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<journal-title>Genealogy+Critique</journal-title>
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<subject>Research</subject>
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<article-title>Un-M&#246;gliche Solidarit&#228;t: Zivile Seenotrettung Zwischen radikaler Demokratie und kolonialen Kontinuit&#228;ten</article-title>
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<email>mareike.gebhardt@uni-muenster.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Institut f&#252;r Politikwissenschaft, Universit&#228;t M&#252;nster, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2023-12-31">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<p>Drawing from Jacques Derrida&#39;s notion of the impossible, the paper discusses different understandings of solidarity. It questions a notion of solidarity where it is deemed possible only under conditions of similarity. To show how the similarity assumption hardens into an authoritarian, racist hermeticism of solidarity, I scrutinize the far-right&#39;s invocation of solidarity in reference to migration politics. In contrast to hermetic solidarity, the paper introduces solidarity as a praxis in difference. It conjures an understanding of solidarity as both possible and impossible among radically different peoples and groups. I elaborate this argument in conversation with different strands of critical theory &#8211; deconstruction, radical democratic theory, queer_ and Black feminist theory &#8211; to unearth solidarity&#39;s racist and androcentric residues. I argue for an intersectional reading of solidarity, through which the different theorizations are channeled into a critique of solidarity that problematizes the inequalities of solidarizability. Lastly, to connect theory with praxis, I refer to examples from civil Search and Rescue in the Mediterranean, where solidarity with the Other is urgently needed and often violently neglected.</p>
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<title>1. Einleitung: In Solidarit&#228;t trauern &#8211; oder: Die Grenzen der Solidarisierbarkeit</title>
<p>Am 9. Februar 2021 fragt die Webseite des Alarm Phone (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2021</xref>) &#034;Wo sind sie?&#034; und bekundet &#034;Solidarit&#228;t mit den Familien der 91&#034; am 9. Februar 2020 &#034;auf See verschwunden Menschen&#034; &#8211; genau ein Jahr nach deren Vermisstmeldung. Auf der Seite ist zu lesen, was am 9. Februar 2020 passiert war:</p>
<disp-quote>
<p>&#034;um 4.09 Uhr morgens [&#8230;] wurde das Alarm Phone von einer Gruppe von 91 Menschen angerufen, die sich auf einem im Meer treibenden schwarzen Schlauchboot vor Garabulli, Libyen, in Seenot befanden. Sie waren in Panik, aber es gelang ihnen, ihre GPS-Koordinaten klar zu kommunizieren, die das Alarm Phone sofort an die italienischen und maltesischen Beh&#246;rden sowie an die sogenannte libysche &#39;K&#252;stenwache&#39; weiterleitete. Um 5.35 Uhr riefen die Menschen das Alarm Phone zum letzten Mal an.&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Alarm Phone 2021</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Alarm Phone verlor daraufhin den Kontakt.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Weder Frontex noch die libyschen Kontrollboote nahmen weitere Such- oder Rettungsoperationen auf. Der Bericht ist Teil der sogenannten CommemorAction, in denen auf die anonymen Toten und Vermissten des Mittelmeers aufmerksam gemacht wird.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Die Vermissten des 9. Februar 2020, so Alarm Phone weiter, wurden nicht einmal in offiziellen Statistiken erfasst, wenngleich Alarm Phone zugleich ablehnt, &#034;das Leben und den Tod von People of Color auf Zahlen und Statistiken zu reduzieren. Diese rassistische Entmenschlichung erkl&#228;rt nicht den Verlust von Abdul, von Aboubacar, von Adnan, von Abdel. Sie erkl&#228;rt nicht den Schmerz, der ihren M&#252;ttern, ihren Schwestern, ihren Freund*innen zugef&#252;gt wurde.&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Alarm Phone 2021</xref>) Zusammen mit Angeh&#246;rigen und migrantischen Netzwerken rekonstruieren Alarm Phone und eine Selbsthilfegruppe der Familien Namen und Fotos der Vermissten, die unter <italic>#saytheirnames</italic> ver&#246;ffentlicht wurden.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref></p>
<p>Neben der Meldung auf der Seite von Alarm Phone umfasste die CommermoAction auch eine Gedenkveranstaltung in Al Fasher/Darfur und einen Protest gegen das &#034;unsichtbare Verschwindenlassen&#034; von Schwarzen Personen und People of Color (PoC). Dar&#252;ber hinaus gab es in verschiedenen St&#228;dten Europas und Subsahara-Afrikas Veranstaltungen, die eine transnationale Solidarit&#228;t praktizierten:</p>
<disp-quote>
<p>&#034;In Solidarit&#228;t mit ihnen und in Solidarit&#228;t mit den Freund*innen und Familien aller Menschen, die durch das gewaltsame europ&#228;ische Grenzregime vermisst oder get&#246;tet wurden, versammeln wir uns an diesem Tag in verschiedenen St&#228;dten, um Antworten zu fordern. Stoppt das Sterben auf See, jetzt!&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Alarm Phone 2021</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Diese Solidarit&#228;tsbekundungen beschreibe ich in Anlehnung an Jacques Derrida mit dem Begriff des Un-M&#246;glichen. Derrida (<xref ref-type="bibr" rid="B18">2019a</xref>) verdeutlicht mit dem Un-M&#246;glichen die Spektralit&#228;t von Gesellschaft: Das Unm&#246;gliche ist wie das Unheimliche etwas, das im Gesellschaftlichen haust und es immer wieder heimsucht, wie z.B. Vergangenes, das die Gegenwart pr&#228;gt. Sozialwissenschaftlich gewendet kann das Un-M&#246;gliche jedoch auch als etwas verstanden werden, das in den normalisierten Vorstellungen einer Gesellschaft als unm&#246;glich gilt (weil tabuisiert, nicht vorstellbar o.&#228;.), jedoch in der sozialen Realit&#228;t immer wieder &#8211; gespenstisch &#8211; Gestalt annimmt. Mit Derridas Hantologie gehe ich davon aus, dass das Un-M&#246;gliche in den M&#246;glichkeitsstrukturen herumgeistert und die Normalit&#228;t immer wieder heimsucht &#8211; und sie damit auch in Frage stellt. Un-M&#246;gliche Solidarit&#228;t beschreibt also eine Solidarit&#228;t, die in den normalisierten Settings einer Gesellschaft, z.B. aufgrund der Geschichte, als unwahrscheinlich oder sogar unangemessen wahrgenommen wird &#8211; und damit auch nicht sein darf; und trotzdem ist. Im Falle der zivilen Seenotrettung (ZSNR) handelt es sich um eine Solidarit&#228;t zwischen den Nachfahren der Kolonisierten und Kolonisierenden, zwischen den <italic>wei&#223;en</italic> Nutznie&#223;er*innen des neokolonialen Grenzregimes und den rassifizierten Anderen, den Lebenden und den Toten.</p>
<p>Mit dem Begriff des Un-M&#246;glichen schlie&#223;e ich an eine breite Literatur zu Solidarit&#228;t an, die Solidarit&#228;t unter Bedingungen von Alterit&#228;t und Differenz denkt (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Karakayal&#305; 2014</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B32">Hark et al. 2015</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Bargetz et al. 2019</xref>). Diese Ans&#228;tze, die meist in der Auseinandersetzung mit poststrukturalistischen Denkbewegungen entstehen, kn&#252;pfen Solidarit&#228;t nicht an br&#252;derliche oder klassenbasierte &#196;hnlichkeit (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Bourgeois 2020 [1896]</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B1">Adorno 1951, 82f.</xref>). Vielmehr denken Sie &#034;Solidarit&#228;t als Gemeinsames in Differenz&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Bargetz et al. 2019, 14</xref>). Dabei gehe ich mit Lea Susemichel und Jens Kastner (<xref ref-type="bibr" rid="B60">2021a</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B61">2021b</xref>) sowie Sabine Hark und Paula-Irene Villa (<xref ref-type="bibr" rid="B31">2018</xref>) von der These aus, dass Solidarit&#228;t als eine radikaldemokratische Praxis dort aufscheint, wo Differenz und Alterit&#228;t soziale Beziehungen strukturieren. Wenn Solidarit&#228;t nur unter &#196;hnlichen best&#252;nde, so die Annahme weiter, bediente sie ein Phantasma der Einheit und des Autochthonen, das zu dekonstruieren ist, um die Un-M&#246;glichkeiten des Solidarischen (neu) auszuloten &#8211; und es damit von seinen essentialisierenden Residuen des Br&#252;derlichen und Ethnischen zu l&#246;sen. Diese differenz- und alterit&#228;tstheoretischen Ans&#228;tze fordern auch normalisierte Vorstellung von solidarisierbaren Personengruppen heraus. Anl&#228;sslich des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zeigte der Soziologe Steffen Mau (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2022</xref>), wie diese normalisierte Solidarit&#228;t operiert. Er erkl&#228;rte damit die enormen Solidarit&#228;tsbekundungen europ&#228;ischer Regierungen und Zivilgesellschaften gegen&#252;ber <italic>wei&#223;en</italic> ukrainischen Gefl&#252;chteten. Im Umkehrschluss liegt dieser Vorstellung von Solidarit&#228;t die Pr&#228;misse eines Geteilten zugrunde, die auch &#252;ber rassifizierte, rassistische Logik operiert, die sich in den Mobilit&#228;tsregimen an den EU-Au&#223;engrenzen zeigt: <italic>Wei&#223;e</italic> Personen durchqueren mit Unterst&#252;tzung &#39;Europas&#39; Grenzr&#228;ume, w&#228;hrend Schwarze Personen und PoC diese mit gr&#246;&#223;eren Schwierigkeiten man&#246;vrieren &#8211; sofern sie &#252;berhaupt lebend durch sie hindurch kommen.</p>
<p>Mit Rekurs auf verschiedene Ans&#228;tze, die Solidarit&#228;t &#034;mit den Anderen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Karakayal&#305; 2014, 122f.</xref>) theoretisieren, zeige ich anhand ausgew&#228;hlter Beispiele aus der Praxis und dem Diskurs der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer auf, wie sich ein theoretisches Nachdenken &#252;ber Solidarit&#228;t aus bestimmten Praktiken speist &#8211; und, <italic>vice versa</italic>, wie eine Theoretisierung des Solidarischen als Differenz den Diskurs und die Praktiken der zivilen Seenotrettung verstehbarer machen kann. Dabei verweise ich selektiv auf Praktiken und Diskursfragmente der ZSNR, die die Un-M&#246;glichkeit von Solidarit&#228;t unter Bedingungen von Alterit&#228;t &#8211; wie etwa zwischen Lebenden und Toten &#8211; aufzeigen.<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> Da das Denken der Solidarit&#228;t in Differenz insbesondere in dekonstruktiven, queer_feministischen, postkolonialen und Schwarzen Theorien ausgearbeitet wurde, sind Autor*innen dieser verschiedenen Ans&#228;tze meine Gespr&#228;chspartner*innen in diesem Beitrag. Mit ihnen und dem Begriff des Un-M&#246;glichen n&#228;here ich mich Fragen der <italic>Solidarisierbarkeit</italic> des Anderen an. Mit Solidarisierbarkeit beziehe ich mich auf die trauerpolitischen Arbeiten Judith Butlers (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2004</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B14">2009</xref>). Im Begriff der &#034;Betrauerbarkeit&#034; erfasst Butler (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2009, xix</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">2004, 34</xref>), wie rassifizierte Personengruppen weniger oder gar nicht &#246;ffentlich betrauert werden. Analog zu Butlers Gedanken zeige ich anhand des europ&#228;ischen Diskurses um die zivile Seenotrettung auf, inwieweit rassifizierte Personengruppen als weniger solidarisierbar erachtet werden. Solidarisierbarkeit ist dabei auch ein Echo der kolonial-rassistischen Regime Europas, in denen Schwarze Menschen und PoC durch das &#034;Raster&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Butler 2009</xref>) des Menschlichen fielen und noch immer fallen.</p>
<p>Der Beitrag sucht damit auch nach einem Vokabular, das ein anderes Sprechen &#252;ber Solidarit&#228;t erm&#246;glicht und dar&#252;ber hinaus Ph&#228;nomene als solidarische Praxis ausweist, die in normalisierten Settings als Orte einer unm&#246;glichen (!) Solidarit&#228;t markiert werden. Als eine solche Praxis soll die ZSNR gelten. Denn durch sie treffen Menschen aufeinander, die oftmals wenig eint &#8211; au&#223;er dem dr&#228;ngenden Bed&#252;rfnis, das Sterben im Mittelmeer zu stoppen bzw. nicht auf der Fahrt &#252;ber das Mittelmeer zu sterben. Dabei gehe ich wie folgt vor: Im Anschluss an diese Einleitung stelle ich unter dem Begriff der hermetischen Solidarit&#228;t ein Gegenmodell zu einer Solidarit&#228;t in Differenz vor. Ich gehe n&#228;her auf extrem rechte Semantiken der Solidarit&#228;t in Bezug auf Diskussionen zur Migration nach Europa ein, die Solidarit&#228;t als Praxis der ethnisierten Schlie&#223;ung versteht (2). Dieser rassistischen Solidarit&#228;t stelle ich verschiedene Modelle einer Solidarit&#228;t in Differenz gegen&#252;ber. Dies tue ich in vier Schritten: In Rekurs auf radikale Demokratietheorien diskutierte ich Solidarit&#228;t als eine demokratisierende Praxis (3), die sich in einer Pluralit&#228;t interventionistisch-dissensueller Eruptionen der polizeilichen Ordnung materialisiert (4). Von hier aus problematisiere ich mittels queer_ und Schwarzer feministischer Ans&#228;tze die radikaldemokratietheoretische Perspektive, in dem ich auf das immer wiederkehrende Scheitern solidarischer Praxen verweise, wenn in ihrem Mittelpunkt ein unreflektierter Begriff des Menschlichen steht (5). Daher weise ich, in einem n&#228;chsten Schritt, Solidarit&#228;t als eine negative Praxis aus (6), die in einem abschlie&#223;enden Fazit die Grenzen der Solidarisierbarkeit hervorhebt (7).</p>
<p>All diese Perspektivierungen skizzieren, wie sich Solidarit&#228;t als eine radikaldemokratische Praxis ausweisen lie&#223;e: eine solidarische Praxis, die vom Anderen ausgeht &#8211; statt sich ihm paternalistisch zuzuwenden. Sie teilen eine dekonstruktive Spurensuche, die die essentialistischen Residuen der Solidarit&#228;t freilegt. Trotz dieser zentralen Gemeinsamkeit reagieren die Perspektiven auf die jeweiligen Leerstellen der anderen: Queer_feministische Kritiken antworten auf die Vernachl&#228;ssigung von Geschlecht und Sexualit&#228;t in radikalen Demokratietheorien (RDT), deren politische Subjekte oftmals k&#246;rper- und geschlechtslos bleiben. Die Dominanz <italic>wei&#223;en</italic> Denkens innerhalb queer_feministischer Theorien wird wiederum durch Schwarze Feminismen und postkolonialen Kritiken aufzeigt. Durch die Auswahl dieser unterschiedlichen, wenngleich sich erg&#228;nzenden Theoretisierungen von Solidarit&#228;t soll eine intersektionale Lesart des Solidarischen weiter ausgearbeitet werden, mit der ich an die kritischen Diskussionen einer Solidarit&#228;t in Differenz anschlie&#223;e.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Solidarit&#228;t als Hermetik: Eine Kritik</title>
<p>Blickt man in den Diskurs der ZSNR, der stark mit generellen Debatten um Migration verschr&#228;nkt ist, stellt man fest, dass extrem rechte und rechtskonservative Diskurspositionen eine Semantik der Solidarit&#228;t verwenden, um ihre rassistische Abschottungspolitik zu plausibilisieren. Dies zeigt sich beispielhaft in der &#034;Aktion Solidarit&#228;t&#034; der Identit&#228;ren Bewegung (IB) (<xref ref-type="bibr" rid="B63">Verfassungsschutz Baden-W&#252;rttemberg 2022</xref>). Die IB tritt mit neuem Logo &#8211; zwei H&#228;nde, die &#39;solidarisch&#39; ineinandergreifen &#8211; auf und verzichtet auf den bekannten schwarz-gelben Farbcode. Unter den Schlagworten &#034;Autarkie, Souver&#228;nit&#228;t und Remigration&#034; fordert sie u.a. &#034;Unsere Interessen zuerst!&#034; und &#034;Grenzen Dicht [sic] machen!&#034; Die IB verbindet in ihren Solidarit&#228;tsanrufungen phantasmagorische Imaginationen einer nationalistischen Souver&#228;nit&#228;t und maskulinistischen Autonomie mit rassistischen Vorstellungen eines <italic>wei&#223;en</italic> Europa, die, wie auch bei anderen extrem Rechten, unter dem Euphemismus des &#034;Ethnopluralismus&#034; camoufliert werden (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Eckert 2010</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B12">Bundeszentrale f&#252;r Politische Bildung 2016</xref>).</p>
<p>In der rassistischen &#39;Solidarit&#228;t&#39; der extremen Rechten wird der Unterschied zwischen &#39;V&#246;lkern&#39; und &#39;Ethnien&#39; markiert, die jeweils &#252;ber einen vermeintlich eigenen Raum verf&#252;gen, in dem sie unter &#39;optimalen&#39; Bedingungen ihr volles Potential entfalten k&#246;nnten. Zu beobachten ist, dass sie sich den Begriff der &#39;Differenz&#39; f&#252;r eine vermeintlich solidarische Praxis aneignen. W&#228;hrend die Unterschiede zwischen den imaginierten Gruppen betont werden, wird jede Gruppe als in sich geschlossen, homogen und einheitlich verstanden. Akteure der extremen Rechten, wie die Identit&#228;ren, m&#246;chten die &#39;Demokratie&#39; vor zu viel Differenz sch&#252;tzen und jede Gruppe an ihren angestammten Platz zur&#252;ckf&#252;hren; daher auch die Betonung der &#034;Remigration&#034; &#8211; und der Versuch, eine eigene &#39;Seenotrettung&#39;-Mission zu lancieren (Cusumano 2022). Aufgrund ihrer multidimensionalen Vorstellungen von Geschlossenheit &#8211; staatlich, gesellschaftlich, kulturell, politisch und rassisch &#8211; beschreibe ich die Solidarit&#228;tsanrufungen der extremen Rechten als <italic>hermetische</italic> Solidarit&#228;t. Hermetische Solidarit&#228;t geht so weit, Remigration selbst steuern zu wollen. Im Rahmen der Aktion <italic>Defend Europe</italic> sollte der angebliche &#034;Menschenhandel&#034; durch Organisationen der ZSNR gestoppt und die K&#252;stenwachen Italiens, Maltas und Libyens &#39;unterst&#252;tzt&#39; werden: &#034;Europa zu retten und die illegale Einwanderung zu stoppen&#034; war das proklamierte Ziel der Identit&#228;ren. Sie charterten 2017 das Schiff <italic>C-Star</italic> mit Hilfe eines Crowd Fundings, um das Mittelmeer zu polizieren.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref></p>
<p>Remigration soll die Demokratie also &#39;bereinigen&#39; und die Anderen an ihren &#39;angestammten Platz&#39; deportieren. Kehrt Alterit&#228;t, so die Vorstellung einer &#39;v&#246;lkisch&#39;-essentialistischen Solidarit&#228;t, an &#39;ihren Platz&#39; zur&#252;ck, ist die Gefahr gebannt. Dort darf das Andere bleiben. In dieser Vorstellung von &#39;Differenz&#39; wird Solidarit&#228;t von den &#196;hnlichkeitsannahmen heimgesucht: Solidarit&#228;t ist nur an Orten der &#196;hnlichkeit m&#246;glich, an denen das Eigene zu Tage tritt. Hier werden die Grenzen der Solidarisierbarkeit hermetisch gezogen. Denn der bin&#228;re Code der rassistischen Solidarit&#228;t scheidet nicht nur das Eigene vom Fremden. Vielmehr tr&#228;gt in ihm auch die Unterscheidung zwischen dem Menschen und dem Anderen. Eine der zentralen Kategorien dieser Unterscheidung bildet das <italic>Wei&#223;sein</italic>, das mit Menschlichkeit gleichgesetzt und mit euro- und androzentrischen Vorstellungen verbunden wird, wie z.B. die Soziologin Akwugo Emejulu (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2022</xref>) zeigt. Die Hermetik einer ethno-pluralistischen &#39;Solidarit&#228;t&#39; verengt die Grenzen der Solidarisierbarkeit auf eine <italic>wei&#223;</italic> definierte Menschlichkeit. In ihren nationalistischen und rassistischen Phantasmen markiert hermetische Solidarit&#228;t das radikal Andere als unsolidarisierbar.</p>
<p>Das autorit&#228;r-rassistische Denken des Ethno-Pluralismus bedient sich zur St&#228;rkung dieser hermetischen Solidarit&#228;t bestimmter Bedrohungsszenarien, die klare Feindbilder markieren: Die Demokratie sei durch &#39;Fremde&#39; &#8211; vertreten durch migrantisierte und rassifizierte Gruppierungen &#8211; bedroht, die die Stabilit&#228;t und Homogenit&#228;t des Eigenen fundamental ersch&#252;ttern. Doch auch im Eigenen schlummern Gefahren: Diejenigen, die das Eigene als instabil, inkoh&#228;rent, different und in sich verschieden markieren, leisten der Verunreinigung durch das Andere Vorschub, so z.B. queer-feministische Aktivist*innen oder Seenotretter*innen. Das Anliegen, alterisierte Personen(-gruppen) auf ihrer Fahrt &#252;ber das Mittelmeer nicht sterben zu lassen, wird daher als Verrat am Eigenen empfunden und als Versto&#223; gegen die hermetisch-v&#246;lkische Solidarit&#228;t delegitimiert. Nicht nur wird ZSNR kriminalisiert, sondern ihre Akteure als Verr&#228;ter*innen des Eigenen d&#228;monisiert.</p>
<p>Betrachtet man ethno-nationalistische Parteien und rassistische Bewegungen, formen diese Solidarisierung autorit&#228;r um. Verschiedene Differenzkategorien werden als inkommensurabel markiert und Solidarit&#228;t zwischen ihnen als unm&#246;glich dargestellt, so z.B. zwischen sexuellen Minderheiten und muslimischen Milieus. Doch reklamieren autorit&#228;re Positionen aus einer radikaldemokratischen Perspektive kein demokratisierendes Recht auf Streit. Denn ihre Vorstellung von Streit und Dissens ist endlich: Streit kommt dann zu seinem Ende, wenn wir alle dort verhaftet bleiben, wo wir traditionell, &#39;urspr&#252;nglich&#39;, &#39;nat&#252;rlich&#39; hingeh&#246;ren, so das Echo des Ethno-Pluralismus. Weder erweitert noch vertieft der autorit&#228;r-rassistische Ethno-Pluralismus die Gleichheits-, Freiheits- und Solidarit&#228;tsversprechen der Demokratie. Vielmehr d&#228;mmt er sie ein, h&#228;lt sie im hermetischen Container des Selbst zusammen, verschlie&#223;t Freiheit, Gleichheit und Solidarit&#228;t vor den Anderen und erkl&#228;rt &#39;Demokratie&#39; zu einem Privileg des Eigenen.</p>
<p>Im Gegensatz zur maskulinistisch-rassistischen Klage, in der der Verlust des Eigenen betrauert wird, wird Trauer als eine Praxis un-m&#246;glicher Solidarit&#228;t erfahrbar, wenn wir uns Traueraktionen wie CommemorActions zuwenden. Trauer ist hier nicht destruktiv und auf das Eigene beschr&#228;nkt. Vielmehr wird in den politisierten Trauerbekundungen um die Toten und Vermissten des mediterranen Grenzregimes die radikale Relationalit&#228;t zum Anderen hin erfahren. Trauern spielt aus einer solidarit&#228;ts-, differenz- und alterit&#228;tstheoretischen Perspektive dann eine gro&#223;e Rolle, wenn wir das Sterbenlassen im Mittelmeer und die Versuche, eine Politik des Ertrinkenlassens anzuprangern (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Gebhardt 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B22">Ehrmann 2021</xref>) als unterschiedliche Praktiken einer Solidarit&#228;t mit dem Anderen verstehen. Meine &#220;berlegungen orientieren sich an Judith Butlers (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2004</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B14">2009</xref>) und Athena Athanasious (<xref ref-type="bibr" rid="B6">2017</xref>) Arbeiten zu Politiken des Trauerns, in denen sich Solidarit&#228;t auch als eine Frage nach einem demokratisierenden Umgang mit dem Anderen darstellt. Hier muss kritisch gefragt werden, wer Solidarit&#228;t gibt: Wer empf&#228;ngt sie? In welchem &#8211; sozialen, politischen und historischen &#8211; Verh&#228;ltnis stehen Gebende und Empfangende?</p>
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<sec>
<title>3. Solidarit&#228;t als demokratisierende Praxis: Demokratie und Dekonstruktion</title>
<p>Ich lese Derridas dekonstruktive Arbeiten zum Un-M&#246;glichen als einen Beitrag zur RDT (<xref ref-type="bibr" rid="B25">Fl&#252;gel-Martinsen 2020</xref>). Denn er bindet Dekonstruktion eng an Demokratie: &#034;[K]eine Dekonstruktion ohne Demokratie, keine Demokratie ohne Dekonstruktion&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Derrida 2000, 156</xref>). Dekonstruktion ist insofern Demokratie, als sie die eigenen Anspr&#252;che der Demokratie &#8211; ihre Fallstricke, Asymmetrien und Privilegierungen &#8211; hinterfragt und sie damit zwingt, stets demokratischer zu werden. Demokratie kann immer nur demokratischer werden, nicht demokratisch <italic>sein</italic>. Denn eine Demokratie, die mit sich selbst identisch, also identit&#228;r, ist, h&#246;rt f&#252;r Derrida auf, demokratischer zu werden. Demokratie ist daher nie identit&#228;r, sondern stets &#034;im Kommen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Derrida 2019b, 117</xref>). Und sie ist Dekonstruktion: eine stete Bewegung des Verschiebens, die eine totalisierende Identit&#228;t verhindert. Diese stete Verschiebung spiegelt sich auch im Un-M&#246;glichen wider. Denn es verweist zugleich auf einen M&#246;glichkeitsraum und auf dessen Verhinderung durch Strukturen der Herrschaft, wie z.B. Androzentrismus oder Rassismus. Dieser M&#246;glichkeitsraum dr&#252;ckt sich im Begriff des Kommenden aus: Denn eine demokratischere Gesellschaft ist immer potentiell m&#246;glich, auch im Hier und Jetzt (sie ist also kein Ideal im Kantischen Sinne). Allerdings wird sie in ihrer Entfaltung durch herrschende Strukturen der Verunm&#246;glichung von Demokratisierung gehemmt oder auch ganz verhindert. In seiner gemeinsamen Diskussion von Demokratie, M&#246;glichkeitsbedingungen und Herrschaft formuliert Derrida eine radikale Demokratietheorie, die durch die Dekonstruktion der verunm&#246;glichenden Strukturen um die Demokratisierung der (liberalen) Demokratie ringt.</p>
<p>Eine radikaldemokratietheoretische Perspektive (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Mouffe 2005</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B49">Ranci&#232;re 2002</xref>) betont, zun&#228;chst ganz allgemein gesprochen, zwei Aspekte: Erstens, Demokratie ist immer durch Ausschl&#252;sse gepr&#228;gt. Im Gegensatz zu liberalen Theorien, die auf die Integrationsf&#228;higkeit der Demokratie verweisen &#8211; damit jedoch Einfallstore f&#252;r Diskurse knapper Ressourcen und numerischer Begrenzung bieten &#8211;, r&#252;cken radikale Demokratietheorien diejenigen Exklusionen in den Vordergrund, die Demokratie produziert. Dieser Grundannahme liegt ein alterit&#228;tstheoretisches Argument zugrunde, das ich mit Derridas Ausf&#252;hrungen zum Verh&#228;ltnis von Selbst und Anderem, von Innen und Au&#223;en, problematisieren m&#246;chte: So geht Chantal Mouffe (<xref ref-type="bibr" rid="B45">2005, 23</xref>) in ihrer agonalen Variante der radikalen Demokratie von der Notwendigkeit eines konstitutiven Au&#223;erhalb aus. In der dissensuellen Auseinandersetzung mit dem &#034;gegnerischen&#034; Anderen/Au&#223;en bilden sich solidarische Allianzen (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Mouffe 2005, 29ff.</xref>). Wenngleich Mouffe betont, dass sich das (kollektive) Selbst unabh&#228;ngig von nationalistischen, ethnischen oder auch staatlichen Einheiten bilden kann, so wiederholt ihre Theorie &#8211; insbesondere in den sp&#228;teren Arbeiten ab den 200er Jahren &#8211; einen fast feins&#228;uberlich getrennten Dualismus von Innen und Au&#223;en bzw. von Selbst und Anderem.</p>
<p>Dieser dualistischen Codierung setzt Derrida ein komplexeres alterit&#228;tstheoretisches Modell entgegen. Derrida verbindet Demokratie, Dekonstruktion und Alterit&#228;t: Der Andere ist nicht in einem (konstitutiven) Au&#223;en zu lokalisieren, sondern ist im Selbst zu verorten. Er sucht das Selbst immer schon heim, spukt in ihm. Die Betonung der Binnendifferenz gilt dann auch f&#252;r Demokratie, die weder identit&#228;r noch rein ist. Sie ist vom Anderen immer schon &#39;kontaminiert&#39; &#8211; genau dies unterscheidet die Demokratie von anderen Regierungsweisen und politischen Systemen. Demokratie ist nicht nur dort, wo sie den Anderen als &#034;Gegner&#034; im Kampf um Hegemonie anerkennt (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Mouffe 2005</xref>). Sie erscheint vielmehr dort, wo das Andere immer schon im Selbst zugegen ist und diese Beziehung in einer dekonstruktiven Bewegung hervorgeholt wird: dort, wo die Spuren von Herrschaft und Macht aufgezeigt und zugleich kritisiert werden.</p>
<p>Demokratie ist also durch eine radikale, keine dualistische Relationalit&#228;t zwischen dem Selbst und dem Anderen gekennzeichnet. In R&#252;ckgriff auf Derrida haben queer_feministische und postkoloniale Theorien (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Spivak 1988</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B13">Butler 2004</xref>, Kelz 2015, <xref ref-type="bibr" rid="B6">Athanasiou 2017</xref>) gezeigt, wie durch ein Modell der radikalen Relationalit&#228;t die androzentrischen Vorstellungen der Autonomie, der Souver&#228;nit&#228;t und des (moralisch) Aufrechten, die in der Geschichte und den Imaginationsr&#228;umen der Demokratie und der Solidarit&#228;t spuken, blo&#223;gelegt werden: ihre Vorstellungen von Br&#252;derlichkeit, aber auch ihr maskulinistisches Phantasma des Eigenen. Jedoch kann es in dieser dekonstruktiven Freilegung auch ein Moment der Befreiung geben: eine Sicht- und Sagbarmachung der Unterdr&#252;ckung in ihrer Genese und Geschichtlichkeit. Im spannungsreichen Bezugsgewebe von Demokratie und Solidarit&#228;t erscheint dann die M&#246;glichkeit einer Praxis, die &#252;ber das Selbst hinausweist: die M&#246;glichkeit einer Solidarit&#228;t jenseits eines autonomen, unabh&#228;ngigen, souver&#228;nen (maskulinen) Ich. Wenn wir uns Solidarit&#228;t jenseits von Autonomie und Souver&#228;nit&#228;t als eine &#034;Solidarit&#228;t mit dem Anderen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Karakayal&#305; 2014, 111</xref>) vorstellen k&#246;nnen, dann kann diese Solidarit&#228;t schon im Heute als solche realisiert werden (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Derrida 2019a, 50</xref>). Diese Solidarit&#228;t im Kommen zeichnet eine Vision der demokratischeren Zukunft Europas, in der Solidarit&#228;t auch an un-m&#246;glichen Orten erscheint.</p>
<p>Insofern zivile Seenotrettung, um auf mein Beispiel einzugehen, auf die Verstrickungen der europ&#228;ischen Demokratie mit Rassismus, Kolonialismus (Ethno-)Sexismus und Kapitalismus aufmerksam macht, kann sie als eine Solidarit&#228;tspraxis im Kommen beschrieben werden: Sie findet nicht zu sich selbst, sondern legt ihre eigenen Diskriminierungsspuren blo&#223;, w&#228;hrend sie auf die Notwendigkeit verweist, Solidarit&#228;t vom Anderen her zu denken. Sie praktiziert damit eine un-m&#246;gliche Solidarit&#228;t, z.B. in Akten des Trauerns. Organisationen der ZSNR sind oftmals vor Ort die einzigen Zeug*innen der t&#228;glichen Tode im mediterranen Grenzregime. Sie betrauern sie in einem Akt politisierender Solidarit&#228;t und radikalisieren damit die Vorstellung, &#252;ber wen wir trauern k&#246;nnen.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Sie m&#246;chten &#034;denen, die die europ&#228;ischen Beh&#246;rden an dem Tag auf See verschwinden lie&#223;en, einen Namen, ein Gesicht, ein L&#228;cheln&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Alarm Phone 2021</xref>) geben. An diesen Un-Orten der Trauer zeigt sich eine un-m&#246;gliche Solidarit&#228;t. Denn da ich die Toten nicht kenne, ist Trauer im eigentlichen Sinn nicht m&#246;glich. Solidarit&#228;t beschr&#228;nkt sich oftmals auf die Lebenden. Doch diese Unm&#246;glichkeit wird von der realen Trauer um die anonymen Toten heimgesucht: Die Unm&#246;glichkeit wird mit der M&#246;glichkeit zu trauern konfrontiert (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Derrida 2019a</xref>). Indem sie um diese unbekannten Toten trauern, indem Organisationen und Protestm&#228;rsche eine un-m&#246;gliche Trauer praktizieren und verk&#246;rpern, machen sie ein &#034;transversal[es]&#034; und &#034;inklusiv[es]&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B51">Schwenken und Schwiertz 2021, 167</xref>) Trauern in Solidarit&#228;t m&#246;glich: Der Tod der Anderen kommt auf uns zu, sucht uns heim und versichert uns der M&#246;glichkeit, um sie zu trauern. In diesem Ausgesetztsein zerbricht eine Vorstellung von Souver&#228;nit&#228;t, die hermetische Solidarit&#228;t immer aufrechterh&#228;lt.</p>
</sec>
<sec>
<title>4. Solidarit&#228;t als eruptive Praxis: Dissens und Intervention</title>
<p>Trotz der gerade problematisierten Wiederholung eines dualistischen Verh&#228;ltnisses von Selbst und Anderem lohnt sich ein Blick in die radikale Demokratietheorie. Insofern Demokratie &#252;ber demokratischen Streit radikalisiert wird, um totalisierende Perspektiven auf Demokratie zu entkr&#228;ften, hei&#223;t dies, dass unterdr&#252;ckte Positionen und marginalisierte Milieus immer die M&#246;glichkeit haben m&#252;ssen, um ihre Sichtbarkeit in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft <italic>selbst</italic> zu streiten (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Ranci&#232;re 2002</xref>). Gerade in der Reiteration dieses radikaldemokratietheoretischen Gedankens durch postkoloniale und queer_feministische Perspektiven wird ersichtlich, dass sich die Anderen selbst repr&#228;sentieren k&#246;nnen m&#252;ssen (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Spivak 1988</xref>).</p>
<p>Hier ergibt sich ein komplexes Bild auf ZSNR, wenn vor allem (<italic>wei&#223;e</italic>) zivile Seenotretter*innen zu Wort kommen und <italic>f&#252;r</italic> migrantische Gruppierungen sprechen. Wenn <italic>wei&#223;e</italic> Seenotretter*innen von einer privilegierten Position aus f&#252;r die Anderen sprechen, besteht die Gefahr einer &#034;unreflektierte[n] Solidarit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Ehrmann 2021, 448</xref>): eine Solidarit&#228;t, die die eigene Verstrickung in Machtverh&#228;ltnisse oder die Spezifik unterschiedlicher (Diskriminierungs-)Erfahrungen &#252;bersieht. Dadurch wird Solidarit&#228;t nicht <italic>vom</italic> Anderen her gedacht, sondern <italic>f&#252;r</italic> den Anderen &#8211; paternalistisch &#8211; praktiziert. Solche Solidarit&#228;tspraxen reproduzieren einen kolonialen Paternalismus, der Gefl&#252;chtete und Migrant*innen viktimisiert statt sie als politische Solidarit&#228;tsakteur*innen zu verstehen. Jedoch nutzen <italic>wei&#223;e</italic> Aktivist*innen ihre eigene Position zur Sichtbarmachung von Leid und Unrecht, wenn sie an die Solidarit&#228;t einer <italic>wei&#223;en</italic> Mehrheitsgesellschaft mit Gefl&#252;chteten, Migrant*innen, Vermissten oder Toten of Color appellieren. Allerdings kann Solidarit&#228;t an dieser Stelle zu einem blo&#223;en Vehikel werden, wenn Seenotretter*innen, nicht zuletzt in ihrer Abh&#228;ngigkeit von Spendengeldern, das Sterben auf dem Mittelmeer instrumentalisieren, um Gelder zu akquirieren. Im Gegensatz dazu stellt ZSNR auch eine wichtige politische Intervention dar, die auf das Ertrinkenlassen im Mittelmeer aufmerksam macht; und sowohl die Rettungsmissionen als auch die Organisationen ben&#246;tigen selbstverst&#228;ndlich finanzielle Ressourcen, um genau dies tun zu k&#246;nnen. Unm&#246;gliche (!) Solidarit&#228;t &#8211; z.B. zwischen <italic>wei&#223;en</italic> Mehrheitsgesellschaften, minorisierten Positionen und Gefl&#252;chteten of Color &#8211; wird hier m&#246;glich, da sich affektive Bande zwischen Gruppen bilden, die im traditionellen Verst&#228;ndnis von Solidarit&#228;t als unm&#246;glich gelten. Doch genau das tun sie. Sie werden f&#252;reinander solidarisierbar: <italic>wei&#223;e</italic> Aktivist*innen und Migrant*innen of Color, <italic>wei&#223;e</italic> Mehrheitsgesellschaft, migrantische Gruppen und aus Seenot gerettete Personen (of Color), muslimische und christliche Milieus, feministische Bewegungen und humanit&#228;re Anliegen, Lebende und Tote.</p>
<p>&#220;ber die gemeinsame Artikulation eines Dissenses &#8211; eines Neins zum Sterbenlassen &#8211;, n&#228;hern sich diese &#034;postmigrantischen Allianzen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B58">Stjepandi&#263; und Karakayal&#305; 2019</xref>) einer radikaldemokratischen Praxis einer un-m&#246;glichen Solidarit&#228;t an. Dabei sind diese Allianzen auch in sich weder bruchlos noch widerspruchsfrei. Solidarit&#228;t ist &#034;schwierig&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Hark 2021, 71</xref>). Doch solidarische Allianzen teilen ein Nein. Sie ie sind vor allem Praxen, die zun&#228;chst <italic>gegen</italic> etwas agieren. Als &#034;Kampfsolidarit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B61">Susemichel und Kastner 2021b, 23</xref>) sind sie radikaldemokratisch im Sinne eines steten Konfliktes, einer dissensuellen Austragung von Streit und einem herrschaftskritischen Ringen um Deutungsmacht. Solidarit&#228;t ist eine Praxis des Widerstreits (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Hark und Villa 2018, 26</xref>). Sie bildet, im Anschluss an Derridas Verkn&#252;pfung von Demokratie und Dekonstruktion, eine &#034;Alternative sowohl zu totalisierenden Sichtweisen, die die Welt &#252;ber einen Kamm scheren, wie zum Relativismus, dem die Welt einerlei ist&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Hark und Villa 2018, 26</xref>).</p>
<p>Diese queer_feministischen Neubeschreibungen der Solidarit&#228;t definieren sich &#252;ber Differenzen, die &#034;gerade ein Potenzial f&#252;r Koalitionen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Bargetz et al. 2019, 15</xref>) in sich tragen. In ihrem Verst&#228;ndnis von Solidarit&#228;t als Differenz &#8211; als Geteiltes in einem doppelten Sinne &#8211; formulieren sie auch einen radikaldemokratischen Begriff der Solidarit&#228;t, w&#228;hrend sie &#252;ber radikale Demokratietheorie hinaus gehen (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Hark et al. 2015</xref>). Sie zeigen auf, dass sich Solidarit&#228;t dort formt, wo Konflikte, Ungleichheit und Streitigkeiten zutage treten: wir <italic>geteilt</italic> sind; und wir <italic>teilen</italic> uns den Kampf gegen (Hetero-)Sexismus, Femizide, Rassismus, Polizeigewalt oder das Patriarchat. Queer_feministische Solidarit&#228;ten in Differenz be- und umschreiben Solidarit&#228;t radikaldemokratietheoretisch neu, weil sie, erstens, den Dualismus von Selbst und Anderem unterlaufen, indem das Andere, im Sinne einer Binnendifferenz, ins Selbst geholt wird. Nicht nur ist das Selbst nie rein, autonom oder &#39;aufrecht&#39;. Es ist immer schon verunreinigt, im Schmutz, verstrickt und &#39;verque(e)r&#39;. Zweitens legen sie die historisch gewachsenen Tropen des Br&#252;derlichen und Semantiken des Maskulinen offen (fr&#252;h: <xref ref-type="bibr" rid="B40">Kreisky 1999</xref>). Hier erweitern Susemichel und Kastner das radikaldemokratietheoretische Repertoire. Die fraternalistisch-m&#228;nnliche Konnotation der Solidarit&#228;t (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Adorno 1951, 82f.</xref>) appelliert an Heldenmut und &#034;k&#228;mpferisch[e] Entschlossenheit&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B61">Susemichel und Kastner 2021b, 27</xref>), wie z.B. in der hermetischen Solidarit&#228;t. Eine Dekonstruktion kann die Dimension des Br&#252;derlichen im Begriff und der Geschichte der Solidarit&#228;t bergen und dadurch kritisierbar machen. Solidarit&#228;t kann als ein Gef&#252;hl jenseits br&#252;derlicher B&#252;nde geborgen werden, das sich in einem (w&#252;tenden) Nein zur Diskriminierungsstruktur bestehender Gesellschaft regt (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Lorde 1984</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B34">Hemmings 2012</xref>). &#034;Radikale Solidarit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B60">Susemichel und Kastner 2021a, 7</xref>) bildet eine Form der Zugeh&#246;rigkeit aus, die gerade die Differenz, das Auseinanderklaffen, das Konfliktive betont &#8211; auch um essentialisierend-biologistischen oder nationalistischen Vorstellungen einer Gruppenzugeh&#246;rigkeit entgegenzutreten. Wie schon Demokratie in den Ans&#228;tzen der radikalen Demokratietheorie mehr als nur eine Regierungsform darstellt, so ist auch Solidarit&#228;t mehr als nur die (instrumentelle) Verfolgung eines gemeinsamen Ziels.</p>
</sec>
<sec>
<title>5. Das Scheitern der Solidarit&#228;t: Kritiken des Humanit&#228;ren</title>
<p>Das Scheitern der Solidarit&#228;t ist in einem normativen Sinne nicht als problematisch zu erachten. Vielmehr wird in ihm die Un-M&#246;glichkeit des Solidarischen wahrnehmbar. Scheitern in Solidarit&#228;t, in Solidarit&#228;t scheitern, verdeutlicht, wie viel Arbeit, wie viel Sorge- und Reproduktionsarbeit, in solidarischen Allianzen steckt. Das Scheitern hat eine weitere, demokratisierende Dimension: Solidarit&#228;t in Differenz praktiziert sie vom Anderen her. Sie ist Teil einer demokratisierenden Kritik, die nicht zu sich selbst kommt. Wie eine Untote und Wiederg&#228;ngerin bleibt un-m&#246;gliche Solidarit&#228;t im Kommen: <italic>ge-teilt</italic>. Sie ist weder totalit&#228;r, identit&#228;r noch hermetisch.</p>
<p>Dieses Unverm&#246;gen, Solidarit&#228;t zu festigen, verhandeln Schwarze Queer_Feminismen im Begriff des Fl&#252;chtigen (so z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Bey 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">von Gleich 2022</xref>). Mit ihm kritisieren sie unter anderem die Kolonialit&#228;t des europ&#228;ischen Grenzregimes, welches, auch historisch, Wei&#223;sein und Menschsein unentwirrbar verbindet (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022</xref>). Hier geraten radikale Demokratietheorien schnell an ihre Grenzen. Sie thematisieren zwar Diskriminierung und Ungleichheit aufgrund von <strike><xsl:text>Rasse</xsl:text></strike><xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref>, Geschlecht und Klasse, letztlich bleiben diese Verweise auf einer illustrativen Ebene stecken. Die spezifischen Logiken, die in rassifizierten, klassistischen und (ethno- und hetero-)sexistischen Ressentiments operieren, bleiben marginal problematisiert und untertheoretisiert. Daher erg&#228;nze ich radikaldemokratietheoretische Perspektiven um Schwarze Feminismen und postkoloniale Ans&#228;tze, um eine un-m&#246;gliche Solidarit&#228;t im Sinne einer intersektionalen Erweiterung weiter auszuarbeiten. So betont Emejulu im Anschluss an die Arbeiten von bell hooks (<xref ref-type="bibr" rid="B36">1986</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B37">2000</xref>), dass Feminismus konfliktiv operiert &#8211; eines der wichtigsten Motive der radikalen Demokratietheorie. In der Annahme, die hierarchischen Ordnungen des Status Quo aufzubrechen, treten zun&#228;chst vor allem &#034;strife, discord and uncertainty&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 62</xref>) hervor. Auch teilt Emejulu mit radikalen Demokratietheorien, dass die, mit Jacques Ranci&#232;re (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2002</xref>) gesprochen, polizeiliche Ordnung nicht in einem revolution&#228;ren Akt aufgehoben wird. Vielmehr wird in den K&#228;mpfen der Anderen diese Ordnung zun&#228;chst sichtbar. Doch Emejulu &#8211; wieder in Bezug auf hooks &#8211; geht &#252;ber radikale Demokratietheorie hinaus und diskutiert die Un-M&#246;glichkeit intersektionaler Allianzen der Solidarit&#228;t. Eine Schwarze feministische Politik benennt und versteht die &#034;intersektionale Unterdr&#252;ckung durch Rasse, Klasse, Geschlecht, Sexualit&#228;t und Be_hinderung und bringt somit verschiedenen Personen/-gruppen zusammen, um f&#252;r die Befreiung <italic>aller</italic> zu k&#228;mpfen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 63</xref>; &#220;bersetzung und Hervorhebung MG).</p>
<p>Emejulu zeigt die Wegmarken einer solidarischen Praxis auf &#8211; und verweist zugleich auf ihre Un-M&#246;glichkeit. Diese Un-M&#246;glichkeit ist durch die radikale Unterscheidung zwischen dem Mensch und dem Anderen grundiert, die Emejulu f&#252;r rassifiziert-rassistische Ordnungen aufzeigt: &#034;Black people are not human, and what&#39;s more, there is an <italic>impossibility</italic> for us to be human.&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 3</xref>; Hervorhebung MG) W&#228;hrend poststrukturalistisch-queer_theoretische Ans&#228;tze, wie z.B. Butlers, aufzeigen, wie alterisierte Personengruppen dehumanisiert werden, um eine letale Hierarchie des Sozialen zu stabilisieren, zeigt Emejulu auf, dass Schwarze Personen nie als Menschen galten. Der Komplex Menschheit-Menschlichkeit-Menschsein ist unentrinnbar mit Wei&#223;sein verkn&#252;pft: &#034;I believe that the human is a construction of whiteness and any discussion about Black inferiority is a product of the futile struggle to be recognised as human.&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 23</xref>) In Emejulus Betonung des Vergeblichen hallt auch das Un-M&#246;gliche wider. Sie radikalisiert damit Butlers Kritik an der liberalen Kategorie des Humanit&#228;ren als die gro&#223;e Gleichmacherin. Butlers Arbeiten zu rassifizierten Logiken bieten jedoch ein Einfallstor f&#252;r weitere &#220;berlegungen zur Un-M&#246;glichkeit von Solidarit&#228;t (Kelz 2015) und k&#246;nnen an Emejulus Ausf&#252;hrungen angen&#228;hert werden. So weist auch Butler (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2009, 58</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">2004 30f.</xref>) die M&#246;glichkeit einer humanistisch-humanit&#228;ren &#196;hnlichkeit zur&#252;ck:</p>
<disp-quote>
<p>&#034;Those we kill are not quite human, and not quite alive, which means that we do not feel the same horror and outrage over the loss of their lives as we do over the loss of those lives that bear national or religious <italic>similarity</italic> to our own.&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Butler 2009, 42</xref>; Hervorhebungen MG)</p>
</disp-quote>
<p>Hier zeigt Butler deutlich auf, wie &#196;hnlichkeitsannahmen das Andere nicht nur dehumanisieren, sondern es jenseits jedweder Humanisierung verorten. Doch zugleich, und dies ist das hoffnungsvolle Moment des Butlerschen Denkens, bleiben Selbst und Anderer verstrickt &#8211; und damit auch aufeinander angewiesen. Butler betont eine radikale, obschon nicht gleiche und machtfreie, Relationalit&#228;t auf sozialontologischer Ebene: Humanisierte, dehumanisierte und nicht-humanisierte Lebewesen <italic>teilen</italic> ein <italic>Prek&#228;rsein</italic>, das sie dem Anderen aussetzt (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Butler 2009, 42</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">2004, 24</xref>). In einer ethisch-politischen Wendung argumentiert Butler (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Butler und Athanasiou 2013, 107</xref>) nicht f&#252;r die Aufgabe des Begriffs des Human-Humanit&#228;ren, sondern f&#252;r eine Dekonstruktion seiner rassistischen, sexistischen, vergeschlechtlichen, klassistischen, ableistischen und kulturalisiert-religi&#246;sen Sedimente. Das Dem-Anderen-Ausgesetztsein haben wir gemein. Wir teilen es, aber es teilt uns auch. Denn die soziale Realit&#228;t produziert eine todbringende soziale Hierarchie der <italic>Prekarit&#228;t</italic>.</p>
<p>In der Genese sozialer Prekarit&#228;t identifiziert Butler insbesondere diskursive Strategien, die Prekarit&#228;t nicht nur abbilden, sondern hervorbringen und stabilisieren. Betrachten wir den Diskurs zu ziviler Seenotrettung, f&#228;llt eine Sprache des Humanit&#228;ren auf, die in zweifacher Weise Solidarit&#228;t erzeugen soll: Erstens, im &#8211; oftmals auch christlich konnotierten &#8211; Verweis auf geteilte Menschlichkeit wird das Sterbenlassen im Mittelmeer auf einer humanit&#228;r-moralischen Ebene moniert (<xref ref-type="bibr" rid="B64">Vehrkamp und Gebhardt 2023</xref>). Das Retten wird zur &#034;Christenpflicht&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B50">Sea-Eye 2019</xref>) oder zu einem moralischen Imperativ <italic>wei&#223;er</italic> Personen. Im humanit&#228;ren Imperativ des Rettens geht jedoch politische Verantwortung verloren: Die konkreten politischen Entscheidungen, von der historischen Kolonialisierung des Globalen S&#252;dens bis zur selektiven Migrations- und Asylpolitik Europas, verschwinden hinter einem Schleier des Humanit&#228;ren. Das Sterben erscheint wie eine Trag&#246;die, ein Schicksalsschlag oder eine naturgewaltige Katastrophe, f&#252;r die niemand &#39;etwas kann&#39; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Athanasiou 2017</xref>). Dass die B&#252;rger*innen und Politiker*innen Europas jedoch Entscheidungen getroffen haben und immer wieder neu treffen, die das Sterben im Mittelmeer zulassen oder es angesichts der fehlenden &#196;hnlichkeit der Anderen, die im Mittelmeer ertrinken, fahrl&#228;ssig in Kauf nehmen, ger&#228;t in den Hintergrund: Ihr Sterben erzeugt, Butlers Zitat von gerade aufnehmend, weniger Horror und (moralische) Emp&#246;rung.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus stehen im Mittelpunkt der Erz&#228;hlungen &#252;ber die Held*innen der Rettungsmissionen im Mittelmeer vor allem <italic>wei&#223;e</italic> Personen im Vordergrund, die im Mittelmeer &#39;europ&#228;ische Werte&#39;, wie die vermeintlich unantastbare W&#252;rde des Menschen, aufrechterhalten &#8211; wieder eine normative Annahme, wieder eine De-Politisierung, wieder nur der Blick auf <italic>wei&#223;e</italic> Retter*innen (<xref ref-type="bibr" rid="B23">Ehrmann 2019</xref>; vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Sea-Eye 2019</xref>). Aus einer postkolonialen Perspektive werden Diskurse, die zivile Seenotretter*innen uneingeschr&#228;nkt heroisieren, problematisiert. Sie reproduzierten koloniale Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse und tr&#252;gen damit zur Erz&#228;hlung des des <italic>white saviorism</italic> bei (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Dhawan 2015</xref><xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref>). Diese komplexe Konstellation, die sich u.a. aus der spannungsreichen Geschichte des Mittelmeerraumes ergibt (<xref ref-type="bibr" rid="B48">Proglio 2018</xref>), wird in aktivistischen R&#228;umen der ZSNR inzwischen ebenso reflektiert wie die Reproduktion kolonialer und rassistischer Tropen durch <italic>wei&#223;e</italic> Aktivist*innen. So w&#228;chst das Bewusstsein f&#252;r die Verstrickung in die &#034;Kolonialit&#228;t der [&#8230;] Demokratie&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B39">Kerner 2021</xref>) und die eigene privilegierte Position. So veranstaltete die Seebr&#252;cke Berlin, zusammen mit SOS M&#233;diterran&#233;e und Sea-Eye, am 19.8.2021 unter dem Schlagwort <italic>Solidarity is Not Enough!</italic> eine Informationsveranstaltung zu &#034;White Saviorism in Sea Rescue Activism&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B55">Seebr&#252;cke 2021</xref>); die Seebr&#252;cke Schweiz organisierte am 11.3.2023 einen &#034;Critical Whiteness Workshop&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B56">Seebr&#252;cke 2023</xref>). Mittels einer postkolonialen Kritik ger&#228;t also weniger die Praxis der ZSNR in den Blick als deren Diskurs, &#252;ber den Eurozentrismus, Kolonialismus und <italic>wei&#223;er</italic> Paternalismus reproduziert werden.</p>
<p>Doch kann die Verantwortung, koloniale Kontinuit&#228;ten zu unterwandern, nicht auf einzelne Aktivist*innen oder NGOs geschoben werden. Vielmehr m&#252;ssen sich die <italic>wei&#223;en</italic> Mehrheitsgesellschaften Europas fragen, ob zivile Seenotretter*innen nur dann Anerkennung und Unterst&#252;tzung erlangt, wenn sie innerhalb des &#034;humanitarian space&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B62">Vandevoordt und Fleischmann 2021</xref>) agieren und sprechen. Versuche, die <italic>politische</italic> Dimension der ZSNR zu betonen und jenseits moralischer Kategorien und des internationalen Rechts zu lokalisieren, deuten jedoch darauf hin, dass das Vokabular und die Motivik des Humanit&#228;ren das Sag- und Darstellbarkeitsfeld bilden, in dem Aktivist*innen der ZSNR in den Mehrheitsgesellschaften (am besten) Geh&#246;r finden. Wenn sie wiederum in politisierendem Vokabular &#252;ber ihr Tun sprechen, sehen sie sich oft mit ablehnenden Reaktionen konfrontiert.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> So wird die politische Dimension der ZSNR diskursiv verdeckt &#8211; oft aus strategischen Motiven (<xref ref-type="bibr" rid="B52">Schwiertz/Steinhilper 2020</xref>) &#8211;, um entweder m&#246;glichst breite Bev&#246;lkerungsschichten anzusprechen oder, angesichts massiver Kriminalisierung, aus Selbstschutz. Damit schwindet jedoch das radikaldemokratische Potential der ZSNR und Solidarit&#228;t reduziert sich auf eine F&#252;rsorge f&#252;r den leidenden Anderen.</p>
</sec>
<sec>
<title>6. Solidarit&#228;t als negative Praxis: Die Grenzen der Solidarisierbarkeit</title>
<p>Im Anschluss an die Kritik des Human-Humanit&#228;ren ist die Solidarisierbarkeit der Anderen eine zentrale solidarit&#228;tstheoretische Frage: Solidarisierbar werden die Andere nur, wenn ihre Alterit&#228;t kein un&#252;berwindbares Hindernis f&#252;r solidarische Allianzen darstellt &#8211; und als solches konstruiert wird &#8211;, sondern zur Grundbedingung des Solidarischen avanciert. Solidarit&#228;t &#034;beruht also auf Differenzen&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Susemichel und Kastner 2021, 15</xref>) und ist eine negative Praxis, die Akte der Verweigerung und des Widerstands kennzeichnen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 62</xref>). So schreibt <xref ref-type="bibr" rid="B9">Marquis Bey (2019, 55</xref>; Hervorhebungen MG) im Sinne einer intersektionalen und koalition&#228;ren Politik des Solidarischen, dass Solidarit&#228;t zun&#228;chst Verweigerung sei: &#034;coalitional refusal [&#8230;] does not <italic>straighten</italic>, does not entangle, and does not cohere [&#8230;].&#034; Die neuen Allianzen verweigern sich nicht nur den Postulaten der Alternativlosigkeit, sondern praktizieren andere Formen des <italic>Ge-Teilten</italic>. Als negative Praxis imaginiert diese solidarische Praxis radikale Alternativen und demokratischere Zuk&#252;nfte. In ihrem Nein desorientieren und queeren solidarische Allianzen den Status Quo (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Ahmed 2006</xref>), sie fabulieren andere Geschichten und Gegen-Narrative (<xref ref-type="bibr" rid="B33">Hartman 2008</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 50</xref>) und hinterfragen die patriarchale Ordnung (<xref ref-type="bibr" rid="B35">Honig 2021</xref>). So verbinden und verbreiten sich die multiplen solidarischen Allianzen als Vielfalt partialer, verortbarer und kritischer Wissensbest&#228;nde in &#034;horizontalen Netzwerken&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B31">Hark und Villa 2018, 26</xref>).</p>
<p>Wenn wir mit diesen Kriterien der Verweigerung &#8211; Desorientierung, Gegen-Narration und Kritik der hegemonialen Ordnung &#8211; in die Empirie der zivilen Seenotrettung blicken, ist diese dann als eine solidarische Praxis zu verstehen? Wenn die Crew des vom Streetart-K&#252;nstlers Banksy finanzierten Rettungsschiffs <italic>Louise Michel</italic>, benannt nach der franz&#246;sischen Tierrechtsaktivistin, Feministin, Anarchistin und Kommunardin, ZSNR im Englischen von &#034;Search and Rescue&#034; in &#034;Solidarity and Resistance&#034; umdeuten (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Banksy.blog. 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B53">Sea-Watch 2022</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B42">Louise Michel o.D.</xref>), dann beobachten wir eine diskursive Politisierung der Praktiken der Solidarit&#228;t und des Widerstandes. &#034;Rescue&#034; und &#034;Resistance&#034; gleiten metonymisch (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Ahmed 2004, 119</xref>). Die Webpage der <italic>Louise Michel</italic> hebt den politischen Charakter von Rettung &#034;an Europas t&#246;dlicher Seegrenze&#034; ebenso explizit hervor wie eine intersektionale Perspektive. Die Seenotretter*innen m&#246;chten</p>
<disp-quote>
<p>&#034;darauf aufmerksam machen, dass sich verschiedene Formen von Unterdr&#252;ckungen und Ungerechtigkeiten ineinander verschr&#228;nken. Rassistische Grenzpolitik, sexistische Strukturen und eine kapitalistische Verwertungslogik k&#246;nnen nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Wir m&#252;ssen diese K&#228;mpfe b&#252;ndeln und auf allen Ebenen Widerstand leisten! Deswegen stehen wir solidarisch an der Seite von allen Bewegungen weltweit, die ebenfalls f&#252;r diese &#220;berzeugung einstehen: F&#252;r eine Welt ohne Patriarchat, ohne kapitalistische Zw&#228;nge und mit uneingeschr&#228;nkter Bewegungsfreiheit f&#252;r alle!&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B42">Louise Michel o.D.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Von einigen Akteur*innen der ZSNR, so wie hier von Sea-Watch und der Crew der <italic>Louise Michel</italic>, wird das Retten als politische Solidarit&#228;tspraxis verstanden (<xref ref-type="bibr" rid="B59">Stierl 2023</xref>). Sie desorientieren Solidarit&#228;t, da sie unbekannte, &#39;nicht-wei&#223;e&#39;, ja tote Leben retten. Sie lassen in ihren medialen Darstellungen die Anderen erz&#228;hlen oder &#8211; falls das eigene Geschichtenerz&#228;hlen nicht (mehr) m&#246;glich ist &#8211; sie fabulieren eine Geschichte &#252;ber die Anderen, um sie sichtbar, h&#246;rbar, ja greifbar zu machen; und sie hinterfragen den Status Quo in verschiedener Hinsicht: Sie negieren die repressive <italic>push back</italic>-Policy an den EU-Au&#223;engrenzen, sie hinterfragen die aktuellen nationalen und supranationalen Gesetzgebungen und sie prangern die kolonialen Kontinuit&#228;ten an, die im europ&#228;ischen Grenz- und Migrationsregime widerhallen.</p>
<p>Der Verweis auf das Humanit&#228;re reicht den Aktivist*innen nicht aus, womit sie die Kritik von Emejulu und Butler am Begriff des Menschlichen aufgreifen. In der Darstellung ihres Aktivismus verweisen sie darauf, dass das Ertrinken von Personen im Mittelmeer das Resultat von konkreten Entscheidungen von Regierungen ist. Es ist &#034;Made in Europe&#034; wie dies Sea-Watch (<xref ref-type="bibr" rid="B54">o.D.</xref>) in der Kampagne &#034;erTrinkwasser&#034; von 2022 deutlich macht: Das Mittelmeer ist das &#034;Wasser, das Menscheleben kostet.&#034; Das Ertrinken ist also Folge konkreten Regierungs(nicht-)handelns: &#034;Die Todesursachen: Keine staatliche Seenotrettung und ein Europa, das sich immer mehr abschottet.&#034;, so fasst Sea-Watch zusammen. Das Ertrinken stellt nicht nur ein &#034;Scheitern der Humanit&#228;t&#034;, sondern auch der &#034;Solidarit&#228;t&#034; dar: Solidarit&#228;t ist eben nicht genug (<xref ref-type="bibr" rid="B55">Seebr&#252;cke 2021</xref>). Dar&#252;ber hinaus stellen die Aktivist*innen der <italic>Louise Michel</italic> auch Verbindungen zu anderen K&#228;mpfen her: gegen Rassismus, Kapitalismus und (Neo-)Kolonialismus und f&#252;r Klimagerechtigkeit.</p>
<p>Im Zitat wird dar&#252;ber hinaus deutlich, dass sich ZSNR auch als eine politische Bewegung verstehen kann, die Widerstand gegen Politiken des Ertrinkenlassens leistet. Erst wenn Solidarit&#228;t als widerst&#228;ndig, als eine Praxis der Differenz, als un-m&#246;glich markiert wird, kann Solidarit&#228;t als eine politische Praxis ausgewiesen werden, die Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse radikal in Frage stellt. Denn w&#228;hrend ein moralisierender Solidarismus (<xref ref-type="bibr" rid="B11">Bourgeois 2020 [1896]</xref>) auf die Gleichheit (der solidarischen M&#228;nnerb&#252;nde, der menschlichen Wesen mit W&#252;rde) rekurriert, verweisen politisierende Praxen des Solidarischen in Differenz auf zweifache Weise auf <italic>Geteiltheit/Teilung</italic>: Erstens auf eine soziale Realit&#228;t der Ungleichheit. In ihr k&#246;nnen Solidarit&#228;tspraktiken zu einem Werkzeug der Herrschafts- und Machtkritik werden, wenn auf die Bedingungen dieser Ungleichheit &#8211; wie z.B. Rassismus &#8211; verwiesen wird. Zweitens weiten politisierende Praktiken der Solidarit&#228;t die Grenzen der Solidarisierbarkeit aus. In der Teilung verweisen sie auf das Geteilte. Diese Teilung des Geteilten macht Solidarit&#228;t unter den differenten Vielen m&#246;glich, die im Kampf gegen Rassismus, das Patriarchat oder sozio&#246;konomische Ungleichheit ein &#034;neues Gemeinsames&#034; stiften, das sie versammelt und teilt: Es ist &#034;Solidarit&#228;t ohne Identit&#228;t&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">Hark et al. 2015, 101 und 99</xref>). Ihre Anteillosigkeit wird ebenso sichtbar wie die differentielle Distribution dieser Auf-Teilung (<xref ref-type="bibr" rid="B49">Ranci&#232;re 2002, 99-111</xref>). Damit wird auch deutlich, dass dieses solidarische Wir nicht von einer gemeinsamen Position aus agiert, spricht und protestiert. Vielmehr bildet sich das Nicht-Wir als eine multipositionale Kakophonie, die nicht immer harmonisch gestimmt und nicht in gleicher Weise von Ungleichheit betroffen ist.</p>
<p>An dieser Stelle erg&#228;nzen queer_feministische und Schwarze Perspektiven Ans&#228;tze der radikalen Demokratietheorie. Alle drei machen die Logiken des Ausschlusses sicht- und sagbar. Doch gehen queer_feministische &#220;berlegungen und Schwarze Feminismen von der Realit&#228;t sozialer Ungleichheit aus und benennen die abstrakt theoretisierten Ausschl&#252;sse in ihrer Allt&#228;glichkeit und Normalisierung. Sie insistieren damit auch auf die Notwendigkeit einer steten Vertiefung der Demokratie im Namen der Demokratisierung &#8211; und im Angesicht der Anderen. Diese Demokratisierung der Demokratie wird dabei nicht von der Suche nach Stabilit&#228;t und Sicherheit vorangetrieben, sondern in <italic>fl&#252;chtigen</italic> Momenten der Verunsicherung praktiziert und verk&#246;rpert. Demokratisierung destabilisiert Normalit&#228;t. Diesen Gedanken teilen die vorgestellten Theorieperspektiven, wenngleich insbesondere Schwarze Ans&#228;tze eine Theorie des Fl&#252;chtigen vorlegen (<xref ref-type="bibr" rid="B29">von Gleich 2022</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Dabei ist die Theoretisierung selbst von Verunsicherung und Instabilit&#228;t gekennzeichnet &#8211; sie ist eine &#034;wilde These&#034; und ein &#034;paradoxales Experiment&#034; &#8211;, da sie eine &#034;por&#246;se, wechselhafte und instabile Identit&#228;t&#034; in ihren Mittelpunkt stellt: die Fl&#252;chtenden, die Fl&#252;chtigen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 9</xref>, &#220;bersetzung MG). Von ihr aus gefragt &#228;ndern sich die Praxen der Solidarit&#228;t grundlegend:</p>
<disp-quote>
<p>&#034;What would it look like to generate relations of care and solidarity with those Others outside the category of human? For instance, what gets exposed about the inhumanity of Europe&#39;s borders when we consider placing the interests and needs of <italic>the fugitive</italic> &#8211; the migrant, the refugee, at the centre of our caring and <italic>solidaristic politics</italic>?&#034; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Emejulu 2022, 9</xref>; Hervorhebungen MG)</p>
</disp-quote>
<p>Schwarze und postkoloniale Perspektiven zeigen die <italic>wei&#223;en</italic> Flecken der radikalen Demokratie- und feministischen Theorie auf: Indem die Gleichheitsversprechen, Freiheitserz&#228;hlungen und Solidarit&#228;tsbekundungen der liberalen (Post-)Demokratie in ihrer Kolonialit&#228;t (<xref ref-type="bibr" rid="B22">Ehrmann 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B39">Kerner 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B47">Picozza 2021</xref>) dekonstruiert werden, kann eine Solidarit&#228;t zwischen Differenten m&#246;glich werden &#8211; und bleibt doch auf ihre Unm&#246;glichkeit verwiesen. Auf die ZSNR bezogen, hei&#223;t dies: Auch wenn die vorwiegend <italic>wei&#223;en</italic> Crew-Mitglieder und Aktivist*innen der ZSNR die kolonialen Kontinuit&#228;ten benennen, bleiben auch sie tief eingewoben in die Kolonialit&#228;t des europ&#228;ischen Grenzregimes. Diese Kolonialit&#228;t existiert nicht nur an den &#39;R&#228;ndern&#39; Europas, sondern ihre Logik und Mechanismen wirken tief ins Innere der europ&#228;ischen Demokratien. Kolonialit&#228;t &#8211; in der unentwirrbaren Verkn&#252;pfung mit Kapitalismus, Rassismus und dem Patriarchat &#8211; stellt nicht das Gegenteil der (liberal-)demokratischen Systeme dar. Sie ist ihre Kehrseite: nicht von ihr zu trennen, unentwirrbar. Achille Mbembe (<xref ref-type="bibr" rid="B44">2019, 15&#8211;27</xref>) beschreibt diese Seite als dunkel. Doch die Dunkelheit verweist nicht nur auf die passiv-passivierende Opazit&#228;t der Demokratie, sondern auch auf deren nachtaktive Seite (<xref ref-type="bibr" rid="B44">&#034;nocturnal&#034;, Mbembe 2019, 15</xref>). Sie ist der Raum, in dem Subjekte fl&#252;chtig werden. Denn <italic>nocturnal</italic> rekurriert nicht nur auf die n&#228;chtliche Dunkelheit, in der wir zur Ruhe kommen. Vielmehr bringt die opake Aktivit&#228;t der Nacht auch die Widerstandsk&#228;mpfe unterdr&#252;ckter rassifizierte Subjekte hervor, die im Schatten der Demokratie die Demokratie demokratisieren, wenngleich vielleicht &#39;nur&#39; f&#252;r einen fl&#252;chtigen Moment.</p>
</sec>
<sec>
<title>7. Fazit: Die Solidarisierbarkeit der Anderen</title>
<p>Demokratie ist f&#252;r Derrida ein Projekt, das die Konturen der Demokratie im Hinblick auf ihre Zukunft hin skizziert &#8211; ohne die Gespenster der Vergangenheit und ihr Nachwirken in Gegenwart und Zukunft zu ignorieren. Er schreibt, dass &#034;der Ausdruck &#39;kommende Demokratie&#39; [nach einer] k&#228;mpferische[n] und schrankenlose[n] politischen Kritik&#034; verlangt (Derrida 2019, 123). In diesem Sinne praktizieren die Aktivist*innen der ZSNR Solidarit&#228;t, die ich als un-m&#246;glich beschrieben habe: Denn sie streiten um die Demokratisierung der Demokratie, um zu verdeutlichen, dass Solidarit&#228;t an unm&#246;glichen Orten hergestellt werden kann; dass sie, jenseits von parlamentarischer oder direkter Demokratie, der Demokratie als Praxis der Kritik einen Raum er&#246;ffnet. In dieser Er&#246;ffnung ist es der radikal Andere, dem ich ausgeliefert bin und dem ich mich ausliefere. Nur er deportiert mich in den Raum der un-m&#246;glichen Solidarit&#228;t. Das Un-M&#246;gliche interveniert damit auf eine demokratisierende Weise in den postdemokratischen Zustand der liberalen Demokratie. Eine un-m&#246;gliche Solidarit&#228;t h&#228;lt die Demokratie im Kommen: setzt sich dem Anderen aus. Sie changiert zwischen einer radikaldemokratischen Bewegung der kommenden Demokratie und der kolonialen Kontinuit&#228;t des mediterranen Grenzregimes.</p>
<p>In den hier erfolgten kritischen Ann&#228;herungen habe ich diese Verbindung zwischen Demokratisierung und Solidarisierbarkeit aufgezeigt und u.a. im Hinblick auf Politiken des Trauerns durchgespielt. Die Dekonstruktion der Solidarit&#228;t fordert deren Annahmen von (br&#252;derlicher) N&#228;he heraus. Sie fragt nach einer M&#246;glichkeit von Solidarit&#228;t im Angesicht der Anderen. Die demokratisierende Verbindung zwischen Solidarit&#228;t und Trauern war ein Beispiel un-m&#246;glicher Solidarit&#228;t, die in Bezug auf die Praxis der ZSNR eine hervorgehobene Bedeutung spielt; und zwar aus zwei Gr&#252;nden: Sie unterl&#228;uft, erstens, die autorit&#228;re, nationalistische, familialistische Perspektive, in der ein Wir nur um diejenigen trauert, nur mit denjenigen solidarisch sein kann, die ihm nah und &#228;hnlich sind. Sie verl&#228;sst damit, zweitens, ihren angestammten Platz, indem sie um anonyme Tote im Mittelmeer trauert. Zivile Seenotrettung bleibt nicht dort, wo sie hingeh&#246;rt. Sie f&#228;hrt hinaus und hat dort auf eine seltsame Weise einen Platz. Und doch bleibt sie un-m&#246;glich. Denn wenn die europ&#228;ische Demokratie ihren politischen und humanit&#228;ren Anspr&#252;chen konsequent folgen w&#252;rde, w&#228;re ZSNR obsolet: Entweder es g&#228;be staatliche Strukturen der Seenotrettung, die das Mittelmeer von seiner Existenz als Todeszone sukzessive befreien w&#252;rden, oder, noch radikaler: die Bewegung von Menschen zwischen Staaten und Kontinenten w&#252;rde entkriminalisiert und damit (un-)m&#246;glich.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Das Watch the Med Alarm Phone Projekt ist ein selbstorganisierter Call-Center f&#252;r Gefl&#252;chtete in Seenot, das 2014 von Aktivist*innen in Europa und Nordafrika gegr&#252;ndet wurde. Das Alarm Phone gibt die Notrufe an die zust&#228;ndigen Beh&#246;rden und K&#252;stenwachen weiter. Es betreibt selbst keine Seenotrettung, ist aber ein wichtiger Kooperationspartner von (ziviler) Seenotrettung (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Alarm Phone o.D.</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Ich danke Sarah Spasiano f&#252;r diesen wichtigen Hinweis.</p></fn>
<fn id="n3"><p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://alarmphone.org/wp-content/uploads/2021/02/Commemoration-9-Februar-2020.pdf">https://alarmphone.org/wp-content/uploads/2021/02/Commemoration-9-Februar-2020.pdf</ext-link>.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Das empirische Material entnehme ich den kollaborativen Arbeiten der interdisziplin&#228;ren Forschungsgruppe ZivDem (&#034;Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie&#034;, Gerda Henkel Stiftung). Es basiert insbesondere auf beobachtender Teilnahme, Interviews und Gespr&#228;chen mit Aktivist*innen und einem diskursanalytischen Zugang.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Die Mission der C-Star war von administrativen und technischen Problemen sowie dem fehlenden nautischen Knowhow der IB gepr&#228;gt: So gab es unter den Identit&#228;ren nicht gen&#252;gend Personen, um die Schiffscrew zu stellen. Daher wurden sri-lankische Matrosen, die vorher bereits auf dem Schiff t&#228;tig waren, angeheuert. Das Boot wurde kurz nach seinem Aufbruch zun&#228;chst im Suez Kanal und dann noch einmal vor Zypern gestoppt, da einige der sri-lankischen Crewmitglieder &#252;ber keine g&#252;ltigen Visa verf&#252;gten und die Identit&#228;ren selbst der Beihilfe zu illegaler Migration beschuldigt wurden. Auch verweigerten H&#228;fen in Italien und Malta die Einfahrt der C-Star, da der schwedische Schiffseigner die Andockungsgeb&#252;hren nicht garantieren konnte. Zu einer genaueren Beschreibung von <italic>Defend Europe</italic> verweise ich auf Cusumano (2022, vor allem: 493f.) und <xref ref-type="bibr" rid="B46">Murdoch 2017</xref>.</p></fn>
<fn id="n6"><p>So gibt es, nach Aussagen von Aktivist*innen, keine fixierten rechtlichen Regelungen f&#252;r dem Umgang von Toten, die zivile Seenotretter*innen auf dem Mittelmeer bergen. Hier m&#252;ssen die Organisationen nicht nur ein technisches Verfahren, sondern auch eine ethische Praxis im Umgang mit den Toten finden; z.B. gibt es an Bord nur begrenzte K&#252;hlm&#246;glichkeiten, die f&#252;r Nahrungsmittel und Medikamente gebraucht werden. Eine g&#228;ngige Praxis der NGOs ist es daher, die Leichen mit Schwimmwesten zu versehen, damit sie nicht untergehen und von der verst&#228;ndigten K&#252;stenwache abgeholt werden k&#246;nnen &#8211; ohne, dass die NGOs sicher wissen k&#246;nnen, ob die Leichen abgeholt werden. Fischerboote, die ertrunkene Personen finden, bringen diese oft zum lokalen Friedhof, auf dem eine Fl&#228;che f&#252;r nicht-identifizierte Tote ausgewiesen ist (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Corso 2023</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Um Rassismus kritisieren und problematisieren zu k&#246;nnen, schreibe ich die ihm zugrundliegende Vorstellung einer Existenz von Rassen aus. Ich verzichte auf euphemistische Alternativen wie Ethnie oder Kultur. Mit dem Durchstreichen mache ich jedoch auf Ebene der Schriftsprache deutlich, dass es sich bei <strike><xsl:text>Rasse</xsl:text></strike> um eine diskursive Konstruktion handelt.</p></fn>
<fn id="n8"><p>Kritik an der zu einseitigen Perspektive Dhawans wird von <xref ref-type="bibr" rid="B61">Susemichel/Kastner 2021b, S. 43f</xref>. ge&#252;bt.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Dabei muss ich hier deutlich darauf verweisen, dass die Organisationen und Akteure der ZSNR keine homogene Gruppe sind und sehr unterschiedliche Politisierungsgrade aufweisen. Dies sieht man z.B. an einem Interview mit David Starke von SOS M&#233;diterran&#233;e und seinem Verweis auf politisierende Akteure wie Carola Rackete (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Breyton 2019</xref>). Auch w&#228;hrend des vom Ausw&#228;rtigen Amt organisierten eint&#228;gigen Roundtable Event &#034;Search and Rescue in the Central Mediterranean: Perspectives from Civil Society&#8221;, zu dem ich im Rahmen meiner T&#228;tigkeit in der Forschungsgruppe ZivDem eingeladen war, waren die heterogenen Positionen der verschiedenen NGOs pr&#228;sent.</p></fn>
<fn id="n10"><p>Die Theoretisierung der Fl&#252;chtigkeit r&#252;ckt radikaldemokratische, postkoloniale und Schwarze Theorie aneinander. Nicht nur Arendt, Ranci&#232;re und Mbembe verweisen auf die &#034;fl&#252;chtige Pr&#228;senz&#8221; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Gebhardt 2019</xref>) des Anderen. Vielmehr hat eine Schwarze feministische Theorie das Fl&#252;chtige zur zentralen Kategorie erhoben: Es wird zur sozialen Ontologie des rassifizierten und kolonialen Kapitalismus, die in den Infrastrukturen der zeitgen&#246;ssischen liberalen Demokratie widerhallt.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>F&#246;rderinformation</title>
<p>Der Beitrag entstand w&#228;hrend des Fellowships &#034;Krisen der Solidarit&#228;t&#034; am Forschungsschwerpunkt <italic>Interkulturelle Begegnungen &#8211; Interkulturelle Konflikte</italic> der Universit&#228;t Innsbruck im September 2022. Weiter ausgearbeitet habe ich ihn auf meinem Stipendium der Gerda Henkel Stiftung im Rahmen der Forschungsgruppe <italic>Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits und Demokratie</italic> (ZivDem).</p>
</sec>
<sec>
<title>Danksagung</title>
<p>Ich danke Michaela Bstieler und Sergej Seitz sowie dem Forschungsschwerpunkt <italic>Interkulturelle Begegnungen &#8211; Interkulturelle Konflikte</italic> der Universit&#228;t Innsbruck f&#252;r die M&#246;glichkeit, dieses Paper im Rahmen des Fellowships &#034;Krisen der Solidarit&#228;t&#034; auszuarbeiten. Meinen Co-Fellows, Thomas Telios und Sarah Teufel, sowie allen Teilnehmer*innen des Abschluss-Workshops &#8211; insbesondere Judith M&#246;llhoff, Matthias Flatscher und Anna Weithaler &#8211; danke ich f&#252;r das konstruktive Feedback. Mein Dank geb&#252;hrt auch meinen ZivDem-Kolleginnen Sarah Spasiano und Maria Ullrich f&#252;r die differenzierte Lekt&#252;re und die konkreten Hinweise zur Empirie des Beitrags. Au&#223;erdem danke ich den Diskussionsteilnehmenden am Forum Internationale Wissenschaft und an der Bremen International Graduate School of Social Sciences sowie den zwei anonymen Gutachter*innen f&#252;r ihre wertsch&#228;tzend vorgebrachte Kritik.</p>
</sec>
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<title>Literatur</title>
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