppe werden g&#228;ngige Suchmaschinen auf Basis einer nahezu beliebigen Kombination der von Kasih genannten Schlagw&#246;rter (Selbstenttarnung, M&#246;rder-Nazis, Chat-Protokolle) Informationen &#252;ber den NSU und dessen reale Opfer auswerfen. Es sind also keine konkreten Wirklichkeitsreferenzen, die hier einen Realit&#228;tseffekt zeitigen, sondern es sind erstens <italic>Google</italic> und zweitens die strukturelle rechte Gewalt in Deutschland.</p>
<p>Auf Realit&#228;tsreferenzen in Form von (Online-)Lekt&#252;ren nimmt auch die folgende Passage Bezug, die an eine vollst&#228;ndig wiedergegebene Nachricht eines Rechtsradikalen anschlie&#223;t, die Saya erhalten hat.</p>
<disp-quote>
<p>Es tut mir leid, dass ihr euch das jetzt auch durchlesen musstet. Weil ihr aber das Internet schon mal benutzt habt, war das ja wohl nicht das erste Mal, dass ihr so was gelesen habt. Falls doch, muss ich euch noch weiter beunruhigen, denn das hier waren nur meine abgeschw&#228;chten Formulierungen, die echte Nachricht war schlimmer. Das ist wie mit dem Artikel ganz am Anfang, wisst ihr noch? [D]er war in echt auch viel schlimmer, seid froh, dass ihr nur meine Version kennt. (257)</p>
</disp-quote>
<p>Mit der Formulierung &#34;meine Version&#34; wird hier die Zuverl&#228;ssigkeit der Erz&#228;hlerin in Frage gestellt: Dass Kasih ein als Zitat im Text angef&#252;hrtes Dokument ver&#228;ndert hat und dies erst im Nachhinein eingesteht, kann eine generelle Verunsicherung ausl&#246;sen. Derlei Hinweise auf unzuverl&#228;ssiges Erz&#228;hlen h&#228;ufen sich in der zweiten H&#228;lfte des Romans, bis Kasih zuletzt fragt: &#34;Warum glaubt ihr mir &#252;berhaupt [&#8230;]? Warum habt ihr mir eigentlich geglaubt, wenn ihr die ganze Zeit skeptisch wart, wieso wart ihr mir gegen&#252;ber eigentlich skeptisch, wo ich es doch war, die euch st&#228;ndig entlarvt hat. Habt ihr wirklich geglaubt, Saya w&#228;re eingeknastet worden?&#34; (346)</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus hebt Kasih mittels deiktischer Verweise auf den (zeitlichen) Verlauf der Lekt&#252;re ab: Ihr Text wird &#39;jetzt durchgelesen&#39;. Dem Verlauf der Lekt&#252;re korrespondiert der Verlauf des Erz&#228;hlens &#8211; und der Handlungsverlauf, auch wenn Kasih die Ereignisse nicht in chronologischer Reihenfolge erz&#228;hlt.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> An anderer Stelle schreibt sie: &#34;Wir haben uns dem grauenhaften, entscheidenden Tag gen&#228;hert, ihr aufmerksamen Leser. Seid ihr noch da?&#34; (285) Die Leser:innen, die Kasih &#252;brigens im generischen Maskulinum anspricht, werden im ersten Satz dieses Zitats zun&#228;chst mit einem inklusiven &#39;wir&#39;, und dann mit dem Personalpronomen &#39;ihr&#39; adressiert, und dabei mit dem Adjektiv &#39;aufmerksam&#39; attribuiert. Ob die Leser:innen tats&#228;chlich aufmerksam<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> sind, ist weniger deutlich zu beantworten als die nachfolgende Frage &#34;Seid ihr noch da?&#34;. Diese ist mit dem bereits thematisierten &#39;jetzt durchlesen&#39; verwandt: Das &#39;jetzt durchlesen&#39; wird im Prozess des Durchlesens aktualisiert; die Frage &#34;Seid ihr noch da?&#34; wird stets mit &#39;Ja&#39; beantwortet, denn Leser:innen, die hier negieren w&#252;rden, w&#228;ren ja eben jene, die ihre Lekt&#252;re abgebrochen haben. Es handelt sich in beiden F&#228;llen um Spielarten performativer Leseakte, in denen &#252;ber Deiktika &#8211; &#39;jetzt&#39; und &#39;da&#39; &#8211; der Text durch die Leser:innen aktualisiert wird.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> Darin k&#246;nnen sie eine phatische Funktion erf&#252;llen, da sie gleichsam dazu dienen, den Kontakt zu gew&#228;hrleisten und aufrecht zu erhalten.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>II. Deixis, Kopr&#228;senz, Identifikation</title>
<p>Deixis, Deiktika und deiktische Prozeduren sind zuvorderst Gegenstand der Sprachwissenschaft und Zeichentheorie geworden. Als Ausgangspunkt der Theorien zur Deixis dient gemeinhin die Unterscheidung zwischen &#34;deiktischen (oder Zeigfeld-) und nicht-deiktischen (oder Symbolfeld-)Ausdr&#252;cken&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Ehlich 2011b, 170</xref>), wie sie bereits 1934 von Karl B&#252;hler vorgenommen wurde. W&#228;hrend die Bedeutung von Symbolfeld-Ausdr&#252;cken sprachlich festgelegt ist, sind es bei &#34;deiktischen Ausdr&#252;cken wie <italic>ich, du, heute, gestern, hier, dort</italic> [&#8230;] Aspekte der unmittelbaren &#196;u&#223;erungssituation &#8211; wer spricht wann wo zu wem &#8211;, von denen ihre Bedeutung abh&#228;ngt&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Finkbeiner 2018, 186</xref>).</p>
<p>Ich m&#246;chte f&#252;r meinen kurzen Einstieg in die Terminologie und Theorie der Deixis auf Konrad Ehlichs Arbeiten zur&#252;ckgreifen, der &#252;ber seine einschl&#228;gigen sprachwissenschaftlichen Studien hinaus eine wichtige Rolle f&#252;r die Analyse deiktischer Prozeduren in literarischen Texten spielt.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Von besonderem Stellenwert f&#252;r meine Argumentation ist Ehlichs Ausdifferenzierung des Verweisraums, mit dem er B&#252;hlers Zeigfeld weiterentwickelt. Der Verweisraum ist, im &#34;elementaren Fall&#34;, der Sprecher:innen und H&#246;rer:innen &#34;gemeinsame Wahrnehmungsraum, in dem die Sprechhandlung geschieht und der sinnlich zug&#228;nglich ist&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Ehlich 2011b, 169</xref>). Dessen Mittelpunkt ist die bereits von B&#252;hler eingef&#252;hrte &#39;Hier-Jetzt-Ich-Origo&#39;, von der aus der Verweisraum gleichsam aufgespannt wird. Aber auch, wenn Sprecher:in und H&#246;rer:in sich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden, also keinen Wahrnehmungsraum teilen, werden Deiktika eingesetzt. Die f&#252;r literarische Texte relevanten Verweisr&#228;ume sind der Textraum und der Vorstellungsraum.</p>
<p>Deiktische Prozeduren im Vorstellungsraum, den Ehlich im Anschluss an B&#252;hlers &#39;Deixis am Phantasma&#39; entwickelt, gelingen auch in der Fiktion: Sender:innen entwerfen einen Vorstellungsraum und orientieren darin die Aufmerksamkeit der Empf&#228;nger:innen, diese m&#252;ssen, damit die deiktischen Prozeduren gelingen, wiederum selbst den Vorstellungsraum der Sender:innen imaginativ (nach)entwerfen (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Ehlich 1985, 251</xref>) &#8211; sie m&#252;ssen die Origo des Vorstellungsraumes &#252;bernehmen. Ehlich greift insbesondere auf Texte von Joseph Eichendorff zur&#252;ck, um zu demonstrieren, wie Deixis, zuvorderst in Landschaftsbeschreibungen, den Vorstellungsraum zu einer &#34;Wirklichkeit des Lesers&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Ehlich 1985, 253</xref>) macht und damit der Herstellung von Unmittelbarkeit dienen kann.</p>
<p>Eine weitere Form des Verweisraums ist der Textraum. Im Textraum werden &#34;Wissenspartikel bzw. Elemente des Textes&#34; zum Gegenstand der Deixis. Die deiktische Prozedur des Textraums ist eine &#34;Orientierungshandlung, die der Autor des Textes bei dessen <italic>Leser</italic> zu erreichen versucht&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Ehlich 2011a, 129, Herv.i.O.</xref>). Die Deixis steht in diesem Fall meist im Dienste der Orientierung der Leser:innen und der Organisation des Textes. Unter dem Terminus <italic>discourse deixis</italic> und im R&#252;ckgriff auf die Arbeiten Ehlichs hat Andrea Macrae eine Systematik dieser deiktischen Prozeduren erarbeitet.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Dabei differenziert sie anhand verschiedener metafiktionaler und metanarrativer Beispiele zwischen drei Typen von Diskursdeixis: Erstens Referenzen auf den materiellen Text, etwa auf Seitenzahlen, das Objekt Buch und das Bl&#228;ttern darin; zweitens Kommentare zum Textaufbau, zum Beispiel Zusammenfassungen, Vorgriffe und R&#252;ckbez&#252;ge auf andere Textteile; und drittens Bezugnahmen auf den Prozess des Erz&#228;hlens oder Lesens, also &#34;the act and creation of the storyworld&#34; auf narrativer bzw. rezeptiver Ebene (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Macrae 2019, 49</xref>).</p>
<p>Sp&#228;testens mit Blick auf die Prozessualit&#228;t des Erz&#228;hlens und Lesens, mithin zeitliche Vorg&#228;nge, st&#246;&#223;t das r&#228;umliche Paradigma zur Beschreibung der verschiedenen Verweis<italic>r&#228;ume</italic> an seine Grenzen. Schon der Vorstellungsraum war als ein r&#228;umlicher, zeitlicher und referentieller Rahmen zu denken, f&#252;r den Textraum gilt dies in noch st&#228;rkerem Ma&#223;e. Ich m&#246;chte daher dem Begriff des &#39;Verweisraums&#39; zwei weitere zur Seite stellen, n&#228;mlich &#39;Kopr&#228;senz&#39; und &#39;geteilte Gegenwart&#39;.</p>
<p>Bei Ehlich ist physische &#34;Kopr&#228;senz von Sprecher und H&#246;rer&#34; ein Charakteristikum von Sprechsituationen und &#34;konstituiert einen (weitgehend) gemeinsamen Wahrnehmungsraum beider&#34;, von dem &#34;f&#252;r die Konstitution eines Zeigfeldes und die Verwendung deiktischer Ausdr&#252;cke&#34; Gebrauch gemacht wird (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Ehlich 2011c, 488</xref>). Zwar entwickelt Ehlich seinen Textbegriff genau ausgehend vom Befund eines Mangels an physischer Kopr&#228;senz angesichts r&#228;umlicher und zeitlicher Distanz, doch gerade &#252;ber die Verwendung (und das Gelingen) deiktischer Verweise l&#228;sst sich auch f&#252;r eine Kopr&#228;senz ohne geteilten Wahrnehmungsraum argumentieren. F&#252;r Ehlich impliziert Kopr&#228;senz die Existenz eines geteilten Wahrnehmungsraumes, der wiederum ein Zeigfeld konstituiert, in dem deiktische Prozeduren gelingen k&#246;nnen. Umgekehrt lassen gelingende deiktische Prozeduren, die es in (literarischen) Texten offensichtlich gibt, auf ein Zeigfeld und damit auch einen geteilten Verweisraum &#8211; im Falle des (literarischen) Textes: Vorstellungsraum und Textraum &#8211; schlie&#223;en, in dem Kopr&#228;senz m&#246;glich ist.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> &#220;ber diese Argumentationslinie kann das strukturelle Potential von Deixis voll ausgereizt werden, denn wenn Deixis in einem Wahrnehmungsraum mit (physischer) Kopr&#228;senz zusammenh&#228;ngt, kann auch Deixis in literarischen Texten Kopr&#228;senz evozieren. Deixis basiert damit nicht nur auf einer geteilten Gegenwart, sondern schafft eine solche auch, und zwar indem sie sie voraussetzt.</p>
<p>Mit dem Pr&#228;fix &#39;Ko&#39; verweist der Begriff Kopr&#228;senz bereits auf (mindestens) zwei Instanzen, f&#252;r die die Bezeichnung &#39;geteilte Gegenwart&#39; eine Handlung impliziert, n&#228;mlich das Teilen. Auch wenn &#39;teilen&#39; eine gewisse Gleichberechtigung suggerieren mag, ist die Beziehung dieser Instanzen keinesfalls symmetrisch. Die Erz&#228;hlinstanz als textseitige Origo schafft die Verweisr&#228;ume erst, in denen sie mit einer rezeptionsseitigen Instanz kopr&#228;sent sein kann. Aber auch seitens der Leseinstanz wird eine Aktivit&#228;t eingefordert, damit die Deixis gelingen kann, n&#228;mlich das (Nach-)Entwerfen des Verweisraums der Erz&#228;hlinstanz. Ehlich unterscheidet dabei nicht zwischen verschiedenen Konzepten dieser Leseinstanzen, wie es seit dem Aufkommen des impliziten Lesers in der Nachfolge Wayne Booths und Wolfgang Isers &#252;blich ist. Die eingeforderte Bereitschaft der Leser:innen ist auch eine Bereitschaft, sich &#34;die Distanz&#252;berwindung gefallen&#34; zu lassen (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Ehlich 2009, 73</xref>) &#8211; gefordert wird dies von den realen Leser:innen, denn seitens der impliziten Leser:innen w&#228;re diese Bereitschaft vorauszusetzen.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Ehlich spricht von der &#34;Distanz zwischen Autor und Leser&#34; &#8211; und zwar dem realen Leser &#8211;, die es deshalb zu &#252;berwinden gilt, um den Text als Handlung, also in einem pragmatischen Sinne verstehen zu k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Ehlich 2011a, 131</xref>), was auch f&#252;r die Frage nach dem politischen Potential literarischer Texte von Relevanz ist. Ich m&#246;chte deiktische Prozeduren aber auch genereller als Verfahren eines Distanzmanagements verstehen: Deiktika selbst dienen bereits der Regulierung von N&#228;he (hier, jetzt) und Ferne (dort, damals) in Bezug auf die Origo. Durch die Verwendung von Deixis auf unterschiedlichen narrativen Ebenen, im Textraum und im Vorstellungsraum kann, so meine Hypothese, die Distanz der Leser:innen zum Text und zur Diegese reguliert werden.</p>
<p>In Rahmen seiner Analysen der deiktischen Prozeduren Eichendorffs kommt Ehlich zu dem Schluss, dass qua Deixis zwischen Text und Leser:in eine &#34;Unmittelbarkeit&#34; hergestellt wird &#8211; die, m&#246;chte ich erg&#228;nzen, stets eine vermittelte, n&#228;mlich literarisch produzierte Unmittelbarkeit ist. Sie ist Ehlich zufolge &#34;Ausdruck einer Versetzung des Lesers in eine Welt&#34;: &#34;[D]er Leser re-konstituiert in seiner eigenen Vorstellung die Eichendorffsche Landschaft als Vorstellung und findet <italic>sich</italic> darin vor&#34;, wodurch &#34;eine Distanz beseitigt&#34; sei (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Ehlich 1985, 259</xref>, Hervorh. i.O.). Neben der Regulierung &#8211; in diesem Falle: der Minimierung &#8211; von Distanz, ist f&#252;r meine nachfolgende Argumentation besonders der Begriff des &#39;Versetzens&#39; relevant, auf den ich unten zur&#252;ckkomme.</p>
<p>Deiktische Prozeduren organisieren nicht nur (Eindr&#252;cke von) N&#228;he und Ferne, sondern oszillieren auch zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit: Ohne Kontext sind Deiktika unkonkret und allgemein, erst in einem spezifischen Verweisraum werden sie zu besonders bestimmten und bestimmenden, weil indexikalischen Ausdr&#252;cken. Diese Gleichzeitigkeit von Bestimmtheit und Unbestimmtheit hat im Falle der Personaldeixis mittels der Pronomen &#39;du&#39; und &#39;ihr&#39; ein besonderes Potential f&#252;r Adressierungen im literarischen Text, die schon intensiv analysiert wurde.<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref> Ich m&#246;chte im Folgenden besonders nach Deixis und Adressierung als Faktoren f&#252;r Identifikation fragen.</p>
<p>Im Diskurs &#252;ber die Repr&#228;sentation und die Erfahrungen marginalisierter Personengruppen in der Literatur spielen Identit&#228;t und Identifikation immer wieder zentrale Rollen. Mal wird davon ausgegangen, dass sich Leser:innen nur mit Figuren identifizieren k&#246;nnen, die m&#246;glichst viele Identit&#228;tsmerkmale mit ihnen teilen. Aus dieser Perspektive wird die mangelnde oder negative Repr&#228;sentation spezifischer &#8211; beispielsweise queerer oder Schwarzer &#8211; Identit&#228;ten deshalb kritisiert, weil dadurch &#8211; beispielsweise queeren oder Schwarzen &#8211; Rezipient:innen weniger oder keine positiven Identifikationsangebote gemacht w&#252;rden.<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> Mal wird das Potential der Literatur gepriesen, gerade die Identifikation mit Figuren anderer Lebensrealit&#228;ten zu erm&#246;glichen, indem sich Leser:innen einf&#252;hlen und Erfahrungen nachempfinden k&#246;nnten.<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> Mal wird Identifikation als Faktor f&#252;r die Rezeption literarischer Texte generell kritisiert und problematisiert &#8211; oder literarische Texte, die auf Identifikation zielen, sowie Leser:innen, die Vorlieben f&#252;r identifizierende Lekt&#252;ren haben, werden abgewertet.<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref></p>
<p>Auf der Grundlage eines solchen Identifikationsbegriffs gelingt es zumeist nicht, die komplexen Identifikationsprozesse, die in Texten angelegt sind und von Leser:innen eingefordert werden, zu erfassen. Deshalb schlage ich im Folgenden eine alternative oder wenigstens erg&#228;nzende Perspektive auf Identifikation vor. Wenn im Kontext der Rezeption von literarischen Texten, aber auch von Filmen oder Serien, &#252;ber Identifikation gesprochen wird, so wird darunter meist die Identifikation mit Figuren, meistens sogar der Hauptfigur verstanden. Ich m&#246;chte stattdessen das Identifikationspotential und -angebot einer Schwellenfigur in den Blick nehmen, die sich nicht nur in ihrer Position an der Grenze zwischen Diegese und Extradiegese, sondern auch durch immerhin eine zentrale Gemeinsamkeit mit den Rezipient:innen daf&#252;r besonders anbietet: n&#228;mlich die adressierte Instanz.</p>
<p>Mit einem besonderen Fall von Adressierung und Identifikation besch&#228;ftigt sich Irene Kacandes in ihrem viel beachteten und bereits 1993 ver&#246;ffentlichten Artikel mit dem plakativen Titel &#34;Are You in the Text?&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993</xref>). Ausgehend von (postmodernen) Erz&#228;hlungen, in denen die Leser:innen in der zweiten Person adressiert werden, fragt sie, unter welchen Bedingungen Leser:innen sich mit dem <italic>you</italic> des Texte identifizieren. Dabei hat sie ein besonderes Interesse an &#34;literary performatives&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 139</xref>), worunter sie jene Adressierungen versteht, die sich im Vollzug der Lekt&#252;re &#8211; also durch performative Leseakte, wie ich sie zuvor genannt habe &#8211; realisieren. Laut Kacandes ist die Identifikation der Leser:innen mit dem adressierten Du eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung f&#252;r ein gelingendes <italic>literary performative</italic>. Wie im Falle der Deixis aber l&#228;sst sich diese Abh&#228;ngigkeit auch umkehren: <italic>literary performatives</italic> &#8211; also Adressierungen wie &#34;You&#39;ve read me this far, then?&#34;, ein von Kacandes aus John Barths Erz&#228;hlband <italic>Lost in the Funhouse</italic> &#252;bernommenes Zitat, oder das bereits zitierte &#34;Seid ihr noch da?&#34; aus <italic>Drei Kameradinnen</italic> &#8211; fordern eine Identifikation ein, oder wenigstens eine Reflexion &#252;ber die Identit&#228;t von oder die Differenz zwischen realer und adressierter Leseinstanz.<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref></p>
<p>Ausgehend von ihrem zentralen Textbeispiel, Italo Calvinos f&#252;r seine metaleptischen Leseradressierungen ber&#252;hmten Roman <italic>Wenn ein Reisender in einer Winternacht</italic>, thematisiert Kacandes insbesondere die potentielle Geschlechterdifferenz zwischen realer und adressierter Leseinstanz. Dass sie den Fokus auf die Repr&#228;sentation von Geschlecht legt, liegt sicherlich daran, dass Geschlecht besonders stark schon auf grammatikalischer Ebene in Texte eingeschrieben ist. Kacandes zeigt das am Beispiel Calvinos f&#252;r die italienische Sprache auf, die wie das Deutsche, aber anders als das Englische, unterschiedliche W&#246;rter f&#252;r den Leser und die Leserin kennt.<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref> Bei Kacandes steht, wie es h&#228;ufig &#8211; so auch beispielsweise in Claudia Liebrands Beitrag &#34;Als Frau Lesen?&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">2010</xref>) &#8211; der Fall ist, die Geschlechtsidentit&#228;t der realen und adressierten Leseinstanz im Zentrum. Sie spricht aber explizit auch weitere Identit&#228;tsmerkmale an und bezeichnet &#34;race, social class or sexual preference&#34; als &#34;other features which might decrease the amount of identification&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 148</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref> An anderer Stelle erw&#228;hnt sie auch einen generellen &#34;cultural frame of references&#34;, den die realen Leser:innen teilen oder nicht teilen k&#246;nnen, &#34;which might or might not alienate a given reader&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 141</xref>).</p>
<p>Statt an den Begriff der <italic>alienation</italic>, der hier am ehesten als Entfremdung zu &#252;bersetzen w&#228;re, mit Bertolt Brechts Verfremdungseffekten anzuschlie&#223;en, stellt Kacandes die Differenz- und Fremdheitserfahrung in den Dienst einer postmodernen Verdopplung. Diejenigen Leser:innen, die einerseits durch Deixis und Adressierung zur Identifikation eingeladen, andererseits aber durch die skizzierten Differenzen von dieser Identifikation ausgeschlossen werden, sind laut Kacandes pr&#228;destiniert daf&#252;r, mit einem dem postmodernen Text angemessenen &#34;Hyperbewusstsein&#34; (&#34;hyperconsciousness&#34;, <xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 148</xref>) zu lesen: &#34;She [the alienated, (un)addressed reader, Anm. JN] is perhaps the most likely to recognize that you can be within the text and without simultaneously.&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 148</xref>)</p>
<p>Kacandes blickt an dieser Stelle aus einer rezeptions&#228;sthetischen Perspektive auf eine Verdopplung, die strukturell mit einer Verdopplung verwandt ist, die David Herman prominent unter dem Begriff <italic>double deixis</italic> verhandelt hat.<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref> Von Herman stammt auch der Begriff der &#39;&#220;berlagerung&#39; (<italic>superimposition</italic>), mit dem ich zur Frage nach einem Identifikationskonzept zur&#252;ckkehren m&#246;chte, das verschiedenen Identit&#228;ten der Figuren, Adressat:innen und Leser:innen gerade in sogenannter Erfahrungsliteratur gerecht wird. Es besteht &#8211; nicht nur manchmal, sondern im Regelfall &#8211; keine Kongruenz zwischen der Identit&#228;t der fiktiven Leseinstanz, also dem Du des Textes, und der Identit&#228;t der realen Leser:innen, also dem Ich der Lekt&#252;re. Trotzdem muss der lose Faden des adressierenden Du seitens der Leser:innen aufgenommen werden, damit die Referenzen nicht ins Leere laufen. F&#252;r Adressierung als Spezialfall der Deixis gilt dabei wie f&#252;r deiktische Prozeduren generell, dass f&#252;r ihr Gelingen eine Bereitschaft zur Origo-&#220;bernahme und zur Distanz&#252;berwindung vorausgesetzt ist.</p>
<p>Der Fokus auf Deixis erlaubt es, die Identifikation mit der adressierten Leseinstanz nicht als einf&#252;hlendes Hineinversetzen, sondern als identifizierendes Versetzen zu verstehen.<xref ref-type="fn" rid="n19">19</xref> Der Akt der Identifikation ist dabei weniger als empathischer zu denken, als vielmehr in einem fast mathematischen Sinne zu verstehen: Adressiertes Du und lesendes Ich werden als Punkte in ihren jeweiligen Verweisr&#228;umen miteinander identifiziert &#8211; oder, mit Herman gesprochen, &#252;bereinandergelegt (&#39;<italic>superimposed</italic>&#39;), sodass Verweisr&#228;ume gedoppelt bzw. &#252;berlagert werden und deiktische Prozeduren gelingen.</p>
</sec>
<sec>
<title>III. Identifikation und Distanz(management) in <italic>Drei Kameradinnen</italic></title>
<p>Auch in <italic>Drei Kameradinnen</italic> werden die fiktiven adressierten Leser:innen nicht explizit entlang der Achsen <italic>race, class</italic> und <italic>gender</italic> charakterisiert. Obwohl sie diese Zuschreibungen immer wieder (ironisch oder unzuverl&#228;ssig) bricht, zeichnet Kasih die Leser als wei&#223;e Deutschlehrer(kinder) und verwendet dabei das generische Maskulinum: Damit sind diese fiktiven Leser auf den ersten Blick weder Diskriminierung durch Rassismus (wei&#223;) noch durch Klassismus (Lehrer(kind)) oder Sexismus (m&#228;nnlich) ausgesetzt. Zudem werden die Leser &#252;ber spezifische Erfahrungen, oder vielmehr den Mangel spezifischer Erfahrungen, charakterisiert: &#34;Ihr hattet ja auch mal Liebeskummer, ihr wisst, was ich durchmache&#34; (245), schreibt Kasih beispielsweise, oder aber &#34;Weil ihr keine Kindheit hattet, die so roch wie unsere.&#34; (26)</p>
<p>Reale Leser:innen werden mehr oder weniger Merkmale mit diesen fiktiven Lesern teilen. Dass ich mich als wei&#223;e Akademikerin hinsichtlich des Geschlechts von der adressierten Leseinstanz unterscheide, ist dabei eine geringe Abweichung, zumal in <italic>Drei Kameradinnen</italic> Rassismus und die Erfahrungen rassistisch marginalisierter Personen im Vordergrund stehen. Andere konkrete Leser:innen werden andere &#220;bereinstimmungen und Differenzen zwischen sich und den adressierten Leser:innen ausmachen &#8211; dabei gilt: Je n&#228;her diese Leser:innen der Identit&#228;t und den Erfahrungen Kasihs kommen, desto weniger Merkmale teilen sie mit den fiktiven Leser:innen, denn Kasih entwirft die fiktiven Leser geradezu als ihr Gegenteil.<xref ref-type="fn" rid="n20">20</xref> Diese Einteilung in ein Wir und ein Ihr wird dabei stets von Inklusions- und Exklusionsprozessen begleitet und zugleich konstituiert.</p>
<p>Unabh&#228;ngig von diesen &#220;bereinstimmungen und Differenzen verlangen die zahlreichen Adressierungen und Deiktika, wie im vorangegangenen Abschnitt aufgezeigt, eine Identifikationsbereitschaft seitens der realen Leser:innen. Auch wenn Deixis und Adressierung dabei strukturell verwandt sind, lassen sich gerade an <italic>Drei Kameradinnen</italic> einige zentrale Unterschiede aufzeigen. Deiktische Prozeduren wie &#39;hier&#39; und &#39;jetzt&#39; verlangen eine Origo-Versetzung, also eine Identifikation der Zeigfelder, bei der sich die realen Leser:innen mit Kasih oder aber einer mit Kasih kopr&#228;senten Instanz identifizieren k&#246;nnen. Adressierungen und insbesondere sich in der Lekt&#252;re aktualisierende performative Leseakte implizieren eine Identifikation von realer und fiktiver Leseinstanz, im Zuge derer die implizite Leseinstanz &#252;bersprungen wird.</p>
<p>Die Adressierungen und auch die an Adressat:innen gerichteten deiktischen Prozeduren sind im Roman auf der metanarrativen Ebene angesiedelt. Kasihs Erz&#228;hlsituation ist r&#228;umlich und zeitlich genau und ungenau zugleich definiert. Wie f&#252;r Deiktika selbst br&#228;uchte es eine Kontextualisierung, um ganz konkret zu werden: Das Hier wird nur &#252;ber ein WG-Zimmer, ein gegen&#252;berliegendes Yogastudio, einen Schreibtisch entworfen; um welche Stadt es sich handelt, bleibt offen; das Jetzt wird nicht kalendarisch datiert, daf&#252;r aber pr&#228;zise zwischen &#34;Freitagnacht, 2:28 Uhr&#34; (9) und &#34;Samstagmorgen, 5:58 Uhr&#34; (343) aufgespannt. Es ist diese Raumzeit &#8211; und diese Metaebene &#8211; auf der <italic>Drei Kameradinnen</italic> eine Kopr&#228;senz erm&#246;glicht oder sogar einfordert. Insbesondere Textstellen, in denen zwischen dem Jetzt des Erz&#228;hlens und dem Jetzt der Lekt&#252;re nicht genau unterschieden werden kann &#8211; so beispielsweise in der bereits zitierten Passage, in der Kasih sich daf&#252;r entschuldigt, dass die Leser:innen sich &#34;das jetzt auch durchlesen&#34; mussten (257) &#8211;, suggerieren eine latente Kongruenz von Erz&#228;hlzeit und Lekt&#252;rezeit, eine Gleichzeitigkeit oder kopr&#228;sentische Echtzeit.</p>
<p>Dass es gerade die metanarrative Ebene und nicht die Handlungsebene rund um die Ereignisse bis hin zu Sayas Verhaftung ist, auf der die adressierenden und deiktischen Prozeduren eine Kopr&#228;senz implementieren, verstehe ich als bewusstes und doppeltes Distanzmanagement. Wie im Beispiel Eichendorffs werden Distanzen &#252;berwunden, aber nicht bis hin zur diegetischen Landschaft, sondern nur bis zur metanarrativen Schreibsituation, in der (und in die) die Adressat:innen Kasih folgen (m&#252;ssen). Nicht nur Kasih blickt so mit einer gewissen Distanz auf die Ereignisse der vergangenen Tage, auch f&#252;r die Leser:innen wird ein Abstand gewahrt. Diese Distanz h&#228;ngt fundamental damit zusammen, dass es dem Text nicht um eine Identifikation mit Kasih, Saya, Hani oder anderen Figuren geht, die es erlauben w&#252;rde, Erfahrungen &#39;nachzuerleben&#39;. Stattdessen erfordern die Deiktika eine Identifikation mit der adressierten Instanz, die mit einer genau justierten Distanz auf einerseits Erfahrungen und Ereignisse und andererseits allgemeine Strukturen blicken kann.</p>
<p>In einer Passage wird in <italic>Drei Kameradinnen</italic> explizit die Macht der Distanzierung &#8211; sowohl der raumzeitlichen Distanz von einer Situation als auch die Distanzierung von der eigenen Perspektive &#8211; thematisiert. Dabei handelt es sich um eine Erfahrung, die Kasihs Freundin Saya in ihrer Jugend gemacht hat, als bei einem Fest von einer Tante ihres ersten Freundes an ihrer statt eine &#228;hnlich junge wei&#223;e Frau &#8211; &#34;lasst sie uns Lena nennen&#34; (166) &#8211; f&#252;r dessen Partnerin gehalten wird. Dieses Ereignis wurde von Saya als eine Art Urszene ihres Bewusstseins rassistischer Stereotypisierung immer wieder aufgebracht. Kasih gibt die Erz&#228;hlung Sayas wieder und erkl&#228;rt den Stellenwert dieser Erfahrung f&#252;r die Freundin, schlie&#223;t aber mit einer neuen &#220;berlegung:</p>
<disp-quote>
<p>Nach all den Malen, die ich diese Geschichte h&#246;ren musste, ahne ich jetzt erst, dass Lena, die in dieser Story nicht besonders gut wegkommt und noch nicht einmal einen echten Namen hat, die Geschichte sicher auch nicht vergessen hat. Dass Lena im Nachhinein ebenfalls mit Leuten sprach, um sich best&#228;tigen zu lassen, dass sie sich v&#246;llig zu recht dar&#252;ber ge&#228;rgert hat, f&#252;r Leos Freundin gehalten zu werden, obwohl sie doch genauso neben Alice, Leos Schwester, sa&#223;. Ich w&#252;rde jetzt gerne Saya von diesem viel zu sp&#228;t gefallenen Groschen erz&#228;hlen, damit wir uns beide sch&#228;men k&#246;nnen, Saya noch mal ein bisschen mehr als ich. Um uns erst f&#252;r unsere Ignoranz zu sch&#228;men, uns dann wie unsensible Trampel zu f&#252;hlen und uns schlie&#223;lich daf&#252;r zu sch&#228;men, die unsensiblen Trampel zu sein, die wir selbst so verachten. (171&#8211;72)</p>
</disp-quote>
<p>Eva Raschke, von der bisher der einzige Forschungsbeitrag zu Bazyars Roman vorgelegt wurde, macht in diesem Abschnitt eine Form der &#34;Selbstdistanzierung&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Raschke 2021, 503</xref>) aus. Genauer noch kann hier jedoch von einer Strategie des Distanzmanagements gesprochen werden, bei dem Deixis, Identifikation und Fiktion zentrale Faktoren sind. Im ersten Satz des Zitats wird mittels einer deiktischen Prozedur, &#39;erst jetzt&#39;, ein gro&#223;er zeitlicher Abstand zwischen der ersten Erz&#228;hlsituation, in der Saya ihre Erfahrung mit den Freundinnen teilt, und der zweiten Erz&#228;hlsituation, in der Kasih ihren Text verfasst, etabliert. Diese zeitliche Distanz ist zwar eigentlich zu gro&#223; &#8211; der Groschen f&#228;llt &#39;zu sp&#228;t&#39; &#8211;, aber wom&#246;glich notwendig, um die Situation aus Lenas Perspektive zu imaginieren.</p>
<p>Kasih bezeichnet Sayas und ihr eigenes Verhalten im R&#252;ckblick als ignorant und unsensibel. Die Sensibilit&#228;t, die sie sich von sich selbst in Bezug auf Lena erwartet h&#228;tte, ist verwandt, aber nicht &#228;quivalent mit Empathie oder Einf&#252;hlung. Stattdessen handelt es sich bei Kasihs Gedankengang um eine versetzende Identifikation, bei der sie die Situation von Lenas Sitzplatz an der Festtafel aus nachzuvollziehen versucht, sie identifiziert ihren Standpunkt mit dem Mittelpunkt von Lenas Zeigfeld. Der Modus schlie&#223;lich, in dem diese Identifikation gelingen kann, ist die Fiktion und Metanarration, ein Modus gedoppelter Vermittlung: Kasih stellt sich vor, wie eine Person, die sie selbst nur aus einer &#39;Story&#39; Sayas, kennt, diese &#39;Geschichte&#39; noch einmal neu perspektiviert &#8211; und betont dabei, nicht zuletzt mit den von mir hervorgehobenen Ausdr&#252;cken, den Prozess des Erz&#228;hlens (und Erz&#228;hlen-Lassens) f&#252;r Erkenntnisgewinn. Zeitlicher Abstand, Sensibilit&#228;t, doppelte Vermittlung: Hier wird Distanz zun&#228;chst vergr&#246;&#223;ert, dann verringert, und schlie&#223;lich wieder gesteigert &#8211; N&#228;he und Distanz werden in ein oszillierendes Wechselverh&#228;ltnis gebracht.</p>
<p>Auch die Unzuverl&#228;ssigkeit von Kasihs Erz&#228;hlen kann als Strategie des Distanzmanagements gelten. Wenn Kasih in einem Atemzug bzw. einem Satz zuerst fragt, warum die Leser:innen ihr &#34;eigentlich geglaubt&#34; haben, wenn sie doch &#34;die ganze Zeit skeptisch&#34; waren, und dann nachhakt, wieso sie ihr &#34;gegen&#252;ber eigentlich skeptisch&#34; waren (346), reguliert sie Vermittlung(sbewusstsein) und Distanz. Gegen Ende des Romans offenbart Kasih nicht nur, dass sie einige Fakten und Ereignisse auf der Handlungsebene modifiziert hat; schlussendlich l&#228;sst die unzuverl&#228;ssige Erz&#228;hlerin sogar Handlungs- und Erz&#228;hlebene ineinander kollabieren. Sie dreht die Zeit zur&#252;ck und erkl&#228;rt, dass sie, statt am fr&#252;hen Samstagmorgen allein an ihrem Schreibtisch zu sitzen, den Text Donnerstagnacht neben der schlafenden Saya schreibt. Es handelt sich um eine unzuverl&#228;ssige, verschachtelte Konstruktion der Erz&#228;hlebenen, die nicht nach einer Aufl&#246;sung &#8211; nicht nach einfachen Antworten &#8211; verlangt. Vielmehr dient sie dazu, Unmittelbarkeit zu destabilisieren und klare Positionierungen zu verhindern.<xref ref-type="fn" rid="n21">21</xref></p>
<p>Einen besonderen Status hinsichtlich der Unzuverl&#228;ssigkeit haben die Referenzen auf den Prozess gegen die rechten Terroristen und den &#34;Jahrhundertbrand&#34;, die bis ganz zuletzt und nach dem Kollaps der Erz&#228;hlebenen eine zentrale Rolle spielen. Beide Ereignisse sind fiktional, beide Ereignisse haben aber Referenzpunkte in der j&#252;ngeren Geschichte Deutschlands: Die &#34;M&#246;rder-Nazis&#34; sind eindeutig am NSU-Komplex angelehnt, der verheerende Hausbrand und seine insbesondere migrantischen Todesopfer verweisen auf Brandanschl&#228;ge in Sammelunterk&#252;nften f&#252;r Gefl&#252;chtete seit 2015 und noch offensichtlicher auf die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 sowie den Brandanschlag in Solingen im Mai 1993.<xref ref-type="fn" rid="n22">22</xref> Aus Fiktionalit&#228;t einerseits und Unzuverl&#228;ssigkeit andererseits werden damit brutale Fakten &#252;ber die deutsche Gegenwart, die sich Kasih und die adressierte Leseinstanz, Shida Bazyar und die realen Leser:innen teilen &#8211; die prek&#228;re Kopr&#228;senz in Kasihs WG-Zimmer schl&#228;gt um in eine reale Kopr&#228;senz.</p>
</sec>
<sec>
<title>IV. Fazit</title>
<p>Mein hier verfolgter Blick auf <italic>Drei Kameradinnen</italic> war auf Deixis, Adressierung und einen daran orientierten Identifikationsbegriff fokussiert. Bazyars Roman diente mir gleicherma&#223;en als inspirierender Ausgangspunkt einer Reflexion &#252;ber deiktische und identifizierende Prozesse und als Illustration meiner &#220;berlegungen &#252;ber Kopr&#228;senz und Identifikation. Die Passage, in der Kasih &#252;ber die (potentiellen) Erfahrungen von &#39;Lena&#39; sondiert, habe ich besonders hervorgehoben, weil sich an ihr &#8211; gewisserma&#223;en als <italic>pars pro toto &#8211;</italic> die distanzierenden und vermittelnden Strategien des Romans kristallisieren und sie zugleich explizit reflektiert werden. Es ist allerdings weniger eine Bewegung vom Einzelnen zum Ganzen, sondern vom Besonderen zum Allgemeinen, die ich abschlie&#223;end vollziehen m&#246;chte. Diese Oszillation von Besonderem und Allgemeinem, zwischen Konkretem und Abstraktem liegt bereits in der Natur der Deixis: Ohne Kontext sind Deiktika allgemein, aber auch bedeutungslos, erst in einem konkreten Zusammenhang erlangen sie Bedeutung. Ausgehend von diesem Potential der Deixis, einen Transfer zwischen Konkretem und Abstraktem zu leisten, l&#228;sst sich auch die Gleichzeitigkeit von Besonderem und Allgemeinem in <italic>Drei Kameradinnen</italic> erschlie&#223;en: Die im Roman geschilderten rassistischen Erfahrungen und &#220;bergriffe verweisen trotz ihrer Fiktivit&#228;t deutlich auf strukturelle Gewalt und stellen damit zugleich unscharfe und offensichtliche Referenzen dar.</p>
<p>Zwischen Besonderem und Allgemeinem bewegen sich auch meine Beobachtungen: Ich habe sie an einem spezifischen Text entlang erarbeitet, indem ich &#8211; auf &#39;hier&#39; und &#39;dort&#39; verweisend &#8211; Textstellen aus einem Roman zitiert habe, in dem deiktische Prozeduren und Adressierungen der Leseinstanz geh&#228;uft und explizit eingesetzt werden. Doch Deixis und Adressierung tauchen, wenn auch meist subtiler oder impliziter, in jedem literarischen Text auf, in Form von Lokal-, Temporal- und Personaldeiktika, Adressat:innen als reale und implizite Leser:innen. Beide hier im Einzelnen betrachteten Verfahren sind also f&#252;r Literatur im Allgemeinen relevant, insbesondere (aber nicht nur) wenn Fragen nach Identit&#228;t und Identifikation, nach Inklusion und Exklusion verhandelt werden.<xref ref-type="fn" rid="n23">23</xref> Deshalb m&#246;chte ich, in einer abschlie&#223;enden Argumentationsbewegung, die mich wieder vom Prim&#228;rtext wegf&#252;hrt, die drei zentralen Ergebnisse meiner Untersuchung zusammenfassen.</p>
<p>Erstens k&#246;nnen Deixis und Adressierung in den Dienst eines, wie ich es genannt habe, Distanzmanagements gestellt werden. Deiktika, vor allem Lokal- und Temporaldeiktika, skalieren stets Distanzen, navigieren zwischen N&#228;he und Ferne auf unterschiedlichen diegetischen Ebenen. Adressierungen und die dabei entworfene Identit&#228;t der adressierten Instanz machen Inklusions- und Exklusionsbewegungen sichtbar. Damit meine ich nicht in erster Linie das Ein- oder Ausschlie&#223;en der konkreten Leser:innen in den Adressat:innen-Kreis des Textes, indem die Identit&#228;t der Leseinstanz konturiert wird &#8211; diese Inklusions- und Exklusionsprozesse werden zwar sichtbar gemacht, aber schlie&#223;lich durch die Identifikation <italic>als</italic> Adressat:innen unterlaufen. Stattdessen werden die Leser:innen einerseits in den Text &#39;integriert&#39; und andererseits durch die Adressierung <italic>als</italic> Leser:innen, mithin als dem Text externe Instanzen aus dem Text ausgeschlossen &#8211; mit Kacandes gesprochen sind die so adressierten Leser:innen &#34;within the text and without simultaneously&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Kacandes 1993, 148</xref>). Diese Simultanit&#228;t l&#228;sst sich auch auf die Modellierung der Leseinstanz &#252;bertragen: Fiktive und reale Leser:innen werden mithin &#252;bereinander geschoben.</p>
<p>Sowohl Deixis als auch Adressierung verlangen zweitens, wenn auch auf je unterschiedliche Weise, eine Identifikation, n&#228;mlich einerseits ein Versetzen in das Zeigfeld, damit die deiktische Prozedur gelingen kann, und andererseits eine &#252;berlagernde Identifikation mit der adressierten Instanz. Das Verh&#228;ltnis dieser Identifikation zu den jeweiligen Identit&#228;ten der fiktiven, impliziten oder realen Leser:innen scheint komplex, muss dies aber nicht sein. Nat&#252;rlich haben all diese Leseinstanzen bezogen auf <italic>race, class</italic> und <italic>gender</italic>, aber auch hinsichtlich ihres Wissens, ihres Begehrens und ihrer kulturellen Referenzen spezifische Identit&#228;ten und nat&#252;rlich stimmt die Identit&#228;t der realen Leseinstanz mit der adressierten Leseinstanz eigentlich nie &#252;berein. Dies schlie&#223;t aber keinesfalls aus, dass Lekt&#252;re und damit auch Identifikation m&#246;glich ist. Da es sich um eine versetzende Identifikation mit Instanzen (oder Origines) &#8211; und nicht um eine hineinversetzende Identifikation mit Figuren und Charakteren &#8211; handelt, muss dabei nicht eine andere Identit&#228;t angenommen werden, wohl aber eine Bereitschaft zur Distanzierung von der eigenen Identit&#228;t als reale:r Leser:in vorhanden sein &#8211; oder, mit Theodor W. Adorno gesprochen, eine Bereitschaft &#34;zum Kunstwerk sich [zu] ent&#228;u&#223;ern&#34; und &#34;es von sich aus [zu] vollziehen&#34;.<xref ref-type="fn" rid="n24">24</xref></p>
<p>Drittens etablieren Deixis und Adressierungen eine Kopr&#228;senz von adressierender und adressierter Instanz. Diese Kopr&#228;senz im Sinne einer geteilten Gegenwart ist Bedingung der M&#246;glichkeit deiktischer Prozeduren und Adressierungen. Indem literarische Texte in Ermangelung tats&#228;chlicher Kopr&#228;senz eben diese Verfahren einsetzen, schaffen sie &#8211; gewisserma&#223;en r&#252;ckwirkend &#8211; eine Sph&#228;re der Kopr&#228;senz. Diese geteilte Gegenwart ist immer auch eine gesellschaftliche und politische &#8211; das hat sich an den Realit&#228;tsreferenzen in <italic>Drei Kameradinnen</italic> besonders deutlich gezeigt. Damit schlie&#223;t sich der Kreis zur&#252;ck zum urspr&#252;nglichen Charakter von Deixis und Adressierung: Deiktische Ausdr&#252;cke und adressierende Sprechakte sind im linguistischen wie im alltagssprachlichen Sinne pragmatisch &#8211; sie sind durch Kontextabh&#228;ngigkeit und Wirkungsabsicht gekennzeichnet, und sie k&#246;nnen durch die eingeforderte Wirkung einen Kontext bieten, zum Beispiel, indem man das Internet benutzt und &#34;nochmal ganz kurz [recherchiert], in welchem verdammten Land [man] lebt&#34; (84).</p>
</sec>
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<fn id="n1"><p>F&#252;r eine bessere Lesbarkeit zitiere ich aus Bazyars Roman mittels Seitenzahlen in Klammern.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Fe&#223;mann nennt als weitere Vertreterinnen dieser literarischen Str&#246;mung die Autorinnen Sharon Dodua Otoo, Hengameh Yaghoobifarah, Olivia Wenzel, Deniz Ohde und Mithu Sanyal.</p></fn>
<fn id="n3"><p>F&#252;r meine &#220;berlegungen zum Verlaufscharakter des literarischen Texts orientiere ich mich grob an Andrea Polascheggs Studie <italic>Der Anfang des Ganzen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2020</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Die Formulierung &#34;ihr aufmerksamen Leser&#34; spielt zugleich ironisierend auf die zahlreichen &#39;geneigten&#39;, &#39;g&#252;nstigen&#39; oder &#39;vielgeliebten&#39; Leser der Literaturgeschichte an. Vgl. dazu z.B. Barbara Ellings Studie &#252;ber <italic>Leserintegration im Werk E.T.A. Hoffmanns</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B11">1973</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Der Begriff des performativen Leseakts, auf den ich im Abschnitt II noch ausf&#252;hrlicher eingehe, ist orientiert an John Austins Sprechakttheorie; an anderer Stelle (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Niehaus 2023, 313</xref>) habe ich bereits performative Schriftakte diskutiert, die &#8211; wie performative Leseakte &#8211; im Vollzug der Schrift ihre Bedeutung aktualisieren.</p></fn>
<fn id="n6"><p>F&#252;r dieses Verst&#228;ndnis der phatischen Kommunikationsfunktion orientiere ich mich an Roman Jakobsons Funktionsmodell der Kommunikation (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Jakobson 2007 [1960], 166</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Neben Ehlichs eigenen Arbeiten sind, wie er selbst konstatiert, insbesondere K&#228;te Hamburgers Ausf&#252;hrungen zu Deixis in <italic>Logik der Dichtung</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B16">1957</xref>) einschl&#228;gige Referenzen f&#252;r die Forschung zu Deixis und Literatur (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Ehlich 2009, 67</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Auch Ehlich verwendet den Ausdruck <italic>discourse deixis</italic>, allerdings f&#252;r den Rederaum und nicht den Textraum (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Ehlich 2011b, 169</xref>); ich orientiere mich hier an dem Gebrauch bei Macrae, der meines Erachtens auch deshalb besonders gut f&#252;r die Beschreibung metanarrativer Kommentare geeignet ist, weil damit Deixis auf der Ebene des <italic>discours</italic> gegen&#252;ber den deiktischen Prozeduren in der Diegese, also auf der Ebene der <italic>histoire</italic>, erfasst werden kann.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Ein &#228;hnlicher Gedankengang findet sich bei Andrea Polaschegg (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2019, 291</xref>).</p></fn>
<fn id="n10"><p>Einen pr&#228;gnanten &#220;berblick &#252;ber die Forschung zu Leseinstanzen &#8211; den impliziten, realen und, f&#252;r den hier diskutierten Roman besonders relevant, fiktiven Leser:innen &#8211; bietet Dorothee Birke (<xref ref-type="bibr" rid="B4">2018</xref>).</p></fn>
<fn id="n11"><p>Aus der j&#252;ngeren Forschungsliteratur nenne ich hier nur exemplarisch Sandrine Sorlins Monographie <italic>The Stylistics of &#39;You&#39;</italic> (2021), einen Artikel von Evi Zemanek &#252;ber &#34;Das suggestive Du&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B33">2011</xref>) und Emmanuelle Prak-Derringtons Forschungsbeitr&#228;ge zu Personalpronomen (<xref ref-type="bibr" rid="B26">2007</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B27">2017</xref>).</p></fn>
<fn id="n12"><p>&#220;ber die Fragen nach Identifikation hinaus perpetuiert negative Repr&#228;sentation nat&#252;rlich zudem den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft. Repr&#228;sentation als Faktor sowohl f&#252;r Identifikation als auch f&#252;r die Kontinuit&#228;t rassistischer Stereotype spielt eine zentrale Rolle in den f&#252;r die <italic>critical race theory</italic> ma&#223;geblichen Texten von Stuart Hall (z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Hall 1997</xref>).</p></fn>
<fn id="n13"><p>Ein Beispiel f&#252;r diese Argumentation findet sich etwa in Fe&#223;manns eingangs zitierter Rezension, wo es hei&#223;t: &#34;Sie [die Literatur, Anm. JN] kann das vielleicht sogar besonders gut, weil sie nicht nur Daten und zeithistorische Fakten erschlie&#223;t, sondern Innenwelten, W&#252;nsche, Sehns&#252;chte, Hoffnungen und &#196;ngste. Sie weckt Empathie, zumindest, wenn sie nicht nur reines Sprachspiel oder avantgardistisches Experiment sein will.&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Fe&#223;mann 2021</xref>)</p></fn>
<fn id="n14"><p>In diese Richtung weisen beispielsweise einige der fast polemischen Aussagen &#8211; &#34;das ist es, was man im Neuen Midcult lesen, womit man sich identifizieren will&#34; &#8211; in Moritz Ba&#223;lers viel diskutiertem Text &#34;Der neue Midcult&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Ba&#223;ler 2021</xref>).</p></fn>
<fn id="n15"><p>Bemerkenswerterweise geht Kacandes in ihrem Beitrag nicht dezidiert auf die unterschiedlichen Modellierungen der Leseinstanz ein, das Konzept des impliziten Leser findet bei ihr keine Erw&#228;hnung.</p></fn>
<fn id="n16"><p>Ein Umstand, mit dem auch ich mich f&#252;r den vorliegenden Text auseinandersetzen musste, und den ich zumeist durch den etwas umst&#228;ndlichen Ausdruck Leseinstanz zu umgehen versucht habe, der sich an dem Ausdruck Erz&#228;hlinstanz orientiert.</p></fn>
<fn id="n17"><p>Kacandes selbst legt hier einen sehr unterkomplexen Identifikationsbegriff an, bei dem sich Identifikation scheinbar proportional zu den von Leser:in und Figur geteilten Identit&#228;tsmerkmalen verh&#228;lt und dar&#252;ber quantifizieren oder skalieren lie&#223;e; zwar w&#252;rde auch ich behaupten, dass Identifikation auf einem Kontinuum verl&#228;uft, jedoch nicht in Abh&#228;ngigkeit von den &#252;bereinstimmenden Merkmalen, sondern reguliert &#252;ber literarische und sprachliche Verfahren.</p></fn>
<fn id="n18"><p>&#34;Doubly deictic <italic>you</italic> ambiguates virtualized and actualized discourse referents or rather superimposes the deictic roles of nonparticipants and participants in the discourse [&#8230;].&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Herman 1994, 392</xref>) Der Begriff findet in der anglophonen Literatur- aber auch Film- und Medienwissenschaft rege Anwendung (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Sorlin 2021</xref>), in der deutschsprachigen Forschungsliteratur hat er interessanterweise kaum Verbreitung gefunden.</p></fn>
<fn id="n19"><p>Die Kritik an oder Abkehr von einer auf Einf&#252;hlung basierenden (Rezeptions-)&#196;sthetik hat nat&#252;rlich eine lange Geschichte, die einen H&#246;hepunkt sicherlich in Bertolt Brechts epischem Theater gefunden hat, in dem &#34;dem Zuschauer die Haltung der Einf&#252;hlung, die Neigung zur Identifikation und zum rechtfertigenden Verstehen verwehrt werden sollte&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Fontius 2001, 139</xref>, hier auch eine ausf&#252;hrlichere Darstellung von Einf&#252;hlung, auch mit Blick auf Empathie und Identifikation).</p></fn>
<fn id="n20"><p>Diesen Prozess k&#246;nnte man, wie Silke Horstkotte es in einem Vortrag &#252;ber <italic>Drei Kameradinnen</italic> an der Leuphana Universit&#228;t L&#252;neburg (23.11.2022) nahegelegt hat, als &#34;reverse othering&#34; bezeichnen; ein Ausdruck, der den u.a. von Gayatri Chakravorty Spivak eingef&#252;hrten Begriff des <italic>otherings</italic> entlang der Perspektive der marginalisierten und diskriminierten Gruppe umkehrt.</p></fn>
<fn id="n21"><p>Zum destabilisierenden Potential wechselnder Personaldeixis, insbesondere im Kontext postkolonialer Schreibweisen, vgl. auch Macrae (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2018, 55</xref>).</p></fn>
<fn id="n22"><p>Der Prozess gegen den NSU von 2013 bis 2018 war der gr&#246;&#223;te und teuerste Prozess Nachwendedeutschlands. Auch dadurch wird ein klarer Bezug zum NSU hergestellt, wenn Kasih schreibt: &#34;Es wird der gr&#246;&#223;te Prozess seit Gr&#252;ndung der Bundesrepublik&#34; (345); von dem Brand schreibt sie als &#34;dem gr&#246;&#223;ten in der Nachkriegszeit&#34; (349), als Referenz sind die Anschl&#228;ge auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, die &#34;als die massivsten rassistischen Ausschreitungen oder gar das gr&#246;&#223;te Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte&#34; gelten (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Prenzel 2017</xref>), und die Brandstiftung am Haus der Solinger Familie Gen&#231;, &#34;der bis zu diesem Zeitpunkt folgenschwerste rassistische Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Bundeszentrale f&#252;r politische Bildung 2023</xref>), naheliegend.</p></fn>
<fn id="n23"><p>Man k&#246;nnte sogar eine chiastische Struktur&#228;hnlichkeit zwischen Deixis und Dichtung annehmen: W&#228;hrend Deiktika als abstrakte Begriffe nur im konkreten Kontext Bedeutung erlangen, ist es umgekehrt das seit Aristoteles postulierte Potential der Literatur im Exemplarischen und Konkreten (Figuren und Situationen) allgemeine und abstrakte Einsichten zu veranschaulichen.</p></fn>
<fn id="n24"><p>F&#252;r Adorno &#34;verlangt auch das authentische Verh&#228;ltnis zum Kunstwerk einen Akt der Identifikation&#34;, allerdings muss sich der Rezipient dabei dem Kunstwerk gleichmachen und darf nicht, &#34;was in ihm vorgeht, aufs Kunstwerk projizieren, um darin sich best&#228;tigt, &#252;berh&#246;ht, befriedigt zu finden&#34;; es sei, kritisiert Adorno eine solche identifikatorische Rezeption, ein &#34;Schulfall von Banausie [&#8230;], wenn ein Leser sein Verh&#228;ltnis zu Kunstwerken danach reguliert, ob er mit darin vorkommenden Personen sich identifizieren kann&#34; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Adorno 1970, 409</xref>).</p></fn>
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<title>Literatur</title>
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